Der süße Brei

ein Mächen von den Brüdern Grimm

Es ist kaum zu verstehen, daß in unseren Tagen, das heißt im 21. Jahrhundert, daß es da noch so viele arme Leute gibt. Und das nicht nur in Afrika, in Indien, China oder noch sonst wo auf der Welt, sondern sogar bei uns in Deutschland, in dem Land, in dem zur gleichen Zeit mindestens genau so viele Leute leben, die nicht nur reich, sondern steinreich sind.

Als ich noch ein kleiner Junge war, das ist jetzt schon gut über siebzig Jahre her, da hatte es in unserm Dorf auch noch viele arme Leute gegeben. Gemeint sind dabei nicht die großen Pferdebauern, vielleicht auch nicht die einfachen Kuhbauern; ich spreche von den sogenannten Geißenbauern. Das waren die Leute, die bei Villeroy&Boch auf dem Schenner haben schaffen müssen und  bei denen das, was sie am Ende des Monats im Tütchen (Lohntüte) hatten, so wenig zum Leben langte, daß sie noch nebenbei zwei Geißen, ein Schein, paar Hühner und Kaninchen haben halten müssen.

So war es damals auch in meinem Elternhaus. Ich kann nicht sagen, daß wir uns als wirklich arme Leute gefühlt hätten. Wir haben auch (vom Krieg abgesehen) nicht richtig hungern müssen. Aber das, was bei uns auf den Tisch kam, das waren ganz einfache Mahlzeiten. Und neben dem Kappestiertisch (Pürree mit Sauerkraut), den Armen Rittern und dem Schalles hatte es auch oft einen Brei gegeben, meist abbencs zum Nachtessen.

Kein Wunder also, daß wir Kinder, da es bei uns weder Radio, Fernsehn oder gar Internet gab, mit viel Verständnis zuhörten, wenn uns des Abends vorm Schlafengehn das Märchen vom süßen Brei erzählt wurde, von dem Mädchen, daß sein Leblang nicht mehr hatte hungern müssen.

süße BreiDer süße Brei
Ein Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Kummer und Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche,“ so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh,“ so hörte es wieder auf zu kochen.
Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.

Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche,“ da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht mehr. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt ’s die ganze Welt satt machen, und es ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen.

Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh,“ da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.

Advertisements