Der Merchinger Hammelstanz

Ein Kirmesbrauch

Merchingen feiert seine Agatha-Kirmes am Patronatsfest seiner Kirchenpatronin, das ist der 5. Februar. Fällt dieser Tag auf einen Werktag, dann findet die Feier am darauffolgenden Sonntag statt. Der Kirmesmontag ist der Tag des Hammels-tanzes.

Das ist ein origineller alter Brauch, der meines Wissens im Merziger Land einmalig ist. Von den Lebenden weiß aber niemand mehr, seit wann es ihn gibt, geschweige denn welche Bedeutung er hat. Einzelne private Aufzeichnungen und Zeitungsberichte sowie Fotos aus dem letzten Jahrhundert geben nur Aufschluss über seinen Verlauf. Der Brauch wurde und wird von Generation zu Generation weitergegeben und hat sich so bis in die jüngste Zeit gehalten.

Veranstalter sind die dörflichen Vereine, wobei im jährlichen Wechsel jeweils ein Verein die Hauptverantwortung trägt. Die Originalität und das Engagement, mit dem die Merchinger den Zug und den Tanz zelebrieren, lockten zu allen Zeiten zahl-reiche Schaulustige aus den Nachbarorten ins Dorf. Besonders viele kamen aus der Kreisstadt Merzig.

Nach einem Bericht, der um 1900 geschrieben wurde, lief der Hammelszug in seiner ursprünglichen Form so ab.

Aus der gemeinsamen Schafherde, die von den einzelnen Bauern des Dorfes beschickt wurde, wählte man den schönsten Hammel aus. Der wurde mit Blumen und bunten Bändern geschmückt, am Kirmesmontag von zwei kräftigen Burschen in feierlichem Zug durch das Dorf geführt. Das ganze Dorf und eine Musikkapelle begleiteten ihn. Der Zug endete auf der Festwiese nahe beim Dorf.

Dann bildete die Festgemeinschaft einen großen Kreis, in dessen Mitte der Hammel gehalten wurde. Nun spielte die Musik auf, während derer einzelne Paare abwechselnd um den Hammel herum tanzten. Während des Tanzes wurde in unregelmäßigen Abständen dreimal geschossen. Das Paar, das beim dritten Schuss tanzte, war Hammelskönig und Hammelskönigin. Am gleichen Abend folgte in einer Gastwirtschaft des Dorfes die feierliche Krönung des Königspaares. Für diese Königsehre revanchierte sich der König, indem er die ganze Zeche bezahlte. Der Hammel war inzwischen geschlachtet worden und wurde gemeinsam verzehrt.

Natürlich achteten die Verantwortlichen beim Tanz unbemerkt darauf, dass der entscheidende Schuss dann ertönte, wenn ein „gut betuchter“ Tänzer in Aktion war und nicht ein armer Schlucker.2
Im Laufe der Zeit wurde der ursprüngliche Ablauf in der Weise abgeändert, dass der Zug statt auf der Wiese im Saal einer Gastwirtschaft endete und sich dort der Tanz anschloss. Der Hammel wurde in der Mitte des Saales postiert, und die Paare tanzten um ihn herum wie auf der Wiese. Die Schüsse ersetzte ein Wecker, dessen Klingelzeichen dann das Königspaar bestimmte.

Irgendwann im letzten Jahrhundert verzichtete man darauf, den Hammel zu schlachten. Damit entfiel dann auch das gemeinsame Essen und der König hatte nur noch die Getränke zu bezahlen.

Einige Jahre nach dem letzten Krieg gab es im Dorf nur noch wenige Schafe und auch keine Herde mehr. Was war nun zu tun, als kein Hammel mehr zur Verfügung stand? Entweder mussten Zug und Tanz ausfallen, oder es musste ein Hammel beigeschafft werden.

Da kam ein Spaßvogel auf die Idee, in Ermangelung eines leibhaftigen Hammels einen solchen aus Holz auszuschneiden, mit Rädern zu versehen und bunt geschmückt durch das Dorf zu ziehen. Großer Beifall belohnte ihn, etliche Merchinger gingen sogar mit, man hatte seine Gaudi.

Später wurde sie Situation dadurch gerettet, dass man in einem Nachbardorf ein entsprechendes Tier ausfindig machte und es auslieh. Dass dieser Leihhammel sorgfältig behütet und seinem rechtmäßigen Besitzer wieder unversehrt zurück-gegeben werden musste, versteht sich von selbst.

Im dem Jahr 1957 geriet das ganze Dorf durch ein außergewöhnliches Vorkommnis in hellste Aufregung:

Am Kirmessonntagabend ist das Gasthaus wie üblich voll besetzt mit Männern und jungen Burschen. Unter ihnen auch der Hammelsführer des morgigen Montags. Er hat aus einem Nachbardorf einen Hammel ausgeliehen und in seinem Stall einquartiert, damit er morgen für die ehrenvolle Aufgabe zur Verfügung stehe. Und wie das an der Kirmes so üblich ist, trank man noch einen und immer noch einen, bis schließlich der Hammelsführer in spe das „Klassenziel erreicht“ hatte. Das war für die Lausbuben das Startsignal: Sie schlichen sich in das Hammelsquartier, banden den Ahnungslosen ab und führten ihn im Schutze der Nacht in die halbe Höhe des Galgenberges in ein wohl bewachtes Versteck. Anderntags stand das ganze Dorf bereit zum Festzug. Der Hammelführer und sein Helfer gingen in den Stall um die Hauptperson abzuholen und herzurichten: O Schreck! Der Stall ist leer, der Hammel weg! Ein Zeitzeuge hält das Ereignis schriftlich fest: „Himmel und Hölle bis an die Tore der Regierung in Saarbrücken sollen ob dieses kühnen Viehdiebstahls in Bewegung gesetzt worden sein, einschließlich Vieh-doktor, der später nachprüfen sollte, ob sich der Hammel bei dem nächtlichen Abenteuer auch keinen Schnupfen geholt hatte. Aber im Laufe des Montags klärte sich alles wieder auf. Der Hammel kam zu seinem Herrn zurück, durfte an der Theke dem Versöhnungs-schluck der streitenden Parteien zusehen, wurde mit Bändern geschmückt und zog dann doch unter Bum Trara durchs Dorf.“

Zur allgemeinen Erheiterung wurde ein Schild mitgeführt, auf dem zu lesen war:

„Die Tür stand offen,
denn mein Hausherr war besoffen.
„Knerzen“3 gab mir gutes Wort
und zog mich an ein‘ andern Ort“

In jenem Jahr waren Robert Bastian und Hans Selzer die Hammelsführer, Manfred Bamberg und sein Frau Ottilia waren das Königspaar. 4

Alle paar Jahre ergibt sich in regelmäßiger Folge eine besondere Konstellation dergestalt, dass der Kirmessonntag mit Fastnacht zusammenfällt. Zwangsläufig liegt dann der Kirmesmontag auf dem Rosenmontag. Das war auch 1958 so. Dadurch mischten sich in dem betreffenden Jahr erstmalig einige Wagen und Fußgruppen mit aktuellen Rosenmontags-motiven in den Hammelszug. Man sah zum Beispiel die „Sputniks“ und die „Mode à la sac“5.
Leider gibt es seit einigen Jahren keinen Hammelszug mehr in Merchingen. Nun ist an seine Stelle der Rosenmontagszug getreten, der allerdings die gleiche Anziehungskraft auf Schaulustige ausübt wie der Hammelszug.

Ausblick: Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages die Voraussetzungen wieder gegeben sein werden und dass sich dann wieder Menschen finden, die den Hammelszug neu beleben wollen; denn ein Brauch, der über Jahrhunderte Bestand hatte, lässt sich nicht für immer unterdrücken.

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1 Pfarrarchiv
2. Nießen, Sagen und Geschichten von der Saar 1900, Seite 111
3. Dörflicher Spitzname des „Übeltäters“
4. Schulchronik der katholischen Volksschule Merchingen
5 ebd.
6. ebd
©  Theo Seiwert 2015

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