7 Mit der Saar-Hymne in einen eigenen Staat

SAARO Saarland,
du Kleinod von strahlendem Glanz,
O Land, du, von Kohle und Eisen,
Dir will ich gehören, dir weihen mich ganz,
Nichts soll mich dir fürder entreißen.
Auszug aus der Saar-Hymne von 1950

Ich rühm‘ dich, du freundliches Land an der Saar,
von friedlichen Grenzen umgeben.
Nie wieder bedrohe dich Krieg und Gefahr,
in dir möcht‘ ich immerzu leben.
2oo2, neuer Text vom Kulturminister des Saarlandes

Freitag, 4. März 1950     –     JoHo und Schuman besiegeln Saarkonventionmaerz
Seit gestern endlich wieder daheim, und seit gestern machen die neuesten Nachrichten aus Radio und Zeitung überall die Runde: JoHo, unser korpulenter Landesvater mit der schwarzen Hornbrille auf dem runden Vollmondkopf, hat in Paris mit dem französischen Außenminister Robert Schuman eine historisch bedeutsame Vereinbarung getroffen, eine Saarkonvention wie sie´s im Radio nennen. Es gehe um eine größere  politische Autonomie des Saarlandes mit selbständiger Regierung, aber auch mit wirtschaftlichem Anschluß an Frankreich und weiterhin dem französischen Franken als Währung. Seltsam, ein eigener Staat oder ein französischer Staat für Deutsche; also ein deutsch-französischer Staat

5. März   –   Brotdorfer Echo auf die neue Saarkonvention                                      
Nach der Frühmesse fängt mich Abel Willi etwas eilig ab. Sein Mittelläufer, der Kammer Walter, sei ausgefallen, und in zwei Stunden ist schon das wichtige Punktspiel gegen Saarlouis-Roden. – Mein erstes Spiel in der ersten Mannschaft, hab sogar von den 9 Toren zwei geworfen und das als Mittelläufer aus der zweiten Reihe.Freund Willi ist unter den Zuschauern. In der Halbzeit kurze Worte gewechselt. Er habe mit Förster Karmann gesprochen, wegen einer Stelle für seinen Vater. Karman fragte, ob der Vater die Waldarbeit kenne und meinte hinterher: „Mal sehen, Willi!“ Eine gute Nachricht! Drücke Willi die Daumen!

Wenn du von Handball sprichst, sollte man für die jungen Leute von heute erwähnen, daß es sich um Feldhandball im Freien auf normaler Sportplatzgröße handelte. Heute spricht man auch nur von Handball und meint den Hallenhandball, den es damals noch gar nicht gegeben hatte.

Am Abend in der Germania beim Siegfeiern. Germanias Kattchen spendiert zwei Runden für die Mannschaft und den Vorstand. Pätter Meschel, mein Pate, klopft mir auf die Schultern. Gegen Schluß, die Alten am Stammtisch sind längst vom Tagessieg des TuS zur Tagespolitik unseres Landes übergegangen. Und dabei erlebe ich meinen Paten in einer bisher bei ihm nicht gekannten Erregung über diesen Pakt, diesen ´Kuhhandel´ von JoHo mit den Franzosen:
– „Wenn dä Koùhhandel loo vum Landtag ennerschriff gefd, dann äas dat kään ejschde Schritt mej, dann hätt dej MRS-Bande gewonn, dann gäan mir net, dann säan mir schun muar Fransusen!“
Auf dem Heimweg zeigt Vater sich auch betroffen über die Heftigkeit seines Schwagers. Vater, der in den 20er Jahren als Bergman in Lothringen mit Franzosen eingefahren ist, glaubt nicht, daß die Saarkonvention an unserem Deutschsein rütteln wird. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns mit den Franzosen zu vertragen.
– Mei Jong, ed gefft nie soù hääß gäaß, wej gekoocht äas!

Was die von Pätter Mechel sogenannte „MRS-Bande“ betrifft, so handelte es sich um eine politische Bewegung, welche sich unmittelbar nach dem Waffenstillstand für den kompletten Anschluß der Saar an Frankreich einsetzte. Neben politischen Veranstaltungen richtete die MRS (Mouvement pour le Ratachement de la Sarre à la France) hauptsächlich in den Städten kulturelle Treffpunkte und frankophile Konversationszirkel ein, mit deren Hilfe in der Bevölkerung eine geistige Motivationsbasis für einen derartigen Anschluß geschaffen werden sollte. Infolge deiner schlechten Schulnoten in Französisch Anfang 1946 hatte dich Mutter in den Merziger Konversationszirkel des MRS gesteckt, in dem nach der méthode directe nur französisch gesprochen wurde und der unentgeltlich war. So allein und fremd du dich mit deiner fünf in Französisch dort anfangs auch unwohl fühltest; es war für dich, den Fünfzehnjährigen, die erste gesellschaftliche Aufnahme inmitten einer völlig fremdartigen und fremdsprachlichen Situation; es war deine erste Begegnung mit dem gelebten Französisch, mit Freunden und Angehörigen unseres noch ein Jahr vorher als Erzfeind genannten direkten geographischen Nachbarn.            

Den Einfluß der MRS-Zeit auf meinen einsetzenden inneren politischen Wandels mag ich weder abstreiten noch bereuen; indes, Pätter Mechels lautstark verkündete Befürchtung an jenem Sonntagabend in der Germania, die MRS könnte letztlich obsiegen, hatte sich mit dem Saarstatut vom 3. März 1950 für alle Saarländer von selbst erledigt, wenngleich eine definitive Trennung von Deutschland damit für längere Zeit eine beschlossene Sache war.

Montag, 6. März   –   Politische Debatten auch in Lebach                                                              Mit Theo wieder zurück im Bau. Außer Dr. Bopp erwähnt keiner unserer Lehrer die politischen Ereignisse. Doch unter Seminaristen kursieren sie umso heftiger und wirbeln die Meinungen auseinander. Die einen, vor allem die Pälzer unter uns, sind wütend.
-„Die wollen doch nur unsere Kohle und unseren Stahl!“
Aus einer Pälzer Studierbude soll sogar noch spät abends herausgedröhnt haben:
„Deutsch ist die Saar; deutsch immerdar!“
Andere sind eher unschlüssig; sind politisch weniger involviert.

Zurück zu diesem 3. März 1950: Die westdeutsche Bundesregierung unter Konrad Adenauer hatte noch am selben Abend zu dieser Saarkonvention bei der Alliierten Hohen Kommission scharfen Protest eingelegt. Es klang damals fast schon wieder wie ein Protest gegen den Versailler Vertrag. Dennoch und immerhin, ganze 9 Jahre lang hat das kleine Völkchen im Dreiländereck zwischen Frankreich, Luxemburg und Deutschland den neuen politischen Status teils akzeptiert, teils hingenommen, bis der politische Vektor mal wieder zurückstrebt. Als es mit Kohle und Strahl im Industriedreieck der Saar langsam zu Ende ging, als das westdeutsche Wirtschaftswunder der BRD über das saarländische hinweg stieg, da schaute man wieder nach drüben, und es skandierte die aufgebrachte Volksstimme immer lauter: „Der Dicke muß weg!“ , musste JoHo zurücktreten. Wie schon 1935 bewirkte ein Volksentscheid am 6. Juli 1959, am sogenannten „Tag X“, die Aufnahme der Saar in die Bundesrepublik Deutschland. Sag einer, die Geschichte würde sich nicht wiederholen, sie tut es, wenn auch mit neuen Fahnen und Hymnen.

7. März   –   Gott ruft mich erst nach Rom!
Wenn Gott meich schu roofe sollt; dann awer ejschd nöö Rom.
Draußen zeigt sich schon eine wärmende Frühjahrssonne; hab das Fenster offen und arbeite weiter am Referat: „Ackermann aus Böhmen, eine frühhumanistische Dichtung“, ein Streit zwischen Mensch und Tod, der von Gott geschlichtet wird.  „So nimm denn, Kläger, für dich die Ehre. Tod, siege Du! – und pflichtig bleibe der Mensch dem Tode mit seinem Leben. Der Erde schulde er seinen Leib, uns aber weihe er seine Seele.“ Habe mich noch nie über Schinhofen beschwerd; aber hätte er mir nicht ein anderes Thema geben können; tue mich schwer an dem da: `Tod, siege Du´!     Noch schulde ich der Erde meinen Leib, und wenn Gott mich schon rufen sollte; dann erst mit meinem noch jungen Leben, noch lange nach Rom! Lege die Arbeit beiseite und greife ein zweites Mal zu Alices Grüßen aus Dillingen, eine Postkarte mit roten Rosen!
– Sie will mich morgen mit Günter besuchen kommen. Warum kommt sie nicht allein?                  Abends lese ich mit Theo zusammen im „Simplizissimus“ und bekomme wieder Reisefieber. „Etliche hielten mich für einen Narren; was wohl zugetroffen hätte, wenn ich den lieben Gott nicht gekannt hätte.“
Kenne ich ihn? Treffe ich ihn? – Ich weiß, er ist allgegenwärtig; aber in Rom, so Gott will, wird er mir sicherlich ganz besonders gegenwärtig sein.

8. März   –   Alice kommt doch nicht                                                                             
Hatte mich bestens vorbereitet, bin sogar über die Mauer abgehauen, um in Knorscheid im Laden etwas Süßes zu kaufen. Aber Alice ist nicht gekommen, auch nicht mit Günter.

11. März  –   Unser Seminarchor im Radio                                                                                            
Der Saarländische Rundfunk ist gekommen; sie nehmen eine ganze Radiosendung mit unserm Chor auf. Auch Proben der C-moll-Messe von Mozart dabei, an der wir jetzt schon ein halbes Jahr laborieren.  Zur Sendung ist eigens der bekannte Orgelspieler Hans Lonnendonker aus der Landeshauptstadt mitgekommen. Wie man aus ihrem Gespräch hört, Lansch ist per Du mit ihm, eröffnet Lonnendonker unserm Chef den Wunsch der Rundfunkradioredaktion, mit unserm Chor demnächst auch die neue Saarhymne aufzunehmen! Auch Lebach hat mit dem Ganzen heute ein Tagesereignis. Viele Leute um den Aufnahmewagen herum und auch bei der Aufnahme in der Pfarrkirche.  Für uns mal wieder ein ganzer Tag frei! Und vielleicht später noch einer in Saarbrücken.

Mittwoch, 15. März.    – Unerwartet großer Besuchstag!                                                                 
Am Vormittag kommen Onkel Albert mit Sohn Dietmar mich mit dem Motorrad besuchen. Sie bringen Grüße von daheim, einen Rucksack mit Nahrung, Wäsche und künden einen weiteren Besuch an. Ich eile zum Bahnhof und hole Mutter und Helga ab. Habe verlängerten Sonntagsurlaub bekommen. Gehe mit ihnen ins Kino: „Gaslicht und Schatten“ großartig, auch die englischen Schauspieler. Mutter liebt das Kino noch mehr als ich. Habe ihr gesagt, dass Willi vielleicht mitmacht nach Rom. Sie möge ihm am Freitag, wenn sie ihn sehe, zum Geburtstag gratulieren. Das will sie gerne ausrichten; hat  aber zu Rom geschwiegen. Am Bahnhof drückt sie  mir aber 4000 frs in die Hand. Die Hälfte habe ich sofort in die Romkasse gesteckt.

16. März – Das Kreuz des Dulders ?
Wieder dieser Donnerstag- Jesuit Mangeot hält wieder den Monatsvortrag: „Das Kreuz des Dulders wird zur Kanzel des Lehrers.“ (Fr. v. Assisi)  Habe nicht alles verstanden; der gelehrte Jesuit will uns Seminaristen damit als kommende Erzieher ansprechen und erwartet dazu eine vorbildhafte Standfestigkeit im Glauben, auf daß Gott „jeden von euch in enger Denk- und Gesinnungsgemeinschaft zu einem festen Fels bilde, an dem der Andrang seiner Feinde zerschelle“! Starke Worte, und schon wieder so martialisch, wie letztes Mal, wo er von Vernichtung und Zerfall sprach. Daher frage ich
– ob Gott überhaupt Feinde haben kann, unduldsame Feinde,
– und wenn, ob er, der Allmächtige,  zu deren Überwindung die Hilfe von armen Sündern nötig hat, wo doch sein Sohn uns lehrt: Liebet eure Feinde; tut Gutes denen, die euch hassen!

Und nochmals, den Leitsatz:  „Das Kreuz des Dulders wird zur Kanzel des Lehrers.“ ;  an dem habe nicht alles verstanden;  zum ersten: will künftig als Lehrer nicht von der Kanzel dozieren,       zum zweiten: will meine jetzigen Ziele, meine Prüfung nicht als Dulder und die große Fahrt im Sommer mit Freude, weiter verfolgen!

19. März – Ohne Alice den ganzen Tag in Saarbrücken
Heute ist Josefstag; eigentlich mein erster Namenstag; doch es scheint nicht mein Tag zu sein: Hatte gestern Alice in ihrer Arbeitsstelle angerufen; sie gab mir per Telefon die Zusage für den Besuch des 7. Jugendsinfoniekonzerts in der Wartburg Saarbrücken.  Heute, um 7 Uhr 30 bin ich in Dillingen; doch Alice ist nicht zu sehen; dabei hatte sie mir doch ihr Wort gegeben!

Verärgert fahre ich allein nach Saarbrücken, gehe in Sankt Johann in die Messe. Ein Missionar, der 20 Jahre in Afrika wirkte, predigt von der Not in diesem Kontinent. Er spricht das Vater unser in der Eingeborenensprache. Vor der Wartburg treffe ich Schulkameraden und Bekannte. Herausragend dann die 2. von Beethoven.  Nach dem Konzert den ganzen Tag frei, mit Hurth und Ossi, die ihre Freundinnen bei sich haben, gehe ich etwas an der Saar spazieren, ich aber ohne Alice. Und abends dann im Ufa-Palast „Der dritte Mann“, ein sonderbar hinreißender Kriminalfilm. Spielt in Wien, direkt nach dem Krieg. Im Bus will mir der Wurm nicht aus dem Ohr, diese durchrieselnde Zittermusik durch den ganzen Film hindurch.

29. März – Nicht mein Tag                                                                                            
Heute steht Rudolf als Namenstag im Kalender; aber es war, wie schon vor 10 Tagen, nicht mein Tag: Gegen Gymnasium Lebach haushoch mit 24:1 gewonnen; aber nur ein einziges Tor von mir. Im anschließenden Fußballspiel gegen die Jugend des Lebacher Sportvereins mußte ich als Torwart 4 mal hinter mich greifen, wogegen die unsrigen nur drei beim Gegner reinbrachten. Zur Halbzeit hatten wir noch 1:0 geführt.

zu Kapitel 1,8 : Osterferien, Karwoche, Feste feiern, fest arbeiten

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