8 Osterferien, Karwoche, Feste feiern, fest arbeiten

1.April – Mit gutem Zeugnis in die Osterferienunbenannt
Nicht in den April geschickt; denn auf den heutigen Tag hat jeder hier sehnlichst gewartet.
Mein Zeugnis fällt gut aus, habe 17 Punkte mehr als im letzten.
Viele von uns haben an einem solchen Tag nicht einmal Zeit für das Mittagessen bei unsern Armen Schulschwestern. Dabei ist die Samstagsmahlzeit die einzig ausreichende und, weil gewärmt, die beste der Woche: entweder Linsensuppe mit einem halben Würstchen, wie für Esau auch mein Leibgericht,  oder „Wochenschau“, ein Eintopf mit den Resten von fünf vergangenen Tagen.
Mit vollem Wamst aufs Rad; plätsch naß daheim angekommen. Schon hinter Knorscheid setzte der eiskalte Regen ein, hörte mal wieder auf, und hinter der nächsten Kuppe kam schon der nächste Schauer. Vater genehmigte mir einen selbstgebrannten Quetsch, und Mutter steckte mich ins Bett mit heißem Tee.
Jetzt können die Osterferien beginnen.
Zwei Stunden später steht Willi am Bett.
Mache mit ihm bei dem nächtlichen Männerbußgang nach Bachem mit. Die Mitternachtsmesse und Predigt hält Pastor Speicher, als Kaplan noch mein ehemaliger Religionslehrer von Merzig. Sein Thema: „Seid klug wie die Schlange und einfältig wie die Taube!“

Einfältig ist Euer Herz, wenn es nur eine Falte hat: die Wahrhaftigkeit! (Weil er uns 1942 auf der Penne den Weg nach oben zeigen wollte, schrieben wir zu seinem Erstempfang schräg hoch auf die Tafel „Zum Speicher!“)

Von Bachem mit den andern auch wieder zu Fuß zurück; es wird nicht mehr gebetet; wir beide denken und plaudern uns schon auf den Weg zum Petersdom.

Sonntag, 2. April –     Im Wald  Arbeit für die ganze Woche
Nach dem Hochamt die ersten Besuche gemacht: Rosemarie und Margot haben sich in Merzig Fahrräder gekauft: blaue Peugeots, jeweils für 21 Blaue. (21000 Franken). Wollen jetzt auch, wie ich letzten Sommer über die Grenze nach Frankreich; mutig die Mädchen!
Nachmittags mit Vater auf dem Ruude Knopp, den Schlag ansehen. Karmann hat uns großzügigerweise die Stelle zugewiesen, die mit dem Fuhrwerk leicht anzufahren ist. Oder hatte da Willi seine freundliche Hand mit im Spiel?
Jedenfalls haben wir jetzt für die Karwoche unsere Beschäftigung.

Montag, 3. April –  Karwoche beginnt für uns am Schlag
Sehr früh auf dem Ruude Knopp.  Willi kommt und hilft uns zwei Stunden beim Säubern und Sägen der Stämme. Willi erwähnt, es war doch Karmann selbst, der uns diese gute Stelle ausgesucht hatte. Wieder ein Zeichen von des Försters positivem Wandel in seiner Persönlichkeit.
Karmanns Wandel zum freundlichen Mitbürger mag mit jener Affaire eingesetzt haben, die sich im Zollhaus abspielte, nachdem der akademisch gebildete Jungförster bei uns zur Miete eingezogen war.
Von Anfang an hatte sich der junge Herr Förster ausgesprochen selbstherrlich als etwas Besseres gegenüber meinem Vater, dem Geißenbauer und Fabrikarbeiter, aufgespielt und Vaters Langmut über  Gebühr überstrapaziert.
Vater hatte es anfangs sogar geduldet, daß Krmann eine große offene Bütte hinterm Haus aufstellt, in der er tagelang mächtige Rinderknochen für seinen Jagdhund einweichte, bis die schmierige Brühe Ungeziefer anzog und fürchterlich eine Jauchegrube zu stinken begann.
Doch als eines Tages das corpus delicti nicht mehr im Hinterhof stand, sondern für  jederman sicht- und riechbar direkt neben unserer Haustüre, da hatte Vater die stinkende Bütte wieder hinters Haus gebracht und dem Herrn Mieter aus der Landeshauptstadt entschieden die Meinung gesagt. Daraufhin  stellte sich dieser breitbeinig vor Vater, das Jagdgewehr im Anschlag und direkt auf die Brust meines Vaters gerichtet.

Vater zögerte keine Sekunde, packte die Flinte an den beiden Vorderläufen, entriß sie dem Karmann und schwang sie wie eine Axt hoch und sagte mit ruhiger, aber fester Stimme:
– „Sou, mei Primelförschderchin, wei äas ed awer zappenduschter mäat dir!“

und er setzte dann auf hochdeutsch fort:
– „Wir sind zwar auf Ihre Miete angewiesen; aber noch so ein Ausrutscher wie dieser, und sie packen auf der Stelle ihre Sachen!“

Nach diesem Vorfall war unser Mieter zahm wie ein Lämmchen und höflich wie ein Feigling.

4.April 1950 – Mir säan ewei en ääjene Staat
Rosemarie hat Dienst im Geschäft; so muß ich mit Margot in die Stadt, die Räder zurückbringen. Diese gefallen ihnen nicht; sie haben sich jetzt wieder andere ausgesucht. Schon auf der Kupp beginnt es in Strömen zu regnen. Auch die Räder plitsche naß, wie wir beide dann unten in der Merziger Powei ankommen, sodaß der Händler sie anfangs nicht mehr zurücknehmen will; nach einer Weile Schimpfen dann doch nachgibt.

Daheim dann in den Nachrichten:
In seiner heutigen Sitzung hat der saarländische  Landtag das Pariser Abkommen vom 3. März ratifiziert. Damit ist die Abtrennung von Deutschland beschlossene Sache, der Besatzungsstatus aufgehoben; das Saarland als eigener Staat besiegelt.
Vater meinte, „noch soù e klääne Staat, direkt newen Letzeburrich“, so eine Sache hätte auf Dauer keinen Bestand; fünf Jahre nach dem Zusammenbruch wär´ s an der Zeit, sich in größeren politischen Gebilden zusammen zu schließen.
– „Awer besser noch soù, als dat ma Fransusen gäa säan!“

Mittwoch 5. April – Der Philosoph aus Rissenthal auf saarländischer Briefmarke
Als wir wegen des zu starken und nassen Regens die Arbeit am Schlag abbrechen mußten, holt mich Vater daheim mit ins Wohnzimmer und zeigt mir stolz seine neueste philatelistische Errungenschaft. Die Saarregierung hat eine neue Briefmarke herausgegeben. Die Freimarke zu 15 Franken zeigt in einem matten violet-rot das Konterfei von Peter Wust aus Anlaß seines 10. Todestages. Der damit gewürdigte  Professor der Philosophie stammt aus unserm Nachbarort Rissenthal.
Vater hatte Wust persönlich gekannt. Als beide noch Buben waren, kam Peter manchmal mit seinem Vater, einem  armen Tagelöhner und Siebmacher, über den Hargarter Berg regelmäßig ins Dorf, um unsern Päards-, Kouh- und Gääßebauern neue Kornsiebe zu verkaufen oder die kaputten zu erneuern.

peter_wustPeter Wust hatte in Münster den Lehrstuhl für Philosophie inne. Als bekennender Katholik und Existentiaphilosoph übte er nicht nur in seinen überfüllten Vorlesungen offene Kritik an den Nationalsozialisten. Er entzog sich letztlich den Fängen der Gestapo, als ihn 1940 ein böser Kehlkopfkrebs dahin raffte.
Was deinen eigenen Bezug zu Wust betrifft, so war es in den folgenden Jahren zunächst wieder Vater, der deine Aufmerksamkeit auf diese Persönlichkeit lenkte. Der Rissenthaler war häufig Gesprächsstoff bei den regelmäßigen Plauderstunden bei Miller Matz, dem Nachbarn oben auf der Ried, zu denen dich Vater öfter mitgenommen hatte.
In Lebach sorgte dann Dr. Junge dafür, den „katholischen Philosophen von Münster“ auch über dessen Werke näher kennen zu lernen.   Und später, während deines Zweistudiums wähltest du Wust als Schwerpunkt im  Philosophikum, und zu guter letzt (es sei auch erwähnt) hattest Du als Bildhauer von der Peter-Wust-Gesellschaft den Auftrag bekommen, dessen gedanklich dreidimensional aufgebautes Hauptwerk „Ungewissheit und Wagnis“, ebenfalls dreidimensional,  in Stein zu hauen.

Karfreitag     –      Nach langer Liturgie zum Malen auf den Reisberg
Dem Wetter nach könnte es Ostermorgen sein, so hell die Sonne über uns.
Wie jeden Karfreitag eine lange, zeremonienvolle Messe. Gehe mit Pinsel und Farbe auf den Reisberg. Der Blick von der Steilstufe hinab ins Tal und aufs Dorf ist zu allen Jahreszeiten ein einmaliges Sujet.  Und der junge Birnbaum, den ich vor paar Jahren vom Wildling zur Williamsbirne veredelt hatte, steht jetzt gut in den neuen Zweigen; keine einzige Rute ist ausgeblieben.
Onkel Johann hatte mir gleich nach dem Krieg, Vater war noch in Gefangenschaft, das Poaßen und Okkulieren, die Kunst des Pfropfens, beigebracht. Vorerst hatten wir oben auf der Ell etliche neue Wildlinge ausgegraben und in unserm Obststück in den Lücken eingesetzt, die November 45 die amerikanischen Artillerie in die drei Baumreihen gerissen hatte.
Mit dem jetzt so kräftig im Saft stehenden Birnbaum  musste ich allerdings Lehrgeld bezahlen, hatte aus Onkel Johanns Schuppen die Veredelreiser genommen und sie fleißig auf den Birnbaum gepfropft. Als ich am andern Tag wieder auf dem Reisberg kam, um weiter zu machen, tropfte es am Birnbäumchen dicke Tränen aus allen Wunden: Ich hatte die falschen Reiser, nämlich Zwetschenreiser auf den Birnbaum gesetzt.

Dienstag 11. April –  Nööm Feiern dääd nommoa nau  Ärwed woarden
„Urbi et Orbi“      —    Die Ostertage vorüber, aber immer noch Ferien!
Das Prachtwetter von Karfreitag hat nicht bis Ostersonntag gehalten; Regen auch am Ostermontag. Habe mit den Eltern zusammen den ganzen liturgischen Feierlichkeiten gelassen beigewohnt. Hanni hatte wieder seine Dreiherrenmesse mit dem von ihm bekannten klerikalen Aufwand glänzend zelebriert.
Ich selbst bin längst nicht mehr mit dem Eifer dabei gewesen, mit dem ich noch als Meßdiener und Raspeljunge von Gründonnerstag bis Ostermontag in allen Diensten eingespannt und voll engagiert war. Bin ja jetzt auf Urlaub! Habe mich über die Feiertage viel ausgeruht, viele Besuche gemacht, Freunde getroffen, mit Willi von Rom geträumt und zu faul, alles aufzuschreiben! Im Übrigen streikt auch mein Füllfederhalter.
Heute aber krempeln wir wieder die Arme hoch. Noch am Abend treffe ich mit Vater die Vorbereitungen für den morgigen Schlachttag.

12. April – Unser Schlachttag
Heute haben wir also das Schwein geschlachtet.
Onkel Johann, unser Hausmetzger, war schon kurz nach Sonnenaufgang rüber gekommen; Mutter hatte inzwischen genug heißes Wasser auf dem Ofen.
Drei Stunden später hängt es ausgeweitet unterm Schopp, und wir sind schon wieder auf dem Ruude Knopp zum Holzmachen.

Freitag, 14. April – Holz stapeln und Wurst machen
Tante Katchen hilft Mutter beim Wurstmachen und Einsolpern. Wir sind gegen fünf  im Schlag fertig;  alles Holz ist säuberlich zum Aufladen aufgestapelt. Hatten über Mittag nur ´ne Brotzeit gemacht.
Spätes Abendessen: Ich bekomme, wie schon als Junge, nach der Wurstsuppe das Herz.

16.April – Weißer Sonntag, die große Familienfeier
Bei der Erstkommunionmesse ist die Musik ausgefallen, auf die sich die Kinder so sehr gefreut haben. Der Musikverein streikt wegen eines Konflikts mit dem Pastor um die Notenauswahl.
Hast du da noch Töne! Wer hat es je gewagt, sich gegen Hanni zu stellen!
Nach der Schufterei der Vortage – noch gestern hat uns Baller, Mariannes Vater, das Holz heimgefahren – ist Feiern bei der Verwandtschaft angesagt:
Bin über Mittagessen bei Christel; Mutter ist ja zum Kochen bei der Verwandtschaft in Dillingen. Vater und ich sind zum Abendessen bei Onkel Albert eingeladen. Wir kehren dann aber gegen 22 Uhr wieder zur Feier von Christel zurück, wo das Stimmungsbarometer um einige Grade höher steht. Bin ziemlich betrunken, helfe Vater in ein Taxi, begleite noch Änni und Rosemarie nach Hause und komme um halb fünf im Zollhaus an, prügele Karmanns knochenfressende Kora, weil sie nicht aufhören will, mich anzubellen.

Montag, 17. April – Ein dicker Kopf zwingt zum Blaumachen
Mutter ist gegen Mittag noch nicht aus Dillingen zurück. Vater liegt wie ich auch mit Schlips und Kragen auf dem Bett. Mir ist übel; mich drängt´s hinaus. Auf dem Reisberg male ich an meinem Bild weiter.
Abends mit Willi bei Stäämetz in einen Trenker-Film: „Der Berg ruft“. Diese bizarren Alpenberge, die können einen schon rufen, und diese leidenschaftlichen Kletterer, später vielleicht mal auch mich; aber jetzt ruft erst mal Rom! Vielleicht auf der Rückfahrt durch die Berge, über den Appenin und über die Alpen?

19.April – Durchs offene Kasernentor zum Studieren zurück
Freiheit, gesunde Arbeit der Hände und frohes Feiern mit Freunden und Verwandten sind wieder zu Ende; viel zu schnell hat uns Lebach wieder. Auch noch heute, am zweiten Tag will man sich noch nicht eingewöhnen.
Nicht mehr gewöhnt das Rennen und Lärmen während den Unterrichtspausen, und danach auf den Fluren und Zimmern. Vor allem in unserer Fünferbude geht´s schon wieder bunt und hoch her. Bei dem Geplauder keine Konzentration möglich. Dazwischen immer das Radio, – habe den ganzen Tag bis in die Nacht Kopfschmerzen. Theo geht es genauso; aber der beteiligt sich selbst daran mit seinem Pfeifenrauch.

23.April – Saarbrücker Sonntag mit mir allein
Es hat in der Nacht heftig geregnet; ich muß kurz aufstehen, mir den Wolkenbruch anschauen. Wieder im Bett denke ich, uns macht er ja nichts, wir sind im Trocknen. Doch wie ich nach dem Frühstück in unsern Studiersaal komme, sehe ich, daß der Regen durch die Decke gedrungen ist und auf meinem Platz einen großen Teil meiner Bücher und Hefte durchnäßt hat.

Nachmittags mit der Gruppe der Melomanen  per Bahn nach Saarbrücken:  Besuch der Oper „Der Freischütz“ von C. M. v. Weber. Besonders erfaßt mich die Szene in der „Wolfsschlucht“; von den Personen ist „Ännchen“ am besten.  Und während die andern ihre miteingeladenen Freundinnen verabschieden, muß ich an Alice denken. Nach den letzten Absagen hatte ich sie gar nicht mehr gebeten.
Die Ausgangszeit ist längst  überschritten, sitze an der Theke vom Lebacher Bahnhof, muß noch einen trinken, einen auf Alice, einen für Simplizissimus´ ertränkte Liebe! Werde auch künftig nicht mehr nachfragen. Günter hat gewonnen; hat wohl auch zu Alice gesagt: „Laß die Finger von ihm!“

29.April – Wieder daheim mit Willi beim Maibaumschlagen
Willi lädt mich nach Jonge Wällchin ein, wo der diesjährige Maibaum geschlagen wird. Erstmal sehe ich die beiden Willis, Sohn und Vater zusammen in ihrer gemeinsamen Waldaktion, wie sie mit den jungen Burschen ein besonders hohes Exemplar aussuchen, umlegen, die Äste weg hauen, den Stamm weiß schälen und nur die straußähliche Spitze stehen lassen.
Zu der spannenden Aktion des Maibaumschlagens erzählt man sich bei dieser Gelegenheit im Dorf noch heute folgenden Vorfall:
Vor Karmann war bei uns ein Herr Hauser Revierförster. Dieser empfängt die Gruppe der Jungmänner, um ihnen  die zu schlagende Fichte für den Maibaum zuzuweisen.
Dabei weist Herr Hauser die Dorfburschen darauf hin, den Baum nicht aus dem vorderen Bestand am  Ruudeknopp zu wählen, sondern einen Schlag weiter zurück.
Die jungen Leute schauen einander verdutzt an, zögern etwas und sagen dann fast gleichzeitig:
„Zoù speed, Herr Hauser, de Baam leihd!“

Zu Kapitel 1,9: Lebacher Schulleben

 

 

 

 

 

 

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