6 – Der Sturzflug des Eichert

Nach dem Umzug von der Hofstraße zum Zollhaus war nun schon einige Zeit  vergangen. Unsere kleine Familie hatte sich gut eingelebt, mußte aber auch viel dazu tun, nicht nur, um die monatlich fällige Rate von der Hausschuld abzuleisten.
Und da Vaters Lohnstreifen, den er von Villeroy & Boch mit nach Hause brachte, fürs Leben beileibe nicht reichte, mußte auch in Feld, Wald und Flur sich umgesehen werden, was die Natur aus ihren jahreszeitlichen Gaben dazu steuern konnte.
Und da ich auch in dieser Sache dazu gehörte, machte ich draußen nicht nur die Augen auf wegen der schönen Gräser und Blumen, wegen der Schmetterlinge, der Vögel und der andern Waldestiere; ich war auch mit darauf bedacht, was sich an Eß- und Genießbarem anbieten könnte. So kannte ich mich in unserer neuen Gegend inzwischen, um Haus und Garten herum bis hoch hinauf auf Hoaschd, schon besser aus als in mancher Gasse drüben im Dorf.

Da hatte ich auch dabei zu sein, wenn es galt, für Geiß und Kaninchen an den Wald- und Feldrändern krauden ze gejn, , also frisches Futter zu rupfen; dabei sein, wenn Kieferndeppcher und Feierholz zu sammeln ist. So wurden auch schon im ersten Sommer und Herbst in den Lichtungen die reifen Himbeeren und Brombeeren gesammelt.

Was nun die Heidelbeeren betrifft, Heidelbeeren lieben Nadelwald. Daher hat es sie auf Hoaschd nicht gegeben. Um sie zu sammeln, dafür mußten wir rüber in den Kammerforst oder Losheimer Wald laufen…

Besonders stolz durfte ich vor meinen Eltern sein, als ich ganz oben auf einer Lichtung von Hoaschd einen großen hellen Fleck entdeckte. Dort standen ganz dicht nebeneinander diese kleinen Pilze, die zu deutsch Pfifferlinge heißen und von uns Rehläppcher, die Ohrläppchen des Reh, genannt werden. Mutter hatte sich sehr gefreut, als ich  ein Körbchen voll davon mit nach Hause brachte.

Unnötig,  nochmal zu sagen, daß ich meine Leidenschaft für die Pflanzen und noch viel mehr für die Tiere nicht allein aus purem Profit fürs Überleben einer armen Familie gewonnen habe! Wir waren kaum umgezogen, da bin ich schon draußen gestanden, habe hinauf auf den großen Wald geschaut und mich nicht mehr einkriegen können, als auf einmal ein ganzer Schwarm von diesen schwarzen Rabenvögeln über mich hergeflogen ist.
Doch, genau so wie zu den Raben, so hatte ich auch ein besonderes Verhältnis zu den andern Tieren entwickelt; ein tiefes Verhältnis, genau so herzhaft, wie drüben im Dorf zu den Kindern aus dem Kindergarten.

Und dann ist da dann noch der Eicherd dazu gekommen.

Wenn man sich gut anstellt, kann man ganz nahe an ein solch lustiges Kätzchen heran, wenn es, ob am Boden oder auf einem Ast, eine Nuß oder eine Eiche zwischen den Vordertatzen hat und eifrig daran knabbert.
Die Eicherten, diese niedlichen Tierchen zeigen sich weit weniger scheu als alle anderen Waldtiere. Und ihre bekannte Zutraulichkeit hatte sich Vater dann auf recht eigene Weise zu Nutze gemacht.
Ich weiß nicht, wie er es geschafft hatte, so ein junges Eichkätzchen mit nach Hause zu bringen und vollkommen zahm zu machen.
Ich kann mich aber gut daran erinnern, wie Vater den Eichert derart erzogen hatte, daß das Tier zu seinem ständigen Begleiter geworden ist. Sogar, wenn Vater ins Dorf musste, hat er den jungen Eichert in seiner Westentasche mitgenommen.

Und was hat diese Geschichte nun direkt mit den  Raben zu tun?

Was wir wissen, so ist der Eichert nicht nur jenes niedliche Tierchen, das von den Waldspaziergängern so geliebt wird; er ist zwar klein von Gestalt, gehört aber auch zu den Räubern des Waldes. Und davon konnte eines Tages ein stolzes Rabenpaar ganz oben auf Hoaschd eine böse Erfahrung machen.
Nun weiß man ja, daß unter den Leuten vom Lande der Rabe schon seit je her als ein besonders schlaues und angepasstes Tier gegolten hat. Du brauchst ja nur zu schauen, wie sie sich untereinander verhalten. Mal sieht man sie im großen Schwarm, mal allein, mal in kleineren Gruppen. Und in der Brutzeit, da sieht man den Raben öfter auch als Paar in Aktion.

So war es auch ein packendes Erlebnis, wie ich als Junge einmal habe beobachten können, zu was ein Rabenpaar zusammen imstande sein kann.

Es war wieder Frühjahr auf Hoarschd, und ich hielt mich gerade in der Nähe des großen Überhangs auf, mit dessen mächtiger Felskante die Schichtstufe obenauf in das flachere Gelände  übergeht.
Das Gekreische eines aufgeregten Raben hatte meinen Blick nach oben gelenkt. In der Krone einer hohen Eiche war ein Rabenpaar dabei, sein Nest zu bauen. Und da ich fast jeden Tag an der Stelle vorbeikam, hatte ich gut den Fortschritt und die Vollendung der luftigen Behausung mitbekommen.
Etwas später, es musste schon das Gelege im Nest gewesen sein, da habe ich also gesehen, wie ein rothaariges Eichhörnchen sich hoch in die Baumkrone bis in die Nähe des Nestes geschafft hatte, ganz offensichtlich, um die Rabeneier zu klauen. Die Rabenmutter ist ein paar mal von ihrem Brutsitz aufgeflogen, um den Eindringling zu vertreiben.
Aber so ein Eicherd, der lässt sich nicht ohne weiteres abwimmeln; immer wieder versucht er, ans Nest zu kommen. Wie dann der Rabenvater vom Futterholen zurückkommt, da passiert etwas, das man kaum glauben kann:
Von nun an hat das Rabenpaar zusammen die Verfolgung des Nesträubers aufgenommen. Sie müssen ihn einmal sogar mit ihrem Schnabel getroffen haben, denn der Eichert, der bis dahin es immer wieder versucht hatte, ist dann über die Baumkronen hinweg ausgerissen.
Doch die beiden Raben geben sich nicht damit zufrieden, den Räuber vertrieben zu haben; sie sind ihm konsequent auf der Spur geblieben. Zuerst bleibt es dem Verfolgten leicht,  davon zu kommen, denn da oben auf der Felskante von Hoaschd, da stehen die Eichen so dicht, was für eine sprunggewaltige Eichkatze keine Aufgabe ist, von Ast zu Ast, von Gipfel zu Gipfel, von Baum zu Baum zu springen, als würde sie fliegen wie ein Vogel. Doch ihre Verfolger wollen nicht locker lassen, sind auf der Höhe geblieben und treiben nun das gehetzte Tier immer weiter in die Flucht, so weit, dass es nicht mehr zurückkommen soll.

So ist also die Jagd weiter gegangen bis dahin, wo der Baumbestand der Eichen immer lichter wird. Und da ist dann der Eichert gezwungen, zu einem mächtigen Sprung anzusetzen, um den nächsten Baum zu erreichen, der jetzt schon viel weiter weg steht.
Bei dem mächtigen Satz sieht dann die lang gedehnte Bewegung des in Not geratenen Tier wirklich so aus, als würde er fliegen: die Beine, der ganze Körper und der Schwanz, alles ist in einer extremen Überstreckung, in einem mächtigen Bogen, als wäre jegliche Schwerkraft aufgehoben.
Doch der Riesensatz konnte den Sprunggewaltigen nicht mehr retten. Der eine Rabe ist schon voraus geflogen, hat den großen Sprung geahnt und gerade im höchsten Flugbogen dem flüchtigen Räuber mit seinem Schnabel einen derartigen Kopfhieb versetzt, dass dieser senkrecht durch die Luft trudelt und wie ein Stück Holz auf den Boden fällt.

Als ich nur wenige Momente später die Stelle erreiche, wo es aufgeschlagen ist, da hat das Tier schon nicht mehr gelebt.

Jetzt, und jetzt hier, von unserm Alterssitz aus mit weitem Blick über den SWR hinaus zu den dunklen Fichtenhängen des nordbadischen Schwarzwaldes, da erhalten Inge und ich von den räuberischen, für uns aber recht zutraulichen Eicherten inzwischen häufiger Besuch als von den einheimischen Mitbewohnern.

In der nächsten Geschichte werden wir weiter bei den Gefiederten bleiben, bei denen, die uns mit ihrem Gesang erfreuen.

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