7 – Eine Nachtigall im Ohr

Die Vögel wollten Hochzeit machen
in dem grünen Walde.
Fiderallala, fiderallala, fiderallalalala.

Die Gänse und die Anten,
das sind die Musikanten.
All Zweig und Äst sind voll beladen;
denn jedes Federvieh ist heut geladen
Fiderallala, fiderallala, fiderallalalala.

Nur eins von ihnen, das fehlet da.
Welch selt´ner Vogel wird es sein?
Das sagt uns die Geschicht allein.
Fallerie und fallera!

Da drüben, iwwer off der Stroaß, da hatte man in den ersten Tagen nach dem Umzug alle Hände voll zu tun, sich zunächst so gut wie´s eben ging, einigermaßen  einzurichten.   –  Und der kleine Filius war bei dem Vielerlei an Beschäftigungen eifrig dabei. Da er außerhalb des Hauses weiterhin bestrebt war, die neue Umgebung Schritt für Schritt  von Neuem zu erkunden und erobern, begann der anfangs so bedrückende Frust über die  Trennung vom Dorf und von den Spielkameraden immer mehr zu schwinden, ja sich sogar in eine neue, ungeahnte Leidenschaft zu wandeln.
Eines Tages, oder genauer, eines Nachts sollten seine Entdeckungsausflüge über die Felder hinauf auf Hoaschd um ein völlig unerwartetes Erlebnis erweitert werden.

Einmal in unserm ersten Sommer, seit wir iwwer off der Stroaß wohnen, wurde ich von Vater mitten in der Nacht und im tiefsten Schlaf extra geweckt. Vater war ein wenig angetrunken und reichlich verspätet von einem auswärtigen Turnfest zurück.
Mürrisch und verträumt folge ich ihm stumm und brav nach draußen in die erfrischende Luft meiner ersten bewußt erlebten Nacht.

Die Steintreppe fühlt sich kühl an auf den nackten Sohlen. Aber die Nacht ist nicht kalt, eher lau und erstaunlich klar. Erstaunlich, also nachts, da ist die Landschaft garnicht nicht so rabenschwarz, wie ich vielleicht erwartete; sie ist  ganz anders schön. Und wenn du ganz nach oben schuast, dann sieht man dort die Sterne funkeln.
Man kann alles sehen, alles gut erkennen, den Garten mit Mutters restlichen Salatköpfen, dann die Felder dahinter. Alles scheint nur ein wenig milchig, das Licht mehr gedämpft, wie bei einer schwachen Stallbirne. Aber das Kornfeld oberhalb, das leuchtet sogar, richtig hell, fast wie am Tag. Nur der Wald von Hoaschd, der schimmert wirklich dunkler dagegen.

Noch bevor ich etwas sagen kann, drückt Vater mir sachte einen Finger auf die Lippen, ich soll ganz still sein und hoch in den Wald hinauf lauschen.
Wir bleiben also stumm auf der Haustreppe stehen; sind beide da auch ganz still und lauschen jetzt, wie da oben, noch bevor der Morgen dämmert, mitten aus dem  Dunkel der Büsche, Hecken und Bäume, eine zarte, ganz liebliche Vogelstimme zu vernehmen ist.

Erst sind es ein paar zarte Pfeiftöne, eine Art auftaktiges Anschlagen, das dann gleich in ein wundersames Singen übergeht und so schnell nicht mehr enden will. Und was da zu hören ist, ist keineswegs eintönig; bei jedem neuen Anschlagen klingt die Weise wieder ganz anders, wieder ganz neu. Dieser Vogel legt es darauf an, immer wieder neue Varianten zu erfinden.
So sind wir eine gute zeitlang so still beieinander gestanden, wagen kein Wörtchen, um nicht den herrlichen Gesang in dieser nächtlichen Stille zu stören.

Erst, als wir wieder drinnen waren, konnte gesprochen werden. Vater erklärte, daß wir gerade eine Nachtigall erlebt haben. Das ist derjenige Vogel, der sich mit seinem Gesang so selten macht, weil er immer nur nachts zu hören sei, aber von keinem anderen in der Gemeinschaft der Singvögel übertrumpft würde…
Wieder im Bett war es schwer, erneut in den Schlaf zu kommen. Noch hörte ich diese Weisen, und mit ihnen muß ich dann wohl auch wieder glücklich weiter geträumt haben:  So ein Nachtigällchen hören, so wunderschöne Melodien, so spät in der Nacht, das wird dann ein Leben lang immer ein seltenes Erlebnis bleiben.

Es ist mir später noch einige Male gelungen, den Auftritt der jubilierenden Nachtigall erneut zu erleben. Doch in der schrecklichen Kriegszeit lag uns im Ohr alles andere als solch friedlich jubellierende Töne. Statt Vogelgezwitscher das beängstigend dumpfe Dröhnen der Bombengeschwader, die über Hoaschd hinweg in Richtung Saarbrücken flogen, das Aufflatschen der neben uns einschlagenden Geschosse aus den knatternden Bordkanonen der Jabos und der krachende Einschlag der Granaten, die unsere Häuser zerstörten,  aber auch endlich den Krieg beendeten.
Und als die Trümmer beseitigt, die äußeren Schäden überwunden und wieder ein freieres Leben begann, da war das Erlebnisinteresse des inzwischen herangewachenen Jünglings weniger auf die einstigen Gesänge der kleinen Vögel gerichtet. Es verlockten die neuen Klänge der Musikkapellen, die im Kaiserhof und in der Germania zum Tanz aufspielten.

Eine direkte Wiederbegegnung mit der Nachtigall erfolgte erst Jahre später als ich, mit Inge frisch vermählt, auf unserer Hochzeitsreise im Mai 1959 beim Wildcampen durch Frankreich folgendes Erlebnis hatte:

Samstag, 23 Mai (1959)

Das war eine Nacht, wie sie nicht selten sein kann, Voller Freude haben wir gestern den schönen Platz an der Durance wahrgenommen und als Nachtlager ausgewählt, nachdem uns kurz vorher das Städchen Sisteron durch seinen stolzen Aufbau und seine Schönheit begeistert hatte. Wir speisten in der Dämmerung. Es war ein leichtes Mahl, das hauptsächlich aus frischen Erdbeeren bestand, die in dieser Gegend sehr billig sind. Dann gingen wir noch ein wenig an den Fluß mit dem reißenden grünlich-ockernen schimmernden Kalkwasser. Als wir uns zur Ruhe legten, fängt ganz in der Nähe eine Nachtigall zu singen an. Wer würde sich nicht über solch ein Abendlied freuen, er könnte noch so müde sein! Aber bald erhoben mehrere ihre Stimmen und zwar so laut und so nah, daß es, so lieblich es auch klingen mochte, uns nicht zur Ruhe kommen ließ. Und das Jubeln und Singen und Rollen und Drosseln und Schlagen wollte und wollte kein Ende nehmen.
Erst als wir im Morgengrauen aufbrachen, klang das Konzert langsam aus. –
Aber nun ist schon Mittag, und wir haben das schöne Land der Provence schon weit hinter uns…
Was ich mich damals nicht traute, im Tagebuch schriftlich einzugestehen, war die Tatsache, daß ich in dieser Nacht ein paar mal versucht hatte, die Vogelschar zum Schweigen zu bringen, indem ich wiederholt ein Stück Holz in den Busch des Orchsters warf; jedesmal  nach einer Weile jedoch ohne Erfolg.

Und es tut mir heute noch weh, damals diese erhabene „Feier der Natur“ so gewaltsam gestört zu haben, wenn auch die Tat besonders in einer Hochzeitsnacht mit plausiblem Grund verständlich erscheint.

Zur Rehabiltation dieses wundersamen und sonst keineswegs so aufdringlichen Geschöpfes sei zum Abschluß der Geschichte hier der Vogelhochzeit eine letzte Strophe von mir hinzugefügt:

Die Vogelhochzeit ist auch aus.
All Vögel fliegen jetzt nach Haus.
Der Uhu, der Uhu,
er macht  dezent die Läden zu.

Das Paar steigt nun ins Hochzeitsnest,
lauscht, ihrem Glücke zu Gefallen,
lauscht süßsanften Weisen allerbest,
es klingt  zum süßen End vom Fest
das Hohelied der Nachtigallen.

Fallerie und fallerra!

Vogelhochzeit morgen

Alle Vögel sind nicht mehr da
alle sind für immer fort
aus verdorrtem Walde
fanden keine Würmer dort
Warte, warte, balde balde
Ist die Erd ´ne Halde.

rudi rall und rallala

Die Folge 8

wird ebenfalls von einem Außergewöhlichen unter den Gefiederten handeln, dessen Meisterhaftigkeit jedoch weniger auf seinem Gesang beruht, umso mehr auf einem ganz anderen Gebiet.

r.e.

 

 

 

 

 

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