2 Äan mein Tagebooch vun 1950 säan…

Kapitel I

Erstes Halbjahr: Zwischen Brotdorf, Lebach und Rom 

2     Äan mein Tagebooch vun 1950 säan…

In meinem Tagebuch von 1950 sind auf dem Innendeckel neben einem Spruch von Mathias Claudius die drei Eckpunkte eingezeichnet, zwischen denen sich mein Leben in diesem so Heiligen Jahr abspielen sollte:
Unten links das Lebacher Seminar, unten rechts das Zollhaus, mein Elternhaus in Brotdorf, und oben drüber der Petersdom.

Lebach, 22. Dezember 1949      
Junge rejfd oas zur Pilgerfoahrd off…

Die Kapelle, von uns Seminaristen neben Studium und Freizeit in monatelanger Arbeit mit unsern Lehrern erstellt aus dem ehemaligen Lagerschuppen der Kaserne, ist gerade zu Weihnachten fertig geworden.
Feierliche Schlussandacht am letzten Schultag des Jahres. Jetzt schnell die Sachen von der Bude schnappen und ab in die Weihnachtsferien! Die Predigt stellte `Dr Junge´ ganz unter das bevorstehende, für alle Gläubigen so bedeutsame Heilige Jahr. Für diejenigen unter uns, die es ohnehin über die Kasernenmauern hinaus in die Ferne drängt, gilt das Ganze wie ein eindringlicher Aufruf zur Pilgerfahrt nach Rom.
Junge führrte aus, daß bereits im Jahr 1300 das I. Heilige Jahr von Papst Bonifatius VIII eingeführt wurde. Es wird bis heute alle 50 Jahre gefeiert. Das anno santo wird auch Jubeljahr genannt, denn es eröffnet demjenigen Gläubigen die besondere Gnade eines Vollkommenen Ablasses, der innerhalb dieses Jahres im Petersdom die am Heiligen Abend vom Heiligen Vater eigens eröffnete Heilige Pforte durchschreitet.
Junge schloß mit einer Würdigung von Pius XII und einem vehementen Aufruf an uns Seminaristen, dieses Jahr, wenn auch nicht für eine Pilgerfahrt zu verwenden, so dennoch ganz unter das Zeichen und den Segen dieses Jubeljahres zu stellen, Gott dadurch für dieses große Geschenk zu danken, einem Jahr der Reinigung und Heiligung, der Verinnerlichung und Sühne für Priester wie für Laien.

(Der Alte von heute): Anno santo 2016
Dr. Junge“ oder nur „Junge“, so nannten wir damals im Staatlichen Lehrerseminar unsern Jesuiten und Religionsprofessor Dr. W. Adams, weil er jeden von uns, wenn man ihm zwischen Kapelle, Mensa und Wohnblock begegnete, mit „Junge“ ansprach.

Junge war in Ordnung, sehr fromm und auf seine Sendung im Unterricht wie im ganzen Internatsleben konzentriert. Wir mochten ihn alle, denn gegenüber manch anderem Dozenten, war er uns gegenüber sehr aufgeschlossen.
Einmal in einer Vorlesung, als wir über den französischen Film „Monsieur Vincent“ (damals noch mit deutschem Untertitel) sprachen, meinte er abschließend:
„Jungens, ich geh ja ganz selten ins Kino, meist nur in solche religiöse Filme; aber wenn in Lebach mal einer von Dick und Doof gespielt wird, müsst ihr mir das sagen; da gehe ich hin!“

Zu Kapitel 1,3:  Junge woa ed och, denn eech … Pius XII betet

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