8 – Eine Schwalbe…

ään schwallew,
dej vum Süden zoù frejh zereck,
dej meschd allään kää Summer

ään schwallew,
dej soù dejf um Böddem flejhd
dej meschd noch kää Gewidder

en schwallew,
dej zoù frejh „die Schwalbe“ meschd
dej meschd noch goa kää Wäander

de Schwallew,
brauchd nemmej fottzefelejhen
ed geffd bei oas kää Wäander
mej

Schon in dieser ersten Knabenzeit entdeckte der Knabe außer der Nachtigall weitere Vertreter dieser kleinen Vogelarten. Er lenkte schon früh seine besondere Aufmerksamkeit und Bewunderung auf die Schwalben. Die Bewunderung für dieses Tier bezog sich allerdings nicht auf deren weit weniger prächtigen Gesang, sondern auf eine ganz andere Meisterschaft.

Es war immer ein deutliches und bewußt erwartetes Zeichen des neuen Frühjahrs, daß eines Morgens die Schwalben aus Afrika zurück sind und uns damit erfreuen, daß sie wieder da sind.
Wie oft hab ich mich gewundert, wie sie auf Anhieb wieder ihr altes Nest fanden. Dann konnte man mit Begeisterung zusehen, wie sie sich gleich dran machten, entweder das alte Nest auszubessern oder ein ganz neues zu bauen.

Schwalben sind in mehrfacher Hinsicht großartige Geschöpfe. Meisterlich sind sie zunächst einmal als Baumeister, wie so manch anderer Vogel auch. Man muß es schon sagen, nur mit ihrem kurzen Schnabel und sonst garnichts, entsteht da ein Nest, wie bei den Menschen aus festem Material, und es sieht hinterher aus wie ein wahres Kunstwerk.

Dieser kleine, wendige Vogel ein Meister der Bautechnik!

Mich würde es  nicht wundern, wenn der Mensch, als er anfing, Häuser aus Lehm zu bauen, sich das Gewußt-Wie bei den Schwalben abgeschaut hatte.

Die Metzgerei im Kaiserhof hat den Eingang unter einem breiten Vordach. Diese geschützte Ecke, das ist eines der beliebten Nistplätze der Schwalben.
Und ich mag diese Ecke auch; denn immer, wenn vor den Feiertagen besonders viel Kundschaft beim Metzger ist, sodaß Mutter lange warten muß, bis sie an die Reihe kommt, dann nutze ich gerne die Zeit aus, um meinen Schwalben zuzuschauen und das sogar auf das Risiko hin, drinnen mein mir zugedachtes Lyonerstück zu verpassen.

Ich bin immer wieder begeistert zu sehen,  wie sie mit der Präzision eines Bildhauers an der glatten Wand in dem rechten Winkel zwischen Mauer und Decke unaufhörlich Schnabel für Schnabel ihre neue Ladung, ein Mörtelklümpchen auf das andere setzen, und wie sie so mit übergroßer Geduld ihre schweren und kugeligen Nester an der Wand anbringen.

Schwalben besitzen insgeheim das Patent auf einen Spezialmörtel, ein Gemisch aus Lehm und dem eigenen Speichel, manchmal mit ein paar Heuhalmen dazwischen, das über Jahre fest hält.
Den Lehm holen sich die quirligen Flattermänner am Ufer des Seffersbaches, genauer: bei der „Brecker Baach“, wo das Wasser breit und flach ist und eben dort den Lehm anschwemmt. Das ist eben dort, wo die Kühe nach der Weide zur Tränke gelassen werden.
Vielleicht spielt bei dem besonders haltbaren Spezialgemisch des „Schwalbenbetons“ auch mit, daß die Kühe hier beim Saufen öfter etwas fallen lassen, das sich dann mit dem Wasser und Lehm gut vermengt.

Wenn die Schwalben zu bauen beginnen, dann klebt an der Wand zuerst nur ein kleines braungelbes Lehmkränzchen. Von Tag zu Tag wächst der Kranz, und der Bau wird immer bauchiger, kugeliger, bis schließlich nur noch ein winziges Schlupfloch oben an der Decke frei bleibt, durch das dann bald die hungrigen Jungen ihre weit aufgesperrten Schnäbel entgegenstrecken, wenn die Alten vom Futterholen abwechselnd herangeflogen kommen.

Wenn sie einen guten Platz gefunden haben wie am Kaiserhof, ziemlich sicher vor den Raubvögeln, dann sieht man selten ein einziges Nest allein.
Sie bauen sogar ganz dicht neben einander, fast wie eine Straße, die also nicht erst die Menschen erfunden hatten. Es ist beim Zusehn oft zu erkennen, es geht ihnen auch um Geselligkeit, der gemeinsame Feind erfordert ein enge Nachbarschaft.

Das Hoch und Tief des Schwalbenflugs
Die Schwalben sind nicht nur hervorragende Baumeister, sie sind auch wirkliche Flugkünstler und das nicht nur beim unaufhörlichen Anschaffen des Futters für die junge Brut.
Es macht Spaß, ihnen beim Fliegen zuzuschauen, wie sie hoch in die Lüfte steigen und da oben zusammen in ganzen Scharen – wie bei einem Nachlaufspiel – munter umherschwirren. Sie können bestimmt so hoch steigen wie die Lerchen drüben über der Ell; auch die fliegen so hoch, daß man sie kaum noch sehen, sondern nur noch hören kann.

Hören kann man die Schwalben dabei nicht, sie sind keine Sänger vor dem Herrn, beileibe nicht Nachtigall und auch keine Lerche, die nur hochsteigt, um ganz oben quasi im Stehen zu flattern, dem Himmel ganz nah, einzig, um mit ihrer Sonnenhymne den lieben Gott zu loben.

Unsere Schwalben, die sieht man aber auch ganz unten fliegen, wenn sie durch die Gassen des Dorfes flitzen,  so dicht über den Boden, daß man Angst haben könnte, sie würden sich am Bordstein das Köpfchen stoßen.

Bei Grazia Delledda, sardische Auroti, Nobelpreis 1921, habe ich solch wunderbare Worte über einen Schwalbenfliug gelesen:

„E le rondine passavano incessantemente in giro
sopra le loro teste, come una ghirlanda mobile di fiori neri, di piccoli croce nere. 
Le loro ombre rorrevano sul terreno come foglie spinte dal vento!“

„Und die Schwalben schossen unaufhörlich umher
über ihre Köpfe hinweg, wie bewegliche Girlanden aus schwarzen Blumen, aus kleinen schwarzen Kreuzen.
Ihre Schatten flitzen übers Terrain hinweg wie vom Winde verwehte Blätter.“
(übersetzt r.e.)

An einem solchen Sommertag bin ich nach dem Kindergarten bis zum Abend bei der Oma. Mamma un Pabba mußten nach Saarbrücken, etwas über das Zollhaus unterschreiben. Der Ernschde Rudi aus der Nachbarschaft hatte mitbekommen, daß ich im Viertel bin, ist rüber gekommen, und wir haben den ganzen Nachmittag auf dem Hofraum zusammen gespielt.
Und dabei sind mir diesmal die Schwalben besonders aufgefallen, wie sie auf einmal anfangen, so tief zu fliegen und die ganze Zeit unten am Boden umhersausen, immer wieder die Hofstraße rauf und runter.

Und da ist dann die Oma gekommen, um uns zu rufen:
„Kommd räan, ihr zwejn, de Schwalwen säan nommoa dejf, ed geft e Gewidder!“

Kaum sind wir in der hennesch Stuww, da grollt auch schon der erste Donner.  Da steht Rudi ganz eilig auf und sagt:
„Dann gejn eich doch lejwer wei gleich haam!“

Während draußen der Regen auf das Wackenpflaster prasselt, sind meine Gedanken bei den Schwalben, die jetzt nicht mehr fliegen und in ihren Nestern sind und bei dem andern Rudi, der hoffentlich noch trocken heim gekommen ist.
Der Ernschde Rudi ist ein Jahr älter als ich und wird Ostern schon zur Schule kommen. Ich frage Oma, ob Mutter der Name Rudi so gut gefallen hätte, daß sie mir ein Jahr später auch diesen gegeben hatte.
Oma meint:
„Dat woar ganz annscherd, der Mamma hätt de Viernummen vun oasem Erzbischof vun Trejer soù goad gefall, un döödefier äas dei Viernummen wei och Josef Rudolf.“

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