9 „ Nau komm lejwe Mäj un maach ….“

Nau komm lejwe Mäj
maach oas Hoffnung och noch grejn!
Un loß oas endlich ed Licht vum Tunnel sejhn
Maach  de Pleen perfekt un oas net bang
Denn de Zukunft hätt schun ugefang.

1. Mai, ein Sonntag  –        Hexennööhd und Walpurgisnachtmai

Ruhige Kasernennacht; die Hexen meiden friedliche Kasernen!
Nach der Messe strömt alles in die Busse; das ganze Seminar nebst Leitung zur Saar-Messe nach Saarbrücken.
Was geschieht zur gleichen Zeit dahaam?

Die Leute aus dem Dorf werden auf dem Weg zur Frühmesse überall nachsehen, was die Hexen in der Nacht so angerichtet haben.
Gar arge Dinge waren in den Walpurgisnächten der letzten Jahre passiert. Das Ärgste war ein mit einem Haufen Mist vollbeladener Pferdekarren auf dem Dach vom Ejdschjes Haus. Keiner weiß, wie der da oben hingekommen war. Das Böseste war eine zugemauerte Haustür vor dem Anwesen eines Geizkragens, den niemand im Dorf so recht leiden mochte.

Das Lustigste erfolgte letztes Jahr – Till Eulenspiegel muß unter den Hexen gewesen sein – als vor dem Dorfplatz zwischen Kirche, Alter Schule und der Wirtschaft „Zum Hirschen“ ein großes Blumenmeer die frühen Frommen zur Sonntagsmesse begrüßte. Sämtliche Blumentöpfe, die am Vortag noch die Fenstersimse der Häuser schmückten, hatten sich zum Tanz in den Mai hier versammelt.

Zurück zum Tagesgeschehen: Die Seminaristen sind in Saarbrücken angekommen und versammeln sich vor dem Eingang der Saarlandmesse. Nicht, daß ich für die neue Wirtschaft unsers Landes kein Interesse hätte; aber Gelegenheit macht auch Wegläufer! Haue im Trubel und Gemenge ab nach Wallerfangen und bin zum Treffpunkt am Nachmittag in Sankt Johann wieder unbemerkt bei der Truppe.

Hatte mich in Wallerfangen mit Willi verabredet, der dort bei einem Maitreffen der Katholischen Jugend weilt.
Willi war unter den Eiferern aus vielen saarländischen Pfarreien in voller Aktion; wir konnten kaum reden. Beim Abschied sagte er aber, daß es für unsere Sache bei seinen Leuten gut steht. Sie hatten mit der Familie, auch den Brüdern und der Schwester gemeinsam beraten und dann ihr Einverständnis zur Pilgerfahrt offiziell abgegeben.

3. Mai 50 –         Wir ins Endspiel und die Saar in den Europarat
Bei den Gruppenspielen um die Meisterschaft der saarländischen Schulen haben wir heute den Tabellenführer, das Realgymnasium Merzig, meine ehemalige Penne, mit 3:0 besiegt und sind dadurch ungeschlagener Vorrundenmeister geworden.

Nach den gestrigen Nachrichten vom Saarländischen Rundfunk hat der Landtag einstimmig den Beitritt des Saarlandes zum Europarat beschlossen.
Heute nun die Reaktion aus Bonn. Wie schon anläßlich der Saarkonvention hat die Bundesregierung dagegen scharf protestiert. Nach dem erst vor kurzem die Gründung des neuen Staates offiziell vollzogen sei, bedeuteten nunmehr diese neuen Anstrengungen der Saarregierung einen weiteren Keil in den deutsch-französischen Bemühungen, die eine Teilung Deutschlands auf Dauer stabilisierten.
Sollte es auch der Bundesrepublik Deutschland gelingen, diesem Europarat als offizielles Mitglied beizutreten, dann säßen sich zwei deutsche Vertretungen auf höherer Ebene konträr gegenüber; wohl eine prekäre Situation.

 4. Mai, Donnerstag – Dr. Bopp und Europa, Dr. Junge und der Sex
Heute nun hat Bopp den normalen Unterrichtsstoff unterbrochen und ist auf die jüngsten politischen Ereignisse eingegangen. Zu den sogenannten deutsch-französisch-saarländischen Auseinandersetzungen erläuterte er lediglich, die Saarfrage könnte den Weg zu einer europäischen Einigung eher belasten als fördern. Es sei ohnehin bedauerlich, die vergangenes Jahr aus den vier Besatzungszonen vollzogene Gründung zweier deutscher Staaten duldend hinzunehmen; jetzt noch eine dritte dazu!
Bopp erläuterte dann, beim Europarat handele es sich um ein Gremium, dem bereits 10 europäische Staaten beigetreten seien, um die Demokratie in ihren Ländern fester auszubauen und eine stärkere Integration untereinander zu fördern.

Meine Gedanken sind nicht ganz dabei. Wenn Gott will, wird es diesen Sommer auch wieder zu einer großen Fahrt kommen,  es soll nicht nur eine Wallfahrt, sondern auch wieder ein Weg zur Freundschaft werden.

Am Nachmittag dann der Vortrag von Junge in der Aula bei vollem Haus. Erstmals, daß jemand öffentlich das Thema `Jungen-Mädchen´ anspricht und vor uns allen über sexuelle Dinge reden will. Kein Wunder daß, alle höchst interessiert sind. Hinterher beim Abendessen im Speisesaal ist der Vortrag das einzige Thema. Eigentlich eine Enttäuschung. Junge hatte sich lediglich auf Vorgänge im körperlichen Prozeß der geschlechtlichen Reifung beschränkt; auch dies nur in allgemeinen Äußerungen, die aus dem Biologieunterricht längst bekannt sind.

6. Mai – Lieblich war die Maiennacht,…

„Lieblich war die Maiennacht, Silberwölkchen flogen…

Wunderschön grünt es wieder in unserm Seminargarten; aber es ist zu trocken. Ossi, Theo und ich haben unsere Beete fleißig genetzt; nicht nur unsere.
Schön auch der Rasen in den Anlagen rechts und links der Wege und rund um den Sportplatz. Und die Blumen dazwischen Tulpen, Veilchen, Narzissen und noch manch andere Frühlingsblume, deren Namen ich nicht kenne. Auch steht oben auf Hoxberg der Wald wieder prächtig in diesem jungen hellen Grün.
Also, unser Blick ist in diesen Tagen nicht nur auf die Prüfung gerichtet.

…Lang mir noch im Ohre lag, jener Klang vom Hügel.“

 9. Mai – „Kohle und Stahl“, neues aus Paris
Robert Schuman, Frankreichs rühriger Außenminister, hat einen Plan entwickelt für eine engere deutsch-französische Gemeinschaft in der Produktion von Kohle und Stahl. Aus den Nachrichten geht hervor, daß in die Gemeinschaft auch die Saar mit einbezogen werden soll.
Nach Ansicht des Radiosprechers ist der Plan einer solchen Union möglicherweise eine diplomatisch eingefädelte Reaktion auf die heftige Aufregung Bonns über das Bestreben Frankreichs, die Saar, und damit deren wirtschaftlichen Ressourcen und Industrie lediglich für sich in Anspruch zu nehmen.
Insofern könnte man den Vorstoß Schumans als ein Entgegenkommen Frankreichs gegenüber einer verärgerten Bundesrepublik betrachten.
Es bliebe abzuwarten, wie wird sich JoHo dazu stellen wird. Sollte das Projekt zustande kommen, könnte die Saar schließlich doch eine Brücke nach Europa bilden?

Zu Kapitel 1,10: Lebacher Schulleben

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