12 – Ameisen, die fleißigen Tierchen vom Horstwald

Vom dritten Umzugsjahr an ist mein Vater nur noch selten mit mir auf Hoaschd hochgestiegen. Die Fabrik, das neue Haus, der große Garten und die paar Stücke Landwirtschaft, alles noch nebenher und arbeitsreich, ließen ihm kaum noch andere Zeit. Aber zu bestimmten Terminen hat er sich doch, und zwar pünktlich, mit mir oder ganz allein nach oben begeben.

Das eine war zur Rehläppcherszeit.
Wir hatten ganz oben unter der großen Felskante eine ziemlich große und feste Stelle  entdeckt, auf der die golden leuchtenden und hinterher so wohl schmeckenden kleinen Pfifferlinge sehr dicht und alljährlich regelmäßig wuchsen. Kam zu der Zeit ein Nachbar zufällig bei uns im Haus zu Besuch, wenn wir gerade das Pilzgericht mit Rehläppcher auf dem Tisch hatten, hüteten wir uns, ihre Herkunft zu verraten.

Das zweite war immer kurz vor Weihnachten. wenn ein Chreschdbaam her mußte.
Zur damaligen Zeit galt es noch unter den Brotdorfer Männern als geheime Ehrensache, den Christbaum selbst im Wald zu schlagen, also  zu klauen. Und aus der Sache hatte Vater sich nicht ausgeschlossen.
Als ich ihn Jahre später einmal danach kritisch fragte, meinte er, er hole nur kleine, die unter den Eichen sowieso eingingen:
„Eich höllen joo nur dej  klään Bäämcher, dej seich enner den Äächen verierd hun; dej geengen döö mäad der Zeit joo soùwejsoù selwer äagejhn!“

Ein Haufen, für sie so hoch wie ein Hochhaus
Und das dritte war die Sache mit den leeren Flaschen. Darüber soll hier ausführlicher die Rede sein:
All diese „festen Termine“ konnte Vater auch sehr gut einhalten, weil uns auf Hoaschd außer der Tierwelt zu bestimmten Zeiten so gut wie niemand begegnete. Es gab nur einen einzigen Weg, unten am Saum entlang, der dann am Ostrand den Steilhang hinauf bis zur Hochweide oben am Alpdrauf führte.
Und da der ganze Wald selbst nicht wirtschaftlich genutzt wurde, waren wir beide also hier mit der Natur allein.

An einem schönen Herbsttag führte er mich mit bis ganz hinüber bis an den Nordrand des Waldes, dorthin, wo nicht mehr die Eichen dominierten, sondern dicht stehende Fichten. Bis dahin, und so weit vom Haus weg, hatte ich mich all die Zeit noch allein nicht gewagt. Wir waren ja schon fast in Bachem. Es war ein samtiges Gefühl über den weichen Nadelboden zu schreiten.
An einem großen Ameisenhaufen hält Vater plötzlich an.
„Gib acht , wo du hintrittst!“

Und weil ich ihn so fragend angeschaut habe, sagt er gleich danach:
„Hast du schon mal die Hand in einen Ameisenhaufen gehalten?“

Und wie ich ihn ein zweites Mal fragend ansehe, erklärt er mir:
„Die Ameisen, sie können nicht nur beißen. Wenn sie angegriffen werden, dann spritzen sie einen giftig, beißenden Saft aus. Die Leute sagen auch, sie pinkeln. Und daher heißen die Tierchen bei uns auch Säächômessen.“

Von einer Pinkelameise gebissen
Bevor ich nun endlich  den Zweck erkläre, der meinen Vater so weit bis zu diesem mächtigen Ameisenhaufen geführt hatte, will ich zunächst ein weiteres Erlebnis schildern, das ich kurz darauf drüben auf dem Ruudeknopp beim Heidelbeerpflücken zusammen mir der Kusine Rosemarie gehabt hatte:

– Bist du schon einmal von einer Ameise gebissen worden?
– Von einer Wespe ja, aber von einer Ameise?
– Mir ist das beim Heidelbeerenpflücken passiert.
– Wie das denn, es wachsen doch keine  Heidelbeeren  auf einem Ameisenhaufen!
– Das nicht etwa; aber die kleinen Tierchen, die sind auch versessen auf  Obstsaft.
– Jetzt mußt mir du aber erst mal weiß machen, wie soll denn solch ein Insekt an Heidelbeersaft kommen? Erzähl mal!
– Also, das war so:
Wir waren auf dem Ruudeknopp am Pflücken. Ich hatte meinen Pflückschoppen nur für zwei Minuten abgestellt, weil ich mal hinter den Baum gehen mußte. Nochmal zurück, da hatte sich vom vielen Zusammendrücken auf dem Boden des Schoppens eine Saftschicht abgesetzt. Und weil ich so durstig war, hatte ich den kleinen Schulck gierig runter getrunken. Und in dem Moment verspüre ich auf einmal einen erschreckend schmerzhaften Stich im Mund, also innen an der Lippe.
Zuerst habe ich gemeint, eine Angel von einer Wespe erwischt zu haben; aber wie ich in den leeren Schopp rein schaue, da krabbelt dort eine kleine Ameise.
Kaum zu glauben, daß  solch kleine Viecher von gerade mal einem halben Zentimeter so heftig zubeißen können. Aber schon nach zwei Minuten war der Schmerz wieder verflogen.

Tiere für die Medizin gequält
Jetzt sind wir wieder mit Vater auf Hoaschd, ganz hinten direkt vor dem großen Ameisenhaufen. Da packt er gerade die beiden leeren Flaschen aus und sticht sie mit der Öffnung tief mitten in den Haufen hinein.
„Pabba, was machst du denn da?“
„Keine Angst, ich tue den Tierchen nicht weh.“

Inzwischen ist in dem großen Ameisenstaat der Teufel los. Eine regelrechte Panik ist ausgebrochen. Alles rennt hin und her, alles krabbelt über- und untereinander!
Aber erst recht muß ich mich jetzt das fragen und ihm sagen:
„Wenn du die Flaschen so tief in den Haufen hineinsteckst, dann tust du denen sicherlich weh! Sonst würden sie doch nicht so ängstlich und aufgeregt sein. Und ihr schönes Haus, das doch von über Tausenden mühsam und über eine sehr lange Zeit aufgebaut wurde, das hast du mit einem einzigen Stoß kaputt gemacht.“
„Das haben sie, wenn die Flaschen wieder draußen sind, schnell wieder repariert.“
„Und dennoch muß ich dich fragen, wofür du überhaupt deren Saft gebrauchen kannst?“
„Oh, diese Ameisensäure kann man viel und bei allerlei Sachen gut gebrauchen. Damit kann ich men Werkzeug  gut sauber halten und damit es nicht rostet. Deine Mutter benutzt es auch im Haushalt; es kann verderbliche Eßwaare desinfizieren und sie haltbar machen.  Es ist auch eine gute Medizin, zum Beispiel gegen Rheuma, und die Warzen gehen damit weg!“

Als ich älter wurde und jedesmal darüber nachdachte, wenn Vater wieder, wie so viele andere Männer vom Dorf, seine Flaschen zum Füllen in den Ameisenwald trug; ob doch nicht diese so schwer erworbene Flüssigkeit in erster Linie bei der Schnapsherstellung Verwendung gefunden hatte.
In meinen ängstlichen Fragen von damals muß also schon ein gehöriger Vorwurf gegenüber diesem fragwürdigen Brauch der damaligen Erwachsenen mitgeschwungen haben. Wenn man einen in ihren Augen so riesigen, so übermächtigen Gegenstand mitten in ein solches wunderbares Naturwerk hineinstößt, muß jedes kleine Lebewesen da drin so erschüttert sein, als wäre ein Meteorit aus dem Weltall hineingestoßen.

Als ich älter wurde und jedesmal darüber nachdachte, wenn Vater wieder, wie so viele andere Männer vom Dorf, seine Flaschen zum Füllen in den Ameisenwald trug, ob doch nicht diese so schwer erworbene Flüssigkeit in erster Linie bei der Schnapsherstellung Verwendung gefunden hatte.
In meinen ängstlichen Fragen von damals muß also schon ein gehöriger Vorwurf gegenüber diesem fragwürdigen Brauch der damaligen Erwachsenen mitgeschwungen haben. Wenn man einen in ihren Augen so riesigen, so übermächtigen Gegenstand mitten in ein solches wunderbares Naturwerk hineinstößt, muß jedes kleine Lebewesen da drin so erschüttert sein, als wäre ein Meteorit aus dem Weltall hineingestoßen.

Ameisenbau im Querschnitt, um einen Wurzelstock gebaut

Da fragt sich, ob der persönliche Gewinn diesen rohen Akt überhaupt lohnt und rechtfertigt; damals tat er es vielleicht, aber heute auf keinen Fall!
Ameisensäure ist industriell in großen Mengen leicht reproduzierbar. Da bleibt zu hoffen, daß der alte ländliche Brauch, dafür die Tierwelt zu piesacken, längst ausgestorben ist.
Den fragwürdigen Brauch mit der umständlichen Gewinnung von Ameisensäure mag es heute wohl nicht mehr geben; aber diese fleißigen Tierchen sind dennoch vielfachen Verfolgungen ausgesetzt.
Unter dem Begriff des lästigen und störenden „Ungeziefers“ werden unsere Insekten auch heute noch weiter gepiesackt und vernichtet.

„Die Ameise und die Zikade“, Allegorie für Arbeitsmoral, Fleiß und Geiz
Seit Menschen in Gesellschaften zusammen leben, haben sie sich zwangsläufig mit dem Leben der Ameisen eifrig auseinander gesetzt. Vordringlich geht es dabei zunächst um ihren Nutzen und Schaden. Aber von Anfang an ist dieses erstaunliche Insekt auch ein durchgehendes Thema in fast allen Bereichen der menschlichen Kulturgeschichte.
Die sprichwörtlich gewordene Vorbildlichkeit der Ameise ist auch in der Literatur vielfältig thematisiert, ist aber auch in anderen Wissenschaftszweigen zum Gegenstand von Moralphilosophie und Gesellschaftssoziologie geworden.
Seit der griechische Dichter Aesop vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren neben vielen andern Fabeln die Allegorie Die Ameise und die Heuschrecke´ publizierte gilt er als der Begründer der gesamten europäischen Fabeldichtung. Aesops Fabel von der Ameise als leuchtendes Vorbild für Fleiß, Vorsorge und Arbeitsmoral findet sich bereits sehr früh in zahlreichen mittelhochdeutschen Übersetzungen.
Nahezu gleich große Verbreitung findet auch die Fabel des französischen Klassiker Jean de La Fontaine in die deutsche Literatur.

La cigale et la fourmie
La Cigale, ayant chanté
 tout l’été,
Se trouva fort dépourvue
Quand la bise fut venue :
Pas un seul petit morceau
De mouche ou de vermisseau.
Elle alla crier famine
Chez la Fourmi sa voisine,
La priant de lui prêter
Quelque grain pour subsister
Jusqu’à la saison nouvelle.
« Je vous paierai, lui dit-elle,
Avant l’août, foi d’animal,
Intérêt et principal. »
La Fourmi n’est pas prêteuse :
C’est là son moindre défaut.
« Que faisiez-vous au temps chaud ?
Dit-elle à cette emprunteuse.
— Nuit et jour à tout venant
Je chantais, ne vous déplaise.
— Vous chantiez ? J’en suis fort aise.
Eh bien ! Dansez maintenant.

Jean de La Fontaine

Und hier geht es zur moselfränkischen und hochdeutschen Übersetzung:
De Zikade un de Säächomes