4 – Aus em Dörref raus, der Natur äan de Ärmen

Der Umzug aus der Hofstraße ins entfernte Zollhaus war kein gewöhnlicher Umzug; er bedeutete für  den vierjährigen Knaben die ungewollte Aufgabe seines bisher gewohnten Umfeldes, den Verlust seines ersten Elternhauses auf Kosten eines zweiten, zunächst ganz fremden und neuen.
Dieses Zollhaus, so für sich alleinstehend und einsam, so weit weg von all den andern Kindern,  es wird eine gute Zeit warten müssen, bis es auch dem Jungen zum neuen Daheim geworden ist.

Mei nau Elternhaus, soù gruuß, soù vornehm, ed stääd also allään loo „iwwer off der Stroaß“. Mir klääne Jong kemmd ed soù weit weech un soù frimm vier; ed leihd viel neher zoù de Steckern, zoù Wald un Flur, viel neher als zoù den Heisern un Höfen vom Dörref.
Wat well ma döö maachen, wat kann ma döö dejn,  wat  döömäat ufänken, allään, debäänen un debaußem?
Dej eschd Deech hun eich äan meiner Einsamkeit dix bei der Mamm äan der Kisch gesäaß mäad, demm gruuße Fenschder nöö häanneraus, un hun ääfach äand´ Freie geguckt. Un döödebei äas ed mir gleich äakomm:
„Hei debäannen dejn eich nemmej lang bleiwen!“

Im Nachhinein wundert es mich, wie leicht es mir, nach einer bestimmten Anfangszeit, dann doch gefallen ist, dort eine ganz neue Erlebniswelt vorgefunden zu haben. In der Nachbarschaft hatte es lange Zeit keine Kinder gegeben, mit denen man hätte spielen können; dafür aber warteten  auf mich, die Blumen, die Pflanzen, die Bäume, der Wald , die Vögel und all die andern Tiere.

Denn ejschde Bleck äan ´d Freie
Wenn dau auf der Hausdier gestann un nöö vier naus geguckd hoschd, dann woar döö zedrejschd em ´d Haus eremm de Goaden.
Nöö vier, zoù der Stroaß, hot ed en zimmlisch dick Mauer gäan, mäad der Goadendier aus grejn gestreschenen Holzlatten, alles goad äa Schuß. De Goaden awer, denn hot ärrisch verwelderd, verdreckned un ongepfleeschd ausgesejhn. Vier naus, hun noch e poar verwelgder un äam Still verduader Bloomen gewucherd. Un häanneraus hun döö noch, vum alte Wäander iwwrisch, veräänzelter Gemejßstronke gestann.
Dej Franzusen säan bestemmd gleich nöö der Abstimmung sofort aus em Zollhaus ausgezuuh, un soù hot kääne mej de Foaß off de Böddem gesatt, un kään Hand mej dej Blanzen berührd, dej iwwer de Wäander loo stejh gebliww säan.
Denn äänzisch gruuße Färrefflecken, denn hott ed vier äam Ecken zoù der Stroaß hin gäan. Döö dääd e gruußen, ruud u grejn leuchtender Bleederteppisch iwwer de Goademauer riwwer ranken.

Vater hatte mir später erklärt, das sei Wilder Wein, den sollten wir weiter pflegen.
Ein Jahr später, endlich gut hier eingelebt, hatte er dort in der Ecke eine niedliche Laube gebaut mit einem kleinen Tisch rund um dem Stempel in der Mitte. – Mit der Zeit ist dann der Wilde Wein mit seiner dichten Laubdecke immer mehr darüber gewachsen.
Es gibt noch im Nachlaß einige Fotos, wir mit Gästen in gemütlicher Nachmittagsatmosphäre dort sitzen.

Weider nöö häannen dann e kläänen Kiaschebaam,  lenks newen ´m Hauseck. Un dänn äas, zoù meiner Frääd, ned verduard, sondern hedd fresch grejn Laaf un hätt sugoa e poar Kiaschen dezweschen.

Dieser Kirschbaum wird in den folgenden Jahren in unserm familiären Zusammenleben seine notwendig bedeutende Rolle spielen.
Schon im Jahr nach unserm Umzug hatte Vater, das eifrige Mitglied des Brotdorfer Gartenbauvereins, etwa die Hälfte der noch jungen Zweige von der hellroten Sauerkirsche zur dunkelhäutigen Süßkirsche „umgeedelt“, also gepoast, und, wie sich  hinterher herausstellte, mit vollem Erfolg.
Seitdem hatten wir uns  mit den Vögeln vom nahen Hoaschdwald um die süße Frucht gestritten. Doch, je größer und trächtiger der Baum heranwuchs, desto mehr blieb schließlich außer dem Schnabel- und Mundraub von der Ernte noch reichlich übrig für die Böden von Mutters Sonntagskuchen und die Einmachgläser für den Winter.

 

Hoch oben auf Hoaschd

„Wer hat dich, du schöner Wald,

aufgebaut so hoch da droben?“

Un direkt häannerm Goadenzaun döö hot kään äänzisch Haus mej gestann; döö hun schun äam freie Gelände, de Fluar ugefang mäat de gruußen Ackerstecker, soù weit, wej de sejhn konnschd, reedserhand um Wengertsberrisch vorbei bes nöö Hontel un den Härgotter Berrisch; lenkerhand, alsoù vier naus, den herrliche Bleck iwwer de Grombern- un Kuarstecker, de steilen Hang hejch, bes roff off Hoaschd mäad seim mäschdije  Wald.

Die Herkunft seines Namens ist nicht eindeutig geklärt. Da gibt es die Meinung, er leite sich von  Hoar´ ab, der moselfränkischen Bezeichnung für Habicht. Dieser König unserer Lüfte kreiste zu meiner Knabenzeit tatsächlich  noch häufig über unsere Gegend hinweg. Einleuchtend wäre auch die Ableitung von `Horst´, als einer herausragend, steilgängigen, meist bewaldeten Berghöhe, was in unserm Falle durchaus zutrifft.

Unser „Haoschd“ ist übrigens offiziell unter Naturschutz gestellt. In der zutreffenden „Verordnung zum Schutze von Landschaftsteilen und Landschaftsbestandteilen im Kreis Merzig-Wadern“  vom 26. August 1963 wird dieser Landschaftsteil wie folgt gekennzeichnet: „Hartfelsen mit dem umgebenden Wald, unmittelbar an der Straße Brotdorf-Bachem, etwa 500 m nordöstlich von Brotdorf.“

 

Bei derartigem Anblick ist leicht anzunehmen, daß den Knaben in den kommenden Tagen nichts mehr in seinem neuen Elternhaus zurückhalten wird, angesichts dieser prächtigen Aussicht wird es  ihn hinaus und hinauf drängen, bis hinauf zu diesem aufragenden, dichtstehenden Eichenwald, um dessen buschigen Waldsaum sich ein leuchtendes Band umwunden hat, just zu dieser Jahreszeit durch das helle Gold-Gelb der in voller Blüte stehenden Ginstersträuche.

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