12 Un dann noch ed Mündlich….

Donnerstag, 22. Juni 1950     –    letzte Etappe: nur noch das Mündliche
Bis aufs Letzte ist noch bis Mitte der Woche gepaukt worden. Gestern ist es dann losgegangen; aber noch nicht für uns Jungen.
Niemand konnte heraus bekommen, warum die Seminaristinnen aus ihrem Blieskasteler Internat eigens für die mündliche Prüfung zu uns nach Lebach gekarrt wurden.
Wir stehen bei ihrer Ankunft verwundert Spalier und bereiten einen herzlichen Empfang, der höchst freudig erwidert wird. Nur ein paar kurze Worte; vor allem mit unseren ehemaligen Saarlouiser Mitschülerinnen, die wir ja nun schon zwei Jahre nicht mehr gesehen haben.
Ich bewundere ihre, für Mädchen doch ungewohnte Gelassenheit, als wären sie nicht in einer wichtigen Prüfung, sondern auf heiterer Exkursion in ein Jungenlager.
Die Sache hatte ihre eigene kuriose Geschichte:

Als 1946 das erste Staatliche Lehrerseminar des Saarlandes in einer ehemaligen Saarlouiser Kaserne aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges geschaffen wurde; da wurden – der Raumnot und dem Dozentenmangel gehorchend – in dieser seminaristischen Lehrerbildung nach französischem Konzept noch Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet; als dann ein Jahr später Dr. Emil Straus (CVP)  Kultusminister des neu gegründeten Saarstaates wurde, galt diese Art der Koedukation moralisch nicht mehr als tragbar. Die Mädchen kamen nach Blieskastel und die Jungen nach Lebach.
Und heute,nun, sind also wir Jungen dran, erst mit Geraldy und Bopp; am Nachmittag noch Französisch.

8 Uhr: Erdkunde
Einer aus der Auswärtigen stellt die erste Aufgabe:
„Frankreich und seine wirtschaftsgeographische Stellung zum übrigen Europa“.
Ich muß im Bilde gewesen sein; es muß geklappt haben; denn die fremde Kommission ist recht freundlich und wünscht mir zum Schluß weiterhin denselben Erfolg für die übrigen Fächer.
Wie ich mich verabschieden will, setzt aber die Geraldy noch einmal an; will doch gerne mit dem Musterschüler aus ihrer Klasse glänzen:
-„Herr Engel, sagen Sie doch den Kollegen –  dies ist jetzt keine Prüfung mehr -, was Sie auf Ihrer Fahrt durch Frankreich aus kulturgeographischer Sicht am meisten beeindruckt hat!“ – Ich bin schon im Hinausgehen, halte kurz an und sage knapp: „Eigentlich alles, am meisten natürlich Paris!“ und bin weg.
Draußen steht schon Bertold, fragt wie´ s war. Erzähl ihm die Story der Geraldys, erwähne, was sie wohl gefragt hätte, wenn sie wüsste, daß ich diesmal nach Rom fahre.
Bertold fragt erstaunt: „Weißt du denn nicht, die Geraldy fährt doch auch nach Rom mit einem pälzer Jugendpilgerbus, und ich fahre mit der Geraldy, vielleicht sehn wir uns dort unten!“

In Geschichte will man wissen, wie sich die heutigen Anschauungen, Zustände und Eigenarten der Kultur aus den philosophischen Geistesrichtungen der Älteren Neuzeit entwickelt haben und um welche Richtungen es sich dabei genauer handelt! Da hat sich Dr. Bopp mächtig aufgeblasen! Ich war ziemlich verwirrt und hatte dann einfach drauf los geredet. Habe keine Ahnung mehr, was mir dazu eingefallen ist.

Französisch: In der Grammatik war das Relativpronomen dran, und in der freien Rede sollte ich eine Legende nach Wahl erzählen. Habe Lafontaine: Le corbeau er le renard genommen. Als „Nachspeise“ gab´s dann noch einige unregelmäßige Verben zu konjugieren.

Freitag, 23. Juni      – zweiter Tag: Mathe, Deutsch, Chemie und Reli
Pech habe ich, wie befürchtet in Mathe: Just das, was ich mir nicht mehr angesehen habe, kommt dran: die Summenformeln sind (alpha plus betha) usw.
Gott sei Dank bin ich dann über die Entwicklung von Kegel- und Kegelstumpfmantel im Bilde.
Mittagspause!

In Deutsch ist es ein Genuß: Zuerst „Simplizissimus“ als Entwicklungsroman, dann die Gedichtinterpretation bei Walafried Strabo. Hier kann ich die „Widmungen“ auswendig.
Welch symbolische Bedeutung für dich in dieser Aufgabe steckte, der du schon mit dem Herzen auf der großen Fahrt gewesen bist:
Grimmelshausen Simpizissimus und der Strabo von der Reichenau, die beiden Vielgereisten, sie sollten euch bis nach Rom begleiten. Doch Vorsicht! Strabo ist, noch jung an Jahren in der Loire ertrunken.

Religion läuft daneben. Zur Einleitung soll ich die Albernheit wissen, weshalb der Gläubige den Bischofsring küßt, wenn seine eminenz zu uns kommt. War perplex und weiß jetzt noch nicht, wie´s weiter ging.

Den Abschluß macht das Mießfach Organische Chemie: „Die Bodensäuren und ihr Einfluß auf das keimende und wachsende Weizenkorn“.
Kein Kommentar!

Noch am späten Abend mache ich einen mächtigen Satz aus dem Prüfungsgebäude, schwinge mich aufs Rad und eile über die Straßen des mittleren und westlichen Saarlandes befreit nach Hause.

24.06. Sa. – Ejschd moa endspannen
Hinaus aus dem Tor! Und erst mal entspannen!
Auf der Heimfahrt gestern Abend wollten zuerst die Gedanken nicht aus dem Kasernentor raus, gingen mir noch einmal im Kopf durch. Aber schon nach den ersten Kilometern war alles wie weggeblasen in der frischen Luft und der Kühle der Dämmerung. Und dann, hinter Schmelz, wo´s hoch geht, einen älteren Mann mit Fahrrad aus dem Graben gehoben, hatte sich nichts getan, wirkte etwas bedrückt, konnte aber wieder aufsteigen und weiterfahren…
Als ich ihm, mich vergewissernd, noch ihm nachschaute, musste ich daran denken, daß uns auf der großen Fahrt vielleicht auch so ein Sturz passieren könnte. Aber wir werden auch zu zweit sein!
Beherzt trat ich wieder in die Pedale; so recht entspannt ins Wochenend!
Mutter ist nicht zu Hause, wie ich ankomme; sie kocht im Dorf auf einer Goldenen Hochzeit. Seitdem sie als junge Frau bei vornehmen Leuten in Luxemburg gedient hatte und dabei unter Hilfe der Herrin auch die Küche besorgte, ist sie im Dorf zur Expertin für Festtagsessen avanciert.
Wie Vater mich begrüßt, sehe ich an seinen freudigen Augen, daß er für mich etwas Besonderes im Petto hat. Ich frage neugierig, aber etwas indirekt:
-Wat geffd ed Naues dahaam.
-Net ärrich vill; mir woaren of Himmelfoahrd mäad em Goardebauverein nöö Sankt Ganggolf gewandert un hun oas äam Kloùschder dej nau Ruusenzuchd weise geloss.
-Sonschd wirklich neichd Naues?
-Doch ed gefd ebbes; awer dat weisen eich dir ejschd nööm Nöödäassen.

Und wie Vater von  seiner Wanderung  mit seinem geliebten Gartenbauverein nach Kloster Gangolf fertig erzählt hatte, wollte er jedoch mit der Neuigkeit erst nach dem Nachtessen rausrücken.
Dann stehn wir im Wohnzimmer vor seiner Briefmarkensammlung und Vater präsentiert eine neuen Satz saarländischer Briefmarken, am 19. Mai herausgegeben. Es ist nur ein kleiner Satz von drei Marken; aber was für einer!
Welch freudiger Zufall! Das Saarland hat drei eigene Briefmarken zum Heiligen Jahr herausgegeben! Abgebildet ist die Broncestatue des Hl. Petrus im Petersdom.
Hinterher hat Vater mir in zwei Zelophantütchen je einen Satz der drei Freimarken übereicht, mit dem Ausgabedatum abgestempelt, einen für mich und einen für Willi, und er meint wir könnten uns in Rom auch den Stempel des Vatikan drauf dazu drucken lassen.
Welche Freude, und was für ein Geschenk! Der Heilige Stuhl auf den Freimarken unseres Landes. Wenn das für unsere Route kein gutes Zeichen ist!
Gemessen an seiner Turnerei war Vaters Briefmarkensammeln keine Leidenschaft, eher ein ästhetisch motiviertes Freizeitvergnügen, dem er nicht erst durch die Herausgaben der wunderschönen Saarmarken, sondern bereits vor dem Krieg nachgegangen war.
Darunter waren sogar Freimarken aus dem Kaiserreich mit dem  preußischen Reichsadler oder der feisten Gestalt der Germania. Interessant auch die mit der Zeit wechselnden Währungen. Es gab Freimarken, auf denen noch Gulden, Kreuzer, Groschen, Pfennige als Preis angegeben waren. In den 20ern gab es Marken, für die man sogar 10 Milliarden Reichsmark zahlen mußte.
Erstaunlicherweise fehlte in Vaters Sammlung ein Großteil der Marken aus dem Dritten Reich. Zu viele Waffen, zu viele Adolfgesichter, zu viele Soldaten, zu viele Köpfe aus Stahlhelm.

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Nach Vaters Tod hatte ich die Sammlung mit Stolz übernommen; konnte sie aber aus zeitlichen Gründen nicht weiter betreiben. Hatte sie vernachlässigt, aus den Augen verloren, darunter auch Vaters Geschenk der drei San-Pietro-Marken, am Postschalter des Vatikans zusätzlich abgestempelt…

 

Bin dann am späten Abend noch lange mit meinen Leuten zusammen gesessen. Vater fragte erst nach der Prüfung. Dann haben wir auch in über Rom gesprochen.
Mutter gefallen die Marken sehr; hat aber immer noch Mühe, mein Vorhaben wahrhaben zu wollen. Sie meinte,  diesmal wäre es ja ein noch viel weiterer Weg als vergangenen Sommer nach Paris. Ich sagte, dafür nehmen wir uns diesmal ja viel mehr Zeit.
Und  heute Morgen nun, habe voll in den hellen Tag hinein geschlafen, so ganz ohne den frühen Weckruf von „Dr. Biest“ und mich später bei Mutter in der Küche ein wenig nützlich gemacht.

Darauf dann, wie das hier im Dorf jeden Samstag so Brauch ist, den Hofraum und vor der Tür den Gehsteig gekehrt, mit Vater die Ställe ausgemistet und den Schuppen gesäubert.
Abends äam enneschden Ecken bei Willi in der Dunkelkammer und zum Schluß mit ihm noch auf ein Bier im Kaiserhof. Willi fragt auch, wie´s im Mündlichen war und meint, bei ihm sei daheim und im Wald so ziemlich alles klar für die Fahrt.

25.06. So –     Das Gefühl, dazu zu gehören.
Unsere Dillinger Verwandten haben, wie jedes Jahr zu ihrer heutigen Kirmes geladen. Aber Mutter ist es nicht danach und Vater erst recht nicht. Ich hatte indes zugesagt, um anschließend an Onkel Johanns Hausbau mitzuarbeiten, mir ein kleines Zugeld für die Fahrt zu verdienen.
Vorher hier noch nach dem Hochamt zum Frühschoppen bei Germanias Kattchin.
Der Treffpunkt Germania war jedes Mal, wenn du übers Wochenend auf Heimaturlaub kamst, ein Muß; es verschaffte dir das sichere Gefühl, trotz deiner zeitweilig längeren Abwesenheit, auch noch über die ganze Seminarzeit hinaus, einer von ihnen, einer  vum Dörref  zu sein.
Dazu zu gehören, wenn die Jungs vom Jahrgangsclub `So sind Wir´, wenn die Kameraden vom Handball und die alten Turner vom TuS 05, auch Vater, Onkel Heinrich und Pätter Mechel bei Germanias Kattchin zum Bier zwischen dem  ite missa est des sonntäglichen Hochamtes und Mutters Mittagessen zusammen sitzen und die Welt verbessern.
An diesem Sonntagmorgen nun standen für einen Moment Willi und ich im Mittelpunkt des Stammtischgesprächs. Unser Vorhaben hat sich also schon rumgesprochen!

Dann ruft plötzlich ed Kattchin mit dem Ohr am Radio in die Runde, alle sollen mal still sein. Soeben wird gemeldet: Gestern ist wieder ein neuer Krieg ausgebrochen: Nord- und Südkorea! Und  drüben in der noch jungen Bundesrepublik redet man auch schon wieder von Aufrüstung!
Es wird nur einen kurzen Moment hier in der Germania hingehorcht, aber, für meine Begriffe, der Sache kaim Beachtung geschenkt.
-Korea, woù äas dat dann?
-Vum Krejsch hummir selver de Nöös noch voll!
-Wat stierd ed oas, wat um annern Enn vun der Welt passiert!

Zugegeben, Korea, diese äußerste Halbinsel am fernen Ostzipfel von Asien kann weiter als ein anderes Land nicht von uns weg sein. Doch wollen wir uns nicht mehr erinnern!  Als genau vor fünf Jahren bei uns schon Waffenstillstand herrschte, wurde da drüben im sogenannten Pazifik bis zur menschlichsten aller Katastrophen, zu den beiden unseligen Atombomben, noch weiter gekämpft.
Und heute! Da drüben zwischen den beiden verfeindeten Landesteilen wird es sicher, wie auch bei uns im geteilten Deutschland, nicht nur um eine interne nationale Sache gehen. Da handelt es sich um Ost gegen West, um Kapitalismus gegen Kommunismus. Und Weltanschauungen haben schon manchen weltweiten Krieg ausgelöst.

28.06. – Dillinger Kirmes und die Tage an Onkel Johanns Baustelle!
Bin am Sonntag dan nach Dillingen geradelt und habe abends noch den Schwanz der Dillinger Kirmes auf dem Rummelplatz und danach auch auf dem Tanzboden mitbekommen.
Günter brachte mich wieder mit seinem Freundeskreis von der Katholischen Jugend zusammen. Alice war natürlich mit von der Partie und war mir gegenüber sehr zuneigend; hatte zum Missfallen von Günter mehrmals mit mir getanzt. Ein heiterer Abend bei schmissiger Kapelle.

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Rudi verdient sein Reisegeld am Bau

Am andern Morgen dann schon recht früh mit Günter zusammen am Bau. Es wird früh warm; wir halten trotzdem richtig drauf; Günter sehr mürrisch; kaum ein Wort miteinander. Es ist die frühe Hitze, der dicke Kopf vom Tanzboden.  Auch habe ich das Gefühl, mit unserer harmlosen Freundschaft zu dritt scheint es endgültig vorbei zu sein. Habe ich selbst auch innerlich Günter das Feld geräumt?

Zurückschauend waren die Tage von Dillingen recht stramme Tage, an denen wir teilweise in sengender Hitze beim Betonieren der Kellerdecke schufteten.
Und als wir dann gestern am frühen Abend schon die Decke fertig betoniert und genetzt bekamen, da war  Tant´ Sanny auf die Baustelle gekommen, hat mir einen Kirmeskuchen für daheim mitgebracht und ein Tütchen in die Tasche gesteckt, mit vier Blauen drin (für Rom).
Und so bin ich dann erschöpft, etwas betrübt, aber reichlich belohnt in der Dämmerung nach Hause geradelt.

Zu Kapitel 1,13: Dej Zeit vier der gruuß Foahd

 

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