Es ist Juli! Unsere Dorfkirmes, einst ein großes Familienfest

Es ist Juli !Box moselfrä

Was ist darüber schon zu sagen, außer, dass ich in diesem Monat geboren bin, dass die Tage länger sind als die Nacht und in der Zeit meistens die Sonne scheint. Was es sonst noch über diese Sommerzeit zu sagen gäbe, darüber könnte ich schon ein paar Sachen von früher erzählen, die alle im Juli geschehen sind.

In den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da war das für uns Kinder die schönste Zeit: Es war Sommer; und in der Schule hatten die Großen Ferien begonnen. Das hatte für uns Kinder geheißen: so oft wie möglich baden gehen.

Wenn du glaubst, dass zu unserer Zeit im Juli außer Ferien und Badengehen sonst nichts Nennenswertes geschehen wäre, dass in diesem Monat keine größeren Feste, wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, gefeiert wurden, dann hast du dir arg in den Finger geschnitten: Unter den Sommerfestchen überall im Kreis Merzig ragt neuerdings das Brotdorfer Freeschfeschd als ein besonderes Event heraus; aber den eigentlichen Höhepunkt des Jahres, wo damals mit Kind und Kegel das ganze Dorf auf den Beinen war und auch viele Leute von auswärts mitgemacht hatten, das war die Brotdorfer Kirmes.

Teil 1: Unsere Dorfkirmes, einst ein großes Familienfest

Unsere Pfarrkirsche ist Maria Magdalena, der Hure und Heilige des Neuen Testamentes, geweiht, und deren Patronatsfest wird immer am 22. Juli gefeiert. Und das ist also auch das Datum der Brotdorfer Kirmes. Was haben wir Kinder der Woche davor und den drei Tagen, Kirmessonntag, -montag und –Dienstag entgegengefiebert, wo doch im Dorf dann so viel los war wie sonst nicht das ganze Jahr über!

In den ersten Kriegsjahren hattes es die Brotdorfer Kirmes zwar noch weiter gegeben; sie ist aber wegen der Notzeit doch erbärmlich ausgefallen. Es hatte sich nicht nur die Anzahl der gebackenen Kuchen drastisch verringert; es blieben auch die Schausteller aus: keine Schießbuden mehr, kein Kettenkarussel, keine Schiffschaukel; auch der von mir so sehnlichst erwartete Spangenberger mit den Selbstfahrerautos nicht mehr.

In den Vorjahren war es für uns Kinder stets eine spannende Woche größter Vorfreude, wenn sich die ersten Kirmeswagen auf dem Dreschplatz beim Maschinneschopp einstellten. Weder familiäre noch schulische Hausaufgaben, keine Meßdienerstunde und kein Jungvolkdienst konnten uns in dieser Woche davon abhalten, unter den Kirmesleuten zu sein. Das, nicht nur um bei ihrem zigeunerartigen Leben und Treiben zuzuschauen, sondern auch beim spannenden Aufbau der Karussels, Schiffschaukeln, Schieß- und Losbuden mit anzupacken, überall dort, wo man uns ließ. Daß es dabei auch darum ging, ein paar Freikarten zu ergattern, war eigentlich Nebensache.

Bei diesem Engagement lernte ich schon zu meiner Grundschulzeit den gleichaltrigen Jungen Leo, den Sohn der Spangenberger kennen. Dessen Erscheinung hatte in zweifacher Hinsicht auf mich eingewirkt: einmal durch seine weltmännische Art, mit der er uns Jungen vom Dorf gegenüber auftrat, zum andern durch sein infolge einer Verbrennung völlig vernarbtes, aber sehr ausdrucksvolles Gesicht.  Als wir beide uns näher gekommen waren, fragte er mich, wie’s bei uns in der Schule sei, und da ich ihm den Unterricht von unserm Fräulein Motsch recht schmackhaft schilderte, da wäre er auch gerne dabei gewesen sein. Da aber unsere Kirmes just in die Zeit der Großen Ferien fällt, war dieser, Leos Wunsch nicht erfüllbar. Aber um ihm einen vielleicht ebenso großen Gefallen zu tun, bin ich eines Nachts auf die Idee für etwas ganz anderes gekommen.

Jedesmal, wenn wir Jungen vom Dorf auf dem Kirmesplatz waren und bei den Aufbauten mit anpackten, erkundigte sich Leo mit großem Eifer über das, was wir Dorfjungen das Jahr über so treiben, über unsere Spiele und immer wieder über die Schule…

In seinen mit Interesse vorgetragenen Fragen spürte ich wie sehr sich dieser Junge des fahrenden Gewerbes, das in der Saison jede Woche an einem andern Standort festmacht, nach einem regelmäßigen Schulbesuch und einer festen Kameradschaft unter Gleichaltrigen sehnte. Da hatte ich mir also im Bett etwas Passendes ausgedacht, und als ich es Leo am andern Tag vorschlug, zögerte er erst, willigte dann aber doch zustimmend ein.

Ich war in diesem Jahr gerade in die Messdienerschaft von Maria Magdalena eingetreten. Im ersten Dienstjahr ist man nur Stufendiener. Zum Altardiener, und zwar zunächst erst als Innendiener, konnte man nur avancieren, wenn man alle lateinischen Messgebete (introibo ad altare dei; etc) fließend auswendig konnte. Die Stufendiener wurden nur zu großen Festtagen eingesetzt und hatten dabei lediglich die Aufgabe, auf den zehn Stufen, die zum Altar hoch führen, nach einem Ordnungsschema von Pastor Greif, von uns genannt: Hanni, während der ganzen Messe regungslos, aber stramm aufrecht dort zu knieen.

An einem solch großen Feiertag wie dem Kirchweihfest gab es zum Sonntag als Hochamt immer eine Dreiherrenmesse mit dem ganzen Ornat. Das heißt: Bei einer Festmesse wird die gesamte Messdienerschaft aufgeboten, um nicht nur um den Altar herum, sondern auch auf den zehn Altarstufen mit ihren rot-weißen Festgewändern die Feierlichkeit des großen Kirchentages optisch zu untermalen.

Ich gehörte damals also zu den zwölf Stufendienern, und dabei hatte ich dann meine Idee realisiert. Da ich annahm, dass es weder in dem Tumult beim Ankleiden in der Sakristei noch während der Messe auffallen würde, wenn sich da ein fremder Junge unter die Stufendiener mischt, da hatte ich Wagner Willi gebeten, diesmal als Freund, den Dienst beim Hochamt zu schwänzen, sodaß Leo an seine Stelle neben mir einnehmen konnte. Noch in der Sakristei zögerte Leo; aber schon beim Aufmarsch unter all den andern in der langen Reihe, ist er ganz ruhig geworden. Und als wir auf den Stufen unseren Platz eingenommen hatten, da spürte ich seinen inneren Stolz, in einer solchen Festlichkeit in der adretten Messdienerkluft unter all den andern dabei zu sein. Und obwohl das lange Stillknien recht mühsam und anstrengend ist, war Leo, dem Schaustellersohn, das Glück von den leuchtenden Augen abzulesen!

Den Dreiherren am Altar ist während der ganzen Messe nicht aufgefallen, dass ein fremder Junge mit uns auf den Stufen diente, auch nicht einmal dem umsichtigen Schweizer. Doch als nach dem ite missa est die ganze Pfarrgemeinde das Großer-Gott-wir-loben-dich anstimmte und wir Meßdiener hinter dem Schweizer und den Fahnen, vor den drei Herren in feierlich schreitender Kolonne durch den langen Mittelgang aus der Kirche strebten, Leo direkt neben mir, da wussten es alle Gläubigen, die zufällig dem Kirmesjungen ins Gesicht geschaut hatten.

Schluß des 1. Teils

Wie es heute um die Kirmes in unserm Dorf bestellt ist, darüber berichtet Gerd Barbian folgendes in einem freundlichen Gruß vun dahaam:

Die Brottdroffer Kermes hat aktuell bei weitem nicht mehr die Bedeutung wie früher. Bis vor ein paar Jahren stand sie sogar auf der Kippe, d.h., dass so gut wie keine Schausteller mehr bereit waren, ihre Fahrgeschäfte in Brotdorf aufzubauen. Dafür gibt es wohl viele Gründe, u.a. auch, dass die Vergnügungsparks interessanter waren als eine Kirmes. Hinzu kommt, dass Brotdorf inzwischen mit den Neubaugebieten nicht mehr als echtes Dorf, sondern als Schlafstätte für Merzig gehalten wird.  In den letzten Jahren wurde  durch die Brotdorfer Vereinsgemeinschaft versucht, die Kirmes etwas zu reanimieren. Am Samstag wird mit einem Fassanstich und  Musik die Kirmes eröffnet. Der Sonntag mit den Schaustellern läuft „mittelmäßig“. Montags veranstaltet der Anglerverein sein Fischerfest mit Bierständen und Fischessen.

Fazit: Die Kirmes, wie sie einmal war, mit Familienbesuch usw. gibt es nicht mehr.Box moselfrä

© Rudolf Engel 2014

 

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