6 Eich gäan, eich gäan…Gäaff, wemmde welschd!

1.Februar – bloß ein eintöniger Lebachsonntag         feb                                            
Wieder Sonntag, wieder ein eintöniger Tag im Seminar. Bin ganz allein auf der Bude. Sibit, der lange Geher aus Malstatt, liegt mit Gelbsucht auf dem Revier, und Theo hat es geschafft, Sonderurlaub zu bekommen.  Einzige Abwechslung: ein Handballspiel am Nachmittag, das wir 4:1 gewinnen.

6 .Februar –  E Päckschin vun dahaam                                                                                                     Mutter schickt ein Päckchen mit Brief, schreibt allerhand Neuigkeiten, daß die Frauen vom Roten Kreu diid Osterkerze gestiftet haben, die de Paschdur an Mariä Lichtmess geweiht hat, daß Günter bei ihr war und daß sie am Sonntag mit Helga mich besuchen will. Zuletzt fragt sie nach, ob wir in Lebach auch den Blasiussegen empfangen hätten. Achte drauf, daß du dich nicht erkältest!  – Wie ich Theo den Brief vorlese, meint er, er hätte diesen Winter den Blasiussegen arg nötig gehabt.

Als mich der notorische Pfeifenraucher  in der Nacht mit seinem Husten weckte, mußte ich ihm fluchend zustimmen.

 

12. Februar – Lejhneball! Just an einem Lebachsonnntag
Zu Hause ist heute Abend der Lejhneball, der Faschingsball für die zum Lehen ausgelosten Paare. Und du sitzt mit Daumendrehen und deinem seelischen Sonntagskater in der verdammten Lebacher Kaserne und kommst nicht raus!

In meiner Erinnerung hattest du sogar in der Kapelle zum Heiligen Antonius gebetet, damit er dich aus dieser Einöde raus holt. Der Lejhneball ist ja seit ewigen Zeiten ein festlicher Höhepunkt im Brotdorfer Jahreskalender. Und den darf man als Ausgeliehener nicht versäumen.
Nach altem Brauch werden acht Tage vor dem Festakt in der Nacht auf den beiden Hügeln zwischen in den Breechkaulen im Beisein des ganzen Dorfes die Lejhnen ausgerufen. Nachdem von der Schichtkante des Reisberges zwei brennende Wagenräder den Steilhang heruntersausen. Einer aus dem Komitee der 18-jährigen Burschen zieht aus einem Hut, in dem die Namen aller Junggesellen des Dorfes verzeichnet sind, ein Los und ruft:
„Eich gäan, eich gäan!“

Der zweite auf dem andern Hügel macht das gleiche mit den Namen der unverheirateten Mädchen und ruft:
„Gäaff, wemm de welschd!“
Dir wurde in diesem Jahr per Zufall oder für eine Flasche Schnaps Josepha aus der Abelsmühle zugeeignet.

Mittag schon vorüber; immer noch keinen Urlaubschein; 14Uhr30 ich stehe vor dem Herrgott von Lebach und erkläre, warum ich heim muß: Josefa wartet!

Meine Ehrlichkeit verblüfft sogar den schärfsten unserer Aufseher; Dr. Best ist einsichtig, und sofort erhalte ich Urlaub.  Schon in Merzig, wo ich Onkel Albert treffe, erfahre ich, daß Josepha mir eine riesige Bretzel gebacken hat. Wie ich den Miller Berrich hochkomme, steht sie auf der Haustür der Abelsmühle:
„Du bist also doch noch gekommen!“
Die Leute von der Abelsmühle gehören, einst zugereist, zur haute vollée. Sie sprechen auch mit uns Dörflern immer nur hochdeutsch, was ich aber Josepha nicht übel nehme.
Auf dem Ball hat Gisela für uns Platz gehalten; mit uns am Tisch, Leschie, Kammer Rudi und Wagner Willi. Braunschi spielt in der Kapelle Akkordeon.

Wartete vergeblich auf eine Gelegenheit, mit Willi über Rom zu sprechen.
Die Jungs finden es seltsam, daß ich ab halb zwölf nichts mehr trinke. Ich aber will mir den Abend nicht verderben. Nach dem Kehraus führe ich Josepha heim, sitze noch ein wenig mit ihr Arm in Arm in der Mühle, und dann muß ich mich aufs Rad schwingen, nach Lebach eilen, wo ich naßgeschwitzt, totmüde, aber überglücklich ankomme.

Dr. Bopps Faschingsscherz
Was sich Dr. Bopp nur dabei gedacht hat, uns in der Geschichtsklausur als Letztes die Frage zu stellen: Wer schenkte Goethe als Erfinder ein Grammophon?  Hinterher weiß ich, es war doch mehr als ein Faschingsscherz

15. Februar   – Willi macht Hoffnung
 „Das Feuer erprobt das Eisen und die Versuchung den Gerechten!“, so Thomas a Kempis in der „Nachfolge Christi“.  Aber hier, kein Feuer, das uns auf der Studierbude erwärmt; draußen gießt es Schneewasser in Bindfäden!                                                                                                                    Am Nachmittag kommt Wagner Willi mit dem Rad; er bringt Nachschub von zu Hause. Mutter kann nicht kommen, muß bei Vater bleiben, der wieder an seiner alten Kriegskrankheit laboriert.
-Schejn, datt dau wenigschdens komm beschd, un datt bei soùm Weeder! …Wenn eich net wessen deed, dat ed mäat oas net klappd, geeng eich määnen, dau häschd schu fier Rom trainiert?

Wie ich Willi provokativ auf Rom anspreche, macht er überraschend die Andeutung, daß es eventuell doch klappen könnte, da seine Eltern nach fünf Jahren nun doch aus der Evakuierung aus Oschersleben zurück sind. Es könne möglich sein, daß sein Vater im Staatsforst auch als Holzfäller unterkomme. Und da ja seine Mutter nun den Haushalt führt, könnte man ja mal über Rom gemeinsam nachdenken. Ich nehme Willi mit während unsers Mittwoch-Ausgangs zum Kinobesuch: „Das Geheimnis der roten Katze“, ein reiner Zeitvergeudungsfilm. Mein Fazit: Häng dich nicht an irdisch Gut! Wie Willi weg ist; laufe ich in die Kapelle und singe Halleluja!

16. Februar Volleyball in der Kasernenhalle                                                                            
En nau Spill, dat eich schu kennen
Heute führt Gutzmann im Turnunterricht das Volleyballspiel ein; für die übrigen unserer Klasse ein völlig neues Spiel. Ich kenne es aus meiner Zeit bei dem „Amis“ im Sommer 1945.

18. Februar Faschingsamstag     –    Stundenurlaub einfach überzogen                                         Mondieu, es ist nicht zu fassen! Aber es ist Föösendsamschdisch, und ich sitze mit Donate, Ossi und Kasef im Bau fest. Alle andern aus der Klasse sind weg. Warum wir hier?

Neue Besen kehren fester, und neue Schützen schießen schärfer!

Wir drei waren vom neuen Aufseher Schütz am Donnerstag Abend in Lebach aufgeschnappt worden, als wir außerhalb der üblichen Ausgehzeiten (nur mittwochs, und freitags drei Stunden, lebachsonntags von 15- 21 h) beim Ausgang von einer Kappensitzung erwischt wurden. Trotz Einspruch und Fürbitten beim Direx, der den Neuen nicht überstimmen kann, dürfen wir erst Sonntagnachmittag heim.  Theo hatte auf seiner Heimfahrt in Brotdorf Station gemacht, meine Wäsche mitgebracht und meine Leute über den faux pas ihres Sohnes informiert.  Und prompt kommt Vater mich besuchen, die besorgte Mutter hat ihn gleich mit dem nächsten Zug hier her geschickt, wie peinlich! Ich bekomme von Best Sonderurlaub für ein paar Stunden, um Vater zur Bahn zu begleiten. Vater tobt, wie ich ihm in den fahrenden Zug nachspringe. Es ist Faschingsamstag, und ich pfeife auf den zu kurz geratenen Sonderurlaub!  Liefere Vater daheim ab, besänftige Mutter, steige aber während der Rückfahrt schon in Dillingen aus und gehe mit Günter tanzen.  Das erste Mal bin ich auf einem Maskenball. Die erste Maske, die mir in die Augen fällt, erkenne ich sofort: Es ist eine schöne Maske in ihrer Aufmachung und ihren Bewegungen, es ist Alice.  Ich muß sagen, daß mir die Maskierung mancher Frauen sehr mißfällt: Alte Weiber machen auf Teenager, um sich äußerst plump an junge Burschen ranzuschaffen!  Gegen drei gehen wir mit Alice und deren Tante nach Hause. Um 5 fährt mein erster Zug zurück nach Lebach.

19. Februar –  Faschingsonntag         ….und das Glück des Übermutigen                                       
Die Kaserne wie ausgestorben. Bis auf wir drei Dummem sind scheinbar alle schlauen Narren ausgeflogen. Mein gestriges Wegbleiben – ich sollte ja nur Vater zur Bahn begleiten – ist nicht aufgefallen. Als ich Best vor dem Waschraum in die Füße laufe, meint er:
– „Engel, ist ihr Vater gut in den Zug gekommen; na dann fahren Sie nach Mittag ihm doch nach, wollen mal gnädig sein!“
Dr. Best hatte also gestern nicht mehr nachkontrolliert.

22. Februar – Aschermittwoch             –             Memento homo

„Gedenke, o Mensch, du bist nur Staub                                                                                                      und kehrst zum Staub zurück!“

Es gehört zur Natur des Menschen, nach ausgelassener Freude wieder zum Ernst des Lebens zu finden und sich in ihm zu bewähren.  Aber die Freude darf seit gestern bleiben, wenn nicht ausgelassen, dann wenigstens gedämpft. Zu dem Glauben an Rom hat Willi die Hoffnung beigefügt!  Werde einen Teil meines Taschengeldes als Fastenopfer für Rom auf die Seite legen.

27.Februar    –      Die Räuber mit langen Haaren
Gestern war wieder so ein langweiliger Kasernensonntag; einziger Lichtblick, ein Päckchen von Mutter. Lasse mir in der Frisierstube die Haare bis auf 5 cm Länge stutzen; Schinhofen wird mich aufnehmen wie einen verlorenen Sohn.                                                                                      Habe die „Räuber“ gelesen; zwar etwas spät, aber immerhin. „Wer nichts fürchtet ist nicht weniger mächtig als der, den alles fürchtet.“ (Schiller)  Hatten wohl auch keine Angst vor langen Haaren!

Zu Kapitel 1,7: Mit der Saar-Hymne in einen eigenen Staat

 

 

 

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