Das Eismännchen

Moselfränkischer Sommer

Moselfränkischer Sommer

Früher hatte sich viel mehr vom Leben draußen abgespielt. Drinnen war man nur zum Essen, abends, um das Vieh zu füttern, die Kuh oder die Geiß zu melken, und nachts, wenn man von der Arbeit kaputt war, um zu schlafen. Das Mehr-draußen-als-drinnen, das gilt auch für uns Kinder. Wenn wir schnell mit den Aufgaben für die Schule fertig waren, dann mussten wir zuerst noch auf dem Hof, auf den Feldern oder im Wald etwas arbeiten. Und den Rest vom Tag, der dann noch blieb, den haben wir zumeist draußen verbracht, haben auf der Straße gespielt. Es hatte ja noch kaum Verkehr gegeben.Box moselfrä

A propos schaffen und spielen, da fällt mir die Sache von meinem Kusin Norbert ein. Als der noch so ein Stromert war und er eines Tages im Sommer nach Merzig ins Schwimmbad gehen wollte, da hatte seine Mutter zu ihm gesagt:

„Zuerst gehst du noch einen Sack Kiefernzapfen raffen!“

Anstatt in den Wald zu gehen, wo die ganze Zeit mit dem „Deppcher-Räafen“ drauf gegangen wäre, ist unser Norbert schnell in Onkel Johanns Schuppen gegangen, wo der Onkel ein gutes Dutzend Säcke voller Deppcher gelagert hatte. Dort hatte sich also der Junge bedient und konnte nun viel früher ins Schwimmbad gehen.

Zurück zum Leben auf der Straße:

Also, wir konnten damals auf den Straßen des Dorfes ausgiebig spielen. Ab und zu ist mal ein Kuh- oder Pferdegespann vorbei gekommen, hier und da ein Motorrad oder ein Fahrrad, noch kaum ein Auto. Das war vor dem Krieg drüben, auf der geteerten Provinzialstraße auch noch so. Als wir dann  ab 1935 im Zollhaus wohnten, da hatte auch ganz selten ein Auto vor unserm Haus gehalten. Das meiste, was zu uns heim zu transportieren war, das haben wir selber mit unserm Handwägelchen gefahren: die Kartoffeln aus Hontel, das Korn von der Dreschmaschine, die Äpfel und die Birnen vom Reisberg.

Nur die Kohlen, die sind bei uns mit dem Auto angeliefert worden, von einem französischen Camion. Der hatte einmal im Jahr die Deputatskohlen aus Merlebach gebracht, weil mein Vater ein paar Jahre in Petite Roselle in der Grube gearbeitet hatte. Wenn die lothringischen Kohlen dann nicht mehr übers Jahr ausgereicht hatten, dann haben wir noch den einen oder anderen Zentner mit dem Wägelchen bei unserm Nachbarn, dem Köllepittchin geholt.

Außer dem Auto mit den Deputatskohlen waren da noch zwei Gespanne, die übers Jahr regelmäßig bei uns angehalten hatten: De Jeepchin (Jakobchen) von Bachem mit seinem Hänger am Motorrad, der immer Mamas Bohnenkaffee von Diedenhofen, drüben im Lothringischen, mitbrachte, und schließlich das Eismännchen.

Wenn es im Sommer draußen auf der Straße schellte, dann sind wir Kinder schnell nach vorne gelaufen:

„Das Eismännchin ist da!“

Wenn er mit seinem kleinen Hänger hinter dem Fahrrad  mittags die Tour gedreht hatte: über die Provinzialstraße nach Bachem und dann über Jungenwäldchen und die Weiß Mark noch mal zurück, dann hatte er immer bei uns vor dem Zollhaus extra angehalten.

Mit dem Eismännchen ist ein Stück Modernität ins Dorf gekommen. Bis dahin hatte es da an Geschäften nur das Notwendigste gegeben: ein paar Wirtschaften, zwei Bäcker und zwei Metzger, zwei oder drei kleine Läden mit Lebensmitteln und Kolonialwaren. Man konnte auch bei Rasiererfränz eine Haarbürste, ein Päckchen Rasierklingen und ein Stück Seife kaufen; aber eine richtige Drogerie war das noch nicht. Einen Eissalon, so etwas hatte es zu unserer Zeit nur in Merzig gegeben, einen oben gegenüber vom Regler und der andere unten neben dem Edenkino. Und eine Portion Eis für uns Kinder, das hatte es auch nur in Merzig gegeben, und das nur ganz selten, wenn man ganz brav war, zum Beispiel, wenn man beim Zahnarzt still gehalten hatte.

Und dann in diesem heißen Sommer von 41, oder war ´s 42: Es hatte sich im Nu herumgesprochen:

Wir haben ein Eismännchin im Dorf!“

Es war ein stolzer Mann, kein Männchen eigentlich, groß, aufgeschossen und schlank. Er ist also von auswärts gekommen, hat sich ganz stiekum eines Tages bei uns niedergelassen. Keiner wusste, von wo er her kam, niemand hat seinen Namen gekannt. Alle hatten  nur Ed Eismännchin zu ihm gesagt. Aufgefallen ist neben seiner großen Gestalt auch seine vornehme Sprache. Er war ja ein Zugezogener, wer weiß, woher, hatte immer hochdeutsch gesprochen; aber es war kein Saarbrückerisch. Das hätte ich ja erkannt von unsern Mietsleuten, den Kinzels, die von Sankt Arnual waren. Das Eismännchin, das muß von weiter her gewesen sein. Und wenn er erzählt hatte, dann schwebte stets etwas Geheimnisvolles im Raum, denn von sich selbst, darüber hatte er nie ein Wort verloren.

Wer jetzt meint, dass er einen regelrechten Eissalon aufgemacht hätte, mit einem Schild vor der Tür, drinnen mit Stühlen und Tischen und einer richtigen Theke zum Verkaufen, der liegt ganz verkehrt.

Das alte Eckhaus zwischen der Hausbacher- und der Hofstraße, wo nach vorne heraus die Theisenbrüder die Haare schnitten, da war hinten heraus ein ziemlich baufälliger Schuppen angebaut. Wenn du da drunter durch gegangen bist, dann war links in der Ecke eine Tür. Und diese unscheinbare Tür war von nun an der Eingang zu des Eismännchins Eisbude. Mir war diese Tür bis dahin noch gar nicht aufgefallen, obwohl ich vorher dort, auf meinem Weg zur Oma, fast täglich vorbeiging.

Der Arbeitsplatz des Eismännchins hinter dieser Tür das war kein ausgebautes Zimmer, vielmehr eine Art Abstellraum mit einem Zementboden, einem blanken Mauerwerk ohne Farbe und Tapete. Ich kann mich auch gar nicht erinnern, ob es überhaupt ein Fenster, einen Stuhl oder einen Tisch gegeben hatte. Das einzige, was da stand, war die Eismaschine.  Die sah aus wie ein großes Butterfaß, innen ein drehbarer Kupferkessel, immerhin schon elektrisch betrieben. Zwischen dem Kessel und der Außenwand war eine gute Handbreite Platz, der war mit groben Eisbrocken gefüllt zum Kühlen.

Wir haben immer gespannt zugeschaut, wenn Eis gemacht wurde. Aus einem großen Behälter wurde die milchige Brühe in den Kupferkessel geschüttet. Dann wurde der Motor angeworfen. Durch die Rotation ist dann die flüssige Brühe gegen die kalte Kupferwand geschleudert worden. Dann hat ed Eismännchin den großen Holzlöffel mit der flachen Schaufel geholt und mit der Kante an die Wand des Kessels gehalten.  Zuerst ein bisschen, dann ist immer mehr von der flüssigen Brühe auf der Schaufel fest geworden und ist dran kleben geblieben. Er hat das Dicke immer wieder  in die Brühe zurücklaufen lassen und die Sache noch mal von vorne angefangen, bis zum Schluß nur noch festes Speiseeis im Kessel war.

In seiner Bude hatte er die Portionen direkt aus dem Kessel heraus verkauft. Wenn meine Mutter samstags aus dem Reservelazarett nach Hause kam, und mir zwei Groschen Taschengeld gab, dann habe ich mich beim Eismännchen tot essen können bis ich Kopfweh bekam.

Während seiner Arbeit war das Eismännchen immer sehr freundlich zu den Leuten, und erst recht zu uns Kindern. Außer, wenn die Maschine lief, war er immer am Erzählen, hat gefragt, wie es einem geht. Und wenn wir für 5 Pfennige unsere Portion in der Hand hatten, dann sind wir nicht gleich weggelaufen, sondern sind bei ihm geblieben. Manchmal hat er einem dann nachher noch ein kleines Schippchen dazu auf das Waffelchen geschmiert. Dabei hat unser lieber Mann sogar spannende Geschichten erzählt, von früher bei ihm daheim, von Gott und der Welt; nur über die Leute im Dorf, darüber hatte er nie etwas geschwätzt.

Wie schon gesagt, um die Mittagszeit ist er mit seinem Tretfuhrwerk über Land gefahren; hat immer bei uns vorm Zollhaus angehalten. Und als dann der Winter kam, dann hatte er hinten in seinem eisgekühlten Hänger kein Eis mehr, sondern frischen Fisch zum Verkauf.

Als dann der Krieg immer länger wurde, die Lebensmittel immer knapper, da ist auf einmal das Eismännchen nicht mehr bei uns auf der Straße vorbei gekommen. Man hat ihn auch im Dorf nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte er kein Material mehr bekommen, um Eis zu machen; auf Lebensmittelkarten konnte man ja auch kein Eis mehr kaufen. Vielleicht hatte er auch zu den Soldaten müssen. Auch nach dem Krieg war der stolze und freundliche Mann nicht mehr zurückgekommen.

Niemand von uns hat jemals noch mal mit einen 5-Pfennigstück in der Hand den Weg in die Eisbude hinter dem alten Schuppen gefunden.

 © Rudolf Engel

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Ein Gedanke zu „Das Eismännchen

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