Chronik der Jahres 1950 – Anno Santo

saar-nr-293-295-postfrisch-saarland-heiliges-jahrObwohl der Heilige Stuhl sich mehr denn je veranlaßt fühlte, auf das politische Weltgeschehen aktiv einzuwirken, war das Jahr 1950, global betrachtet, beileibe kein Heiliges Jahr.

In den neu gegründeten Staatsgebilden BRD, DDR und Saarland befinden sich die Menschen, trotz spürbarer Verbesserungen der Lebensbedingungen, immer noch in wirtschaftlicher Notlage. Diese Phase der nun bereits fünf Jahre andauernden Nachkriegszeit wird damit noch nicht  beendet. Sie wird, spätestens mit Beginn des Koreakrieges, durch die gegenwärtige weltpolitische Lage unter dem neuen Begriff des „Kalten Krieges“, eine historisch neue, spannungsgeladene Konfliktlage, überholt. Diese wird von nun an die ganze zweite Hälfte des Zwanzigsten Jahrhundert dominant bestimmen.

Gleichzeitig aber zeigen sich im Westen unseres Kontinents vielversprechende Anzeichen und Ansätze, die sich um die Bildung eines wirtschaftlich und politisch vereinten Europas  bemühen, ernsthaft Verhandlungen, an denen auch die Bundesrepublik und das inzwischen politisch eigenständig gewordene Saarland einbezogen werden.

Mit Blick auf die beiden neunzehnjährigen Protagonisten unseres Textes von anno santo 1950, die sich in diesem Jahr und in dieser noch spürbaren Nachkriegsphase anschicken,  eine mehrwöchige Radtour bis nach Rom und zurück zu unternehmen, sei hier mit einigen Zügen versucht, auch die gesellschaftliche Situation und Befindlichkeit der damaligen Jugend zu skizzieren:  Die Mehrheit der Jugendlichen scheint noch keineswegs von einem neu aufkommenden politischen Bewußtsein beeinflußt zu sein. Erst recht erweist sie sich noch nicht von dem stürmischen Impetus einer neuen Gesellschaftskritik und oppositionellen Agitationsbewegung geprägt, wie sie sich knapp zwei Jahrzehnte später in  der Generation der sogenannten `68er´  manifestierte. Gesellschaftlich auffällig und epochal kennzeichnend sind dagegen folgende zwei Gruppierungen, die sogenannten „Halbstarken“ einerseits und andererseits jene jungen Menschen, die der Soziologe Helmut Schelsky für die Zeit von 1945 – 1955 unter dem Begriff der „Skeptischen Generation“ subsumierte.

Das Aufbegehren der als Halbstarke bezeichneten Jugendlichen der frühen 50er Jahre fokussierte sich primär gegen Aufsicht und Bevormundung im Elternhaus, gegen Einschränkungen und polizeiliche Observation ihrer eigenen  freiheitlichen Strebungen.

Aber dieses Phänomen ist eher eine historisch immer schon gekannte, periodisch bedingte Empörung der Jugend, ein individuelles wie bandenmäßig bestimmtes Randalieren eben gegen diese als einschränkend und bevormundend empfundene Ordnung in einer, durch die Erwachsenenwelt bestimmten Öffentlichkeit. Das Halbstarkenwesen ist demnach eher ein allgemein-menschliches, postpubertär ausbrechendes, genetisch bedingtes Phänomen, wie es schon in den antiken Dokumenten der Sumerern und Ägypter manifestiert und sogar in der höheren Tierwelt nachweisbar ist.

Wenn demgegenüber Schelsky speziell für diese Epoche von einer „Skeptischen Generation“ spricht, so meint er damit diese „HJ-, Schanzer- Flakhelfer- und Kriegergeneration“, deren Schicksal vom den sozialisierenden Einflüssen des Nationalsozialismus geprägt, getäuscht und nachträglich stigmatisiert wurde. Es erscheint dahingehend nur verständlich, wenn diese jungen Menschen aus dem existentiellen Nullpunkt des Kriegsendes und ihrer daraus resultierenden Desillusionierung heraus, einer gänzlich veränderten Gesellschaftslage mit Zögern und Zweifel begegneten. Und wenn auch diese Generation den Auflagen einer ungekannt demokratischen Re-Edukation zunächst skeptisch gegenübertraten, so mußte sie sich dennoch im Sinne des Weiterlebens genötigt fühlen, sich am gesellschaftlichen Neubeginn, auch an jenem Aufschwung zu beteiligen, den man von nun an mit dem Slogan des `deutschen Wirtschaftswunder´ bezeichnet.

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