13 Dej Zeit vier der gruuß Foahd

29. 06. auf Peter und Paul – Mir wollten doch haut….
Die Zeit vor der großen Fahrt hat schon begonnen.
Nach den strammen Tagen von Dillingen früh ins Bett, wollte so richtig durchschlafen. Hatte dabei nicht mehr an die Verabredung mit Kusine Rosemarie gedacht. Heute Morgen nun steht sie schon um vier in der Früh vor der Tür:
– Mir wollten doch haud de ganzen Daach Weele blecke gejhn!

Mache zwar ein müdes und mürrisches Gesicht, füge mich dann doch drein. Muß ja jede Gelegenheit nutzen; es fehlen noch einige Franken im Reisebeutel!
Und so schaffe ich heute, sage und schreibe, 24 Schoppen, die Mutter auf dem Markt in Merzig für mich verkaufen wird.
Der heiße Sommertag war im Schatten des Losheimer Waldes auszuhalten, aber die bückende Arbeit auf die Dauer doch mühsam. Trotzdem sind wir beide anschließend noch mit dem Rad nach Merzig, uns die abendliche Abkühlung im Schwimmbad gut tun lassen.

Weele blecke gejhn…
das war in der hohen Reifezeit der Waldheidelbeeren von Mitte Juni bis fünf Wochen später zur Brotdorfer Kirmes seit je her ein freudvolles und mühsames, nicht nur ein familiäres, sondern auch ein gesamtdörfliches Ereignis. Besonders in den Jahren während und nach dem Kriegsnotstand war aus den Ortschaften rechts und links des Seffersbaches jedermann, jung und alt, schon früh am Tag auf den Beinen. Ganze Scharen strömten in die umliegenden Wälder, um in die Pflückbecherchen, die Schoppen in der linken Hand, die Milchkannen und Eimerchen um den Bauch gegurtet eifrig Heidelbeeren zu sammeln, die Gott weiß warum, im Moselfränkischen Weelen heißen.
Wir Kinder kamen dann häufig mit schwarzblauen Mäulern zurück, und die Alten füllten mit den süß und kräftig schmeckenden Beeren hinterher ganze Reihen von Einmach- und Marmeladegläsern, hielten einen Teil ihrer Ernte auf dem Merziger Wochenmarkt den wohlhabeneren Städtern zum Verkauf feil; und in allen Haushalten unseres Dorfes stach auf den Schlemmertischen zur Kirchweih von Maria Magdalena unter den vielen Festtagskuchen der Weelekoochen in seiner kräftig und dunkelwirkenden violet-blauen Farbe deutlich und verlockend hervor.

Freitag, 30. 06. – Lebach: Examen bestanden!
Etwas aufgeregt mit dem ersten Zug nach Lebach. Der erste Abschnitt des Staatsexamens ist bestanden! Acht aus unserer Klasse, die Kameraden Geber, Gehring, Hurth, Metzinger, Kiefer, Johannes, Seiler und Wendel, leider nicht.
Da stehn sie noch einmal mitten unter uns. Ihre Bänke werden leer stehen, ihre Kameradschaft uns fehlen! Sie müssen heute für immer nach Hause; wofür wird sie nun das Leben berufen?
Aber wir, die Erfolgreichen dürfen wieder kommen; zuerst aber heim, verfrüht in die Sommerferien, weil nach den Prüfungen kein Unterricht mehr angesetzt ist.
– Tant mieux pour mes préparations du Grand Tour d´Italie!
Was es bisher noch nicht gegeben hat:
Alle Dozenten verabschieden sich, jeder höchst persönlich von uns. Und was mich dabei überrascht, jeder der Dozenten weiß schon, woher nur, von meiner Romreise.
Dr. Adams, gen. Junge, macht das Kreuz über uns und meint, sein Aufruf zur Pilgerfahrt habe schon gefruchtet. Außer mir und Bertold hätten sich noch einige aus der fünften und sechsten Klasse für Rom entschieden.
Schinhofen ist auffallend still, bedankt sich herzlich für die mitgebrachten Weelen von Mutter und wünscht mir Gottes Gnade für die Fahrt. Dabei erinnert er an den bei ihm durchgenommenen Weingartner Reisesegen.
Hab ihn in seiner mittelhochdeutschen Fassung nicht vollständig im Kopf, schaue hinterher aber im Deutschheft nach:

Ic dir nach sihe Ic dir nach sendi
mit min funf fingirin
funfui undi funfzic engili
Got dich gisundi heim dich gisendi
offin si dir diz sigi-doR
sami si dir diz selgi-doR
Ich sehe dir nach Ich sende dir nach
mit meinen fünf Fingern fünfundfünfzig Engel

Gott sende dich heim wieder gesund
Offen sei dir das Tor des Siegs
genauso sei dir das Tor des Glücks

Ein Schutzengel für jeden wird uns genügen, uns sicher nach Rom und durch die Heilige Pforte zu bringen, durch dieses Tor des Siegs, dies Tor des Glücks!

Sonntag, 02. Juli – Mutters innere Zustimmung und Vaters Italien
Schon drei Tage wieder daheim; nur noch warten auf die Genehmigung von fünf Wochen Arbeitsurlaub für Willi beim Oberforstamt. Vielleicht kann es nächste Woche schon losgehen!
Als ich am Freitag nach Hause kam, spürte ich den Stolz meiner Eltern über die bestandene Prüfung. Auffallend ruhig fand ich Mutter dabei. Hatte bei der Begrüßung erwartet, daß sie sofort mit dem Jahresthema anfinge. Aber an ihrem gelockert freundlichen Empfang spürte ich, sie hat endlich, auch innerlich zugestimmt. Und als ich ihr erzählte, wie aufmerksam meine Lehrer wegen Rom mir gegenüber gewesen sind, von Schinhofens Reisesegen erzählte, da hatte sie mir freundlich zugelächelt und halblaut gesagt:
– Dau gääschd doch vierher noch beichden! Un de Sejen vum Paschdur kenndet ihr zwejn och goad gebrauchen!

Versprach ihr, und auch von Pastor Hanni den Segen zu holen. Vater redete kaum etwas. Aber nach dem Abendessen saßen bei einem Krug Viez zusammen.

Der Ausdruck Viez, knapp zweitausend Jahre alt, stammt von der damaligen Besatzungsmacht im mosel- und saarfränkischen Siedlungsraum. Da die Römer keinen Anbau ihres geliebten Weines hier in der Gegend vorfanden, nahmen sie bis zum Heranwachsen der eigens implantierten Rebsorten mit dem von den keltischen Ureinwohnern aus dem „Trierer Holzapfel“ gekelterten Apfelwein vorlieb und nannten das derbe Getränk „vice vinum“ (Ersatzwein), woraus dann im Volksmund Viez wurde, ein alkoholisches Getränk, dem hessischen Äbbelwoi ähnlich, der heute noch in der Merziger Gegend reichlich genossen und sogar weit über die Grenzen hinaus exportiert wird.

An diesem gemeinsamen Abend wurde Vater mit der Zeit gesprächig, und fing an, von seinem Italien zu erzählen, was mich nicht wenig erstaunte. Denn, bisher hatte er mit seinen Kriegserinnerungen aus Russland und zuletzt aus Italien sehr zurückgehalten.
Unmittelbar nach Hitlers Kriegserklärung an Russland bekam Vater den Stellungsbefehl. Ich erinnere mich noch gut, wie er zum Postboten sagte:
Ewei zejhen eich äan e Krejsch, dänn hummir schu vier viereräan verluar!“
(Jetzt ziehe ich in einen Krieg, den wir von vorneherein verloren haben!)
Der Gefreite Willi Engel nahm an der Besatzung der Ukraine teil und wurde im Sommer 44 nach Italien abkommandiert. Er muß die Gegend um Monte Cassino gut gekannt haben und war ebenso wie in der Ukraine (wie seine Fotos bestätigten) redlich um Kontakt mit der dortigen Bevölkerung bemüht. Er hatte sich sogar ein italienisches Wörterbuch eigenhändig in einem kleinen Heft angelegt.
Sein Vertrauen in die Italiener hatte er selbst nach dem Badoglioputsch immer noch bewahrt, und als er erzählte, wie er noch in den letzten Tagen vor der Gefangenschaft im Piemont hinterrücks von einem Partisanen einen glatten Durchschuß im Oberarm verpasst bekam, da war im Grundton seiner Schilderung nichts Nachtragendes, eher sogar Verständliches zu spüren.

Vater sparte auch nicht mit einigen guten Ratschlägen für unsere Reise aus seiner italienischen Erfahrung heraus. Und als wir am Ende zum Schlafengehen aufstanden, da eröffnete er mir noch, daß er aus seiner Belegschaft vom Feuerton mit jemand gesprochen habe, der bei V&B als Fernfahrer in regelmäßigen Abständen mit einer Ladung Waschbecken und Kloschüsseln nach verschiedenen Städten in Frankreich unterwegs sei. Bis Lyon zum Beispiel, das wäre ja schon für uns fast der halbe Weg.
Ich wusste im Augenblick nicht, was ich sagen sollte, lehnte dann aber entschieden ab, per Kfz zu pilgern:
– Mäat de Reedern off´m Laschdwoahn ze pilgern, soù ebbes kann doch fier oas net äa Fröö kommen; de Willi, denn dääd dat bestemmd och net akzepdieren.

Ja, so war deine ablehnende Reaktion damals im Sommer 1950; zumal deine Ansicht über den Betrieb von Villeroy & Boch, aus der Dorfmeinung und aus Vaters eigener Beurteilung übernommen, eine recht zwiespältige war.
Ja, diese „VauBe“, alles stöhnte darunter und schimpfte darüber; doch allen gab sie Arbeit und Brot. Heute, der große Name einer Weltfirma, hatte das Doppelwerk an der Unteren Saar direkt nach dem Krieg den Betrieb wieder voll aufnehmen können, hatte neben Kohle und Stahl gleich wesentlichen Anteil an der bald florierenden saarländischen Wirtschaft, die mit der Franzosen uneigennützigen Hilfe gleich nach 45 eingeleitet wurde, und somit schon früher in Gang kam als das sogenannte Deutsche Wirtschaftswunder drüben im Reich.
Zu der Zeit, als ihr nach Rom fuhrt, war V&B in Merzig und Mettlach also schon wieder voll in Betrieb. Aufträge gab es mehr als je, hauptsächlich nach Westen, zum ehemaligen Feind.
Und dein Alter, kaum aus amerikanischer Gefangenschaft zurück und halb kapput, mußte bei 40° trockener Luft in der Abteilung Feuerton am Schenner (im Volksmund Schindanger) für einen Hungerlohn wieder weiter schuften wie vor dem Krieg.
Einmal bekam er lediglich einen kleinen Bonus, wegen eines Verbesserungsvorschlags für den Politurprozeß in der Badewannenproduktion; hatte dann vergeblich nach einer leichteren Arbeit nachgefragt wegen seiner Verwundung, einem Durchschuß im rechten Oberarm und dem Verlust des rechten Mittelfingers.
Und als er es ein paar Jahre später wagte, zusammen mit einem Arbeitskollegen bei der Direktion vorstellig zu werden, um einen Verbesserungsvorschlag gegenüber den miserablen Arbeitsbedingungen im Feuerton einzureichen, wurde ihm sogar schriftlich mit der Entlassung gedroht.
Was aber eure Mitfahrgelegenheit auf eurer Romreise betrifft, so habt ihr habt das Angebot, als Schwarzfahrer bei V&B mitgenommen zu werden, schließlich doch angenommen.

Montag, den 3. Juli – Die Vorbereitungen voll im Gange
Unser Vorbereitungen sind nun voll im Gange. Aber noch keine Zeit auf den Tag der Abfahrt zu warten. Der hängt ja nunmehr durch Vaters Initiative vom Transportplan des V&B-Lkw ab.
Heute ist mein Fahrrad dran. Mein blauer Peugeot hat schon drei Jahre treu gedient. Bin richtig stolz drauf; eines der ersten französischen Leichtfahrräder mit Dreigangschaltung im Dorf. Sage oft im Scherz:
– Eich faohren e Peugeot.
Lasse es in Merzig im Fahrzeugschuppen an der Seffersbachbrücke Ecke Trierer Straße / Powei überholen. Der Chef kennt mich noch, seitdem ich kürzlich mit Margot hier war. Es ist die Bereifung zu prüfen, die Bremskufen und die Bremszüge. Die Gangschaltung muß neu eingestellt werden. Und ein neuer Reifen mit Schlauch vorne. Auf der Rechnung läppert es sich zusammen.

Augenblicke der Besinnung und Entspannung. Habe die Wartezeit in Merzig genutzt, mich über das Brückengeländer des Seffersbaches zu beugen, den Forellen im strudelnden Grund hinter den Brückenpfeilern zuzuschauen, wo sie eine brickelnde Massage und mehr Sauerstoff bekommen. Im Krieg konnten wir sie in solchen Wirbeln leichter mit der Hand fangen.
Nützlich auch, mal wieder durch die Powei zu schlendern.
Ja, diese Powei, seit ich sie kenne, ein ziemlich vernachlässigtes, wenn nicht verrufenes Viertel, hier am Unterlauf des Sefferbaches kurz vor dessen Mündung in die Saar. Auf meinen täglichen Wegen zur Penne hatte ich meist drauf gesehen, schnell wieder hier durchzukommen.
Zur Höheren Schule bist du Anfang der vierziger Jahre lieber den Umweg über die Pleetsch gegangen, seitdem dir damals einer der herumsträunenden Poweiknaben einen dicken Anstreicherpinsel voll mit grasgrüner Ölfarbe schwungvoll durchs Gesicht geschleudert hatte.
Aber du hattest es überlebt, und die Zeiten ändern sich! Heutzutage würdest du das Viertel nicht mehr wieder erkennen. Denn:
Das Poweiviertel war, wie gesagt, in den Jahren nach dem Krieg ziemlich heruntergekommen; ist aber heute erstaunlich gut gepflegt und wohnkulturell gelungen durchsaniert. Sommergäste der Kreisstadt besuchen es, im Sommer sogar gezielt und genießen in Gartenrestaurants, Bistros und Stehkneipen mit französisch anmutendem Flair die Abendkühle unter den inzwischen mächtig gewordenen Kastanienbäumen, durch die bei solchem Wetter das grelle Sommerlicht tiefe dunkle Schatten auf den welligen Spiegel des Bachlaufes wirft.

Brotdorfs Wege werden gepflastert, d.h. bekommen eine Pavé

Historisch betrachtet, handelt es sich bei der Powei sogar um eine Art wohnkultureller Renaissance! Denn hier war einst Merzigs vornehmstes Viertel, als nämlich vor fast 200 Jahren die Truppen und die nachfolgenden Verwaltungsbeamten der napoleonischen Besatzung in diesem tiefer gelegenen freien Wiesengrunde siedelten.
Das Franzosenviertel galt Anfang des 19. Jahrhunderts in den Augen der Merziger Bürger als vornehm; vornehm vor allem, weil diese neue Stadtgegend statt der alten, festgetretenen Lehmwege eine durchgepflasterte Straße besaß, und dies in einer kleinen Stadt, die damals noch recht ländlich/bäuerlichen Charakter trug. Und da die Franzosen ihr Pflaster pavé nannten, wurde daraus im Volksmund, akustisch entlehnt, die Powei, ebenso wie in Köln die Pawei.
(Möglicherweise nennt sich die bekannte Kölner Musikgruppe „die Poweier“, weil ihre Karriere auf dem ältesten Pflaster von Köln begann.)

5. Juli – Der Körper wehrt sich
Der Körper wehrt sich gegen den Impfstoff – bleibe lieber den ganzen Tag im Bett.
Willi und ich hatten auf den Rat meiner Mutter gehört und ließen uns gestern gegen Thyphus und Para-Thyphus impfen. Wer weiß, was uns auf der Fahrt durch Frankreich und Italien nicht alles an Viren begegnen kann.

7. 7. – Blutspende am Herz Jesu Freitag
Als wir zum Impfen im Krankenhaus waren, entdeckten wir das Plakat mit dem Aufruf zum Blutspenden. Heute nun, sind wir wieder auf der Station gewesen.
Als uns der Sanitäter fragte, wieviel Kubik er denn abzapfen könnte, sagte ich spontan: „Dass es für 3500 frs reicht!“ Zum Schluß hat jeder von uns 4.200,- Franken bekommen; die Summe, die uns im Reisebeutel noch fehlte. Nach dem Mittagessen zur Vorsicht zwei volle Stunden in die Falle.

Zu Kapitel 1,14: Dej ledschd Erledigungen

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