Wej de Oma vun ´nem Neejer e Kuss grejt hott.

Ufang Mai 1945

De Amis recken frejh äan Offenhausen äan, äan denn fränkischen Ort, woù en Heerd Famillien vun dahaam seit November 44 evakuiert äas. Wej de Panzer mäat hierem Gedröhne emmer neeher komm säan, zwää honnert Meter vier oaser Panzerspear ugehall un seich äan ´ner bräät Querreih offgestallt hun, dö hot eich de Nöös voll grejt, säan aus em Grööwen  offesprong und aus purer Angscht äan´d Dörref zereck gelaaf. Eich woar joo de Jengschten vun allen!

Un dej annern, säan bliff; hotten noch de Panzerfauscht off´m Bockel; awer käänen hot oofgedreckt. Dödefier hot de Paschtur schu gesorrischt, denn se jo all noch kötz devier noch konfirmiert hot. Loo, vierm Grööwen, dö hot henn seich bräätbäänisch, mäat ausgestreckten Äermen un ´nem weißen Dooch dezweschen vierunn hinnen offgestallt. Eich selwer hot ed nemmej gesejhn; awer Konrad hot ed mir häannerher verzellt: Dej Panzer säan stejhn bliff, bes zwejn Jabos äam Tiefflug zwäämoal iwer d´Dörref gefluuh säan…

Anfang Mai 1945

Die Amerikaner rücken früh in Offenhausen ein, in den fränkischen Ort, wo eine Herde Familien von daheim seit November 44 evakuiert ist. Als die Panzer mit ihrem Gedröhne immer näher kamen, zweihundert Meter vor unserer Panzersperre angehalten und sich in einer breiten Querreihe aufgestellt haben, da hatte ich die Nase voll, bin aus dem Graben aufgesprungen und aus purer Angst ins Dorf zurück gelaufen. Ich war ja der Jüngste von allen.

Und die andern, sind geblieben, hatten noch die Panzerfaust auf der Schulter; aber keiner drückte ab. Dafür hatte schon der Pastor gesorgt, der sie  ja noch vor Kurzem alle konfirmiert hatte. Dort vorm Graben, da hatte er sich breitbeinig, mit ausgestreckten Armen und einem weißen Tuch dazwischen vor ihnen aufgestellt. Hab´s selbst nicht mehr gesehen; aber Konrad hat´s hinterher erzählt: Die Panzer hielten an, blieben stehen, bis zwei Jabos im Tiefflug zweimal übers Dorf geflogen sind…

En Stonn speeder.

Eich leihen ewei mät meiner Mamm um Fenschter, wej se langsam awer mäat vill Modorekrach bes zoùm Dörrefplatz vierrecken, de feindlich Soldaten  uawendroff. Häanner  de Panzern kemmt dann en Reih grießerer Milidäarlaschtween un e poar ganz klääner Geländeween, all offen und voll besetzt. All hun säa en flott, fascht lässisch, grejnbraun Uniform, e sonnerbaren Stahlhelm, em Uschein nöö vill leichter als dej vun oasen Truppen, dej  schun seit e poar Dejen längscht iwer all Berje säan.

Dej amerikanisch Soldaten trejn och kään schwer Stiwweln un de Fejßen, nur sauwer  hejschgeschnallte Rejhmeschoùh, dej goat un sportlich aussejhn. Nö ´ner Vierdel Stonn zejhen de Panzer uawen dörch ed Dörref weider, e poar Geländeweehn häannerher. Rengserem äan den Heisern leihen wei all äan de Fenschtern. Äanen vun denne kläänen Geländeween, (speeder hummir erfoahr, dat de Amis se „Jepps“ nennen), brengt de Jongen vun der Panzerspear. Sei missen seich häanner dem gruußen dreiachsijen Laschtwoahn der Reih nö offstellen.

Dir gääht ed wej e Bletz dörrich de Kopp:

„Sei wellen se doch net emlehen?“

Eine Stunde später.

Ich liege mit Mutter am Fenster, beobachte, wie sie im Schritt aber mit Maschinengetöse auf den Dorfplatz vorrücken, die feindlichen Soldaten obendrauf. Hinter den Panzern folgt dann eine Reihe größerer Militärlastwägen und ein paar ganz kleine Geländewägen, alle offen und voll besetzt. Alle haben sie eine flotte, fast lässige, grünlich braune Uniform, einen sonderbaren Stahlhelm, dem Anschein nach viel leichter als die unserer Truppen, die schon seit ein paar Tagen längst über alle Berge sind.

Die amerikanischen Soldaten tragen auch keine schweren Stiefel an den Füßen wie die unseren, nur tolle hochgeschnallte Riehmenschuhe, die gut und sportlich aussehen. Nach einer Viertelstunde ziehen die Panzer  oben durchs Dorf wieder weiter, ein paar Geländewägen hinterher. Rundherum in den Häusern liegen jetzt alle an den Fenstern. Einer der kleinen Geländewagen, (später haben wir erfahren, dass die Amis sie „Jeeps“ nennen), bringt die Jungs von der Panzersperre. Sie müssen sich hinter dem großen dreiachsigen Lastwagen der Reihe nach aufstellen.

Dir geht es wie ein Blitz durch den Kopf:

„Sie werden sie doch nicht umlegen?“

Den Ortsgruppenleiter stääht och denewen. Während de Jongen noch hier HJ-Uniform unhunn, hätt henn en bleuen Ärwetskiddel iwergezuuh; awer drenner seiht ma noch de braun Box. De Paschtur gefft mäamt ´nem zwääten Woan gebrööht. E gruuße Amerikaner, ohne Helm, mäat ´ner Schärmkapp, en Offizier alsoù, dä gääht wei de Reih oof, beckt sich, leeht jedem de Hand off de Scheller un schwätzt jeden vun de Jongen persönlich un. Dönööh schwätzt henn noch e besselchi länger mäat  em Paschtur un lesst dann de Jongen laafen. Dej Geländeweehn, dej de Panzern gefollischt woaren, kommen vun uawen nommal zereck.Dei Mamm well deich zereckhaalen; awer wei lääfscht dau riwer. Dej Soldaten vun oasem Feind gäan seich lässisch und freindlich, verdäählen un de Käanner klään Reppcher Schoklad un en kläänen, äan Selwerpabeier  äageweckelten Gummistreifen, denn ma kauen kann un nö Päaffermenz schmackt… Der Ortsgruppenleiter steht auch dabei. Während die Jungen noch ihre HJ-Uniform anhaben, hat er einen blauen Arbeitskittel übergezogen; aber darunter sieht man noch die braune Hose. Der Pfarrer wird mit einem zweiten Wagen gebracht. Ein großer Amerikaner ohne Helm, mit Schirmmütze, ein Offizier also, geht die Reihe ab, bückt sich, legt jedem die Hand auf die Schulter und spricht jeden von den Jungen persönlich an. Danach spricht er noch etwas länger mit dem Pastor und lässt die Jungen laufen. Die Geländewagen, die den Panzern gefolgt waren, kommen von oben wieder zurück. Deine Mutter will dich zurückhalten; aber du läufst rüber. Die feindlichen Soldaten geben sich lässig und freundlich, verteilen kleine Rippchen Schokolade und einen kleinen, in Silberpapier eingewickelten Gummistreifen, den man kauen kann und der nach Pfefferminz schmeckt.

En Stonn speeder:

De Dier gääht off, un en hejchgewössenen Neejer stääht mäatten äan oasem kläänen Zäammer.

Woar ed schun en unbekannt Bild, erstaunt ze sejhn, wej off denne Panzern un offenen Geländeween, dej äand Dörref gereckt säan, newen denne Weißen och Neejer äan Uniform als Eroberer gesäaß hun, soù woar eich mäat der Oma un och mäat der Motter rischtisch erschrock, wej plötzlich äänen vun dennen äan seiner ganz  erhabenen Gestalt un seiner schwotz Hautfärref, dej äam Licht vum Zäammer geleucht hot, soù mir-nix-dir-nix, soù neegscht vier oas gestann hot un oas statt ´nem Mäaßer oder sugor ´nem Revolver en leer Hand entgejen gestreckt hot.                                                          Dat Bild, dat seich bes dööhin vun der Menschenrass loo äan meim Gedächtnis äageprägt hot, woar bestemmt vun demm, wat mir äan der Hiltlerjugend döriwer geliehrt hun, dat nämlich  gleich häanner de Judden de Neejer als Unmenschen ze gelten heeten.

Un sugoar äan oaser Kärrich, woù zwoar vun so ´ner Oart vun Offassungen net de Riad woar, dö hot emmer äan der Weihnachtszeit ganz äan der lenken Eck vor der Krepp, dej off´m Newenaldoar ausgebräät woar, en gruuß Sporbex gestann, mäat uawendroff ´nem klääne Mohr, denn automatisch mäat seim klääne schwotze Kopp geneckt hot, wemma e Pennig oder e Groschen äan de Münzschlitz gestooch hot.                       Oma äas noch mej erschrock wej mir und dreht seich äan hierem Krankebett remm, de Kopp zur Wand. Un dann passiert ebbes, dat man net glääwen well: Mir sejhn, wej dä schwotze Mann seich der Oma hierem Bett neehert, seich sacht zoù ihr ronner beckt, hier zärtlich iwwer dej hejchgestellt Scheller streichelt un mäat ´ner wärm Stäam seeht:

„Good morning Mam!“

Dö dreht sich de Oma Bäbb langsam nommoa off de Bockel zereck. Denn Neejer streckt hier de Hand entgeehnt un gefft hier e Kuß off de Backen.

© Rudolf Engel

Eine Stunde später:

Die Tür geht auf, und ein hoch aufgewachsener Neger steht mitten in unserm kleinen Zimmer.

War es schon ein unbekanntes Bild, erstaunt zu sehen, wie auf den ins Dorf einrückenden Panzern und offenen Geländewägen neben Weißen auch Neger in Uniform als Eroberer saßen, so war ich mit Oma und auch Mutter geradezu erschrocken, als plötzlich einer von ihnen in seiner ganzen erhabenen Gestalt und seiner im Zimmerlicht leuchtenden schwarzen Hautfarbe so mir-nix-dir-nix, so nahe vor uns stand und statt eines Messers oder gar Revolvers eine leere offene Hand sich uns entgegenstreckte.

Das Bild, das sich bisher von dieser Menschenrasse in mein knabenhaftes Gedächtnis eingeprägt hatte, war bestimmt von dem, was wir in der Hitlerjugend gelernt hatten, dass nämlich gleich hinter den Juden die Neger als Unmenschen zu gelten hatten.

Und sogar in unserer Kirche, wo zwar von solchen Auffassungen nicht die Rede war, stand immer in der Weihnachtszeit ganz in der linken Ecke der auf dem Nebenaltar ausgebreiteten Krippe eine große Spardose, obenauf ein kleiner Mohr, der automatisch mit seinem schwarzen Köpchen nickte, wenn man einen Pfennig oder einen Groschen in den Münzschlitz steckte.

Oma ist noch mehr erschrocken wie wir und dreht sich in ihrem Krankenbett um, mit dem Kopf zur Wand. Und dann geschieht etwas, das man nicht glauben will: Wir sehen, wie der schwarze Mann sich Omas Bett nähert, sich sachte zu ihr hinunter beugt, ihr zärtlich über die hochsgestreckte Schulter streichelt und mit wohliger Stimme sagt:

„Good morning, Mam!“

Da dreht sich Oma Bäbb langsam wieder in die Rückenlage zurück. Der Neger streckt ihr die Hand entgegen und gibt ihr einen Kuß auf die Wange.

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