3 – Der Umzug und das Gefühl, getrennt zu sein

Für den knapp vierjährigen Knaben steht also jetzt der Umzug an. An große Ereignis wird er sich ich sein Leben lang erinnern.
Meistens werden sich Kinder freuen, wenn es heißt, wir ziehen um. Die Neugierde auf das Ungewisse, etwas Neues zu erfahren, die Spannung, etwas Schönes zu erleben, soll ja eine grundlegende Eigenschaft des Menschen an sich sein.
Des Öfteren aber wird sich bei solch einem Wechsel erst hinterher herausstellen, ob es für die Kinder etwas Gutes oder etwas Schlechtes bedeuten würde.

Ein  derartiges Gefühl höchster Spannung, das hatte hatte ich selbst am eigenen Leib gespürt, als wir 1939 und 1944 flüchten mußten. Als Mutter mit dem Koffer und Rucksack weinend im Flur stand, hatte ich schon meinen Quetschkaschden auf dem Buckel und zur Mamm gesagt:
„Eich säa fierdisch, ma kenne gejhn!“
Nun, ich bin in meinem weiteren Leben wohl mehr als ein Dutzend mal umgezogen; jedesmal mit schmerzhaften Trennungen verbunden, aber auch mit großartigen Bereicherungen.

Und dieses Mal, dieses erste Mal?
Mutter hatte mir schon Wochen bevor der Pferdewagen zum Aufladen vor Omas Hofraum stand, die Nase lang gemacht: Ich würde mich schon freuen, mich sehr wohl fühlen…das große Haus, das „Zollhaus“, so hell von oben bis unten angestrichen, der Garten drum herum, ja und so vornehm, mit einer Mansarde als Schlafzimmer nur für mich, ja ein solch modernes Haus, sogar mit einem Kloset, statt eines Abtritts hinterm Haus, ein Kloset mit Wasserspülung direkt in der Wohnung selbst.

Und wie wir uns dann mit dem Gespann nach so weitem Weg über die große Straße unserer neuen Wohnung von weitem näherten, da war ich tatsächlich auch sehr erstaunt über dieses so ganz neuartige Haus.
Wirklich so groß, so ganz anders – aber doch so weit weg vom Dorf!

Der plötzliche Umzug von der Hofstraße ins Zollhaus muß dem Vierjährigen zunächst als eine schmerzliche Trennung von seinem gerade erst entdeckten sozialen Umfeld  vorgekommen sein. Hier, über Sichtweite vom Ortskern entfernt, – das ahnt der Junge schon im Vorhinein – da wird dieser Wechsel ihn nicht nur von seinen gewohnten Spielräumen trennen, sondern auch die Aufnahme neuer freundschaftlicher Beziehungen mit weiteren Gleichaltrigen wesentlich beeinrächtigen.

 „iwwer off der Stroaß“
Die offizielle Adresse des Hauses, in das wir soeben eingezogen sind,  lautet: „Brotdorf, Provinzialstraße 6“.
Würde mich allerdings einer vom Dorf fragen, wo ich denn jetzt wohne, so müßte ich sagen:
„Äam Zolhaus, loo iwwer off der Stroaß.“
Die Formulierung „iwwer off der Stroaß“ hatte sich damals im Dorf als stehender Ausdruck eingebürgert für jene Gegend, in der, vom Ortskern entfernt, auf der abseitigen `Provinzialstraße´ einige neue Einzelhäuser errichtet wurden.

Bei der `Provinzialstraße´ handelt es sich um die damals bereits asphaltierte Straßenverbindung zwischen der Kreisstadt Merzig und dem Flecken Losheim im nördlich gelegenen Schwarzwälder Hochwald.  Sie wurde im Dorf auch „de Teerstroaß“ genant, weil sie, im Gegensatz zu den Wegen im Dorf als einzige asphaltiert, also „geteert“ war.

Und da drüben auf dieser „Teerstraße“, da ist also ganz am Ende das Zollhaus gestanden, das von jetzt an mein Elternhaus werden soll.
Im Dorf selbst, da hat es zu meiner Jugendzeit nur  drei große Straßen gegeben, die Hausbacherstraße, die Klinkerstraße und die Grejnstatt, und die waren gepflastert, die Grejnstatt auch nur bis zum Hiawanspappen. Viele der andern Straßen oder Gassen waren aus gestanztem Lehmboden, mit Quarzit geschottert.
Gemessen am Gesamtbild des Bauerndorfes bildete dieses Zollhaus sozusagen einen architektonischen Fremdkörper: modern im Baustil, hell in der Farbe, zweieinhalbstöckig, mit großen Festern, Türen und Korridoren, sogar mit ausgebauter Mansarde.

Als in Jahre 1919 infolge des verlorenen Krieges das Saargebiet vom Deutschen Reich abgetrennt und unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt wurde, da ist auf der letzten Parzelle der Brotdorfer Gemarkung in Richtung Bachem und damit direkt an der neuen Grenze zu Deutschland das Zollhaus, auch als Wohnhaus der französischen Zollbeamtenfamilien, errichtet worden.

Als dann Anfang 1935 die Saarländer  mit über 90 % für „Heim ins Reich“ votierten, mußten die französischen Zollbeamten wieder abziehen; das Zollhaus stand zum Verkauf an und wurde durch Betreiben meiner Mutter zu meinem neuen Elternhaus.
Und jetzt wohnen wir also hier, ziemlich einsam, und wie soll´s  weiter gehn?

Ich kann zwar noch fast täglich ins Dorf, sehe und spreche noch die andern, wenigstens vormittags im Kindergarten. Aber seltsam, die Kinder im Dorf drüben, an denen kann ich meinen Umzug auch spüren.
Ich will damit sagen: Auch wenn ich mit Mutter ins Dorf komme zum Einkauf beim Mertes, beim Koschder Bäcker, beim Metzger Hänns, oder wenn andere Besorgungen zu machen sind, in der Hofstraße, in der Weiß Märk bei den Verwandten in der Blumenstraße, dann läßt Mutter mich in der Zwischenzeit draußen spielen. Doch wenn ich komme, dann sind die andern immer schon mittendrin, haben sich schon versteckt oder sich ganz mit einem andern Spiel beschäftigt; da komme ich nur noch schwer dazwischen…

Letzte Nacht, da träumte ich, wie sie äam enneschden Ecken beim Abzählen fürs Versteckspiel sind. Ich sehe mich abseits stehen und einer  ruft zu mir herüber:
„Hej , Rudi, dau vumm Zollhaus, dau Fransuus, net gucken; dau moschd!“

Ich stand da, so traurig allein; war mir auch in diesem nicht bewußt, was dieses Mobben der andern für sich hatte. Auch noch lange danach, selbst in der Hitlerjugendzeit, kam es mir nicht in den Sinn, mir besonders bewußt zu machen, daß mein Elternhaus von Franzosen erbaut, und 15 Jahre lang von Franzosen bewohnt wurde.

Ich stand da, so traurig allein; war mir auch in diesem Traum nicht bewußt, was dieses Mobben der andern für sich hatte. Auch noch lange danach, selbst in der Hitlerjugendzeit, kam es mir nicht in den Sinn, mir besonders bewußt zu machen, daß mein Elternhaus von Franzosen erbaut, und 15 Jahre lang von Franzosen bewohnt wurde.

Nun, schon nach den ersten Tagen des Umzugs wird sich diese Trübnis in der jungen Seele schrittweise mildern.  Der tägliche Weg zum Kindergarten bedeutet für den Kleinen wohl schon eine beachtliche Gehstrecke; doch zu jener Zeit war ohnehin das Zu-Fuß-Gehen die häufigste von allen frühauf angewöhnte Art der Fortbewegung.
Zudem wird sich für den Jungen in der neuen Umgebung in unmittelbarer Nähe zu Feld, Flur und Wald bald eine neue, bislang noch kaum erfahrene Welt eröffnen, die seinen Interessens- und Erlebnishorizont sehr wohl bereichern wird.

 

 

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