Eine Dreiherrenmesse für unsere Sau

Box moselfrä „Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen,

die Hasen hatten abgerammelt,…“

nur Amalie wollte nicht so recht!

 Der Frieder und das Kättschin, das waren zwei liebe armselige Leutchen, die im „Enneschden Ecken“, gleich am Franzenbach ihr Häuschen hatten.

Jetzt, da sie alt sind, schlagen sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Mit der erbärmlichen Invalidenrente, die Frieder von V&B (Villeroy & Boch) bezieht, seit dem er an den Terracottapressen den rechten Arm verlor, wird es immer am Ende vom Monat ziemlich knapp mit den Penunzen. Kättchin hilft ab und zu bei den Schönstattschwestern aus, zum Beispiel in der Woche vor einem der großen Kirchenfeiertagen, wenn viel Grünzeug und Blumen gebraucht werden, um die beiden Nebenaltäre zu schmücken. Aber dafür gibt es außer dem Kreuz auf der Stirn vom Daumen des Pastors nur ein ganz schmales Trinkgeld.

Und mit der Landwirtschaft, damit ist es auch nicht mehrweit her. Seit die Kinder aus dem Haus und weit weg fortgezogen sind, haben sie die Kühe verkauft, haben nur noch eine Geiß im Stall für etwas Milch, ein Schwein für den Schinken und dann noch Amalie.

Amalie, das ist ihre Prachtsau; die haben sie jetzt schon gut zehn Jahre im Stall. Die hegen und pflegen, bürsten, striegeln und streicheln sie; und die haben sie sogar gern, als wäre es ihr eigenes Kind. Das ist deshalb, weil Amalie Jahr für Jahr ihre fünfzehn bis zwanzig Ferkelchen wirft. Denn der Hauptverdienst des Jahres, den haben Kättchin und Frieder, wenn sie die hutzelich kleinen Wutzjer auf dem Viehmarkt in Merzig zum Verkauf anbieten. Und weil es also Amalie, die treue und zuverlässige Sau in ihrem Stall gibt, können die beiden sich über ihre alten Tage eben gerade so durchschlagen.  Das alles ist eine gute zeitlang so gegangen, bis eines Morgens, als Kättchin in den Stall kam, um das Vieh zu füttern und Amalie nicht mehr wie immer mit der Schnute schnuffelte, um das Frauchen zu begrüßen. Viel mehr muss Kättchin zu ihrem Schreck feststellen, wie die Sau flach auf dem Stroh liegt und alle Viere von sich streckt. Voller Angst hat die arme Frau den ganzen Tag über versucht, das Tier zu hegen und zu pflegen; aber ihre Amalie wollte nicht mehr aufstehen. Auch die nächsten Tage hat das Vieh nichts mehr zu sich genommen und sich nicht mehr gerührt.

Der Tierarzt ist gerufen worden, hat die Sau gründlich untersucht, hat eine Arznei verschrieben, konnte aber nicht finden, was ihr wirklich fehlt. Sogar die Krankenschwester, die ab und zu nach den zwei Alten nachschauen kommt, konnte die Ursache für Amalies Leiden nicht feststellen.

Und Kättchin hat alles, was möglich war, versucht. Wie nach ein paar Tagen die Arznei des Doktors immer noch nicht anschlagen will, probiert sie es sogar mit kalten und warmen Umschlägen. Aber nichts will helfen. Wie dann nach einer weiteren Woche das Tier immer noch auf der Seite lag, nichts gefressen und sich nicht mehr gerührt hatte, und wie dann der Frieder in der Nacht noch ein letztes Mal nach ihr schaute und als er zurück in die Schlafstube kam den Kopf schüttelte, da hat seine Frau in ihrer Verzweiflung gesagt:

–   „Frieder, da bleibt uns nichts anderes übrig, als nach Sankt Wendel zu wallfahren und dort eine Messe für unsere Sau zu bestellen!“

–   „Du hast sie nicht mehr alle! Eine Messe für ein Tier! Meinst, der Herrgott würde darauf horchen? Warum pilgerst du nicht sogar nach Trier zum Heiligen Rock?“

Jedenfalls hat Kättchin so lange ihren Mann bedrängt, bis der schließlich murrend doch einer Wallfahrt zustimmte.

Nun muss man wissen, für menschliche Angelegenheiten, da gehen die Leute aus dem Dorf schon einmal zu Fuß nach Trier und halten dort beim Herrgott um ein Wunder an; und so soll es früher auch Leute gegeben haben, die den Heiligen Wendelinus angefleht hatten, wenn etwas mit ihrem Viehzeug nicht in Ordnung war.

Von adliger, irisch-schottischer Herkunft soll Wendelinus im 6. Jahrhundert im Bistum Trier missionarisch tätig gewesen sein, zunächst aber als Schweinehirte bei einem fränkischen Gutsherrn gearbeitet haben. Dort hat Wendelinus den Viehbestand durch seine gute Hand in kurzer Zeit verdoppelt. Sein Herr richtete dem Schweinehirt auf seinem Weidegebiet eine kleine Einsiedelei ein, wohl dort, wo sich heute die Stadt St. Wendel befindet. In der folgenden Zeit entwickelte sich Wendelinus zum großen Helfer für die Landbevölkerung der ganzen Umgebung. Die Menschen hatten ihn bei allen Problemen mit ihrem Vieh um guten Rat gefragt und um Hilfe gebeten. Offenbar hat er in zahlreichen Fällen geholfen, und zwar in einer derart erstaunlichen Weise, die für viele Leute an ein Wunder grenzte oder als Wunder verstanden wurde.

Es muss noch angemerkt werden, dass die unerklärliche Krankheit von Amalie just in die Woche vor Pfingsten fiel. Also beschlossen die beiden, am Pfingstsamstag die Wallfahrt anzutreten und es so einzurichten, an Pfingstsonntag in Stankt Wendel für Amalie zu beten, sozusagen, die Festmesse dem kranken Tier zu weihen.

Also haben sich die beiden alten Leutchen in der Küche zusammengesetzt und sich über die Sache ausgesprochen. Weil der ganze Weg nach Sankt Wendel und wieder zurück viel zu lang wäre und dabei viel zu viel Zeit verloren ginge, beschlossen sie, bis nach Büschfeld mit der Kleinbahn zu fahren, womit sie dann mehr als den halben Weg sparen würden. Sie haben auch dafür gesorgt, dass in der Zwischenzeit die Nachbarsfrau, die Schweifanzen Suse, bei ihnen das Vieh versorgte und sich besonders um Amalie kümmern würde.

Und als dann der Samstag kam, da ist Kättchin schon in der halben Nacht aufgestanden, hat noch mal gründlich nach der Sau gesehen, hat der Geiß die Krippe mit Futter voll gestopft und dann den Frieder geweckt. Der wollte sich zuerst nicht beeilen, und wie dann Kättchin ihn so heftig drängelte, da hat Frieder schließlich gesagt:

–  „Wenn du wirklich meinst, dass es etwas nützt, dann müssen wir eben gehen!“

Sie schaut an ihn runter, mustert ihn gründlich und beginnt zu schimpfen:

–  „Du wirst dich doch nicht unterstehen, mit diesen alten Schlappen wegzugehen, so in die Stadt zu fahren und in die Messe zu gehen!“

Den ganzen Weg zu fuß, dafür hätten sie eine halbe Woche gebraucht; also haben sie beschlossen, bis Büschfeld mit der Glentsch, der Merzig-Büschelder Eisenbahn zu fahren und von dort aus zu Fuß bis Sankt Wendel zu pilgern. Für den Hinweg hatten die beiden schon vorher mit Heinrich aus der Hofstraße, dem Lokomotivführer, gesprochen, und der hat dem Schaffner bescheid gesagt, die beiden würden als Wallfahrer keine Fahrkarte brauchen.  Es ist noch nicht einmal am Morgendämmern als der Zug an diesem frühen Pfingstsamstagmorgen von Merzig herauf angestampft kommt, wie sie einsteigen und sich auf der Bank im leeren Abteil niederlassen. Dem Kättchin ist es gerade recht, dass um diese Zeit noch keine Leute in ihrem Abteil sind. Dann braucht sie sich auch nicht zu schämen, wenn sie jetzt schon den Rosenkranz zwischen die Finger holt und sofort anfängt, mit lauter Stimme zu beten:

„Gegrüßet seist du, Maria,
voll der Gnade,
…“

Natürlich wählt sie aus gegebenem Anlaß den Schmerzensreichen Rosenkranz, nicht den Glorreichen und erst recht nicht den Freudenreichen. Den werde sie beten, wenn sie von der Wallfahrt zurück sein werden und Amalie wieder munter auf ihren Beinen steht. Hier also, in der Einsamkeit des Zugabteils da vermischt sich der Wortlaut ihrer inbrünstigen Andacht mit dem monotonen Geknatter der Eisenbahnräder und ab und zu auch mit dem schrillen Pfiff der Lokomotive.

„und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes,
 Jesus,

der du für uns Blut geschwitzt hast…

der du für uns gegeißelt worden bist…

der du für uns mit Dornen gekrönt worden bist…

der du für uns das schwere Kreuz getragen hast…

der du für uns gekreuzigt worden bist.“

Während also Kättchin sich gleich in ihre Andacht vertieft, schaut Frieder gespannt wie ein kleiner Junge zum Fenster hinaus und sieht zu, wie das Seffersbachtal an ihm vorbeisaust. Obwohl er doch zumindest bis Losheim hinauf hier jede Wiese, jeden Graben, jeden Baum und seinen Standplatz gut kennt, kommt ihm der Anblick aus der vorbeieilenden Eisenbahn doch ziemlich verändert, sogar etwas merkwürdig vor.

Auf der Station in Bachem steigt auch keiner zu, noch haben sie das Abteil für sich allein. Besser besetzt sind um diese Zeit am frühen Morgen nur die Züge in umgekehrter Richtung, hinunter in die Stadt und auf die Fabrik von V&B. In Losheim kamen ein paar Leutchen dazu; die steigen aber in Nunkirchen wieder aus; so daß Kättchin auch auf diesem letzten Teil der Strecke ihren Rosenkranz ungestört weiter beten kann. Büschfeld: Endstation!

Die zwei Alten steigen aus und schauen sich um: Gegenüber liegt der Anschlussbahnhof der Staatsbahn. Aber die beiden wollen ja von hier aus zu Fuß nach Sankt Wendel.

Der Weg führt zunächst entlang der hier noch jungen Prims an dem Dorf Limbach vorbei und weiter in östlicher Richtung. – Jetzt sind sie schon gut zweieinhalb Stunden unterwegs, bis Scheuern wieder eine Stunde. Eigentlich wollten die beiden zu Mittag schon im Kloster zu Tholey sein; aber die Strecke bis dahin hat sich doch länger hingezogen. So haben sie sich, weil das Wetter auch gut mitspielt, an den Wegrand gesetzt und ihr mitgebrachtes Brot hier gegessen. Zwei gute Stunden später kommen sie endlich und ziemlich erschöpft und durstig im Kloster von Sankt Wendel an.

Die Dreiherrenmesse

Am andern Morgen, eben am Pfingstsonntagmorgen, will Frieder schon die Frühmesse nehmen, um nicht zu spät die Heimreise anzutreten. Aber Kättchin besteht auf dem Hochamt; das hätte die Amalie wohl verdient, zumal doch an diesem hohen Kirchenfest eine Dreiherrenmesse zelebriert wird. Es war wirklich ein recht feierliches und andächtiges Hochamt. Kättchin hat an diesem Pfingstsonntagmorgen ganz besonders laut mitgebetet; und der Frieder, der hat sogar die Kirchenlieder kräftig mitgesungen:

–  „Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein…!“

Mit dem Segen des Heiligen Wendelinus verlassen die beiden gleich danach die mit Fahnen festlich geschmückte Stadt und treten ihren Heimweg an. Sie sind auf dem Rückweg nunmehr mit mehr Zuversicht als auf dem Hinweg gegangen; dennoch, der Fußmarsch von Sankt Wendel nach Büschfeld war doch wieder ein weiter Weg.

Frieder sagte noch gleich zu Anfang:

–  “Wir müssen stramm durchgehen, sonst kriegen wir den letzten Zug der Kleinbahn nicht mehr und müssen uns in Büschfeld nach ´ner Unterkunft umsehen!“

Aber Kättchin macht doch schon gegen Mittag schlapp, ihre Schritte werden im kleiner, der Gang immer langsamer. Die beiden müssen jetzt öfters eine kurze Rast einlegen. Ihre Sorgen um Amalie, während der Feierlichkeit der Dreiherrenmesse fast ganz geschwunden, sie sind jetzt wieder da.  Dann auf einmal von hinten lustiger heller Gesang und ein Poltern von Wagenrädern: ein Pferdegespann beladen mit einer Schar junger Burschen. Der Wagen hält an, die heiteren Burschen nehmen die beiden mit, reichen zu Trinken und zu Essen und fragen neugierig wohin des Wegs. Es sind Gesellen des Konfelder Kolpingsvereins, auf der Rückfahrt von einem Pfingstausflug nach Tholey. Die Pferde traben munter weiter, die Gesellen singen auch munter weiter, und Kättchin erfasst wieder Zuversicht, jetzt erneut noch größer und freudiger als auf der Hinfahrt.

–  „Der liebe Gott hat unser Flehen angenommen!“

Aus der inneren Freude heraus beginnt sie wieder, jetzt hier bei diesen Jungen unterm Rock versteckt, den Rosenkranz zu beten. Es ist zum Dank für die göttliche Gnade, und daher jetzt die fünf Geheimnisse des Freudenreichen:

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus,

den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast.

den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast. —

den du, o Jungfrau, zu Bethlehem geboren hast. —

den du, o Jungfrau, im Tempel aufgeopfert hast. —

den du, o Jungfrau, im Tempel wieder gefunden hast. —

Auf der Rückfahrt waren viel mehr Leute im Zug, und der „Puup“ von Hausbach war der Schaffner. Den haben sie gut gekannt, weil sie ihm damals die Kuh für einen Apfel und ein Ei verkauft hatten, als die Kinder weggezogen waren. Und der Puup, der hat die beiden bei seiner Kontrolle einfach übersehen. Wie der Puup richtig geheißen hat, danach hatte von uns niemand gefragt; wie hatten den dicken Schaffner immer nur „de Puup“ genannt, warum, weiß keiner mehr.

Auf der Rückfahrt, da hat Kättchin den Rosenkranz auch unter der Schürze gehalten, damit die Leute es nicht sehen sollten. Nur auf den Stationen, da unterbrach sie ihr Gebet und versuchte, sich etwas zu beruhigen indem sie mit Friedel ein Gespräch anfing. Sie betonte immer, dass sie eine große Zuversicht besitzt, darüber, dass es mit der Amalie jetzt klappen würde. Aber der Frieder scheint nicht von derselben Meinung zu sein; der hat während der ganzen Fahrt kein einziges Mal den Mund aufgetan.

Daheim angekommen, sind sie schnell die Brecker Baach hochgegangen. Kättchin vorweg, zuerst in den Stall: Die Geiß ist dabei, den Rest Futter zu knabbern; das Schwein fängt an zu grunzen, wie es die Frau kommen sieht; nur Amalie,…was ist mit ihr?  Kättchin bückt sich, hält die Laterne tiefer.

Amalie liegt immer noch ausgestreckt auf der Seite und rührt sich nicht. Kättchin wird ganz bleich im Gesicht. Und da ist auch schon Frieder dazu gekommen.

–  „Oh lieber Frieder, schau doch mal, was ist denn das da nun? Sie rührt sich kein bisschen; schau doch mal nach!“

Frieder geht langsam auf das Vieh zu, kniet hin, hebt das Ohr des Schweins hoch, schaut ihm in das weit aufstehende Auge, steht auf, holt tief Luft und sagt zu Kättchin:

–    „An uns hat es nicht gelegen: zur Fuß von Büschfeld nach Sankt Wendel, am Wendelinusbrunnen und an der Wendelinkapelle vorbei und wieder zu Fuß zurück, den ganzen Weg den Rosenkranz gebetet. Oh, Katharina, ich hatte es dir ja schon gleich gesagt als wir in Sankt Wendel aus der Kirche kamen:

Die Dreiherrenmesse, die war zu stramm für unsere Sau!“

© Rudolf Engel 2014

⇒ zur moselfränkischen Version

 

 

 

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