Zu Ostern – Raspeljungen und Zicklein

Jeder sonnt sich heute so gern. Box moselfrä
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

(Goethe, Osterspaziergang, in Faust I)

Ostersonntag

Bei uns daheim war das mit dem Osterspaziergang nicht anders.
Aber werktags hatte man auf den Straßen und Wegen, die aus dem Dorf auf die Felder und in den Wald führten, nur die Fuhrwerke von den Kuh- und Pferdebauern gesehen. Und da konnte man nur die Leute antreffen, die dort etwas zu schaffen hatten.
Aber auf denselben Wegen, da haben sich die Leute nicht nur Ostern, doch auch an anderen Sonn- und Feiertagen schon mal spazieren zu gehen.
Am Ostermorgen, da hatte unsere Familie auch ihren Osterspaziergang gemacht. Wir sind hinüber bis in den Wald vom Ruudeknopp gewandert, und dabei hatten wir Kinder im Moos und hinter den Christbäumchen die Ostereier zu suchen.

Und so, wie wir Kinder auf die Ostereier erpischt waren, so hatten sich die Großen an Ostern auf den Sonntagsbraten vom Zickelfleisch gefreut. Und davon soll auch die folgende Geschichte erzählen, die bei uns im Dorf passiert ist, als meine Mutter noch ein Mädchen war:

Gründonnerstag

Aber vorher muß noch von etwas die Rede sein, was während der drei Kartage vor dem Ostersonntag geschieht. Denn von Gründonnerstag an sind die Glocken still. Sie läuten nicht mehr, weil sie mit den Menschen um den Tod Christi trauern.
Das ist dann die Zeit der Raspeljungen. Zu meiner Zeit waren das die Meßdiener. Die hängen dann ihre hölzerne Raspel um die Schulter und gehen durch die Straßen und Gassen und drehen kräftig die Kurbel ihres Krachapparates, so kräftig, dass es richtig laut kläppert, so laut, dass es an den Wänden der Häuser wie ein Echo zurückkommt.
Das geschieht dann anstelle des Läutens, um die Leute zur Messe oder zur Andacht zu rufen. Und dabei wird dann jedes Mal das Passende dazu ausgerufen. Eine halbe Stunde vor der Messe rufen wir:
-„Es läutet erst! – Es läutet erst!“
Und eine Viertel Stunde danach heißt es dann:
-„Es läutet zuhauf! – Es läutet zuhauf!“

Wir waren beim Raspeln immer recht eifrig dabei; haben unsern Dienst gern gemacht und waren immer heiter gestimmt dazu. Kein Wunder! Denn am Karsamstag Abend, wenn zum letzen Mal geraspelt war, dann hatten wir den großen Korb unterm Arm und sind von Haus zu Haus gegangen und haben zum Lohn für unsern Eifer die Ostereier eingesammelt, die man uns in jedem Haushalt geboten hatte. Das war ja nicht nur für das Osterraspeln allein; das Geschenk war unsere Anerkennung für das Messediene das ganze Jahr über.

Karsamstag

Also, mit dem Karsamstag, da geht auch die lange und entbehrliche Fastenzeit zu Ende. Zu meiner Zeit. Da ist das Fastengebot noch streng von Groß und Klein eingehalten worden. So wie freitags überhaupt, so ist auch in der ganzen Fastenzeit kein Fleisch gegessen worden. Endlich war dann nach Karsamstag die lange Fastenzeit vorbei! Man konnte sich wieder richtig satt essen. Und so war das auch in der Familie von dem Geißenbauer, dem Guckeisen Pitter, der Fall.
Man muß wissen, schon zu meiner Jungenzeit, da waren die Dörfer im Kreis Merzig schon keine reinen Bauerndörfer mehr. Das Land war immer mehr unter den Kindern aufgeteilt worden, der einzelne Hof ist immer kleiner geworden, die dicken Pferdebauern und auch die kleineren Kuhbauern wurden immer weniger; dafür hat die Zahl der sogenannten Geißenbauern immer mehr zugenommen. Die hatten kaum noch eigenes Land, hatten eine oder zwei Geißen gehalten, fier die die Kinder auf dem Anrain der Felder der anderen Bauern haben krauden gehen müssen. Das, was der Vater vom `Schindanger` bei Villeroy&Boch in Merzig oder Mettlach, wo er bis zu 16 Stunden am Tag schuften musste, nach Hause brachte, reichte nicht zum Leben und nicht zum Sterben.
Mein Großvater von der Bergerseite, der war noch ein Kuhbauer; mein Lischaopa, und später dann mein Vater auch, die waren nur noch Geißenbauern.
Und so kam die Frühjahrszeit stets gerade recht, wo doch schon in der Karwoche in jedem Haushalt eines der neugeborenen Zickelchen geschlachtet wurde, die die Geißenmutter zwei drei Wochen vorher geworfen hatte. Un der größte Hochgenuß auf der Speisekarte einer solchen Geißenbauernfamilie, das war, wenn zu Ostersonntag das frische Zickelsfleisch als Festbraten auf den Mittagstisch kam.

Also, auch der Guckeisen Pitter hatte an diesem Frühjahr sein Zickelchen geschlachtet. Karfreitag hatte Marei, seine Frau, die Schenkelchen für das Festessen schon vorgebraten. Wenn man bedenkt, dass man in der Fastenzeit vierzig Tage lang kein Fleisch mehr gegessen hatte, dann kann man sich vorstellen, wie alle nach diesem zarten und flutschigen Fleisch vom kleinen Geißlein geschmachtet hatten.

Jetzt muß man ja wissen, dass in einer katholischen Gemeinde die eigentliche Fastenzeit nur bis Gründonnerstag dauert und dann das so genannte Osterfasten anfängt und erst am Ostersonntagmorgen vorbei ist.

Und so ist dann bei den Guckeisen am Karsamstagabend die ganze Familie mit der Vorfreude auf das Osterfest und auf das Zickelchen ins Bett gegangen. Mitten in der Nacht, da ist die Marei auf einmal wach geworden, weil etwas in der Küche gerappelt hatte. Sie steht auf, um nachzuschauen und sieht, wie der Pitter den Topf mit dem Zickel auf den Tisch gestellt hatte, jetzt eines der Schenkelchen in der Hand hält, und gerade dabei ist, feste in den kalten Braten hinein zu beißen.
– „JessesMarjaJusebtta!“, ruft die Frau, „Aber Pitter, wie kommst du denn dazu, mitten in der Nacht ans Zickelchen zu gehen; kannst du nicht bis morgen warten?“
– „Oh, Marei, versteh´ mich doch! Ich hab´ es nicht mehr ausgehalten; für einen armen Mann will es halt nicht Tag werden!“

© Rudolf Engel
für Monika, die diese Zeit noch als Kind gerade so mitbekommen hatte; aber nur bei Opa Willi und Oma Lisa zu Besuch.

 ⇒ zur moselfränkischen Version

 

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