1 – Ein Dorf ist ein Dorf

Dej Zeit erleewd, woù en Dörref noch en Dörref woar
Wenn du Anfang der 30er Jahre, das heißt im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts geboren bist, dann hast du auch noch die Zeit erlebt, in der ein Dorf noch ein Dorf war.
Zu der Zeit ist Brotdorf, (auf hebräisch Bethlehem), ein Ort von damals zweieinhalbtausend Seelen, am Seffersbach gelegen, der zwischen Hausbach und Losheim vom Hochwald herunter kommt und mitten in Merzig in die Saar fließt.

en Dörref äas en Dörref
Aus der Erfahrung von damals bin ich fest der Meinung, daß ein Dorf zunächst noch ein Dorf geblieben ist, wenn dort am Ort noch jeder jeden kennt, und das nicht nur vom Sehen, sondern auch mit dem Namen.
Als ich meine ersten Schritte allein nach draußen aus der Wohnung auf die Straße versucht hatte, und ich jemandem begegenet bin, dann haben sie gesagt:
– „Das ist doch der Bergesch Lisa sein Junge.“
oder auch:
– „Das ist der Junge vom Liescher Schwotzen.“
Die Leute hatten meinen Vornamen noch nicht gewußt, aber von wem ich bin.

Ein zweiters Zeichen, wodurch ein Dorf noch ein Dorf ist, das betrifft dessen Kinder.
Als wir noch bei der Oma in der Hofstraße gewohnt haben, also mitten im Dorf zwischen der Kirche, der Alten Schule und der Abels Mühle, und als ich schon ein wenig mehr als nur krabbeln konnte, da drängte es mich schon arg hinaus, und hatte es nicht lange gedauert, bis ich alle Kinder im ganzen Viertel gekannt und mit ihnen gespielt hatte.
Und dieses kindliche aus dem Haus Ausbrechen, dieses Erobern der nachbarlichen Hofräume und der Straße, all dies konnte damals gefahrlos stattfinden, auch ohne Aufsicht irgendwelcher Erwachsenen.

Man könnte noch eine Handvoll anderer Sachen aufzählen, die für ein Dorf sprechen. Eines, daß zum Beispiel den Gegensatz zwischen dem Leben in der Stadt und „off´m Lann“ ausmacht, das ist eben die direkte Nähe zur Natur.
Aber für ein richtiges Dorfleben, da reicht es nicht nur, die Natur in der Nähe zu haben; das haben viele Städter ja auch. Typisch für die Bewohner eines Dorfes ist, daß sie jeden Tag mit ihrer Natur in engem Lebenskontakt stehen.

Sie sind mit ihrer Natur und ihren Tieren immer zusammen, ob im Stall, auf dem Hof, ums Haus herum, draußen auf der Flur, der Wiese, auf dem Acker oder im Wald.
Die schlauen Leute schwätzen in solch einem Fall sogar von einer Symbiose; dann nämlich, wenn man auch das Gefühl dabei hat, daß man selbst dazu gehört, daß man selbst ein Stück Natur ist.

Nun sei, bevor es weiter geht,  noch zu bedenken, ob ein jeder Dörfler sich auch dieses Gefühls des Zusammengehörigseins überhaupt bewußt war; zu bedenken ist, ob die Dorfbewohner von damals unter den zahlreichen widrigen Umständen einer oft so kargen Existenz es sich überhaupt leisten konnten, ein derartiges Gefühl überhaupt zu hegen!

 

 

 

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