11 Die Tage der Prüfung

Donnerstag, 1. Juni –     Das Schriftliche beginnt mit  Deutschjuni
Viel zu kurz und viel zu schnell verflogen sind die paar Tage daheim. Kaum die innere Ruhe, die Freizeit und meine Lieben zu genießen. Muß gleich zum Prüfungssaal; heute das Schriftliche in Deutsch. Schinhofen hat mal wieder ein anspruchsvolles, umfassendes Thema  hingelegt:
„Noch einen Trank aus Lethe´s Fluten…“ eine textkritische Betrachtung zum Monolog des Orest aus „Iphigenie auf Tauris“.
Hab einiges geschrieben; kenne mich leidlich aus.

Denken die Himmlischen
Einem der Erdgebornen
Viele Verwirrungen zu
Und bereiten sie ihm
Von der Freude zu Schmerzen
Und von Schmerzen zur Freude
Tief erschütternden Übergang:
Dann erziehen sie ihm
In der Nähe der Stadt
Oder am fernen Gestade,
Daß in Stunden der Not
Auch die Hülfe bereit sei,
Einen ruhigen Freund.
Werde das Zitat für Willi aufbewahren

Freitag, 02. 06.   –    Mathe ist dran.
Vier Aufgaben: eine Bewegungsaufgabe mit drei Unbekannten; zusammengesetzte Zinseszinsrechnung und je eine Aufgabe aus Geometrie und Stereometrie.
Das Gefühl ist einigermaßen gut; aber was besagt das schon in Mathe.

03./ 04. 06.   –   Samstag und Sonntag    – eine Atempause
Zwei Tage ausspannen, zuversichtlich gestimmt; zwar kein Heimaturlaub; aber per Bus Gruppenfahrt zum Jugend-Sinfoniekonzert in der Wartburg. Theo will weiter pauken; er habe in Physik noch Lücken. Wo soll der Kerl noch Lücken haben!

Saarbrücken – schon bei der Durchfahrt zur Konzerthalle erneut beobachtet; wie sehr doch die Landeshauptstadt immer noch zerstört ist. Auch am Nachmittag bei einem Spaziergang mit Abbo und Osmund hinunter zur Saar noch etliche Ruinen; auch noch Stellen mit dem Bombenschutt.
Und dann versetzt uns wieder Beethoven großartig in andere Sphären; flott dann  die Ouvertüre zu Der Kalif von Bagdad von Boieldieu.
Auf der Rückfahrt kommt die Erinnerung an die Bombenangriffe zurück; ganz deutlich zuletzt Anfang August 44: Wir waren zu unserm Felsenunterstand auf Hoarschd geflüchtet als die Geschwader über uns hinwegdröhnten, und dann sahen wir im Südosten den Himmel über Saarbrücken feuerrot und hell erleuchtet.

05./ 06. Juni –    2. Teil des Schriftlichen
Montagmorgen: Sehr unruhig geschlafen, mehrmals aufgestanden; im Waschraum den wandernden Mond entlang dem Fensterkreuz beobachtet.
Heute stehen vier Fächer an:
In Erdkunde ein unheimlich weitgestecktes Thema:
„Fund- und Verarbeitungsorte der Rohstoffquellen der Erde“
Physik, Chemie und Biologie sind in einem Pott. Vorbereiten musste man sich auf alle drei; hoffte auf Biologie; drangekommen ist aber Physik:
„Aufbau der elektrischen Klingel,    Ohm´sche Gesetz , Parallel- und Reihenschaltung“
Das geht ja noch.
Dienstag:   Religion + Geschichte
– „Die Person Christi im Lichte der historischen Zeugnisse“
– „Der Wiener Kongress in seiner Bedeutung für die Ordnung Europas.“ –
– „Ursachen der Französischen Revolution und die wirtschaftlichen Auswirkungen der    Kontinentalsperre“
– „Die revolutionären Aufstände von 1848“,
ein Mammutkatalog, den ich aber ohne weiteres bewältige.

Tue mich besonders in Reli verdammt schwer; muß improvisieren.

07.06. Mittwoch – Missio Canonica
Seit drei Tagen weilt zwischen dem Schriftlichen auch noch der Weihbischof Mezeroth aus Trier unter uns zur Vorbereitung der Verleihung der „Missio Canonica“, der Lehrbefähigung in katholischer Religion. Ich hatte mit Osmund zusammen die Ehre, bei ihm die Messe zu dienen. Es hat mir gut getan; brauchte diesen Dienst ein wenig zur inneren Ruhe, wenngleich, direkt anschließend und zum guten Schluß Französisch mir keine Bange macht.  Das von M. Lebrun gewählte Thema: „Décrivez votre école!“, erst recht nicht. Das geht ja!

Gut, gut; die dickere Hälfte des Bangens vorüber. Insgesamt ein gutes, fast sicheres Gefühl; („Gefühl ist alles!“); jetzt steht nur noch das Mündliche an.
Sitze am späten Nachmittag schon im Sattel für nach Hause; fühle mich auf halber Strecke schon vor Rom.

12.06. Lebacher Montag –     Schwielen an den Händen und Kater in den Bizeps
Fahre mit Theo zusammen zurück; auch er war in den Tagen in Merchingen nicht um die Heuarbeit herum gekommen.
Jetzt, nach dem ersten lockeren Schultag, liege ich  gestreckt auf der Pritsche und denke zurück:
Ich hatte mir daheim vorgenommen, in den kurzen Tagen nach dem Schriftlichen die Gedanken an Rom und erst recht ans Mündliche ganz draußen zu lassen; kam vor lauter erholsamer Handarbeit und entspannenden Begegnungen auch gar nicht dazu.
Bin an Fronleichnam bei drückender Hitze während der langen Feierlichkeiten neben Willi gegangen, meist still.
Fier mua alles kloar bei dir?, sagte er nur.

Willi hatte für uns beim Abelfranz ausgemacht, dem Bauer die zwei Tage des verlängerten Wochends und wenn nötig auch noch Sonntagmorgen bei der Heuernte helfen. Wegen der akuten Gewittergefahr mußte alles schnell und trocken reingeholt werden. Und wir hatten Glück; große Hitze während der Schweißarbeit; aber das Unwetter kam erst danach.
Hab heute noch Schwielen an den Händen und Kater in den beiden Bizeps vom Hochstemmen der Gabeln mit den Heubüscheln auf den hohen Wagen; aber der kleine Lohn vom Abelfranz steckt schon in der Romkasse.

17.06. Samstag –      Pauken und Üben fürs Mündliche
Seit drei Tagen reduzierter Lehrbetrieb und zwar nur vormittags; der Lehrplan ist weitgehend aufgehoben. Hab unsere Dozenten noch nie so locker gesehen.
Bin die Nachmittage über mit Theo und Osmund zum gemeinsamen Pauken in der Bibliothek.
Schinhofen bietet sich in den Abendstunden zu einer Gemeinschaftsarbeit im Üben des mündlichen Vortrags an. Äußerst fair von dem kleinen Mann mit dem großen Herz!
Gestern dann, am Herz-Jesu-Freitag war neben dem Fleißigsein auch Frommsein angesagt: Nach der Abendmesse und Beichte eine Art Predigtvortrag von Dr. Junge, in der er uns in unserm Eifer bekräftigen will, und überall sei ja die unendliche Liebe Christi zu uns Menschen…
Heute Vormittag nun, Lebach steht ganz im Zeichen des Großen Radrennens Rund um den Hoxberg. Der Brotdorfer Gasper, mit dem Kammer Rudi und ich vergangenes Jahr ein paar mal trainiert hatten, belegt den 2. Platz.
Am Nachmittag mit Theo zusammen auf unserer Bude; es stehen „Renaissance und Humanismus“ auf dem Studienprogramm.
Und da geht plötzlich die Tür auf, und es kommt unangekündigt und um so überraschender Willi vorbei. Er war mit einer  Schar aus seiner Jugendgruppe auf einer kleinen Radtour um den Schaumberg. Hat den Jungs in Tholey drei Stunden Pause, Ausgang und Abteibesuch verschrieben und ist selbst schnell mal herüber gekommen.
Bei mir löst das nur eine kurze Überlegung aus (einen Blauen Brief wird es in dieser Phase des Examens von Aufseher Best nicht mehr geben); also schwinge ich mich auf und radle mit Willi nach Tholey und  – Gott helfe mir, ich kann nicht anders – kurzerhand von Tholey aus mit den heiteren Jungs nach Hause.

20.06. Dienstag –         Nöö geklautem Sonndisch…
Es war schon dunkel, als ich vorgestern Abend im Zollhaus ankam; meine Leute staunten nicht wenig, mich plötzlich vor ihnen zu sehen. Mutter machte ein ganz ängstlich verstörtes Gesicht. Sie befürchtete, ich sei durch die Prüfung gesaust und daher nach Hause geschickt worden. Daß ich einfach kurz entschlossen abgehaut bin, kann sie nicht gut heißen, freut sich aber doch auf ihren Jungen.
Sonntag dann, nach der Frühmesse mit Vater nach Merzig ins Schwimmbad – tat richtig gut, wir beide mal wieder hier zusammen schwimmen und springen. Über Rom kein Wort.
Gestern früh dann, nach dem in Lebach geklauten Sonntag daheim schon um fünf losgedonnert; mein Ausflug sollte nicht auffallen. Kein schlechter Eindruck mehr so kurz vor dem Abschluß des Examens.
Kam total kaput in der Kaserne an; die ganze Zeit auf der Rückfahrt einen verdammten, für diese Jahreszeit eisig kalter Nord, also Gegenwind. War aber wieder ein gutes Training!
Mittags im Speisesaal wollte ich nicht satt werden, hatte ja keine Zeit zum Frühstück gehabt. Überhaupt, das Essen erreicht seit einiger Zeit seinen schlechtesten Stand. Das täglich Brot morgens noch knapper. Und dünner kann die Suppe Mittags nicht mehr werden.

Zu Kapitel 1,12: Un dann noch ed Mündlich….

 

 

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