Zwischen Brotdorf, Lebach und Rom – Teil 1

Teil I
Erstes Halbjahr: Zwischen Brotdorf, Lebach und Rom 

Mir heeden soù gäa noch weider gepennt…

Via Aurelia, Sonntag, 30. Juli 1950

Die Sonne steht hier oben bereits hoch und bringt die Luft schon zum Vibrieren. So fertig, so kaputt wie wir gestern Abend spät hier ankamen und auf dieser einsamen Bergkuppe einfach umgefallen sind, da hätten wir an diesem frühen Morgen gern noch ein wenig weiter gepennt.
Gerade weht ein leichtes Lüftchen, als in etwas Schrilles in unsere Ohren dringt, uns aus tiefem Schlaf wachrüttelt und jäh auf unserer Plane aufsitzen lässt. Es sind eigenartige Töne, seltsamen Ausrufe, die auf dieser Einöde in unsere Morgenstille hinaus dröhnen, wie aus einer fernen Welt.Sie kommen näher, italienischen Worte schwer zu verstehen, die etwa so klingen: „angurie fresche! frutta fresca!“

Und dann steht auf einmal auf dieser einsamen menschenleeren Landschaft ein etwas älterer Mann mit Strohhut vor uns, einen einachsigen Karren hinter sich ziehend, und bietet uns, heftig wie ein Marktschreier, seine frisch geerntete Ware an. Unser Blick auf den Karren verrät uns, er ist beladen mit Wassermelonen.
Es stellt sich heraus: Der gute Mann ist ein Bauer, in aller Frühe hier auf die Hochebene heraufgekommen, einen Handkarren voll Melonen zu ernten und auf den Markt zu bringen. Wie er uns sieht, wittert er bereits sein erstes Geschäft und ruft also munter drauf los, bis wir endlich wach geworden sind.
Kurzum, erstmals in unserm Leben besteht unser Frühstück an diesem gesegneten Samstagmorgen hauptsächlich aus frisch gepflückten grün-gelblich gestreiften Melonen. Ein göttlich süßes Geschenk vom Himmel, freilich auch aus der Hand dieses eifrigen Bauersmannes. Denn wie dieser erfährt, daß wir von so weit hier her gepilgert sind, winkt er mit einem „Salutate il Papa!“ freundlich ab: Wir sollten unsere paar Lire doch stecken zu lassen.
Der Melonenmann hat es nun eilig; die Konkurrenz wartet. Noch ein Händedruck, dann zieht er seinen Karren hinter sich den Hügel hinab. Auf der Bergkante bleibt er noch einmal stehen, dreht sich um und weist mit ausgestrecktem Arm in seine Richtung.

Lange hält es uns jetzt auch nicht mehr, wollen vorher aber wissen, wohin der Mann uns gezeigt hat. Laufen neugierig hin, einen Blick zu riskieren. Und dann die Überraschung:

Wie auf dem Traumbild eines Märchenbuches! Vor uns, den lang gestreckten Hang hinab, weist der Blick hinunter in ein weites Tal, darin ein in der Sonne glitzernder Fluß, der sich mitten durch ein unendlich weites Häusermeer hindurch schlängelt.
Diejenige, die wir gestern am späten Abend noch mit aller Gewalt erreichen wollten, aber mit letzter Kraft vergeblich schafften: da liegt sie nun in vollem morgendlichen Sonnenlicht, ausgebreitet wie eine Diwa, so glanzvoll ruhend vor uns: die Ewige Stadt, Roma eterna!
Und aus dem rotsilbrigen Morgendunst der Millionenstadt ragt fast unmittelbar in vollem Glanz heraus die mächtige Kuppel des Petersdoms. Vor uns so prächtig, so erhaben, als sei es das einzige, das selig machende Tor zum Himmel.

Rückblende…. Wie alles begann: Zu Kapitel 1,2

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