4 Ed nau Joah woa grööd moa drei Stonnen alt,…

Brotdorf, 1. Januar 1950   –   Sonntagjan

Das neue Jahr war gerade mal drei Stunden alt, als ich endlich ins Bett kam.                          Müde, ziemlich erschöpft, der Kopf etwas dröhnend, nicht nur, aber hauptsächlich von der blechernen Tanzmusik im Kaiserhof. Die frische Luft tat hinterher gut, als ich mit Willi Wagner noch eine Weile äam enneschden Ecken zusammengestanden habe.  Auf dem Heimweg dann grübelnde, aber keine trüben Gedanken mehr. Nur gute Zeichen für 1950: Neujahr ist ein Sonntag, ein Sonntag im anno santo !

Und für mich steht schon fest: In Lebach studieren, für die Prüfung büffeln, daheim mich mehr um meine Leute kümmern, Handball spielen und nebenher Geld verdienen. Im Sommer ist wieder eine große Fahrt fällig, Rom ins Auge fassen und dazu den passenden Partner finden. Vielleicht wird es ja was mit Willi!
Ich erinnere mich noch gut, wie dir damals zumute war, als du mit `Dr. Junges´ frommen Ideen im Gepäck gleich nach dem Gottesdienst deinen Rucksack packtest, aufs Rad stiegst und nach Hause in die Weihnachtsferien geradelt bist: Auf der Fahrt von Lebach noch Brotdorf stand dein Plan bereits fest. Der eindringliche Aufruf zur Pilgerschaft, den Junge euch frommen Lehramtsanwärtern einbläute, war für dich wie ein innerer Appell.
Als Pilger auf große Fahrt in die Großen Ferien! Das hatte sich in deinem Kopf festgesetzt; war es doch bei aller damaligen Frömmigkeit zugleich bestens geeignet, deine Reise- und Abenteuerlust erneut zu entfachen.

Ite missa est!

Der erste Tag im neuen Jahr ist rum; komme soeben aus dem Dorf, habe wie jedes Jahr die Runde bei der Verwandtschaft gemacht, ed Nau Joahr uwenschenUnterwegs begegnet mir eine Schar Schulkinder, auch auf dem Weg, das Neue Jahr anzuwünschen. Sie halten an, umkreisen mich und rufen mir den altbekannten Spruch entgegen:

Proschd Naujoahr
En Brezel wej e Scheierdoar
E Koochen wej en Uaweplatt
Dö gäamma all mäadenanner satt

Lischa Oma verspricht aus lauter Lebensmut, noch mindestens 10 Jahre mit uns zusammen Silveschder zu begehen, aber ein weiteres Heiliges Jahr, so meint sie, würde sie wohl nicht mehr erleben. Bei Onkel Albert sind die Bergers alle zusammen; für musikalische Umrahmung habe ich Verena am Klavier mit der Geige begleitet. Und der ekelige Spitz von Tant Adelheid jault erbärmlich dazu.

Bin oben auf meiner Mansarde den Jahreswechsel noch mal durch gegangen: War gestern Abend zum Silvesterball mit der Gruppe `Soù säa mir´ im Kaiserhof zusammen.De Jupp hatte außer Saarfürstbier und Schnaps auch Rotwein serviert. Es ist dieses dunkle, schwere und vor allem billige Gesöff aus Algerien, mit dem die Franzosen schon seit einiger Zeit ihr neues Hätschelkind an der Saar reichlich beliefern. Es wird viel getrunken, viel gesungen und viel getanzt.

`Neues Hätschelkind´, gut formuliert Junge!

Seit einiger Zeit ist Frankreich um Stimmen in der Bevölkerung bemüht, die Saar von Deutschland politisch abzutrennen und sich am liebsten einzuverleiben.
Neben dem freien Alkohol gab es von unseren neuen Freunden im Westen noch weitere großzügige Gaumengeschenke. Da waren z- B. die mediterranen Südfrüchte, die Zitronen, Oliven, Orangen, die algerischen Datteln und Feigen, ein Überschuß an Kolonialwaren, mit denen die Franzosen schon bald nach dem Krieg den danieder liegenden saarländischen Markt beglückten und damit bereits Anfang 46 das Saarländische Wirtschaftswunder einleiteten, früher und schneller als dies auch in Westdeutschland einsetzte. Um 12 dann überall „Proschd Naujoahr!“

Spreche der Gruppe über meinen Plan für den Sommer und frage, ob jemand mit will. Keiner reagiert, nur Kammer Rudi bemerkt:
– Mit mir kannst du diesmal nicht rechnen.

Wie ich anschließend mit Wagner Willi noch allein da stehe, legt mir dieser den Arm auf die Schulter und fragt:
– Woù soll ed dann higejhn?
– Vielleicht Italien, diss Joahr äas doch ed Heilisch Joahr, döö kennd ma joo nöö Rom foahren!     Heedschde Loschd mäatzemaachen?                                                    
– Lejwend gäar, awer de wääschd joo; mein alt Leit un mein Ärwet, dej lossen meich net fort!

Hinterher bist du Willis Worte noch einmal durchgegangen:
Mit Willi, das wäre für diese Fahrt ideal: Wir könnten uns gut ergänzen; er der Holzfäller vom Kammerforst, der Hausmann, der nun schon seit der Rückkehr aus der Evakuierung mit seinen gebrechlichen Großeltern allein zusammen haust, der alles besorgt, der putzen, kochen und Feuer machen kann, die Wäsche waschen und Löscher in den Socken flicken!
Für ihn wäre eine solche Fahrt auch mal eine verdiente Erholung. Eigentlich müsste man eine Messe lesen lassen, damit seine Eltern wieder nach Hause kommen, den Haushalt der Großeltern übernehmen, daß sein Vater hier wieder eine Arbeit findet!

Zu Kapitel 1,5: Äan dissem heilije Joah …

 

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