5 Äan dissem heilije Joah …

Dillingen, 3. Januar – Helfe beim Betonieren
Gestern nach ausgiebigem Schlaf in Hontel am „Wengerdberrisch“ Ski gefahren, bis es dunkel wurde. Mit dem Abfahren geht´s schon; nur die letzte Kurve die bekommst du noch nicht hin, ohne langsamer zu fahren oder zu stürzen. Heute wieder nach Dillingen zu den Maurers an den Bau. Onkel Johann Maurer, hat es als Stahlkocher geschafft, bei der Dillinger Hütte ein kleines Grundstück und Zement günstig zu bekommen zum Bau eines Eigenheims. Bereits im vergangen Jahr, in meiner Saarlouiser Seminarzeit hatte ich nachmittags Onkel Johan und Kusin Günter geholfen, aus den Trümmern und Schuttbergen des Krieges brauchbare Backsteine zu sammeln, auf dem Handkarren zur Baustelle zu schleppen und zur Wiederverwendung mühsam frei zu klopfen.
Sind heute schon den ganzen Tag dran, am Betonieren. Wir arbeiten auch nach Einbruch der Dunkelheit weiter, bei elektrischem Licht. Dann kommt Alice an den Bau. Nach der Schicht fahren wir zu dritt zu ihr hoch nach Diefflen. Und morgen wird gleich weiter geschafft, bis in den Abend hinein. Werden auch dann nach dem Nachtessen regelrecht ins Bett fallen.

Dillingen, 5. Januar – Wegen Regens nur Kurzarbeit
Das auch noch, Regen im Januar! Weil der Regen stärker geworden ist, wurde gegen 11 Uhr nicht mehr weiter gearbeitet. Nahm mir auf der Mansarde in der Torbogenstraße meinen Hausaufsatz vor. In der Stadt traf ich Alice; hoffte, daß ich am Abend auch mit hochkomme. Ich kam mit, und wie wir uns in der Nacht verabschiedeten, ludt Alice mich für Freitagabend zur Operette ein.
Heute nun wurde wieder voll durch gearbeitet. Werde morgen nicht mit zur Opertte. Nicht, weil ich diese Musik nicht mag, eher weil Günter auch dabei ist, eigentlich, weil ich zum Feiertag nach Hause muß.

6 Januar , Fr. – Epiphanie, Fest der Erscheinung des Herrn
Dahaam häschd dat „Dreikinnigsdaach“

Komme gestern Abend spät daheim an. Mutter verärgert, weil ich noch zu den Jungs in den Kaiserhof ging. Hoffte Wagner Willi zu sprechen; der war nicht gekommen. Den Tag über daheim im Zollhaus geblieben, mich um Mutter gekümmert, ausgeruht.
Harte Dillinger Tage hinter mir; die ganze Zeit erst Kälte, dann Nässe, und neben der Mühe, dann noch Günters Drohung: „Laß die Finger von ihr!“   Epiphanie,, Tag der Erscheinung; Gelegenheit, sich Gedanken zu machen:
Äan dissem heilije Joahr
stejhn zwoù grußer Saachen un,
faalen eich dörrich de Prejfung goar
ihr heilich drei Könige helfd mir schun,
sonschd kommen mir net moa iwwer de Soar
un ejschd recht net fier nöö Rom devun.

Es stehen also etliche Sachen an in diesem Jahr; werde ich durch die Prüfung fallen und meinen Romplan fallen lassen müssen? Dann plötzlich aufgesprungen, mit dem Drei-Uhr-Zug nach Dillingen. Günter etwas verärgert:
– „ Bist jetzt doch zur Operette zurückgekommen.

Um sechs holen wir Alice ab: Das Ding heißt: „Liebe am Tegernsee“, ein schrecklicher Schmarren. Günters Kopf fällt dauernd nach unten; du genießt ihre direkte Nähe! Alice scheint das Libretto zu gefallen. Sie kann wenigstens einige Male über die dünnen Scherze und die ungewollte Komik herzhaft lachen. Du magst das Mädchen; du liebst sie auch so!

8. Januar So. –Die Liebe trotz Tegernsee
Wieder zu Hause!. Vater kränkelt; Mutter ist so fürsorglich. Hab mit der Mannschaft vom TuS bei eisiger Kälte auf dem Platz trainiert, zuerst in Handschuhen. Der Abel Willi staunt über meine Ausdauer. Soll ab Frühjahr als Mittelläufer in der ersten Mannschaft spielen. Hinterher am Miller Berrisch Maria getroffen, mit dem aus Hargarten. Sie blieb stehen und hat dir ein gutes Neues Jahr gewünscht. Ihr wolltet euch noch was sagen, bliebt aber beide stumm. Komisch, auf der Sommerkirmes, da war der Hargarterjung noch nicht auf dem Plan, da wollte sie bis in die Nacht nur mit dir tanzen. – Sie werden sich bald verloben. Na denn, adieu, Maria, meine engste Freundin aus der Kindergarten- und Volksschulzeit!

10. Januar – Zu neuen Ufern zurück in Lebach
Morgens noch gut bei Bopp, Schinhofen und Lansch, und schon wieder Dr. Best, das Biest! Wegen Zuspätkommens im Studierzimmer erhalten Theo und ich Ausgangssperre. Habe aus Wut auch das Abendstudium gestoppt und mit Gerd Tischtennis gespielt. Auch das Essen wird immer schlechter; der Vorrat sei aufgebraucht, heißt es. Für den späten Hungerabend auf Brotsuche bei Freund Pitzer, dem Bauerssohn aus dem Hochwald.

11. Januar – Altes Brot im Internat
Haud äas de 47. Gebuardsdaach vu meim Pabb. Gedanken an ihn daheim! Ohne die Hilfe von daheim ginge das Hungern hier in der Kaserne auch in diesem Jahr munter weiter. Das Brot zum Frühstück und kaltem Abendessen bleibt immer noch rationiert und, ergo, zu knapp. Jeder nur drei Scheiben, nicht nur für mich zu wenig. Öfter ist das Brot auch ettliche Tage alt. Die Ration heute Morgen besonders trocken und rissig, hart, sogar knorrig. Ossi, einer unserer Pälzer in der Klasse beschwert sich. Die Dicke von den Armen Schulschwestern am Schalter meint:
– „45 wärt ihr damit recht froh gewesen!“
Ossi spontan: „Da war es ja noch frisch!“

14. Januar – Festcommerz
Wie großzügig Eingebettet in den Wochenendurlaub ist in Saarlouis ein Festcommerz unserer ehemaligen Saarlouiser Seminarklasse! Von den Mädchen angezettelt und organisiert, treffen sich die Mädchen, von Blieskastel kommend, und die Jungen von Lebach aus. Habe als Tischdamen Scholtes Maria und Reichrath Betty, mehr Zufall als Wunsch; obwohl ich Betty immer als die Schönste in unserer Klasse gehalten hatte.
A la bonheur! Auf eine solch großzügige Idee und ihrer Realisierung wären wir Jungen nicht gekommen!

18. Januar – Der alte Trott
Nach Saarlouis dann über Sonntag zu Hause. Frühmesse, Probe im Kaiserhof beim Gesangverein, abends in der Germania ein „Bunter Abend“ von Radio Saarbrücken. Der große Saal bis auf den letzten Stuhl besetzt. Dagegen etwas dürftig, was die Professionellen qus der Landeshauptstadt den Leuten auf dem Lande da zumuten.
Entschädigung: anschließend Tanz, auch zweimal mit Marianne und einmal mit der sich zierenden Josefa.
Heute Morgen wieder um 6 Uhr ab nach Lebach; der alte Trott! Brief von der Saarlouiser, nicht allzu hübschen, aber umso intelligenten Schulkameradin Gerhilde Kammer, die ich auf dem Festcommerz in Saarlouis nur ganz kurz gesprochen hatte. Zu Mittag dann etwas ganz Neues in der Kaserne: Revolution im Speisesaal: Hundert Meter lange Polonaisenschlange mit Tellerklopfen und Hungerrufen! Und dann doch noch ein Lichtblick, ein nur geistiger! In der Deutschstunde führt Schinhofen mit der Klasse ein offenes Gespräch über den Weltfrieden. Ist er wirklich schon wieder in Gefahr?

19. Januar – Das Wort zum Monat
Den Monatsvortrag hält der Jesuit Mangeot aus dem Kanisianum von Saarlouis, heute zum Heiligen Jahr. Der Pater spricht von den großen Erwartungen des Papstes für 1950: „Einigung von Ost und West – Vernichtung und Zerfall des Kommunismus – Rückkehr der abgefallenen Orthodoxen und Protestanten.“ Auch wir sollten unser Mosaiksteinchen der Frömmigkeit und des guten Willens in das große Weltbild des Heiligen Jahres einsetzen!
Große Worte, gar feindselige Worte, wo der Pater von „Vernichtung und Zerfall“ von „Abgefallenen“ spricht, wo es sich doch um Menschen und nicht um einen Schuttplatz handelt. Sagte der Herr nicht: „Liebet eure Feinde!“
Davon unabhängig; ich nehme mir vor, unsern Papst nicht zu enttäuschen: Werde, so Gott will, mein Mosaiksteinchen mit Fleiß und Dank für die hoffentlich erflogreiche Prüfung im Sommer, vielleicht sogar im Petersdom abgeben!

Mich, den Alten von heute, der deine damalige Zukunft inzwischen kennt, wundern im Nachhinein deine kritischen Äußerungen, wo du doch sonst ein so angepasster Messdienerjunge gewesen bist. Das waren in der Tat kernige Worte, die dieser Mangeot euch damals einsuggerierte. Aber darin war er in seiner Zeit nicht allein. Fünf Jahre nach 45 hatte der Kalte Krieg bereits begonnen; aber es wird noch ein weiteres halbes Jahrhundert dauern, bis zu dem sogenannten „Zerfall des Kommunismus“, und die Katholische Kirche mischte daran fleißig mit.

25. Januar – Regenbogen im Winter
Heute nun, langweiliger Heimsonntag. Fühl mich schlecht. Außer zum Kirchgang bleibe ich den ganzen Tag im Bau, verzichte sogar auf die drei Stunden Ausgang am Nachmittag. Gegen 6 Uhr abends sehen wir eine eigenartige Sonnenbeleuchtung auf der Kuppe des Schattberges; ein farbkräftiger Regenbogen mitten im Winter, breitet sich über den ganzen Berg hinweg.
Was für ein Zeichen?

Zu Kapitel 1,6: Eich gäan, eich gäan…Gäaff, wemmde welschd!

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