5 – Eine Rabenfeder im Haar

Der kleine Junge vom Zollhaus hatte sich also schon bald nicht mehr damit begnügt, nur von der Haustreppe aus den nahen Waldrand hinauf zu schauen, wo unter den hohen Eichen um die Fronleichnamszeit der wilde Ginster in voller goldener Blühte stand.
Auf seinen ersten Ausflügen hinauf auf Hoaschd ist Vater noch mit gegangen. Das war ihm so recht. De Papp, selbst ein Naturmensch, der kannte sich in Wald und Feld aus, der verstand so viel davon und konnte dem Jungen erklären.

Vom nächsten Frühjahr an traute der sich dann auch mal allein hinaus ins Freie und hinauf, über den Hang in den Bergwald hinein.  Und häufig hörte und sah er in der Stille des Waldes Rehe, Hasen, Eichhörnchen und die wilden Vögel.
Und so konnten diese Spazier- und Entdeckungsgänge doch so etwas wie einen Ersatz schaffen, nicht mehr so häufig mit den Spielkameraden im Dorf zusammen zu sein; es war kein Ersatz, über die erste Zeit hinweg eher eine neu entdeckte Leidenschaft.

Über den Sommer hat sich dann unser Leben in der neuen Heimat, wie auf einer Waage,  zwischen den beiden Welten, zwischen dem äan ´d Dörref  gejhn und dem off Hoaschd stromern doch ziemlich ausbalanciert.
Innen im Erdgeschoß vom Zollhaus ist unsere Wohnung einigermaßend hergerichtet, und draußen der wird von den Franzosen ziemlich verwahrlost zurückgelassene Garten von den ausgetrockneten und verdorbenen Pflanzen gesäubert. Vater hat schon damit angefangen, den ganzen großen Garten mit dem Spaten umzugraben. Er will bis zu Winter damit fertig sein und meint dazu:
„Da kann seich de Böddem bes zum Frejjoahr goad ausroùhen.“

Der Herbst war bei meinen Leuten, neben Mammas Haushalt und Papas Arbeit auf der Fabrik ganz ausgefüllt von der Erntezeit.
Das Korn war längst schon geschnitten, am Maschinneschopp gedroschen und die Frucht zum Müller gebracht. Jetzt mußten die Kartoffeln in Hontel ausgemacht werden, auf dem Reisberg die Äpfel, die Zwetschen und Birnen gepflückt und in den Keller eingelagert.

Ich war mit knapp fünf noch zu klein, um schon mit anpacken zu können; aber dabei  gewesen war ich die meiste Zeit. Das ist nie langweilig, denn alle Landarbeit die wird in der Großfamilie meiner Eltern immer von allen, den Onkeln und Tanten und mit allen zusammen erledigt, und wir Kinder sind dann immer dabei.
Spannend war, wenn beim Koschder die Trierer Holzäpfel zum späteren Viez gekeltert wurden. Den ersten Schluck vom süßen Most, den hatten dann wir Kinder zu trinken bekommen.

Mein ejschden Ausflug off Hoaschd
Als dann nach dem ersten Winter ums Zollhaus herum dann endlich das Frühjahr kam, da durfte ich schon allein über die Felder bis zum Anfang von Hoaschd spazieren gehen.
Mutter war zunächst strickt dagegen. Erstmal sah ich beide sich streiten:
„Das Kind ist doch noch viel zu klein; was kann da oben, so ganz allein, doch alles passieren!“

Vater sagte dann zu mir:
„Tust aber gut bei jedem Schritt aufpassen. Und geh nicht so tief in den Wald hinein, du gehst nur bis zum Rand.“

Schließlich durfte ich ziehen. Und von da an habe ich dann auch die wilden Tiere sehen können, die es eben im Wald zu entdecken gibt, die Raben über mir, die Hasen im Moos und Gras und die Rehe, mitten in einer großen Lichtung.
Ich konnte zuschaun, wie die zutraulichen Eichhörnchen auf den Bäumen rauf und runter krabbelten.

Einmal fand ich auf dem Nadelboden zwei kleine Vogelsfederchen,  zwei weiß-blau gestreifte Federchen. Als ich sie dann daheim stolz dem Vater zeigte, erklärte er mir, daß sie von dem seitlichen Gefieder einer „Gäädsch“, stammen. Die Gäädschen, daß seien Vögel, die gerne Eicheln fressen und daher auf deutsch auch Eichelhäher heißen.
Je mehr ich seit dem extra darauf achtete, um so mehr Vogelsfedern habe ich im Wald gefunden, auch Federn vom Raben, von der wilden Taube und dem Bussard.
In der Zeit hatte ich häufig eine oder zwei von diesen Federn zwischen den Haaren stecken. Aber wenn wir ins Dorf gingen, mußte ich die vorher auf Geheiß von Mutter herausnehmen.

Selten war unser größter Vogel, der Habicht, zu sehen; umso zahlreicher drehten die Bussarde hoch oben über den Mäuselöchern auf den Roggenfeldern ihre Kreise. Und es gab oft einen dunklen Fleck am Himmel; das war, wenn über Hoaschd die Raben aufstiegen.
Diese schwarzen Vögel hatten es mir besonders angetan. Immer zählte ich nach, ob es vielleicht sieben Stück waren. Denn das Märchen von den sieben Raben war unter denen, die mir Mutter erzählte, dasjenige, das mich am meisten gepackt hatte.

Zum Märchen: Die sieben Raben

Die vielen Dinge, die jetzt meine Tage erfüllen, die leben auch abends in meinem Bett noch nach dem Nachtgebet weiter auf; aber jedesmal bin dann gleich danach und umso fester doch eingeschlafen.

In der folgenden Geschichte sind auch wieder die Raben die Protagonisten. Es wird von einem besonderen Erlebnis des Knaben erzählt, wobei an einem späteren Frühling ein Rabenpaar mit einem Eichhörnchen aneinander geraten ist.

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