Baden gehen oder Zapfen sammeln?

Juli, die Zeit der weitgehenden SelbstversorgungBox moselfrä

Wenn wir uns an die Sommerzeiten von früher erinnern, dann muß auch erwähnt werden, welch intensiver Arbeitsmonat der Juli für uns Kinder trotz der Ferienzeit gewesen ist. Wie gesagt, der Juli umfasst nicht nur die fröhliche Badesaison; es ist auch die erste große Erntezeit des Jahres und dazu noch die Zeit des eifrigen Waldbeerenpflückens. An beiden aufwendigen Aktionen waren wir Kinder selbstverständlich mit im vollen Einsatz beteiligt.

Und so war es auch eine feste Regel, dass man, wenn man spielen oder baden gehen wollte, vorher noch etwas Nützliches hatte machen müssen. Das heißt: Wir hatten uns das Vergnügen vorher noch verdienen müssen.

Bööde gejhn oder Deppcher räafen 

Da war aber mein Kusin Norbert, einer der Zwillingen, ganz anderer Meinung. Als er an einem solch heißen Julitag ins Schwimmbad gehen wollte, hatte seiner Mutter, die Tante Bebby zu ihm gesagt:

„Zuerst gehst du mir noch einen Sack Deppcher raffen, dann kannst du baden gehen!“

Norbert aber wusste, dass Onkel Johann in seinem Schuppen ein ganzes Depot von Säcken mit Kiefernzapfen (zum Feueranzünden) gespeichert hatte. Und so hatte er sich, statt in den Wald zu gehen, heimlich in den Schuppen von Onkel Johann geschlichen, hat sich einen gefüllten Sack voll Deppcher geschnappt, ihn zu Hause vor die Kellertür gelegt und ist schnurstracks nach Merzig ins Schwimmbad gelaufen.

„Deppcher“, das sind ausgetrocknete Tannen- und Kieferzapfen, in Säcken gesammelt; sie dienten als Anfeuerholz für den Herd in der Küche und den Zimmerofen in der guten Stube.  Deppcher sammeln und nach Hause schleppen, das war längst nicht die einzige Arbeit, die im Sommer auf uns Geißenbauernkinder gewartet hatte. Unsere Eltern innerhalb der Großfamilie von damals waren als V&B-Fabrikarbeiter so arm dran, dass es nicht nur notwendig, sondern auch als selbstverständlich erschien, wenn wir Kinder überall mithalfen.

Die Kinder wurden bereits mit Beginn des schulpflichtigen Alters im Haushalt, in der Gartenarbeit, in der Landwirtschaft und der Waldarbeit eingesetzt; sie waren es beim Beerensammeln, beim „Krauden“ oder beim „Gläannen“ und in der Obst-, Getreide- und Kartoffelernte.

Krauden un gläannen gejhn

Bei der Feldarbeit, in der also die ganze Familie in Aktion war, gab es für uns Kinder kleinere Hilfsdienste. Bei der Heuernte auf dem steilen Hang am Reisberg und in der Sumpfwiese am Seffersbach halfen wir mit beim Wenden und trugen später in unsern Armen das Heu auf Kuppen zusammen.

Nach der Heuernte im Hornung folgt gleich darauf die Kornernte im Juli und schließlich im Herbst die Kartoffelernte. Während das Korn nach dem Einsääen uns mit Arbeit in Ruhe lässt, machen die Kartoffeln von Anfang an ständige Mühen. Kaum aus der Scholle gesprossen, müssen sie gehäuft und vom Unkraut und den Steinen gesäubert werden.

Eine ganze besondere Art zusätzlicher Kinderfeldarbeit kam Anfang der Vierziger Jahre auf uns zu, als erstmals der Kartoffelkäfer in unseren Breiten und auf unsern Feldern auftauchte. Da haben wir ihn und seine feuerroten, fettigen Larven noch mit der Hand vom Kartoffelkraut einzeln herunter gesammelt. Fünfzig Reichpfennige gab es auf der Sammelstelle für eine Streichholzschachtel voll! Die Gruppe, die am meisten von allen am Ende eines Monats gesammelt hatte, die ist für ihren „Beitrag zum Endsieg“ besonders geehrt worden. Doch die „amerikanische Schädlingsinvasion“ war schließlich stärker als alle unsere Hände; jetzt konnte dieser „Volksfeind“ nur noch mit giftigen Spritzmitteln erfolgreich angegriffen werden.

Die Kartoffelernte selbst war eigentlich Frauenarbeit. Unser Mütter und Tanten machten mit der Harke die Erdfrüchte aus und warfen sie hinter sich auf die immer länger werdende Streu. In zwei Arbeitsgängen rafften sie dann die guten Kartoffeln auf, zuerst die besten, die Saatkartoffeln fürs nächste Jahr, dann die Speisekartoffeln zum eigenen Verzehr. Und das kleine Zeug, was dann noch liegen blieb, die sogenannten Schweinskartoffeln fürs Vieh, die durften dann wir Kinder aufsammeln und in die Säcke schütten.

Wir Kinder waren auch daran beteiligt, das Kartoffelkraut mit der Gabel zu sammeln und auf Häufchen zu schichten, die dann im Spätherbst, wenn das Kraut gedorrt war, angezündet wurden. Eine besondere Freude dabei war, Kartoffeln, die bei der Ernte vergessen wurden, ins offene Feuer zu werfen und zum leckeren Verzehr schmoren zu lassen.

Für die Geißenbauern, die fast alle auf dem Schenner (Schindanger) arbeiteten und deren Arbeitslohn bei V&B zum Leben und zum Sterben nicht ausreichte, war nicht nur der Garten ums Haus und das kleine geerbte Ackerland notwendig; um zu überleben und die Selbstversorgung zu erhöhen, dafür wurden auch die Wegeraine, aufgelassne Wiesen und auch der ganze Wald zu unserm täglichen Arbeitsrevier. Da hieß es, täglich zwei bis drei Geißen (im Frühjahr die Zickel dazu) und ein Dutzend Kaninchen mit Futter zu versorgen; den Winter über mit Stroh und Heu, im Sommer und Herbst auch mit Frischfutter. Und dafür wurden wir zum Krauden geschickt. Das heißt, mit einem Jutesack auf dem Rücken haben wir an den Straßen- und Wegeränder, an den Feldrainen und auf dem Bahndamm der Kleinbahn die wildwachsenden Kräuter und Gräser gerupft.

Bei dem Krauden haben wir uns meist sehr beeilt, um nicht gesehen zu werden; denn diese Tätigkeit galt als minderwertig, weswegen uns auch die Kinder der großen Pferdsbauern und der Bessersituierten im Dorf als „armselige Krauder“ beschimpften.

Noch mehr zögerten oder besser gesagt, sträubten wir uns beim „Gläanen“, also auf den abgeernteten Feldern die Ähren, Kartoffeln und Äpfel einzusammeln, die nach der Ernte auf den Feldern und Obstwiesen anderer Dorfbewohner übrig gelassenen, dort liegen bzw. hängen geblieben waren.

Faschinne maachen un Weele plecken 

So war nicht nur das Haus und der Hofraum unser Daheim; dazu gehörten wie ein großes Lebensganze auch Feld und Flur, Wiese und Wald.

Im Wald wurde das Brennholz für den Winter geschlagen, wurden eimerweise die Früchte des Waldes, Himbeeren, Heidelbeeren und Brombeeren gelesen, Pilze und Buchecker gesammelt. Was nicht zum Selbstverbrauch bestimmt war, wurde auf dem Merziger Wochenmarkt angeboten, um sich einen kleinen Zugewinn zu verschaffen.  Im Sommer wurde in der Wirtschaft „Zum Hirschen“ stets öffentlich ein Gebiet im Gemeindewald zum Holzschlagen freigegeben. Auch meine Familie steigerte jedes Jahr für kleines Geld einen solchen „Schlag“ fürs Brennholz im Winter.

Im „Schlag“ arbeitete ebenfalls die ganze Familie mit. Die Männer sägten das Stammholz zu Klaftern und spalteten es mit Eisenkeilen. Die abgetrennten dicken Äste wurden auch „auf Längen“ gesägt und ebenfalls aufgestapelt. Die Frauen und wir Kinder haben die „Faschinnen“ gemacht: Wir trugen die dünnen Äste und das Reisig zu dicken Bündeln zusammen, die mit Seil oder Draht umwickelt wurden. Für das „Faschinne maachen“ war es immer am besten, wenn das Geäst schon rappeldürr war, weil es sich dann besser brechen ließ.

Beim Reisigbrechen entwickelten wir eine eigene arbeitsteilige Methode: – Die ganz dünnen Äste wurden mit der Hand gebrochen. Die etwas dickeren haben wir übers Knie gebrochen. Die noch dickeren haben wir an einem Ende in die Hand genommen, schräg auf den Boden gestellt und mit dem Fuß dagegen getreten bis der Knüppel durchbrach. Die ganz dicken wurden auf die Seite gelegt und von den Männern mit der Axt oder Säge klein gemacht.

Manchmal, wenn ich einen dürren Buchenast erwischte, ist er einfach mit aller Wucht gegen einen Baum geschlagen worden, sodaß das kürzere vordere Ende abbrach. Meist ist es dann wie ein Propeller surrend durch die Luft geflogen. So hatten wir Kinder bei der sonst so trockenen Arbeit wenigstens etwas Spaß. Denn hinterher kam noch der lange, holprige Weg hinzu, auf dem wir jeden Abend den voll beladenen Handwagen nach Hause zogen.

Was diese Arbeit in einem solchen Schlag betrifft, so war es Vater und Mutter am liebsten, wenn wir einen Schlag aus „Loùhkessen“ (Eichenlohe) zugewiesen bekamen, weil die jungen Stämmchen von geschältem Eichenholz einen hohen Heizwert besitzen. Uns Kindern war das ebenfalls recht, weil es bei den jungen Eichenstämmchen kaum Astholz gab und wir weniger zu tun und dafür freie Zeit zum Spielen hatten.

(Die geschälte Rinde junger Eichen, die Eichenlohe, wurde gesammelt und zur industriellen Herstellung von Gerbsäure verwendet.)

Zu der alljährlichen Arbeit im Wald kam dann natürlich im Hochsommer das Beerenpflücken dazu, zuerst die Himbeeren und Heidelbeeren und später dann die Brombeeren. Ein besonderes familiäres Ereignis war, das Heidelbeerenpflücken.

Die Weelenzeit, die hatte im Juli, kurz vor unserer Kirmes angefangen, und der häufigste Kuchen der für die Kirmes gebacken wurde, das wart eben der Heidelbeerkuchen. Daher war fast das ganze Dorf zum „Weeleplecken“ auf dem Ruudeknopp, in „Jungen Wäldchen“ und sogar im Losheimer Wald unterwegs. Auch wir Kinder bekamen schon für den Pfückbecher, einen Schoppen, in die Hand gedrückt. Aber anfangs waren mehr bleue Beeren ums Maul verschmiert als im Schoppen.

In einem guten Sommer wurden immer so viel Heidelbeeren gepflückt, dass wir nicht nur allwöchentlich frischen Heidelbeerkuchen auf dem Tisch hatten; es wurde auch reichlich Marmelade gekocht, und was dann noch übrig blieb, das haben wir in Merzig auf dem Wochenmarkt angeboten. Beim Verkauf der Weelen auf dem Merziger Markt war meine Mutter am tüchtigsten; sie wurde stets als erste ihre Ware bis auf den letzten Schoppen los. Ihre Weelen waren eben beste Qualität, waren gut gefegt und kein bischen glitschig.

Gerd und Arnold, die Söhne von Tant Katchen und Onkel Johann, hatten sich in einem Sommer beim Weelen-Pflücken ein Paar Fußballschule verdienen wollen. Und damit sie ihre Ware auf dem Markt auch schneller losbekamen, haben sie ihren Eimer einfach neben den meiner Mutter gestellt. Beide haben dann auch wirklich ihre Fußballschuhe bekommen. Bei dem noch viel jüngeren Gerd reichte allerdings das selbstverdiente Geld nicht für den nach dem Krieg aufgekommenen Markenschuh mit den drei Streifen. Um aber nicht hinter seinem großen Bruder zurückstehen zu müssen, hat sich der Gerd dann die drei weißen Streifen mit Ölfarbe auf seine einfachen, schwarzen Fußballschuhe gemalt.

© Rudolf Engel 2014 Box moselfrä

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s