3,2 – Mit Petrus wandeln wir zu Fuß durch seine Stadt

Dienstag, 1. August 1950  –  Erster Tagesteil 

Mit Petrus wandeln wir zu Fuß durch seine Stadt

Quo vadis?
Roma Eterna
unter dem Segen Gottes
über so viel Wege
endlich am Ziel

Unser erstes Aufwachen in den daunigen Federn der Gänse von Rom.
Und es ist nicht nur unser beider erste Nacht in Rom, auch die erste in einem Hotel.
Obwohl dieses schicke Hotel nahe dem Vaticano und somit in Stadtmitte liegt, hatten wir eine relativ ruhige Nacht.
Mich wenigstens hat das Glücksempfinden erweckt, mal wieder in einem weichen Bett geschlafen zu haben! Dafür sorgte wohl auch das beruhigende Gefühl, nach langem, schwierigem, nicht immer direktem Weg endlich am Ziel angelangt zu sein.

Schon viele hatten im Lauf der Geschichte diese Sehnsucht, diesen Drang nach dem Süden, oft auch mit dem machtergreifenden Ziel auf Rom. Viele hatten es versucht und sind doch nicht hingekommen; zum Beispiel die Kimbern und Teutonen.
Viele, die ankamen, kamen auch nicht als Pilger oder Touristen, viele kamen nicht, um Rom zu bewundern, eher um es zu erobern, zu zerstören; zum Beispiel die Kelten, die Goten mit Alerich oder die Karthager mit Hannibal.
Wer aber diese Stadt nicht mit Gewalt, sondern mit überzeugtem Vorleben eroberte und sie schließlich zur Ewigen Stadt Gottes gemacht hat, das waren mit Petrus und Paulus die ersten Christen.
Wir werden Rom in Freundschaft erobern!

Über Nacht hatten wir das Fenster unseres Hotelzimmers offen gelassen, und nun genieße ich den Charme der Stadt in ihrer Geschäftigkeit zu einem neuen Arbeitstag!
Schon regt sich draußen das heftige Verkehrsgetriebe einer lebendigen und lebensbejahenden Großstadt. Ich vermute, tagsüber wird es hier um das Hotel herum längst nicht so ruhig sein wie in dieser Nacht. Zudem ist gleich in der Nähe eine größere Baustelle. Wie wir gestern Abend sehen konnten, wird nebenan ein älteres, irgendwie zerstörtes Gebäude wieder aufgebaut und aufgestockt.

Willi muß auch feste und lang geschlafen haben. Er ist immer noch am Schnarchen, obwohl die Betonmischmaschine von nebenan deutlich hörbar in Betrieb ist, dazwischen noch die überlauten Rufe der Bauarbeiter, einige jetzt in der Früh schon schon im nackten Oberkörper. Und dazu noch auf der Straße der Autolärm der knatternden Motoren und dem auffällig eifrigen Hupen.
Ich liege neben Willi, der sich immer noch nicht rührt. Zeit, noch einige Gedanken des gestrigen Tages sammeln.

Wir waren dann, gleich nach der Anmeldung im Pilgerbüro mit Hilfe des dort erhaltenen Stadtplanes erst ins Hotel gefahren. Eigentlich hätten wir gar nicht zu fahren brauchen, denn es liegt nur etwa 1 km vom Vatikan entfernt. Es nennt sich Residenza und scheint auch irgendwie mit der Kirche in Verbindung zu stehen, denn nach einem ersten Eindruck sind wohl überwiegend  Pilger hier untergebracht.
Es blieb uns zum ersten Schnuppern und zum näheren Umsehen kaum Zeit, denn wir wollten zum Treffpunkt mit Bertold und seiner Gruppe nicht zu spät kommen.

Was für ein erster Tag, gestern! Schon in der Früh, das Melonenfrühstück mit dem Blick auf Rom, dann, kaum angekommen, das Te Deum der übertausend Stimmen im Dom, das Aufsuchen des Hotels und danach ein weiterer Höhepunkt,die große Stadtbesichtigung; all das an einem einzigen Tag!

Bei der Rundfahrt strömten wieder so viele Eindrücke auf uns ein, die ständig wechselnden Ereignisse, die rasch vorbeirauschenden Prachtbilder, die sich so schnell nicht einfach verarbeiten lassen. Zudem schien bei allem unsere Aufmerksamkeit etwas gespalten, sollten wir uns nun als Gottespilger oder als Stadttourist fühlen? Denn der Reiseführer von Bertolds Gruppe hatte sich als hervorragender Romkenner erwiesen.

Ich hatte anfangs neben Bertold Platz genommen und davor saß Willi neben diesem Reiseführer der saarpfälzischen Delegation. Ein schlanker, hochgebildeter, älterer Mann, der nicht nur jeden Stein, jede Säule und jeden Brunnen der antiken und modernen Stadt kennt; der auch jeweils die passende Geschichte darüber zu erzählen weiß.

Quo vadis, hodie?
Und heute nun, da wollen wir auf eigenen Füßen, also zu Fuß uns auf die Wege begeben, die Petrus auch gegangen ist.
Inzwischen ist Willi aufgestanden. Mit verschlafener Miene erzählt er, was er soeben noch geträumt hatte.

Schwester Lilli auf Willis Vespa ääam Enneschden Ecken

Wir hätten nebenan bei der Baustelle als Arbeiter angeheuert, um uns mit dem Lohn eine Vespa zu kaufen, mit der wir dann bei der Ankunft daheim im Triumpfzug durch Brotdorf gefahren wären.

 Solcherlei Vespaträume, die euch auch noch die weiteren Tage wiederholt begleiteten, hier in Rom und auch unterwegs bei der Rückfahrt; ihr hattet sie dann doch aus mehreren Gründe aufgeben müssen.
Zu Hause aber stand dann fest, sobald das Geld dafür da wäre, müßte es für eine Vespa ausgegeben werden. Für Willi, der ja mit seinem Vater zusammen als Waldarbeiter einigermaßen gut verdiente, hatte es dann garnicht lange gedauert, bis er sich tatsächlich diesen Traum, made in Italy, erfüllte.

 

Ein starker Kaffeegeruch steigt zu uns herauf.
Nach dem ersten römischen Frühstück wollen wir gleich los!
Carpe diem!  Es wird später einmal Zeit bleiben, das schöne Erlebnis von der gestrigen Stadtrundfahrt mit den Saarpfälzer Jugendlichen noch eingehender aufzuschreiben.
Die Räder bleiben in der Hotelgarage, zu Fuß werden wir den hohen Erwartungen des neuen Tages entgegen streben.

Uns nimmt wieder der rege Verkehr einer Weltstadt auf. Im Vergleich zu Paris vielleicht etwas weniger, dafür aber quirliger und vor allem lauter, viel lauter, als er in Paris ohnehin auch war.
Und was die Menschen im Straßenbild betrifft, so fällt ein relativ hoher Anteil an dunkelhäutigen Menschen auf. Darunter sind aber weniger Zentralafrikaner, es sind wahrscheinlich vielmehr Landsleute aus Sizilien und Sardinien, vielleicht auch Eingewanderte aus Italiens ehemaligen nord- und ostafrikanischen Kolonien.
Faszinierend die jungen hübschen Römerinnen; auffällig der Gegensatz in der Kleidung der Frauen, bei den jüngeren bunt gemischt, bei den älteren fast durchgehend in schwarz.

Mit einem kurzen Blick links herüber auf Peters Platz und Dom schlendern wir an den nahe gelegenen Kolonnaden vorbei und wollen als erstes zur Engelsburg.
Das Castel Sant´Angelo erscheint in seinem imposanten Äußeren so mächtig erhaben, wehrhaft und wirkt damit wie unzerstörbar, ein Monument und Schauplatz einer tausendjährigen Geschichte, nicht nur der einer Tosca. Bereits im 2. Jahrhundert unter Hadrian als Kaisermausoleum errichtet, später festungsmäßig massiv zur Burg ausgebaut, diente sie über die Epochen hinweg den Päpsten in Kriegszeiten als Flucht- und Zufluchtsort. Sie beherbergt heute das Römische Museum. Die hehre Flügelgestalt, die über allem schwebt, ist eine Bronzestatue des Erzengels Michael.

Skizze rue

Von den Zinnen herab schauen wir über den Tiber und auf das dynamische Getriebe der an diesem sonnigen Morgen auch hier schon längst erwachten Weltstadt.
Der Tiber, Roms natürliche, träge dahin fließende Lebensader, ist hier etwas breiter als die Saar bei Merzig; wird vielleicht im Winter noch mehr Wasser haben, das dann bis an die hohe Strandmauer auf der Vatikanseite heransteigen wird.
Und dann zur rechten Hand, ebenso ganz in der Nähe und überdeutlich klar der Vatikan, voll in der Sonne die mächtige Hauptfassade und die Kuppel des Domes.

Über die uns nun schon bekannte Via della Consciliazione gelangen wir nach einer Tiberpromenade und einem knappen Imbiß zur Mittagspause wieder an die Kolonnaden, durchschreiten gemächlich den Petersplatz und die Stufen des Domes.
Gemessen an dem Gedränge zur gestrigen Messe ist das vatikanische Gelände jetzt nur mäßig mit Besuchern und Pilgern besetzt. Es bleibt uns heute überall, auch innerhalb des Domes ein relativ freier Blick.
Und unversehens befinden wir uns im Innern auf dieser recht schmal gebauten Wendeltreppe hinauf zur hochberühmten Kuppel. Wir haben die Stufen nicht gezählt; aber der erste Atem ist weg, wie von der Treppe ein Zugang zu der Aussichtsplattform hin führt.

Auf dieser Plattform sitzt nun zum Greifen nahe die prächtige Kuppel auf wie ein riesiger, aufgesetzter Hut. In solch unmittelbarer Nähe erscheint die wunderbar gegliederte Krümmung der Kuppel selbst wie ein vollkommenes Kunstwerk; direkt wie zum Anfassen so nahe dran!
Und wenn schon von Skulpturen die Rede ist, wer kann die überlebensgroßen Statuen übersehen, die oben auf dem breiten Sims der Vorderfassade aufgestellt sind. Der heilige Petrus grüßt mit den übrigen Aposteln von hier oben aus wie zum Ostersegen urbi et orbi.

Wir genießen ringsherum dann diese grandiose Aussicht; direkt zu unsern Füßen auf das erstaunlich weite Gebiet der Vatikanstadt, auf die ausgedehnten vatikanischen Gärten, und dann darüber hinaus auf das übrige Rom und die Hügel des gesamten Umfeldes.
Wieder unten, da zittern die ansonst so trainierten Beine. Dabei wollten wir anschließend noch zur Sixtinischen Kapelle, doch dazu reichte dann die Zeit erst recht nicht mehr aus.

Nun, Geduld! Für euch beide war es ja erst der Anfang. Und Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. In meiner Erinnerung steht fest, daß ihr jedenfalls vorhattet, an einem der beiden nächsten Tage die Sixtinische Kapelle, diesen einmaligen Kunsttempel, zu besuchen. Aber es war, infolge neuerer Umstände, dann doch nicht mehr dazu gekommen.
Dieses ewige Rom, um es zu fassen, braucht es eben eine Ewigkeit! Und es blieben euch ja noch viele Jahres, Versäumtes nachzuholen.in roma eterna.

 

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