Neujahr 1945

…oder das Geschäft mit den Leuchtkörpern für das erste Sylvesterfeuerwerk der Nachkriegszeit. Box moselfrä

 

Nach der mehr als abenteuerlichen Heimfahrt, zurück aus der zweiten Evakuierung, war damit die „Stunde Null“ nach dem Einrücken der Amerikaner noch keineswegs zu Ende; sie setzte bei unserer Ankunft im Elend der Heimat ernüchternd fort.

Der Alltag von uns allen, der war zuerst damit ausgefüllt, die Schäden an den zerstörten Häusern, Straßen und Wegen zu reparieren. Aber nicht nur dafür waren wir dauernd dran, zu organisieren und zu improvisieren, sondern erst recht, um etwas in den Magen zu bekommen und die nackte Existenz zu sichern. Willkommen waren uns hierbei auch die noch verwendbaren Überreste aus dem Kriegsmaterial. Wir haben das Geschirr und das Gerümpel zusammengesucht aus den Bunkern des Westwalls, den aufgelassenen Schützengräben, Unterständen und  Geschützstellungen, selbst von jedem hier und da stehen gebliebenen zerstörten Militärfahrzeug.

Es war der Spätherbst gekommen, und das geschichtsträchtige Jahr 1945 neigte sich seinem Ende zu. Wieder einmal befand ich mich auf einem meiner Streifzüge durch den Kammerforst. Zwischen der „Hand“, der großen Wegkreuzung im Wald, und den „Siebenbuchen“ befand sich noch eine aufgelassene Geschützstellung der deutschen Wehrmacht. In einem Schützengraben, der in die Stellung einmündete, entdeckte ich eine große, noch völlig verschlossene, aber dick mit Sand und Geröll überschüttete Kiste, ungefähr von einem Meter auf einen Meter. Mit einem dort herumliegenden Eisenriegel brach ich die Kiste auf; und, was willst du erahnen: sie war von oben bis unten mit den langen, in silberne Aluminiumhülsen gefassten Leuchtpatronen gefüllt, alles trocken und unversehrt.

Ich hatte schon früher einmal bei einer Kameradschaftsfeier deutscher Soldaten zugesehen, wie die Landser den Aufsatz von einer solchen Leuchtpatrone abzogen, wie sie dann die mit Schwarzpulver gefüllte Patrone senkrecht auf den Boden stellten und mit einem Fidibus anzündeten. Da ist sofort ein mächtiger Feuerstrahl kometenhaft haushoch in die Luft hinaufgeschossen, hell aufleuchtend wie bei einem Feuerwerk.

Mit unserm noch intakt gebliebenen Handwagen schaffte ich etwas später meine wertvolle Beute nach Hause und hab sie unter den Schuppen gestellt. Und als ich dann eines Abends nach der Dämmerung, an der Linn (Jugendtreff an der Linde) aus purer Angabe vor den Augen der erstaunten Burschen des Dorfes so wie damals die Soldaten, eine der Leuchtpatronen zündete, war dies der Anfang eines lohnenden Tauschgeschäftes. Nicht nur meine Kameraden, auch viele Erwachsene wollten sich mit meiner Beuteware eindecken für Sylvester, die erste Jahreswende nach Kriegsende.

Die Munition sollte ja nicht mehr dem Krieg dienen; sie sollte ja nur mit einem Hauch bescheidener Festlichkeit ein freudiges Zeichen geben, ja so eine Art Symbol der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.  Ja, so war das damals, und so hatte über das neue Jahr hinaus ein jeder dem andern etwas anzubieten, auch von Tausch zu Tauch, und allmählich gings überall im Gemeinschaftsleben wieder aufwärts.

Am Sylvesterabend sind Mutter und ich in die Schlußandacht gegangen, in der Pastor Hanni sich bei der letzten Predigt des Jahres, der ersten Schlußpredigt nach dem Krieg, besonders ins Zeug gelegt hatte. Unser Gebetswunsch galt Vater, von dem wir noch nicht wussten, ob er in Gefangenschaft war oder überhaupt noch lebte. Und danach, haben wir bei Tant´ Bebby, Rosamarie, Helga und den Zwillingen, gemeinsam ein karges Nachtmahl eingenommen. Zu unser aller Überraschung brachte Tant´ Bebby dazu einen Flasche aus dem Keller nach oben. Sie war alt und verstaubt und, wie eine Flasche Sekt, feste zugepfropft (die Franzosen sagen dazu Cidre bouché). Die Besatzungsleute von der Deutschen Wehrmacht hatten sie, die letzte aus Onkel Alois Viezflaschendepot, bei ihrem „planmäßigen Rückzug“ wohl übersehen. Ohne darüber ein Wort darüber zu verlieren, stießen alle, die beiden erwachsenen Frauen und wir Kinder, auf das Wohl von Liescher Willi, meinem Vater, und Onkel Alois an, der seit der letzten Feldpostkarte von Stalingrad immer noch als vermisst gemeldet war.

Einerseits drängte es mich danach ins Dorf zu den Jungs; andererseits sagte mir eine innere Stimme, dass es gut sei, bei Mutter zu bleiben, mit ihr in Gedanken zu verweilen, an Oma zu denken, die unsere Heimkehr aus dem Bergungsgebiet nicht mehr erlebte, an Vater und sein noch unsicheres Geschick. Bevor wir uns schlafen legten, kam dann unser Gespräch auf das neue Jahr, auf das, was an Sorgen und Arbeiten uns noch bevorstand.

Mutter und ich beschlossen, das Feldstück in Hontel zu halbieren, die obere, etwas höher gelegene Hälfte für den Roggen und den unteren, etwas feuchteren Teil für die Kartoffeln. Zuvor aber werden wir uns daran machen, erst den Ackerboden aufzubereiten: die Überwucherungen, das über die Kriegszeit hinweg hochgeschossene Unkraut und Gestüpp herauszuhacken, die Trümmer, die Granatsplitter und die Steine herauszulesen… Und, was uns noch mehr Kopfweh machte, woher das Saatgut und die teuren Setzkartoffeln besorgen!

Und auf dem Reisberg da muß auch noch aufgeräumt werden. Auch hier waren die Spuren des Krieges und der Verwahrlosung durch unsere lange Abwesenheit zu beseitigen. Einige Bäume hatten Einschussschäden; der große Birnbaum, dessen Früchte mir früher immer am besten schmeckten, war so beschädigt, dass wir ihn wahrscheinlich im Frühjahr, wenn der Winter rum ist, werden fällen müssen. Die ärgste Schufterei wird allerdings aus meiner Idee erwachsen: Sobald das Wetter aufgeht, sollten wir einen Teil der Seffersbachwiese umgraben und für den Gemüseanbau urbar machen…

Von dem vielen Pläneschmieden sind wir dann müde geworden.

Punkt zwölf stehen wir draußen auf unserm kleinen Vorplatz zur Straße und schauen zum Dorf herüber, wo sich doch einiges regt. Einige Kracher detonieren hier und da; wahrscheinlich auch aus zurückgelassenen Munitionsbeständen.

Dann aber, – und es erfüllt mich mit etwas Stolz, – wie da auf einmal, unten am enneschden Ecken, am Miller Berrich und oben auf der Weiß Märk überall zwischen den Häusergassen hell leuchtende Feuerkörper plötzlich in die dunklen Höhen schießen. Es sind „meine“ Leuchtraketen, die aus dem letzen Bestand eines unseligen Krieges jetzt wie ein Hoffnungszeichen auf den nunmehr beginnenden Frieden als ein einziger heller Feuerstrahl zum Himmel aufsteigen.

© Rudolf Engel 2015 Box moselfrä

 

 

 

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