10 – Wie aus mir ein Hasenbauernbub wurde

 

Häschen in der Grube
saß und schlief.
Armes Häslein, bist du krank,
dass du nicht mehr hüpfen kannst?        Häschen hüpf!
Häslein in der Grube
nickt und weint.
Doktor komm geschwind herbei
und verschreibe ihm Arnzei.
Häschen schluck!
Häslein in der Grube
hüpft und springt.
Häschen bist du schon kuriert?
Hui das rennt und galoppiert!
Häschen hopp!

(Friedrich Fröbel 1840)

Kaum, dass uns die Schwalben, die Starmätze und die andern Zugvögel wieder verlassen haben, da stellt sich auch hier draußen ums Zollhaus herum gleich die kühlere Jahreszeit ein. Schon ist der Herbst vor der Tür, unser erster Herbst hier unterm Fuß von Hoaschd.
Die Erlebnisse mit den Schwalben, ihr munteres Treiben den Sommer über, dann ihre auffällige Art der Abreise, ihr Fortfliegen mit der Zuversicht, immer wieder heimzukehren, all das hat in mir schon früh eine Art Fernweh erweckt und – Nils Holgerson gleich –  die Sehnsucht, mitfliegen zu können in solch große Höhen, in solche Weiten ferner Gegenden und fremder Länder…

Doch hier bei uns, jetzt am Ende eines verregneten, einsamen Abends sollte Vater mir noch eine sehr große Freude bereiten. Ich dürfte wohl Tränen in den Augen gehabt haben, als er, aus dem Dorf zurück, auf mich zu kam und mir aus einer Schuhschachtel heraus ein kleines silberblaues Häschen in die Arme reichte.

Das erste lebendige Wesen in meinen Händen!

Möglich, daß ich als Baby ein Kuschelbärchen in der Wiege liegen und gestreichelt hatte; aber doch kein lebendiges Tier! Habe seitdem auch schon einige Tiere recht lebendig kennen gelernt; habe den Bussard über Hoaschd aufsteigen sehen und das Rabenpaar seine Brut verteidigen; habe die Nachtigall im Gebüsch jubilieren und die Schwalben auf dem Draht batscheln hören; aber ein Häschen so ganz bei mir, direkt in meiner Hand und an meiner Wange, was für ein Glück!

Es fühlt sich gut an, warm und zart, scheint ganz zahm, läßt sich ungeniert streicheln. Vater erklärt, es sei kein wildes Tierchen aus dem Hoaschdwald, sondern ein junges Kaninchen, daß nun bei uns bleiben wird. Ich werde es also „mei Heessin“ nennen und freue mich darauf, mit ihm zusammen zu leben.
Noch kein Gedanke daran, daß so ein Tierchen auch Arbeit macht und Pflichten mit sich bringt, die bald darauf besonders mich betreffen sollten.

Die erste Zeit dann durfte „mei Heessin“ bei uns in der Wohnung bleiben; aber einige Zeit danach sollte ich erfahren, daß es keineswegs Vaters Absicht war, seinem kleinen Jungen lediglich die Gesellschaft eines Schmusetierchens zu verschaffen…
Noch vor der Winter hereinbrach, war für „Heessin“ ein größerer Kaninchenkasten errichtet worden. Der wurde vorerst unten in der Waschküche aufgestellt. Und das war dann schließlich im Zollhaus die Keimzelle, der Anfang einer größeren Stallhasenzucht.

Es muß vorausgeschickt werden, für die jungen Eheleute, Bergesch Lisa und Liescher Schwotzen, stand beim Ankauf des Zollhauses von vorne herein fest, daß die Kosten für Lebenshaltung und laufende Schuldentilgung keineswegs durch den denkbar niedrigen Arbeitslohns meines Vaters bei Villeroy & Boch gedeckt werden konnten.
Die beiden müssen sich vorab auf eine äußerst sparsame Lebensweise geeinigt haben. Bei jeder Anschaffung, mußte jeder Pfennig erst zweimal umgedreht werden. Zudem sollte die mittlere Etage vermietet und zusätzliche Nebeneinkünfte beschafft werden.

Als also schon bald nach dem Umzug mit „Heessin“ der Aufbau einer eigenen Kaninchenzucht begonnen wurde und in der Folge ein Schwein, eine Geiß und etliche Hühner dazu kamen, so waren damit die ersten Schritte zu einer partiellen Selbstversorgung geschaffen und auch die baulichen Maßnahmen inbegriffen, das stattliche Wohn- und Verwaltungsgebäude ehemaliger französischer Regierungbeamte in das Kleingehöft eines Geißenbauern umzuwandeln.

Daudeschdeln fräaßen Kaneincher gäa
Und wie es damals bedenkenlos allgemein üblich war, die Kinder so früh wie möglich an der Haus- und Hofarbeit zu beteiligen, so wurde es meine erste künftige Aufgabe, für des Hasens Wohlsein zu sorgen, es zu füttern und sauber zu halten.
Als erstes schenkte ich ihm mein „Höösekischdchin“, das harte Brotkürstchen aus der Kindergartenbutterbrotdose. Und, solang draußen in der Herbstsonne die Natur noch wucherte, versorgte ich ed Heessin reichlich mit frischem Grünfutter. Froh war ich jedes mal, wenn ich eine Staude mit Daudeschdeln“ gefunden hatte.
Hasen und Kaninchen, die mögen den Bettsäächer, den Löwenzahn also recht gern; aber die Daudeschdel, auf deutsch auch `Gänsedistel´ oder `Milchdistel´ genannt, ist für die Langlöffler eine extra Delikatesse. Doch, als es dann kälter wurde, da mußte sich Heesin mit dem Stroh von Hontel und dem Heu vom Reisberg begnügen.

So ging dann der Winter dahin…

Jetzt im neuen Frühjahr ist dann ed Heessin aus der dunklen Waschküche nach draußen gekommen. Der neue Hasenstall, den Vater mit Onkel Heinrich zusammen erbaut hatte, der stand jetzt hinten, am Gartenzaun in der Ecke zu Hontel hin.  Und so konnte ich mein Hösendejerchin auch immer vom Küchenfester aus sehen.
Ich war dann auch dabei, als „Heessin“, inzwischen deutlich heran gewachsen, zum Decken bei den Rammler gebracht wurde. Und ich war von nun an auch jeden Tag dabei, als das hochträchtige Tier begann, sich Haare aus dem Fell zu zupfen und damit in der Ecke des Kastens ein flaumiges Nest baute; war dann auch zugegen, als eines frühen Morgens darin sieben klitze kleine Würmer lagen, noch blind und gänzlich rötlich nackt. Vater holte mich sogar mit heran, als er jedes einzelne der sieben Neugeborenen in die Hand nahm, auf ihren Rücken legte, um mit einem bestimmten Griff ihr Geschlecht festzustellen. Die Weibchen sollten später von den Männchen getrennt und in eigene Kästen umgesetzt werden, die einen zur Mast, die andern zur Nachzucht.

Damit war auch für mich, den eigentlichen Besitzer klar: Diese Maßnahme von Vater war also der Anfang unserer eigenen Kaninchenzucht.

So sehr sich der Knabe auf das unerwartete Geschenk eines lebendigen Tierchen anfangs gefreut hatte; so sehr er es von sich aus liebevoll pflegen, sich auch mit ihm vergnügen konnte, um so mehr mußte sich in der Folgezeit sein bisheriges Verhältnis zu der heimischen Tierwelt grundsätzlich ändern.
Aus dem kleinen Schmusehäschen mußte ein Nutztier, ein Muttertier und schließlich ein Schlachttier werden. Und so werden ihm weitere liebe Tiere folgen, ebenso als Haus- und schließlich als Schlachttiere. Und auch diese werden in ihrer relativ kurzen Lebenszeit sehr lieb gewonnen, gepflegt und versorgt; letztlich jedoch den eigenen existentiellen Bedürfnissen ihrer Besitzer geopfert werden müssen.

Als ich viel später einmal Inge die Geschichte von „meim Heessin“ erzählte, auch, daß ich drei Tage, nachdem das Tier als Braten auf den Tisch kam, unter seelischen Schmerzen jegliche Nahrung verweigerte; da schilderte Inge, wie es ihr als kleines Mädchen ganz ähnlich ergangen war:
Ihr Großvater hatte kurz nach dem Krieg über alte Beziehungen ein junges Kaninchen ergattern können.
Es wurde bei den Rosenthals in der Stadtwohnung auf dem Balkon gehalten und von Inge gepflegt. Sie hatte das Tier so lieb gewonnen, daß ihre Seele nur mit einem Schock reagieren konnte, als sie eines Tages aus der Schule kam und entdecken mußte, daß ihr geliebtes Häschen geschlachtet auf einem Haken hing.

Inge sagte noch dazu, sie habe sich noch einige Zeit nach dem Weihnachtsfest strikte geweigert, ihr Geschenk, einen warmhaltenden Muff, anzunehmen, an dessen zartem Fellhaar sie glaubte, ihr Hässchen“ wiedererkannt zu haben.

Ein Junge namens  „Kaneinscherskaschden“
Als dann der unselige Krieg ins zweite und dritte Jahr ging, als selbst bei uns auf dem Lande die Not immer größer und die Lebensmittelkarten immer schmäler wurden, da hatte bei uns im Dorf wohl ein jeder seine eigene Kaninchenzucht. Und aus dieser Zeit ist mir noch eine unvergeßliche Erinnerung an folgendes, eher trauriges als lustiges Schulerlebnis geblieben.

In  meinem letzten Volksschuljahr hatten wir in Herrn A. einen Lehrer, dessen pädagogischer Impetus sich nahezu täglich auf die Exekution der Prügelstrafe konzentrierte. Auch bei wesentlich geringen Anlässen mußten sich die Mädchen vor seinem Pult auf den holprigen Holzboden knien und die Finger hinhalten. Für die Jungen hieß es dann: „Hoch aufs Roß!“. Der zu bestrafend Junge mußte sich dann der Länge nach auf die dafür ständig frei gehaltene Schulbank legen und die zischenden Schläge des Rohrstockes auf seinem Hintern  ertragen.

Am häufigsten traf es den Günter, einen Jungen aus der Klinkerstraße. Bei dem armen Kerl aus kinderreicher Familie da gab es immer etwas zu bemängeln.
Günter hatte diesmal beim Nachmittagsunterricht gefehlt und am folgenden Tag vergeblich geglaubt, sich vor dem „Roß“ retten zu können mit der Entschuldigung: „Eich hun meim Papp helfe missen, e Kaneincherskaschden ze bauen.“

Von diesem Morgen an wurde Günter von A. und folglich von den meisten Mitschlülerrn nicht mehr „Günter“, sondern nur noch „Kaneincherskaschden“ genannt und gehänselt.
Aus der Sicht des Lehrer war Günter in geistiger Hinsicht wohl ein „schwieriger Typ“. Günter hatte bei uns im 4. Schuljahr gesessen, war aber schon zweimal sitzengeblieben.

Ich hatte über die Zeit als Schüler hinaus in meiner Tätigkeit als Lehrer reichlich Erfahrungen über das sogenannte `Sitzenbleiberelend´ in unsern staatlichen Schulen gewinnen können. Sie beziehen sich nicht nur auf die teils erschütternden Folgen im Lebensschicksal der betreffenden Schüler, sondern vor allem auch auf die wahren und vermeintlichen Ursachen des Übels, die in nicht wenigene Fällen in der Unwissenheit, Unfähigkeit und/oder Bequemlichkeit von Kollegen zu suchen sind.

Dieses herrschaftliche `Ancien Regime´, der Teufelskreis von punitativer Überstrenge und Vernachlässigung traf hauptsächlich die Kinder der Ärmsten. Die waren nicht dumm und auch nicht faul, sondern einfach nur genötigt, vor und nach der Schule zu Hause überall mit anzupacken, um die karge Existenz der Familie mit zu sichern. Wie sollten sie etwas von abendländischer Kultur und deutscher Bildung mitbekommen, wenn daheim kaum Verständnis, auch kein Ort, keine Ruhe und kaum Zeit für Hausaufgaben war und in der Schule ein Tyrann wütete, der nur draufprügelte und sich bildungsdidaktisch fast ausschließlich mit den sogenannten guten Schülern beschäftigte.

Nun, Günter hatte zu der Zeit neben mir in der Bank gesessen, und ich habe den Jungen als grundehrlich näher kennengelernt. Während A. diesmal mit besonderem Eifer zum Steinerweichen auf den Jungen einschlug,  mußte Günter wohl besonders an jenem Tag auf dem „Roß“ das Bewußtsein gehabt haben, ungerecht bestraft worden zu sein. Denn während er sonst beim Zurückgehen auf seinen Platz immer nur leise vor sich hin wimmerte, beteuerte er diesmal ganz deutlich:
„Dat low soan eich meim Pappen!“

Aber die Lehrer von damals, die hatten in dieser Hinsicht kaum etwas von unsern Vätern zu befürchten. Niemand von uns Kindern hätte es gewagt, zu Hause zu erzählen, man sei vom Lehrer gründlich verprügelt worden. Denn man hätte als Folge noch mit einer zusätzlichen elterlichen Bestrafung rechnen müssen. Auch heute noch nehme ich dem Jungen aus der Klinkerstraße diese aufrichtige Äußerung ab, er sei an jenem Schulnachmittag tatsächlich von seinem Vater angehalten gewesen, sich am Bau eines Kaninchenstalles zu beteiligen.

Und während also Günter in der Klinkerstraße mithelfen mußte, die familiären Lebensbedingungen zu verbessen, hatten wir anderen zu der Zeit, – wie aus meinem Deutschheft ersichtlich – bei Lehrer A. ein Diktat zu schreiben unter der Überschrift: „Wie helfe ich den Krieg gewinnen.“

(zum Vergrößern: auf Bild klicken)

 

 

Heesin äan der Pann
ed geffd gebroad,
weil d´n Honger so gruuß
sein lecker Hämmchi
äas fier oas all e Genuss
Heesin äan der Pann
moss sterwen,
weil de Leit soù ärm
sei Fell als Muff
häld de Fenger wärm
Heesin äan der ewig Gruub
Dau schlejfschd nemmej
un de beschd nemmej krank,
ohne Fell dein Haut soù blank;
dat äas der Menschen Dank!

 

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