Die sieben Raben

Box moselfräAn einer roten Ampel haltend, biete sich mir eines morgens auf der Fahrt von Baden-Baden zum Schwarzacher Münster ein seltenes Bild: In der Krone eines kleinen Baumes am Straßenrand sitzt eine Gruppe von eifrig krächzenden schwarzen Raben. Der beeindruckende Anblick dauert nur eine knappe Ampelphase, ruft aber in mir eine nachhaltige Erinnerung hervor:

Weil wir dicht zum Wald und zu den Feldern wohnten, weit näher als zu den Straßen und den Häusern vom Dorf, ist es nicht verwunderlich, wie leicht es mir als kleiner Junge gefallen ist, mit den Blumen und den Pflanzen, mit dem Wild und den Vögeln besonders vertraut zu werden. Zwischen Waldrand und offener Flur gab es oft einen dunklen Fleck am Himmel, wenn über Hoarschd die Raben aufstiegen. Diese schwarzen Vögel hatten es mir besonders angetan. Immer zählte ich, ob es gerade sieben waren, denn das Märchen von den sieben Raben war unter denen, die mir Mutter erzählte, dasjenige, das mich am meisten gepackt hatte.

RabeEs war einmal

ein Mann, der hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich ´s auch wünschte. Und als dann seine Frau nach einer längeren Zeit wieder in guter Hoffnung war und das achte Kind zur Welt kam, da war es tatsächlich auch ein Mädchen. Man kann sich gut vorstellen, wie groß da die Freude war. Aber das neugeborene Kind war arg schmächtig und klein. Und weil es eben so schwach war, sollte es so schnell wie möglich die Nottaufe haben.

Der Vater schickte daher einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen. Die andern sechs Brüder sind ihm hinter her gelaufen und wollten miteinander helfen, die Nottaufe vorzubereiten. Und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen in dem Durcheinander der Krug in den Brunnen. Da standen sie alle sieben da wie ein armer Tropf und wussten nicht, was sie tun sollten. Und keiner der sieben Jungen getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach:

„Diese vergesslichen Burschen, gewiss haben sie’s wieder überm Spielen vergessen, die gottlose Gesippschaft.“

Es ward dem Vater Angst, das Mädchen müsste ungetauft verscheiden. Und im Ärger rief er:

„Ich wollte, die bösen Jungen würden alle zu Raben werden.“

Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er in der Luft ein mächtiges Geschwirr über seinem Haupt in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben über ihn weg und auf- und davonfliegen.

Was da die erschrockenen Eltern auch anstellten, siekonnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermassen durch ihr liebes Töchterchen. Das kleine Geschöpf ist dann bald zu Kräften gekommen, wuchs und ward mit jedem Tage schöner.

Es wusste lange Zeit nicht einmal, dass es überhaupt Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen. Bis eines schönen Tags das Schwesterchen der sieben Brüder so von ungefähr die Leute von sich sprechen hörte: Das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder.  Da ward die Tochter ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte, und wo sie hingeraten wären. Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei alles nach dem Willen des Himmels geschehen, seine Geburt nur der unschuldige Anlass gewesen.

Allein das Mädchen hatte nicht aufgehört, jeden Tag darüber nachzudenken, machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte fest, es müsste seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Und als das Schwesterchen sich auf den Weg machte, nahm es nichts mit sich als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Nun ging es immerzu, weit, weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zuerst zur Sonne, aber die war zu heiss und fürchterlich, und sie würde die kleinen Kinder fressen, wenn sie ihr zu nahe kämen. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und es kommt noch hinzu: Als der Mond das Kind bemerkte, sprach er:

„Ich rieche Menschenfleisch.“

Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder sass auf seinem besondern Stühlchen. Da hat das Mädchen noch mal frischen Mut bekommen und sich einfach daneben auf sein Stühlchen gesetzt. Der große Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach:

„Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschliessen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.“

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, sich bedankt und ging wieder fort. Jetzt wart es schon wieder so lange unterwegs, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer. Jesus! Es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren.

Was sollte es nun anfangen?

Seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen SchIüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm wieder seinen Mut zusammen und ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloss glücklich auf.

Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach:

„Mein Kind, was suchst du?“

„Ich suche meine Brüder, die sieben Raben,“

antwortete es.

Der Zwerg sprach:

„Die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.“

Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen. Und von jedem Tellerchen ass das Schwesterchen ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein SchIückchen. Aber in das letzte Becherchen liess es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh. Und da hob der Zwerg den Arm zum Himmel hoch und sprach dabei:

„Jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.“

Da kamen sie auch schon, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Und wie sie auf den Tisch schauen da sprach einer nach dem andern:

„Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“

Und wie der siebente beim Trinken auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, dass es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach:

„Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.“

Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch der Brüder hörte, so trat es hervor. Und im selben Moment sind den sieben Raben auf einen Schlag die Flüglchen und alle Federn abgefallen, und die Brüder des Mädchen bekamen sofort wieder ihre menschliche Gestalt. Und sie herzten und küssten einander, und zogen fröhlich heim.

Ich weiß auch wie sehr es im Zeitalter von Laptop, Smartphone, Playstation und Kinder-TV aus der Mode gekommen ist, Kindern in einer stillen Stunde Märchen vorzulesen. Wer je die Gelegenheit dazu hatte, der weiß, wie schwer es zudem fällt, einen in unserm moselfränkischen Dialekt geschriebenen Text laut und fließend vorzulesen.

Dieser Versuch sollte eine Anregung dazu sein, es dennoch zu versuchen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s