Karfreitag und der Ritter Maledix vom Litermont

Frühjahr 1938Box moselfrä

Während der ganzen Fastenzeit, die zu jener Zeit bei uns daheim wie im ganzen Dorf, so streng es ging, strikte eingehalten wurde, hatte ich dem großen Kirchenfest mit Spannung entgegen gefiebert. War ich doch gerade erst in die Gemeinschaft der Meßdiener von Maria Magdalena aufgenommen worden und sollte am Ostersonntag in der Dreiherrenmesse des Hochamts zum ersten Mal als „Stufendiener“ eingesetzt werden. Zudem war über diese Zeit hinweg Pastor Peter Josef Klein schließlich mit Erfolg bemüht, meine Eltern zu überzeugen, dass ihr siebenjähriger Sohn als das jüngste Pfarreimitglied an der von Pius XII propagierten Frühkommunion teilnahm. Und so war  zum feierlichen Abschluß dieser Osterzeit meine Erstkommunion in der Tat ein Weißer Sonntag, denn am Morgen des 24. April 1938 war die ganze Gemeinde mit 25 cm Neuschnee bedeckt.

Noch bevor wir im Frühjahr 1938 in die Osterferien geschickt wurden, hatten wir im zweiten Schuljahr das Geheimnis von der Auferstehung Christi durchgenommen. Zuvor war auch über die Karwoche gesprochen worden, und als der Karfreitag dran kam, da erzählte unser Fräulein Motsch in diesem Zusammenhang in der Heimatkunde die packende Geschichte vom Litermont und dem Ritter Maldix. Mich hatte diese spannende Geschichte damals sehr gepackt; der Art, daß sie mir mein Lebtag im Gedächtnis lebendig blieb.
Und so ist es dann zusammen gekommen, daß ich ein paar Jahre später just an einem solchen Karfreitag mit meinem Freund Wagner Willi mit dem Fahrrad ins Haustatter Tal gefahren war und wir quasi nebenbei auch den Litermont bestiegen.
Die Sache war einerseits höchst erfreulich, hatte sich zum Schluß aber auch mit einer schweren seelischen Belastung vermischt, die ebenfalls bis heute an mir hängen blieb.

Von dem Ritter Maldix von Litermont

Wenn du von uns aus den Hargarter Berg überquerst und hinunter ins Haustadter Tal kommst, hinter Honzrath nach Düppenweiler abbiegst, dann siehst du im Osten, wie dort aus uralter erdgeschichtlicher Zeit hoch über dem Ort der stolze Vulkanberg Litermont  das ganze Tal überragt.

Einst wurde die Burg dort oben auf dem wilden, inzwischen stark verklüfteten Vulkanstock von dem Ritter Maldix von Litermont und seiner Mutter Margarete bewohnt. Maledix oder Maledix, das heißt so viel wie „der Schlechtgenante“.
Der Ritter war überall bekannt als ein wilder Jäger und ein ebenso wüster Zecher. Das wollte die fromme Mutter Margarete gar nicht leiden. Sie konnte auf den jungen Adelsmann schimpfen wie sie nur wollte; alle ihre Ermahnungen waren umsonst. Einmal sogar, als Maldix wieder einmal in den Gemächern der Burg besonders schlimm tobte und fluchte, soll Margarete durch einen, nur ihr bekannten, unterirdischen Gang vom Litermont zu ihrem frommen und braven Sohn auf die Siersburg geflohen sein.
An jenem Karfreitag aber, in den frühen Morgenstunden, noch vor Sonnenaufgang, als Margarete sich zur Andacht begab, da ist der Maldix, ausgerechnet an diesem heiligsten Feiertag, mit seinen lasterhaften Spießgesellen auf eine wilde Treibjagd im Nalbacher Herrenwald gegangen. Nichts, erst recht nicht der innige Wunsch seiner Mutter, die auch noch eine schlimme Vorahnung hatte, konnte ihn davon aufhalten.

Und als die Jagd im vollen Gange war, da pirschten seine Leute einen großen Hirschen auf, der vom Geweih bis zu den Hufen, vom Äser bis zum Schwanz weiß war wie Schnee. Maldix hetzte den weißen Hirsch durch den ganzen Nalbacher Wald bis hinauf auf den Litermont. Und dabei soll er wie ein Gotteslästerer ausgerufen haben:
„Meine liebe Mutter,
heute stirbt der Herr für dich,
und dieser Hirsch, der stirbt für mich!“

Aber als sein Pferd vor einer steil abfallenden Felsklippe scheute, da stürzte Maldix in seinem verblendeten Jagdrausch mit einem grässlichen Gebrüll in eine tiefe Schlucht, seither „Teufelschlucht“ genannt, und kam so grausam zu Tode. Mit zerschlagenen Gliedern fanden ihn die Jagdgesellen in seinem Blut. Der geheimnisvolle Hirsch aber war verschwunden.
Man sagt, mit dem Fluch der Gotteslästerung auf den Lippen hätte sich der überhebliche Kerl nicht nur in die tiefe Schlucht, sondern auch auf den Grund der Hölle gestürzt.

Wie unser Fräulein uns in der Heimatkunde auch erzählte, so ist es dem stolzen Pfalzgraf Hubertus im Gegensatz zu Maledix ganz anders ergangen. Dem Hubertus hatte sich auf der Jagd auch ein prächtiger Hirsch entgegenstellt. Als der Graf sah, wie zwischen dem Geweih des Wildtieres, so mitten auf der Stirn ein hell glänzendes Kruzifix ihm entgegenblitzte, wurde dieser derart ergriffen und sogleich zur inneren Umkehr bewegt. Und zwar derart, dass er erst Einsiedler, später Bischof und schließlich sogar heilig gesprochen wurde.

Aber, wenn man sich heute, noch in unserer Zeit auf den Litermont aufmacht, dann kann man in so manch tosendem Sturmwind, besondern in einer rauhen Karwochennacht, noch deutlich den verdammten Geist vom Maldix dazwischen hören, begleitet von verwehtem Hundegebell, vom Peitschenknall, dem Halali und Hörnerklang, kann sehen wie Pferdehufen unheimlich Funken versprühen, wenn sie vom Litermont herunter durch die Wälder brausen.

Karfreitagmorgen 1944, der 7. April

Wie schon am Anfang der Geschichte erwähnt, hat mich unser Karfreitasausflug auf den Litermont bis heute auch ziemlich belastet, weil unsere Fahrt mit dem Fahrrad damals kein glückliches Ende fand.

Noch zweimal schlafen, und dann haben wir in diesem Jahr die strengste Fastenzeit unseres Lebens hinter uns. Nicht freiwillig, viel mehr notgedrungen, weil es sowieso kaum noch etwas zu essen gibt. Morgen, also Karsamstag, wenn die Glocken nach zwölf von Rom zurück sind, dann werden wir Raspeljungen im Dorf rund gehen, bei den Leuten an die Haustüren klopfen. Dann werden wir jedes Mal unsern Spruch aufsagen:
„Hat der Hahn gelegt?“;
ob wir aber überall ein Ei bekommen oder sogar zwei, das ist dieses Jahr recht fraglich.

Mutter hat dich heute in aller Früh nach Beckingen zu Onkel Schosef und Tant´ Dilliah geschickt. Sie haben für Ostern ein Zickel geschlachtet, und jetzt wollen sie uns ein Vorder- und Hinterbeinchen abgeben.
Hab Willi gefragt, ob er mitfahren will, mit den Fahrrädern natürlich. Er sagt zu, aber nur, wenn wir nicht den direkten Weg an der Saar entlang, sondern die Route über den Hargarter Berg ins Haustatter Tal nehmen.

Einverstanden, und ob!

Aber am Berg müssen wir einige Male absteigen; so langgezogen und gleichmäßig aufsteigend, so schwer hätten wir es uns nicht vorgestellt. Noch steiler geht es dann hinunter in dieses Dorf, das wie in einer großen Schüssel ruht.
Am Ortsschild fallen mir die Flugblätter ein, die jetzt nachts von den englischen und amerikanischen Flugzeugen abgeworfen werden, zusammen mit den silbrigen Staniolstreifen.
Die Silberstreifen sollen beim Herunterrieseln die Funkgeräte der deutschen Flak stören, damit die Bomber nicht so leicht geortet werden können.
Auf einigen der Flugblättern soll nach Auskunft unseres Jungscharführers gestanden haben:
„Hargarten im Loch, wir finden dich doch!“

Honzrath passiert; Willi kommt auf die Idee, einen Abstecher zum Litermont zu machen. Auch er erinnert sich noch an Fräulein Motsch´s Erzählung vom Ritter Maldix.
Die Räder bleiben unten; wir steigen zügig hoch.
Auf der Höhe, direkt unterm Kreuz, welch herrlicher Rundblick! Von der einstigen Burg nichts erkennbar, nur noch geringe Mauerreste, von Moos und Graswasen überwuchert, und gerade noch hier und da einzelne Spuren der ehemaligen Wallgräben. Es muß wohl bald nach dem Tod des Ritters ein schlimmer Fluch über der Burg gelastet haben, denn, so heißt es weiter, schon bald darauf sei das ganze Anwesen zerstört worden…

Mich packen böse Ahnungen beim Abstieg; wir haben uns zu lange hier oben aufgehalten; Mutter wird böse sein, wenn wir viel zu spät heim kommen!
In Beckingen beeile ich mich, gleich das Geschenk in Empfang zu nehmen und ganz kurz zu danken. Dann eilig zurück, der kürzere und leichtere Heimweg durchs Saartal.

Aber was dann kommt, du ahnst nicht, was uns auf unsern Drahteseln geritten hat, noch einmal fier längere Zeit anzuhalten!

In Merzig wollen wir nur kurz verschnaufen, den letzten Schluck aus der Feldflasche trinken. Und wie wir dort so schräg gegenüber vom Regler auf der Bank sitzen, hoch schauen, da sehen wir auf der anderen Seite vorm Scalatheather ein Kinoplakat, das die Leute einlädt, sich den Film „Schrammelmusik“ anzusehen. Wie es der Teufel will, auf einmal sitzen wir beide im Kinosaal und sehen und hören, wie die Wiener Schrammeln so schön spielen.

Und daheim, …

verflogen auf einmal alle Freude über das Zickelfleisch für Ostern; doch, was viel schlimmer lastet: Mutter sagt kein einziges Wort. (Sie denkt vielleicht nicht einmal: „Wenn Vater jetzt Vater nicht in Russland, sondern hier wäre, würde er den Gürtel los machen!“)

Also kein böses Wort von ihr; aber leichenblass ihr Gesicht, und ihre Augen füllen sich mit Tränen…

Zu ihren Lebzeiten und noch lange danach hör ich ihr stumm gebliebenes Weheklagen, ein Klagen über den ungezogenen Knaben, nicht etwa dafür, dass sie sich wegen unseres viel zu langen Ausbleibens Sorge machen musste; ihr Kummer erwuchs einzig und allein daraus,  dass an dem Tag, an dem unser Herr für uns am Kreuz leiden mußte, ihr einziger Sohn es unterstanden hatte, sich an Karfreitag im Kino zu vergnügen.

© Rudolf Engel, 2016

 

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