14 Dej ledschd Erledigungen

Samstag, 8.07.  –   Noch ein letztes Mal nach Lebach
Treffe mich mit Theo in Merzig. Seine Gisela war mit an die Bahn gekommen. Und noch ein letztes Mal nach Lebach; kein Schultag, sondern extra Empfang der Zeugnisse. Meins ist gut, das von Theo natürlich noch besser, er hat in Mathe als einziger 20 Punkte. Die anschließende Entlaßfeier würdevoll, aber viel zu lang.
Beim Verlassen der Aula hält Gutzmann mich fest, und beschwört mich zu bleiben für morgen mit der Handballmannschaft zum Meisterschaftsspiel nach Saarbrücken zu fahren; sie brauchten mich als Linksaußen.
Ich ziere mich, weil Donate daneben steht, der auch als Rechtshänder von linksaußen gut wirft; verspreche schließlich, morgen von daheim aus, rechtzeitig zum Einlaufen in Saarbrücken zu sein.

Sonntag, 9.07.  – beim Endspiel drei Tore
War dann schon früh mit dem Zug nach Saarbrücken gefahren, und so haben wir also heute in einem harten Endspiel gegen RG St. Ingbert auf dem Kieselhumes mit 9:7 die saarländische Schulmeisterschaft im Handball errungen. Habe drei Tore geworfen. Minister Strauß überreichte persönlich den Pokal.
Die Frage von Bersin, ob wir damit zu den Deutschen Schulmeisterschaften fahren könnten, verneinte er.

Dienstag, 11.07. –  Mama Lisa leßd meich zejhen…!
Mit Vater beim Geißen- und Kaninchenfüttern im Schuppen. Als wir fertig sind und ich weg will, hält mich er zurück, hätte mir noch was zu sagen.
Mutter läge ihm mit ihren Bedenken auf dem Schlips; sie mache sich immer noch Sorgen, denn die Strecke sei diesmal ja dreimal so weit wie letztes Jahr durch Frankreich. In ihrem Bangen sei sie heute Morgen nach der Messe sogar zum Paschdur in die Sakristei gegangen, ihn um seinen Rat gebeten, ob sie dem Jungen den Segen geben und ihn ziehen lassen soll. Der hätte ihr eröffnet:
Lisa, dein Sohn, den ich über Jahre als einen der eifrigsten und selbständigen Meßdiener kannte und heute ein bedächtiger Jüngling ist, er wird durch die Frankreichtour genug Erfahrung gesammelt haben. Und schließlich hat er in Willi, unserm Gruppenführer von der Katholischen Jugend einen zuverlässigen Partner. Als fromme Pilger stehen beide ja besonders unter Gottes Gnade und Segen. Vertraue auf Gott, die beiden werden ihren Weg schon gehen!

Vater meint hinterher, daß ihr das Gespräch mit dem Pfarrer Greif gut getan und sie sich nunmehr doch beruhigt habe. Sie hätte den Wunsch, daß ihr beide noch vor der Abreise beim Paschdur vorsprechen möchtet und ihn um seinen Segen bitten.

12.Juli – Bleif doch zum Nöödäaßen
Bin nach Willis Feierabend bei ihm zu Hause. Haben erst oben in der Dunkelkammer ein paar Bilder entwickelt und dann in der hinteren Kammer in Ruhe einen Gepäckplan aufgestellt. Willi hat viele praktischen Hinweise; sogar eine Milchkanne soll mit. Als ich am Schluß nach vorne in die große Stube gehe, um mich von der Familie zu verabschieden, sagt Maria, Willis Mutter:
– Bleif doch zum Nöödäaßen; ed Lisa dääd  bestemmd  ned schännen.

aeam-enneschden-ecken

Äam enneschden Ecken; r.e.

Du bist an diesem Abend gerne bei den Leuten äam enneschden Ecken geblieben, nicht allein, weil du Maria Wagners sagenhaften Wurstsalat  schon ein paar Mal  zuvor genossen hattest.
Mit nostalgischer Freude denke ich gern an diese zwei lebendigen Zellen meines Dorfes zurück, an dieses Ortsviertel, genannt: enneschden Ecken, und mitten darin  an Willis Elternhaus, an diese lebensfreudigen Abende inmitten dieser lebendigen Familie. Von allen Angehörigen zusammen so wohl aufgenommen zu sein, mit den schrulligen, wortkargen Großeltern, der eifrigen Mutter Maria, dem bedächtigen Pabba Willi, mit Willis plappernder Schwester Lilli  und den beiden quirligen Brüdern Manni und Gerhard.
An jenem Abend waren es mit dir zusammen neun Personen, alle rund um den großen Tisch in der großen Stube. Alle schöpften aus einer riesigen Pfanne gebunschelte Bratkartoffeln und aus einer übergroßen Steingutschüssel mit  erfrischendem Sommersalat aus selbst gezogenen Tomaten, viel Zwiebeln und zwei Ringeln Lyoner, in groben Stücken hinein geschnitten. Und dazu war Willi an diesem warmen Juliabend in der Kneipe nebenan zwei Literkrüge Bier zapfen gegangen. Selbstverständlich war eure Fahrt an jenem Abend das Hauptthema des Tischgesprächs.

Und noch ein Wort zu diesem enneschden Ecken, mit doppeltem Recht „die unterste Ecke“ genannt. Im Mündungsdreieck von Seffers- und Franzebach, tief unterhalb des Kirchberges gelegen, handelt sich um den am tiefsten gelegenen Ortsteil und damit auch um dessen älteste Siedlungsfläche, denn der ursprüngliche Name des Dorfes war Bruitdorf,  Dorf im Bruch.
Damals, noch in den fünfziger Jahren, war es auch ein äußerst lebendiger Ortsteil, ausgezeichnet durch  das  enge Zusammenleben seiner Bewohner und deren gesellige Originalität.

13.Juli 1950 – getrennt nach Europa marschieren….
In Vaters altem Volksempfänger kommt folgende Nachricht durch:
Am 13. Juli 1950 werden die Bundesrepublik Deutschland und das Saarland am 3. August 1950 assoziierte Mitglieder im Europarat. Im Kommentar wird dies zuerst mal als ein bedeutendes Zeichen gewertet, das deutsche Volk nach Völkermord und Kriegsverbrechen des Dritten Reiches als politischen Partner anzuerkennen. Die getrennte Aufnahme von BRD und dem neuen Saarstaat stärke einerseits den internationalen Ruf der Saar als ein selbstständiges europäisches Land und unterstreiche damit eine definitive Trennung von Deutschland; allerdings könnte sich durch die Aufnahme in eine größere politische Einheit eine weitergehende Isolation beider Staaten untereinander herabmildern.

Freitag, 14.07.  –  Pastoraler Segen und zwei Sendbriefe für Rom
De Mamm, de Oma, all Onkels un Tanten,
dej roaden  oas vum  Unternehmen oof
resseln de Kopp un hiawen hier Quanten.
„Ihr verierd eech wej en ärmselisch Schoof;
Rom äan Italien äas vill ze weit gelejen!
Un Hanni gefd och noch dözoù de Sejen.

Ich war sehr vergnügt, als ich mich vorgestern Abend von den Wagners verabschiedet und auf den Heimweg gemacht hatte. Aber zu Hause sollte noch eine Überraschung auf mich warten. Vater war noch aufgeblieben; er hatte von der Fabrik die Nachricht mitgebracht, daß im Laufe der nächsten Woche eine Fuhre in den Südosten von Frankreich gehen wird; der Tag und der Bestimmungsort werden noch bekannt gegeben. Na dann!

Heute nun haben Willi und ich auf Geheiß unserer Mütter die vorgesehene Audienz beim Pastor. Mit einem unruhigen Kribbeln im Bauch, wie früher als Meßdiener, stellen wir uns nach dem Rosenkranz in der Sakristei ein. Hanni, so heißen Hochwürden nicht nur unter uns, so wird Johannes Greif auch kritisierend wie bewundernd im ganzen Dorf unter der Hand genannt; also Hanni führt uns eigens ins Pfarrhaus und lässt uns in seinem Brevierzimmer Platz nehmen. Wir sind erstaunt, wie er sich uns gegenüber so überaus freundlich gibt.
Erst erhalten wir einige gute Ratschläge für die Reise, erwähnt wird auch der Empfang des vollkommenen Ablasses, und schließlich lässt er uns niederknien, um seinen priesterlichen Segen zu empfangen.
Schon auf der Schwelle, überreicht er uns einen etwas größeren Briefumschlag aus besonderem Papier mit dem bistümlichen Wasserzeichen von Trier drauf. Dies sei ein  brauchbares Begleitschreiben auf den Weg nach Rom, „eine Art passe-parout“, wie er sagt, der uns unterwegs beim Vorsprechen in Pfarreien, Klöstern und Pilgerunterkünften und schließlich im vatikanischen Pilgerbüro behilflich sein könnte. Als Gegenleistung sollten wir jedes mal  in Sankt Peter auch für ihn und seine Seelen von Maria Magdalena ein Gebet verrichten.
Wir sind erstaunt, danken, und Johannes Greif entlässt uns mit Gottes Segen:
-Andate con deo, in nomine patris et filii et spiritus sancti, Amen!

Wir verneigen uns: -Gelobt sei Jesus Christus!

Anschließend sind wir dann, ebenfalls auf Anregung unserer Mütter noch in die Weiß Märk zu den Baltessen und Schumachers gegangen, wo wir einen weiteren Sendbrief empfangen haben. Aus jeder der beiden Familien ist ein Sohn in Rom in den Orden der Pallottiner Patres eingetreten. Ihnen sollten wir aus der Heimat mit dem Brief die allerbesten Grüße und Wünsche in der Via Pettinari übersenden. Die ganze Adresse ist für uns obenauf!
Wie wir die Hausbacherstraße zurück ins Unterdorf hinunterschlendern, glücklich, froh, gelassen und entspannt und am Hirschen vorbei kommen, da kehren wir auf ein Bier bei Stäämetz Jupp ein, und danken Gott und Gambrinus, weil doch bislang und besonders heute alles so gut gelaufen ist.

Auf dem Heimweg werfe ich mir vor, daß wir bei den freundlichen Leuten in der Weiß Märk nicht  länger verweilt sind, nichts Näheres nachgefragt haben, über die beiden Söhne unseres Dorfes, die in einem römischen Kloster leben, bei den Pallottinern, über deren Existenz ich nichts weiß.

  Sonntag, 16.07. – der Abfahrtstermin steht
Helga und Paul haben heute Hochzeit; Mutter ist Köchin und ich Trauzeuge. Bein Nachmittagskaffee in der Blumenstraße bekomme ich die Nachricht von V&B, daß wir Mittwoch früh um vier einen Lastwagen bekommen, der uns bis Châlon-sur-Saône mitnimmt.
Nun ist es also perfekt!  Und wie ich den Namen hörte, ist mir in den Sinn gekommen: Châlon-sur-Saône, da wollte ich schon vergangenes Jahr hin, hatte es mit dem andern Rudi aber nur bis Dôle geschafft.

Dienstag, 18.07. – der Tag vor dem Start
Unterm Schuppen die letzten Sachen aufs Rad gepackt. Mutter hatte extra einen Packtisch in der Ecke eingerichtet und mehr Sachen angeschleppt als in die Satteltaschen rein gehen, und Vater hat mehrmals prüfend nach dem Fahrrad geschaut.
Abends bin ich dann doch noch mal im Schuppen und kontrolliere zum letzten Mal Radtaschen, Bereifung, Bremsen und das Licht!
Obwohl schon spät für sie, habe dann noch einmal die Kaninchen gefüttert und gestreichelt. Und längst hat sich Tasso dazu geschlichen, der treue Hund, den ich die letzten Tage arg vernachlässigt habe. Er spürt, an meinen Vorbereitungen, daß ich weg will, spürt den Abschied, der  nicht einfach nur für eine Woche oder zwei nach Lebach ist, sondern für längere Zeit.

Ja, ja,…der Tasso, er war mit Recht dein Tasso, dein junger Schäferhund. Du hattest ihn vom Gasper Schorch geschenkt bekommen, direkt aus dem ersten Wurf seiner Betty. Du hattest ihm auch seinen Namen gegeben, Tasso war von Anfang an durch dich geprägt, und als er, noch ganz jung, vor einen Lastwagen rannte und sich die linke Vorderläufe brach, du ihm selbst den Gips angebracht hattest, da wurden eure Bande noch enger geknüpft. Das änderte sich auch nicht, als du nach Lebach gingst. In den kurzen Tagen daheim wollte er dann die ganze Zeit nicht von  dir weichen. Und wenn du mit dem Fahrrad wieder zurück ins Internat gefahren bist, dann ist er öfter bis zur Friedenseiche mitgelaufen. Du mußtest dann extra absteigen, um ihn wieder zurückzuschicken.

Vor dem Schlafengehn saßen wir drei Engel dann noch in der Küche zusammen.  Mußte im Detail erzählen, wie es beim Paschdur gelaufen war. Mutter stand noch einmal auf, reichte mir ein kleines Heiligenbildchen vom Christophorus und sagte zum GuteNacht:

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Christophorus

 

–  Zoù demm solldet ihr ennerweehs un vier jeder Breck net vergäaßen e Stoßgebet ze schecken!

Hab mir das Bildchen im Bett noch mal hergeholt und etwas größer in mein Tagebuch abgezeichnet.

Bin  dann früh ins Bett. Letzte Gedanken: Wir haben gebeichtet, den Segen Gottes von Hanni und unsern Leuten, die guten Wünsche von allen im Dorf; sind also geistig gerüstet. Es kann losgehen!

Die Liste meines Gepäcks noch einmal durchgegangen:

  1. Tasche

Werkzeug, Beil, Heringe, Flickzeug fürs Fahrrad; Feldflasche
Besteck (Messer noch schärfen) – Taschenlampe
Kulturbeutel  – 2 Handtücher – 5 Taschentücher
Ganz unten, gut verpackt die Papiere und die beiden Briefe von Hanni den Baltes und Schumachers.

2.Tasche
3 Hemden, 1 Hose, 1 Badehose, 3 Paar Socken, 1 Paar Turnschuhe
Zwirn, Knöpfe
Schreibzeug – frz. und ital Wörterbuch
Esswaren; Dauerwurst, Stück Seitenfleich, Mehl, Schwarzer Tee, Zucker, Salz, Dose Astra, Reis
obenauf:zuerst: die Militärzeltplane mit Dreieckszelt, darüber: Wolldecke und Kochtopf .

 

 

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