3,3 – Unter dem päpstlichen Segen

 Dienstag, 1. August 1950  –  Zweiter Tagesteil 

Allmächtiger, ewiger Gott.
Von ganzen Herzen danken wir dir
Für das große Geschenk des Heiligen Jahres.
Pius XI

In San Piedro zur Audienz des Stellvertreters 

Über tausend Sankt-Georgs-Pfadfinder, die aus der Bundesrepublik Deutschland zum anno santo nach Rom gepilgert sind, marschieren heute durch die via de la conciliazione nach San Piedro zum Empfang durch den Heiligen Vater und mit ihnen, mitten unter ihnen, ebenfalls über tausend Jugendliche aus dem Saarland. 
Wir haben uns für 16 Uhr mit Berthold und der Saarjugend unter den Kolonnaden verabredet, um mit ihnen gespeist zu werden und anschließend die Audienz des Papstes gemeinsam zu empfangen.
Demnach bleibt noch etwas Zeit, die wir nutzen,  uns den Petersdom nunmehr als prächtiges Kunstwerk näher anzuschauen.
Willi schaut sich beim Durchgehen auffällig nach allen Seiten um. Ich frage:
– Sejschdau ebbes Bestemmdes?
– Häschdau moa geguckd, woù ma of deitsch beichde gejhn kann?
– Wat wellschdau dann schun nomma beichden! Ma woaren doch ejschd dahaam.
– Döö häschdau och nommoa recht; ma kann och soù zoù de Sakramenten gejhn.

Immer, wenn in der Literatur San Pietro unter dem kunsthistorischen Aspekt beschrieben wird, dann sind es in erster Linie die unvergleichlichen Werke von Michelangelo als Baumeister dieses Kulturschatzes und als den berühmtesten Künstler, nicht nur der vatikanischen Gemälde und Skulpturen, sondern dieser ganzen Epoche, vielleicht sogar der Weltkunst überhaupt.
Da wir uns ja in der Grabeskirche des Apostel Simon Petrus befinden, interessiert uns aber auch die berühmte Skulptur San Piedro. Dies auch, da uns deren Abbild ja schon zu Hause auf den Briefmarken des Saarlandes begegnet war; zumal aber auch, weil diese Bronzeskulptur aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich von dem Florentiner Arnolfo di Cambio angefertigt, wesentlich älter ist als das Gotteshaus, das sie heute beherbergt.Hier sitzt Petrus, der Gekrönte, auf einem Throne; in der Linken, die „Schlüssel des Himmelreiches“ haltend und mit der Rechten, die Menschheit segnend.

Wir wollen weiter zu Michelangelos berühmter Pieta; doch bald werden  wir von  Aufsichtspersonen in langen Talaren freundlich aufgefordert, uns für die Audienz draußen zu versammeln.

Pius XII erteilt den päpstlichen Segen

Dio Onnipotente ed eterno,
con tutta l’anima Ti ringraziamo
gran dono dell’Anno Santo.
O Padre celeste, che tutto vedi, che scruti e reggi i cuori degli uomini,
rendili docili, in questo tempo di grazia e di salvezza,
alla voce del Figlio Tuo. Che l’Anno Santo sia
per tutti un anno di purificazione e di santificazione,
di vita interiore e dì riparazione, l’anno del gran ritorno e del gran perdono.
Dà a coloro, che soffrono persecuzione per la fede, il Tuo spirito di fortezza, per unirli indissolubilmente a Cristo e alla sua Chiesa.
Proteggi, o Signore, il Vicario in terra del Tuo Figlio,
i Vescovi, i sacerdoti, i religiosi, i fedeli.
Fa’ che tutti, sacerdoti e laici, adolescenti, adulti e vecchi,
formino, in stretta unione di pensieri e di affetti,
quasi una salda roccia, contro la quale s’infranga il furore dei Tuoi nemici.
La Tua grazia accenda in tutti gli animi l’amore
verso tanti sventurati, cui la povertà e la miseria
riducono ad una condizione di vita indegna di esseri umani.
Desta nelle anime di quelli, che Ti chiamano Padre,
la fame e la sete della giustizia sociale e della carità fraterna nelle opere e nella verità.
« Dà, o Signore, la pace ai nostri giorni », pace alle anime, pace alle famiglie,
pace alla patria, pace fra le nazioni.
Che l’iride della pacificazione e della riconciliazione ricopra
sotto la curva della sua luce serena la Terra santificata dalla vita e dalla passione
del Tuo Figlio divino.
Dio di ogni consolazione!
Profonda è la nostra miseria, gravi sono le nostre colpe, innumerevoli i nostri bisogni;
ma più grande è la nostra fiducia in Te.
Consapevoli della nostra indegnità, mettiamo filialmente la nostra sorte nelle
Tue mani, unendo le nostre deboli preghiere all’intercessione e ai meriti della gloriosissima Vergine Maria e di tutti i Santi.
Dà agli infermi la rassegnazione e la salute, ai giovani la forza della fede,
alle fanciulle la purezza, ai padri la prosperità e la santità della famiglia,
alle madri l’efficacia della loro missione educatrice,
agli orfani la tutela affettuosa, ai profughi e ai prigionieri la patria,
a tutti la Tua grazia, in preparazione e in pegno della eterna felicità nel cielo.
Così sia! 

 

 

Gottes Segen aus den Händen seines Nachfolgers
Zum Einzug in den Dom müssen wir uns aufstellen und zu einem langen Zug formieren. Es dauert eine ganze Weile bis die immense Kirche gefüllt ist; man sagt 60 000 Menschen sollen hier rein passen! Die Vorbereitungszeit wird mit Gesängen und Gebeten aller Nationen abwechselnd ausgefüllt; dann zieht die Leibgarde des Papstes, die Schweizer Garde mit ihren in rot, schwarz und ockernfarben breit gestreiften Kriegsröcken, den federgeschmückten Baretten und den großen Hellebarden auf.
Die Soldaten Gottes oder die Garde des Papstes, sie stellen sich in geregelten Abständen zu beiden Seiten des Ganges auf, der für den Papst freigelassen ist. Auf einen kurzen Befehl nehmen die Gardisten Haltung an und präsentieren die Hellebarden:
Pius XII. der Heilige Vater erscheint!
Hinter ihm wird die Pforte des Domes verschlossen.
Ein von mir noch nie gehörter Jubel dröhnt zum Empfang des Oberhirten durch  den hohen Raum, läßt den marmornen Boden vibrieren, erfüllt alle Nischen, Rundbögen, die Empore, die Seitenaltäre. Es ist, als wolle dieser Jubel durch die mächtige Kuppel hinauf zum Himmel durchdringen.

Pius XII, das Oberhaupt der Katholischen Kirche, wird auf einer Art Sänfte durch den langen Hauptgang zwischen den Menschenmassen hinauf zum Papstaltar getragen. Dabei segnet er ununterbrochen, sich abwechselnd nach rechts und nach links wendend die von heller Begeisterung immer noch rasende Pilgerschar. Vor dem Throne steigt er ab und steht nun in seiner vollen Größe vor uns.
Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli, ein Mensch von schlanker, hagerer Gestalt in etwas steifer, ja starrer Aufrichtigkeit. Wenn auch von Weitem nur schwach erkennbar, die Gesichtszüge sind streng, erscheinen intellektuell distanziert, der Blick, dunkel um die Augen herum, wirkt etwas stechend. Dieser Papst schaut sehr ernst drein, wenn nicht sogar düster; die ganze Zeit zeigt sein Gesicht kein einziges Lächeln.
Ständig mit dem Kreuzeichen segnend, begrüßt er mit sonorer Stimme die einzelnen Pilgergruppen, jeweils in deren Landessprachen und spricht dabei auch einige Worte zu uns:
„Liebet einander und ehret Gott durch das Halten seiner Gebote!“

Nachdem er die vielen Geschenke und die schweren Bußkreuze der Pilgergruppen gesegnet hat, wird er in feierlichem Zuge wieder durch den Hauptgang zum Portal getragen. Dort wendet er sich noch einmal um und spendet der anwesenden Christenheit seinen päpstlichen Segen.

Die Schweizer Garde hat schon Routine darin, die Pilger ohne Gedränge und Panik aus dem Dom zu lotsen. Draußen in der grellen Sonne strömt es in allen Richtungen kreuz und quer durcheinander über diesen riesigen Platz.
Wir beide stehen noch eine Weile draußen auf den Stufen, schweigend werden wir uns fragen, ob auch ergriffen?
Feierlich war es wohl; aber auch recht spektakulär in Szene gesetzt. Und dieses tausendköpfige Volk der Gläubigen; es hat sich gebärdet, als wäre es Gott selber gewesen, der da vor ihnen schwebte!

Norbert Blüm, der damals an diesem Audienztag ebenfalls im Petersdom zugegen war, erinnert sich und findet dazu erstaunliche Worte.

Als Fünfzehnjähriger war auch er anno santo 1950 mit voller Begeisterung nach Rom gezogen und brachte aus seiner katholischen Primärsozialisation eine Papstvision mit, die den Heiligen Vater wie tausend andere Jugendliche als nahezu gottgleich unnahbare „Installation einer überirdischen Welt“ umschwärmte. Umso mehr mußte auf ihn die allzumenschliche Präsenz und körperliche Erscheinung des Oberhauptes bei dieser Audienzfeier äußerst ernüchternd gewirkt haben:
„Pius XII. zog ein. Er schwebte stocksteif und kerzengerade über uns, auf einem Thron, der von festlich geschmückten Männern mit finsteren Mienen durch den Petersdom getragen wurde. Staubwedel pharaonischer Herkunft wedelten dem Papst frische Luft zu. Auf dem Haupt trug er eine dreifache Krone, die „Tiara“ hieß, wie ich mir zuflüstern ließ. Der Papst wirkte so versteinert wie die Heiligenfiguren auf den Seitenaltären. Vor Staunen verschlug es mir fast den Atem. Der Papst ist gar kein Mensch, dachte ich. Wie kann der sterben? Wenn, dann nur mit anschließender Himmelfahrt.“
(N. Blüm: Die wahre Kirche; in: Frankfurter Presse v. 14.11.2013)

Bezeichnend, daß dieser Textauszug  einem neueren Beitrag Blüms unter dem Titel „Die wahre Kirche“ entnommen ist, der aus Anlaß der allzuweltlichen Eskapaden von Tebald van Elst erschien. In der Verbindung dieser Absicht mit dem, was der Autor als einstiger junger Pilger in Romerlebte, wird bereits angedeutet, daß sowohl damals schon wie heute zwei verschiedene „Kirchen“ erfahrbar sind, die eine, die fragwürdige, die er in der Gestalt von Pius XII und aktuell von Tebald van Elst erkennt und die andere, die er damals auf dem Rückweg von Rom in Assisi, der Stadt des Heiligen Franziskus, erfährt und deren Durchsetzung er auch von dem jetzigen Papst erwartet, der bewußt den Namen des Heiligen angenommen hat.
Aber auch für Papst Franziskus wird gelten: `nomen est omen, aber noch nicht alles!´

Ende der Audienz, gegen 18Uhr 30.
Ein wenig mitgenommen und erst mal tief Luft holend, haben wir beide auf der obersten Treppenstufe noch einmal angehalten und beobachten fasziniert, wie die Menschenmenge wie ein aufgebrachter Bienenschwarm  nach allen Seiten auseinander strömt und den Blick auf den majestätischen Petersplatz allmählich wieder frei gibt.

Ohne ihn zu fragen, glaube ich zu wissen, daß Willi in diesem Augenblick ebenfalls an die daheim denken muß.
Wenn doch nur Mutter und mit ihr auch Vater in ihrer tiefen Gläubigkeit jetzt hier wären!
Wie ergriffen würden auch sie hier stehen, erfüllt von einer seligmachenden Freude!
Für mich wäre es ja eine doppelte Freude, all das hier Erlebte  mit ihnen teilen zu können!

Als ihr am Tag davor bei der Stadtrundfahrt mit Bertolds Jugendgruppe an der Fontana di Trevi Halt machtet, und du wie alle, in der Hoffnung mal wieder nach Rom zu kommen, ein paar Saarfranken ins Becken geworfen hattest, da war auch noch eine Münze zusätzlich für Vater und Mutter dabei.
Ganze 22 Jahre danach haben Lisa und Willi deinen Wunsch dann tatsächlich wahr gemacht.

Bergesch Lisa un Liescher Willi auf dem Petersplatz in Rom (Skizze und Skulptur, Rudolf Engel)

Während ich an die daheim denke, meint Willi, wir müßten vor dem Gang zum Hotel noch etwas erledigen.
Denn morgen ist das Hotel für uns schon perdu; also höchste Zeit, noch vor dem Abendessen nach den beiden Palottinern aus Brotdorf zu fahnden; dort müssen wir die längst fällige Verpflichtung angehen, unsern Auftrag erfüllen, auch mit der Hoffnung, dort unter zu kommen!

Man sagt uns, es sei leicht zu finden; nur knapp 2 Kilometer den Tiber entlang und dann über die Brücke!  – Wir bleiben auf dem rechten Ufer, das die ganze Strecke im schon lang gewordenen Schatten hoher Bäume liegt, überqueren die zweite Brücke und stoßen gegenüber direkt auf Via Pettinari.
Eine ziemlich enge, ganz im Schatten liegende Straße mit durchgehender Häuserwand rechts und links, ohne Baum und Strauch. Auf der linken Seite „Numero 27“. Wir klopfen am gußeisernen Hebel; es erscheint ein junger Padre.
Wir weisen den Brief mit der Aufschrift für die beiden Padres, aus dem Saarland, germania!

Und dann die Enttäuschung!

Die beiden Brotdorfer sind nicht hier, sind für längere Zeit auf dem Sommersitz des Ordens in Castel Gandolfo.
In all unserm bisherigen Glück, nun die erste Enttäuschung!
Immerhin erhalten wir mit einem buona fortuna die Adresse unserer beiden Landsleute.

Was wird uns anderes übrig bleiben, als eilig zum Hotel zu eilen, die fertig gepackten Räder abzuholen! Vielleicht werden wir dort noch unsern lieben Giuseppe antreffen und uns vom südtiroler Kellner verabschieden. Also werden wir das freundliche Angebot unserer saarländischen Freunde jetzt schon, für heute Abend, für diese Nacht annehmen.

Also auf in Richtung Ostia!

Zu Kaptiel 3,4: Auf Irrwegen

 

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