Lehenausrufen

Box moselfräWenn es ein typisches Merkmal gibt, dass als markantes Kennzeichen meine Heimatgemeinde Brotdorf auszeichnet, dann sind es zwei alte Bräuche, die alljährlich festlich begangen werden, ed Freeschefeschd und ed Lejhnenausroofen.

Lehnenausroofen – alter Brauch und neues Fest

Schaut man also übers Jahr hinweg, was es im Leben unserer Gemeinde noch an Ereignissen gibt, die allen Anstrengungen der Verstädterung zum Trotz noch ein Stück dörflich kultureller Eigenart bewahren, dann ist in dieser Hinsicht besonders das Brotdorfer Lehenausrofen zu nennen.

Alljährlich zum Beginn der Faschingszeit konstituiert sich aus dem jeweiligen Jahrgang der 18jährigen jungen Männer ein Komitee, das die Durchführung des Lehenausrufens und des abschließenden Lehnenballs organisiert. Jeder der unverheirateten Jungen und Männer wird öffentlich aufgerufen und (in der Regel per Los) mit einem der ebenfalls unverheirateten Mädchen und Frauen zu einem Paar verkuppelt. Das Lehenpärchen ist damit quasi verpflichtet, die folgenden Festlichkeiten der Faschingszeit, vor allem den abschließenden Lehnenball gemeinsam zu feiern. Dafür ist auch eine ganz bestimmte Wirkungsstätte festgesetzt, wo die kommunale Zeremonie alljährlich stattfindet, nämlich auf dem Feldflur  in den Breechkaulen. Das ist die Stätte, wo früher der Hanf und das Lein gebrochen wurden und zwar – so heißt es in der Brotdorfer Bildchronik –  in Gemeinschaftgarbeit von Jungen und Mädchen.

Ich frage mich, ob ein ursächlicher Zusammenhang besteht zwischen dem Hanf- und Leinbrechen einerseits und dem Brauch des Lehenausrufen andererseits. Hatten einst beide zusammen als eine Art Eheanbahnungsinstitut fungiert? Ein erstes Indiz für die Annahme eines solchen Zusammenhangs ergibt sich aus der Tatsache, dass man bei dem späteren Wiederaufleben des Lehenbrauchs eben diese Breechkaulen als Ereignisort wieder ausgewählt hatte.

Zur Einleitung des festlichen Brauches wird nach Einbruch der Dunkelheit von der Steilkante des Reisberges hinab ein brennendes Wagenrad ins Tal herunterrollen gelassen. Inzwischen haben sich die beiden Hälften des „Lehenkomitees“ auf je einem der beiden Hügel etabliert, die hinter dem „Eisbuar“ in der „Kaltnackich“ aufragen. Nahezu das ganze Dorf ist herbei geströmt, staut sich in den Breechkaulen, die zwischen den beiden „Feldherrnhügeln“ liegen und lauscht gespannt, wie das Los die Lehen verteilt. In der einen Komiteegruppe ruft dann ein Junge ins Sprachrohr:

„Eich gäan, eich gäan!“

Und von der andern Kuppe ruft ein anderer zurück:

„Gäaf wemm de welscht!“

Dann zieht der erste aus einem Hut, einen der Zettel hervor, auf denen die Namen aller unverheirateten Burschen aus dem Dorf aufgeschrieben sind. Auf dem andern Hügel wird dann ein Los aus dem Hut mit allen unverheirateten Mädchen gezogen. Dann werden die beiden gelosten Namen verlesen. Wir haben das erste Lehenpaar! Und so wird weiter verlost bis alle Lehen ausgerufen sind.

Es gibt dann am Wochenend vor Faschingssonntag den Lehnenball, zu dem jeder Junggeselle seine Lehen auszuführen hat. Die Lehnsbraut  hat als Gegenleistung dem Lehnspartner eine riesengroße Bretzel aus süßem Teig zu backen. Diese Brezel wird mit auf den Lehnenball im Kaiserhof genommen und dort gemeinsam verspeist.

Historische Wurzeln

Über den historischen Ursprung des Lehenausrufens kursieren recht unterschiedliche Auffassungen. Jedenfalls reichen, einigen Quellen zufolge, die geschichtlichen Anfänge dieses in Mitteleuropa verbreiteten Brauches bis in die kultischen Festivitäten der Kelten in vorchristliche Zeit zurück.

Nach Jakob Zewe ist das Lehenausrufen auf den altgermanischen Brautlauf zurückzuführen, bei dem vom Heerführer ein junges Mädchen einem Krieger als Gefährtin zuerkannt wurde.

Karl Conrath berichtet, dass gelegentlich während des Truppenaushebens im Mittelalter beim Einberufen der unverheirateten Burschen, deren Bräute mit aufgerufen wurden und damit beide als öffentlich verlobt galten.

Und Heinrich Nießen verweist darauf, daß bereits im 12. Jahrhundert der Brauch bestand, dass jemand, dem es schwer fiel, sich dem weiblichen Geschlecht zu nähern, dass der sich dann von seinem Fürsten oder Ortsherren auf ein Jahr eine Braut zu Lehen zuweisen ließ.

An manchen Orten in Deutschland war das Lehenausrufen an das Datum der Walpurgisnacht gebunden. Das zeugt davon, dass dieser Brauch auch mit der Hexenzauberei des Mittelalters in Zusammenhang gebracht wurde. Als solcher wurde er dann auch vielerorts durch die kirchlichen Verordnungen oder die weltlichen Magistrate verboten.

Verbot und Neuanfang im zeitgeschichtlichen Dokument

Die Anfänge des Lehenausrufens als altes überliefertes Brauchtum speziell in Brotdorf sind nicht mehr exakt zu ermitteln. Es gibt jedoch Dokumente, dass dieses kulturelle Frühjahrsereignis noch im 19 Jahrhundert in unserer Gemeinde regelmäßig gepflegt wurde, jedenfalls, bis die Preußen kamen.

Durch eine rigorose Verordnung offiziell verboten, damit aber nur vorläufig beendet, wurde der schöne Brauch zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Merziger Bürgermeister E. Thiel, der sich auch in verschiedenen anderen „sittlichen Angelegenheiten“ mit Übereifer und preußischer Strenge in den Weg stellte, wie Gustav Regler in seiner Biographie Das Ohr des Malchus einghend berichtet.

Umso erfreulicher war dann der mit lebensfrohen Enthusiasmus gefeierte Neuanfang von 1946. Die Älteren im Dorf erinnern sich noch mit Stolz darauf:   Kaum dass der schrecklichste aller Kriege endlich ein Ende gefunden hatte, daß die Flüchtlinge aus der letzten Evakuierung unter großen Opfern wieder zurückgekehrt, aber die Überlebenden aus dem Schlachtfeld noch in Kriegsgefangenschaft verweilten und die Schäden an den Häusern und Straßen noch längst nicht ganz beseitigt waren, da setzte im Tal des Seffersbaches wieder neues Leben ein.

Diese Zeit der dorfkulturellen Wiederbelebung meines Heimatortes unmittelbar nach dem II. Weltkrieg ist von mir sehr bewusst erlebt worden. Sie war neben den gewaltigen Anstrengungen im Wiederaufbau gleichermaßen gekennzeichnet durch jenen verstärkten Drang, sich den Freuden des Lebens innerhalb der neu formierten Dorfgemeinschaft wieder vermehrt zuzuwenden. Aus dieser Sehnsucht heraus ist auch die Initiative erklärbar, bereits im ersten Frühjahr nach Kriegsende den alten Brauch des Lehenausrufens wieder ins Leben zu rufen.

 2014 – ein bedauernswerter Ausblick

 Soeben erreicht uns die Nachricht von zu Hause, dass es dieses Jahr in Brotdorf kein Lehenausrufen mehr geben wird. Dies erstaunt umso mehr, wo doch ringsherum immer mehr Ortschaften diese alte kulturelle Sitte erst jetzt neu aufnehmen!

Was ist der Grund des Verzichts? Ist es ein Zeichen fortschreitender Verstädterung, Eventübersättigung; sind es moralische Bedenken, die das Verleihen von Menschen als nicht mehr zeitgemäß, das öffentliche Verkuppeln zu Liebespärchen mit dem Gedanken von Emanzipation und Eigenständigkeit als unvereinbar erscheinen lassen?

Derartige Argumente erscheinen recht plausibel; jedoch ist auch jeder Verlust an dorfkulturellen Reminiszenzen recht  bedauerlich.

© Rudolf Engel 2014

⇒ zur moselfränkischen Version

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