Juli, hohe Zeit der Kornernte

Juli, hohe Zeit der KornernteBox moselfrä

So wie unsere Kirmes der einsame Höhepunkt unter den Julifesten bedeutete, so wie das Böödegejhn das Highlight unseres Sommervergnügens war, so rangierte damals die Kornernte unter den saisonalen Arbeitsaktivitäten unumschränkt an erster Stelle.  Überhaupt, die Sommerzeit war als Erntezeit eine willkommene Zeit. Ernten war nicht nur für die Großen ergiebiger als Pflügen und Düngen, Säen und Setzen, Eggen und Häufen; die Erntezeit war auch für uns Kinder interessanter, in der vielfältigen Geschäftigkeit mitten drin zu sein, war interessanter als Graben und Jäten, Unkraut rupfen und Steine raffen.

Korn schneiden 

Wenn das Korn geschnitten wurde, dann hatten wir Kinder hinter den Sensenmännern das „Seil“ auszulegen. Das war kein richtiges Seil, sondern eine Art Strick, den die Frauen aus einem Büschel Stroh gedreht hatten. Die zweite Aufgabe der Frauen war, immer, wenn ein neuer Schlag gemäht war, mit der Sichel ein Bündel Korn aufzuheben und es auf das „Seil“ zu legen. Einer der Männer hatte dann die Strohbinde um die Garbe gebunden und mit einem Knoten zugedreht.

Wir Kinder halfen zum Schluß, die gebundenen Garben in die Mittelachse des Feldes zu schleppen, wo sie dann zu „Kornkasten“ zusammengestellt wurden.

Meistens ist dann noch aus einer Garbe eine Art Häubchen gemacht und auf dem Karsten aufgesetzt worden. Wenn die Arbeit am Ende solch eines heißen und krummen Tages fertig war, und wir vom Weg aus zurück auf das Feld schauten, dann konnte man sehen, wie mitten durch das ganze Stück lauter kleine Häuschen in einer Reihe standen.  Beim Kornschneiden war ich stets mit höchster Aufmerksamkeit dabei; ich hatte mich auch schon früh selbst darum bemüht, mit der Sense umzugehen, zuerst nur beim Grasmähen. Und noch im letzten Sommer des Krieges war es dann so weit:

Wie stolz war ich schließlich, als Onkel Johann mir das Schlauderfaß mit dem Wetzstein drin an den Gürtel schnallte und ich mit der „Flause“, der speziellen Sense zum Kornschneiden, neben den großen Männern in der Reihe stand.

Korn einfahren 

Mit dem Kornschneiden war damals die Erntarbeit noch lange nicht zu Ende. Wenn das Wtter es gut mit uns meinte und das Korn in der Sonne richtig trocken war, dann war auch die Zeit, es aufzuladen und einzufahren. Das war dann für uns Kinder wieder ein neuer Höhepunkt; fiel doch diese Arbeit mit jenen Tagen zusammen, in denen sich alle schon auf unsere Kirmes, freuten.

Beim Abernten der Getreidefelder warteten wir stets ungeduldig darauf, dass endlich die letzte Garbe hoch auf dem Wagen aufgeladen und schließlich der „Wiesbaam“ über den hoch getesselten Garben längs über den Wagen gespannt war. Wer von uns schon klettern konnte, durfte sich dann hinten am Spannseil den Wagen hinauf hangeln und hoch auf dem goldgelb beladenen Wagen mit der Ernte heimfahren. Es war ein erhabenes Gefühl, so hoch auf dem wackeligen Gefährt zu sitzen und den Leuten zuzuwinken, wenn der Erntewagen durchs ganze Dorf hinunter zum „Maschinneschopp“ in der Pützwiese fuhr.

An der Dreeschmaschin 

Am Maschinneschopp, da ist es erst richtig losgegangen. So wie beim Kornschneiden, so war auch beim Dreschen stets die ganze Großfamilie zusammen am Werk. Dröhnend und laut, geschäftig und staubig ging es dann beim Dreschen zu. Bei gutem Wetter standen die hoch beladenen Kornwagen dann in einer langen Warteschlange auf dem Weg von der Brecker Baach bis zum „Maschinneschopp“. Wenn die Schlange soweit vorgerückt war, daß nur noch zwei Wagen vor dem unsrigen standen, dann ist derjenige, der bei der Wagenschlange gewartet hatte, im Dorf rund gelaufen und hat alle aus der Verwandtschaft zusammengerufen, die beim Dreschen als Helfer eingesetzt waren.

Wenn dann endlich unser Wagen aus der langen Reihe bis zum Ladefenster vorgefahren ist, dann hat es fluppen müssen; da musste man sich tummeln, weil jede Minute, in der die Dreschmaschine lief, Geld kostete, da war eine derartige Hektik umeinander, so ein Krach, dass die Leute sich zuschreien mussten und doch nichts verstanden; da war auch ein derartiger Staub vom Stroh und der Kööw (dem Kleingehäckselten) in der Luft, dass man nichts sehen konnte und fast erstickt wäre. Doch jeder wusste an seinem Platz, was er zu tun hatte. Einer stand mit der Heugabel auf dem Wagen und warf in Sekundenabständen die Garben durch das große Torfenster hinauf auf das Deck der Dreschmaschine. Dort standen zwei Helfer, manchmal auch Frauen, die sich die Garbe schnappten, ganz schnell mit einem großen Messer die Strohbinde aufschlitzten und sie dem Dreschmeister übergaben, der dann mit geschickten Händen die geöffneten Garben in das gefräßige Maul der Maschine einfließen ließ.

An der Rückseite der Maschine war eine Reihe von Schächten angebracht, aus denen heraus das frisch gedroschene Korn in die darum gebundenen Säcke einfloß. An der Vorderseite kam aus einem großen breiten viereckigen Maschinenmaul in langsamen Schüben das leere Stroh in gepressten und schon gebundenen Ballen heraus. Es war meist Frauensache, die Strohballen dort abzunehmen und zum Wagen zu tragen.

Lisa_Heu

Lisa Engel bei der Heuernte

Für uns Kinder gab es dabei noch keine besondere Aufgaben; eigentlich hatten wir in dem hektischen und nicht ungefährlichen Betrieb gar nichts zu suchen, wurden meist weggejagt, wenn wir neugierig waren, um zu sehen, wie Maschine und Mensch hier zusammenarbeiteten.

Waren wir schon etwas größer, dann wurden wir zunächst einmal „bei der Kööw“ zugeteilt. Das war dort, wo aus der Mauer des Maschinneschopps auf der Seite zum Seffersbach ein dickes Blechrohr herausragte, sozusagen das Auspuffrohr der Dreschmaschine. Während das Dreschen im Gange war, kam dort immer ein dicker Strahl klein gehäckselten Zeugs herausgeblasen, das in der Sonne goldgelblich schimmerte, die „Kööw“ also.

Am Ende der Dreschzeit hatte sich dann dort ein wahrer Berg dieses Abfallproduktes angesammelt; aber nur weil die dicken Pferdebauern darauf verzichteten, ihre Kööw mit heim zu nehmen. Von den kleinen Arbeiterbauern aber wurde sie mit Säcken gefüllt und mitgenommen. Denn in diesem luftig lockeren Gemisch war nicht nur der Ackerstaub enthalten, den der Sommerwind auf dem Stoppelfelde in die Garben hineingeweht hatte; darunter befand sich auch eine Spreu kleiner Stroh- und Ährenstückchen und dazwischen auch das eine oder andere Kornkörnchen. Von uns also wurde die Kööw eingesammelt und dem Kleinvieh zu Hause im Stall die Aufgabe erteilt, sich das Brauchbarste davon selbst herauszuknabbern.

Die Nacht auf dem Kornwagen 

Sommer 1942: mitten in einem Krieg, der weiter anhält und das täglich Brot noch knapper werden läßt!

Die allgemeine Notlage, die sich immer mehr zuspitzte, machte auch in unserm Dorf die Feldarbeit und deren Erträge umso wertvoller. So wurde auch in diesem Juli wieder das Korn geschnitten, auf Kasten gesetzt, auf Erntewägen geladen und zur Dreschmaschine gefahren. Die besondere Aufgabe, die mir dort am Maschinneschopp als Elfjährigen zukam, ist in der Erinnerung besonders haften geblieben.

In der langen Warteschlange der Kornwagen galt es, arg aufzupassen, daß der eigene Wagen mit der Ernte nicht gestohlen werde, wenn man an jenem Tage bis zum Feierabend bei der Dreschmaschine nicht mehr an die Reihe gekommen war. Dann mußte der Wagen dort über Nacht stehen bleiben, sonst hätte man sich am nächsten Tag wieder hinten anstellen müssen. In diesem Sommer 42 war unser Erntewagen, hochbeladen, den ganzen Nachmittag bis zum Feierabend vergeblich in der Schlange all der anderen Wägen gestanden, die nur darauf warteten, endlich bei der Dreschmaschine an die Reihe zu kommen. Und da, wie gesagt, von unsern Leuten befürchtet wurde, dass der Wagen in der Nacht mit voller Ladung gestohlen würde, sollte einer von uns Wache schieben.

Vater war bei den Soldaten, Onkel Johann hatte auf der Dillinger Hütte Nachtschicht und Onkel Heinrich war bei der Kleinbahn als Lokomotivführer unabkömmlich. Also hatte die Familie mich, den mit elf Jahren Ältesten unter den Kindern damit beauftragt, über Nacht hoch oben auf dem Kornwagen Wache zu halten.

Das erste Gefühl, das dich dabei befällt, ist der Stolz des kleinen Hitlerjungen, der ja bei Lehrer Alt in sein Deutschheft geschrieben hatte: „Wie helfen wir, Soldaten der Heimatfront, den Krieg gewinnen!“

Du bist also mutig hochgestiegen, schon früh genug, und kannst um dich herum von oben herab recht reges, geschäftiges Leben beobachten, das ablenkt und keine Angst aufkommen läßt.

Doch wie dann das knatternde Motorengeräusch der Dreschmaschine, den ganzen Tag lang unaufhörlich dröhnend, auf einmal verstummt, wie dann die Leute ihre Sachen auf die Handwägen laden und nach und nach verschwinden, da wird es auf einmal um den Maschinneschopp herum ganz still. Jetzt haben auch deine Leute noch einmal nach dir herauf gewunken und sind dann gegangen. 

Der große Platz ringsherum menschenleer; du auf einmal allein!

Nur noch die lange Reihe der Kornwagen vor und hinter dir, sie stehen noch da. Selbst die Spatzen, die den ganzen Tag um den körnerreichen Maschinneschopp herum waren, sie schlafen schon längst. Und dir ist da doch ein wenig bange geworden. Und wie du dich dann zu Recht machst für die Nacht, die Wolldecke auf das noch nicht gedroschene Stroh ausbreitest, da wird es auch still in deinem Gemüt. Du streckst dich hin; die Hitze des Tages ist weg, es streift ein Lüftchen über dich hinweg, angenehm mild. Die Dämmerung senkt sich über den so langen Tag herab und hält noch eine zeitlang an. Eigentlich müssten dir vor Müdigkeit sofort die Augen zufallen; aber du bist hellwach, hörst jetzt ein paar Hunde bellen, die von der Pützwiese herüber streunen. Mit der Dämmerung ist auch der sommerblauer Himmel mehr und mehr verblasst, wird jetzt silbern; die ersten Sterne erscheinen, und der zunehmende Mond steigt überm Reisberg hoch.

Beklemmung schleicht sich ein…

Aber, weil es eine klare Sommernacht wird, hast du, auf dem Rücken liegend, angefangen, die Sterne zu gucken, hast den Großen Bären gefunden und den Polarstern, und bei der Suche nach weiteren Sternbildern bist du dann doch fest eingeschlafen.  

Ernterast

Rast bei der Kornernte

„Unser Bärbel is noch uff´m Acker“ 

Ein weiteres mit der Kornernte in Verbindung stehende Grunderlebnis werde ich noch viel weniger in meiner Erinnerung vergessen:

Drei Jahre später – Offenhausen, im Juli 1945

Zu den Privilegien, die ich bei den Amerikanern genoß, seit dem ich für sie Forellen fing und Frischgemüse besorgte, kam in dieser Zeit eine weitere Aufgabe hinzu: So wurde ich des öfteren gerufen, um zwischen Besatzung und Bevölkerung zu vermitteln. Und in dieser Rolle war ich auch der einzige im Dorf, für den in bestimmten Fällen die generell verhängte Ausgangssperre aufgehoben war. Ein solcher Fall ist es wert, erzählt zu werden, weil sich an ihm etwas ungeahnt Wunderbares vollzog:

Der erste Nachkriegssommer war schon so weit ins Land gegangen, daß die fränkischen Bauern ihren Roggen und Weizen schneiden konnten. Und nach einem solchen heißen und arbeitsreichen Julitag lehnten eines lauwarmen Spätabends, die Leute aus ihren Fensterbänken, weil sie die frische Luft und erholsame Stimmung genießen wollten, aber wegen der Sperrstunde nicht mehr auf die Straße durften. Da hörte ich plötzlich von der anderen Seite des Dorfplatzes aus den offenen Fenstern des „Ochsen“ eine äußerst aufgeregte Stimme meinen Namen rufen:

„Rudi, Rudi, mogst fei schnell zu die Amis laffe; uns Bärbel is noch uff’m Acker!“

Sofort ließ ich mir erklären, um welchen Kornacker es sich handelte, denn inzwischen kannte ich auf der Offenhausener Flur jedes Gewann. Unser Wortwechsel war wegen der relativ großen Distanz quer über den Dorfplatz hinweg so laut geführt worden, daß alle die in ihren Häusern an den Fenstern waren, mitbekamen, was geschehen war.

Nur wenige Minuten später saß ich mit zwei Soldaten in einem Jeep und fuhr die Dorfstraße hinauf zu dem besagten Acker. Dort hatten die Leute vom „Ochsen“ den ganzen Tag über so fleißig und hart gearbeitet, daß sie am Abend in der Erschöpfung und in der Eile wegen der Sperrstunde nicht bemerkten, daß unter den Kindern die Kleinste, ihre Bärbel fehlte.

Jetzt stand der Acker verlassen und menschenleer; nur die in zwei langen Reihen aufgestellten Kornkasten warfen inzwischen ihre langen Schatten in der tief stehenden Sonne. In jedem der einzelnen Kornkasten suchten wir und fanden schließlich die kleine, knapp zwei Jahre alte Bärbel, zwischen den Garben, selig im Stroh eingeschlafen.

Als wir zurückfuhren und die Dorfstraße herunterkamen, da lag inzwischen das ganze Dorf an den Fenstern, und alle waren erleichtert, wie sie mich im Jeep sahen, die kleine Bärbel in den Armen haltend.

Und als ich das Kind den Leuten vom „Ochsen“ übergab, und alle anderen von ihren Fenstern aus herüberschauten, genau dorthin, wo die Saarländer anfangs über mehrere Wochen hinweg zusammen in einem Saal eingepfercht ausharren mußten, da verschwand endlich in den Augen und Herzen dieser Franken das letzte Ressentiment gegen uns „Saar-Franzosen“.

Rückblick 

Der Juli ist mit aller Freuden und Mühen zu Ende gegangen, mit ihm, wegen des Höchststandes der Sonne, waren es die längsten Tage des Jahres. Uns Kindern aber sind die Julis von damals mit den vielfältigen Arbeiten, mit den vergnüglichen Sommerfesten und Badefreuden recht kurzweilig vorgekommen.  Du fragst du dich, wo hatten wir die Zeit eigentlich hergenommen, die doch so schnell vergeht? Die Schule, die Hausaufgaben, die Mitarbeit in Haus und Hof, in Feld und Wald; und da blieb immer noch was übrig zum Spielen in den Gassen, auf den Fluren, zum Badengehn, zum Äpfelklauen, Eislaufen und Schlittenfahren.

Dennoch, so blumig auch die Rückerinnerung ausfallen mag; es war eine harte Zeit, vom Krieg und vom Mangel bestimmt, durch viel Mühe, Entbehrung und Arbeit gezeichnet, plausibel, dass wir Kinder überall mithalfen. Wir waren nicht immer erfreut, wenn die Arbeit vor dem Vergnügen anstand und öfter sogar die freie Zeit für das Spielen gänzlich ausfiel; doch das, was wir zu leisten hatten, hätten wir nie als ein Vergehen von den Alten im Sinne widerrechtlicher Kinderarbeit angesehen.

„So ist das Leben der Menschen.

Ein paar Freuden, sehr schnell verwischt,

durch unvergesslichen Kummer.

Nicht nötig, es den Kindern zu sagen.“

Marcel Pagnol

© Rudolf Engel 2014Box moselfrä

 

 

 

 

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