9 – Unsere Schwalben…

…beim Menschen willkommen, durch Menschen gefährdet  

Damals bei dem Gewitter in der Hofstraße, da konnte die Berger-Oma mir zwar sagen, wem ich diesen doppelten Vornamen Josef, Rudolf verdanke; warum aber die Schwalben am heißen Tag ganz oben und bei feuchtem Wetter dann so tief über dem Boden fliegen, das wußte sie jedoch nicht. – Doch eben diese Frage hatte mich so lange beschäftigt, bis ich später etwas mehr darüber wußte.

Schwalben ernähren sich und ihre Nachkommen ausschließlich von Insekten, vornehmlich von Fluginsekten. Das heißt, sie fangen ihre Opfer meistens im Flug, im sehr schnellen Flug bei sehr hoher Geschwindigkeit. Und da sie dabei, gewissermaßen als Hochleistungssportler, viel Energie benötigen, sind sie nicht, wie es scheint, aus purer Lust ständig und ständig in der Luft und dabei äußerst schnell; sie müssen da oben sehr viel Beute machen.
Was die Menge an Insekten betrifft, welche eine Schwalbe täglich verschlingt, so kommen ihr eigentlich nur die Fledermäuse gleich. Doch während diese des nachts und im Dunkeln jagen, machen es unsere Schwallben unentwegt am Tage.
Und dafür müssen sie bei schönstem Wetter, also bei Hochdruck, eben hoch in die Lüfte, weil der thermisch bedingte Aufwind die leichtgewichtigen Insekten, also ihre Beute, mit in die Höhe aufsteigen läßt. Bei feuchter und abgekühlter Luft, also bei Tiefdruck, sinken dann die Beutetiere wieder bis in Bodennähe und locken nun also dort ungewollt unseren Luftpiraten heran.

Die Schwalbe als Zugvogel
Unsere Schwalbengeschichte begann in Folge 8 mit dem Bekunden der Freude, die treuen Flieger jedesmal im Frühjahr wieder aus Afrika zurückgekehrt zu sehen.
Zu meinen weiteren Erlebnissen mit ihnen gehörte es auch, ihnen zu Herbstbeginn bei den Vorbereitungen zur Abreise zuzusehen.
Wenn also die Schwalbe in jedem Jahr, wie auch etliche der anderen Zugvögel, zweimal die gewaltige Strecke von mehr als 3000 km zurücklegt, so flüchtet sie weniger, wie fälschlicherweise angenommen wird, vor der winterlichen Kälte; vielmehr geht ihr in dieser Jahreszeit die tägliche Nahrung aus. Denn sie findet nach dem Spätsommer kaum noch genügend Fluginsekten; bliebe sie also über Winter bei uns, müßte sie verhungern.

Wenn also in der wohligen Oktobersonne die ersten Laubblätter beginnen, sich golden zu färben und die Nächte schon kühler werden, dann kann man tagsüber erleben, wie sich die Dorfschwalben über den Häusern auf dem Draht einer Stromleitung versammeln. Es ist lustig anzusehen, wie die muntere Schar gerade dabei ist, eine Gemeinderatssitzung abzuhalten.

Wir verstehen zwar nicht ihre Schnabelsprache, können aber erahnen, worum es beim ständigen Hin und Her des Köpfchendrehens, bei dem eifrigen Wispern und Schnawweln wohl gehen kann.
Für den gemeinsamen Abflug scheint es erforderlich, nach dem vielfach auch individuell gestalteten Sommer wieder das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erwecken. Es geht vor allem darum, den Jungen von der diesjährigen Brut genügend Mut zu machen für ihren ersten interkontinentalen Abflug. Immerhin handelt es sich um eine Reise über mehrere tausend Kilometer hinweg.

Als Vertilger von Ungeziefer  willkommen
Die Menschen mögen die Schwalben von je her. Verständlich, daß sie bei unsern Bauern im Dorf um den Hof herum und in den Ställen nicht nur geduldet werden, sondern sogar sehr willkommen sind. Jeder Landwirt schätzt sie als Meckefänker, als ausgezeichnete Vertilger von Ungeziefer.
Aber auch bei den andern Menschen ist die Schwalbe  sehr beliebt. Sie nistet nicht nur im Viehstall, sie kommt auch ans Haus. Und weil sie in ihrer angeborenen Häuslichkeit symbolisch das Gefühl von Sicherheit und Schutz vermittelt, weil sie die Häuser vor Blitzschlag und das Vieh vor Krankheiten schützen soll, gilt sie bei vielen Menschen sogar als Glücksbringer.

Aber wie steht es heutzutage mit dem eigenen Glück der Schwalben selbst?
Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist die einstige Lebensgemeinschaft der Schwalben mit den Menschen weit geschwunden, und die existentielle Situation dieser Vogelart hat sich in Europa katastrophal verschlechtert.
Ihre Gefährdung beginnt bereits beim Nestbau.
Durch einen starken Rückgang naturbelassener Feuchtgebiete finden Schwalben heute vielerorts kaum mehr Lehm und zusätzliches Baumaterial, um ihre Nester anzulegen.
Durch die immer weiter sich ausdehnende Urbanisierung, auch in den Hausformen der ländlichen Gegenden,  durch das Schwinden traditionell gestalteter Bauernhöfe gegenüber nüchtern und steril gehaltenen, häufig zügigen, in sich geschlossenen Stallungen finden die einst so geliebten Vögel kaum noch artgerechte Bau- und Nistplätze.

Ein Glücksbringer in Gefahr, auszusterben
Alles, was der Mensch den Tieren antut,
kommt auf den Menschen wieder zurück.
Pythagoras

Und was ihre Nahrungsquellen betrifft: Industrielle Intensivierung der Landwirtschaft, starke Versiegelung der Ackerflächen, gesteigerter Verbrauch von Pestiziden und chemischen Insektenvertilgung, all das macht es den genetisch auf hohen Energieverbrauch eingestellten Vögeln schwer, in unseren Breiten überhaupt noch ausreichende Nahrung zu finden.

Nicht die traditionellen Raubvögel, nicht die ebenso flinken Falken und Sperber, heute scheint der Mensch der Schwalben größter Feind zu sein. Daran würde auch Heintje nichts ändern, würde er mit seiner Knabenstimme die Massen wieder begeistern wollen mit seinem Lied: „Ach Mutterl, ach wär´ ich doch ein Schwalbenkind; wie schön. Wie schön das wär!“
Mir dagegen fällt ein anderer Schlager ein und man könnt auch mitsingen:
„Wärst du  doch (statt in Düsseldorf) in Afrika geblieben!“

Inzwischen existieren, meist auf privater Ebene, einige Hilfsprogramme, den Schwalben unter die Flügel zu greifen. Es wird versucht, das gewohnte Bild des freien Schwalbenflug in unsern Landschaften und die friedliche Koexistenz von Schwalbe und Mensch wieder zu beleben.
Doch flächendeckend besteht für ihr Weiterleben nur wenig Hoffnung; es sei denn, die kleinen Könige der Lüfte legten ihre genetisch besetzte Eigenschaft als Zugvogel gänzlich ab und machten aus ihrem afrikanischen Winterlager eine Dauerbleibe.

die letzte schwalbe

Wenn…,
dann wird hier nur noch sommer sein,
ohne der schwalben flugkunst allein

wenn …,
auch zu der menschen kummer
dann frühling, herbst und winter
verschluckt wie ungeborene kinder,
von einem unbarmherzigen sommer,

wenn…,
sich ozeane über das ebne erheben
und ganze kontinente trocken legen,

dann…,
werden des ew ´gen sommers tödliche gaben
die letzte schwalbe längst gefressen haben.

und dann…,
auch keine Vogelhochzeit mehr

alle vögel, sie sind nun fort
aus verdorrtem walde
fanden keine würmer dort
warte, warte, wart nur balde
ist die erd ´ne halde.

rudirall und rallala

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