3, 5 – Arrivederci Roma: Unser letzter Tag in San Pietros Stadt

soù schejn wej Rom?

mir heeden ed jo noch gää
hei, an dem schejne Rom
e besselschi länger  ausgehall
ed äas awer annerschd komm
doch schejn äas ed och iwwerall

3. August, Donnerstag: Tod in Ostia – Trauer in der Zeltstadt

San Giorgio am Morgen
Eine lähmende Situation, eine unendliche Stille, ein tiefes Schweigen, noch überall!
Auch wir beide erwachen tief traurig aus unserer ersten Nacht in der Lagerstadt; es wird – so Gottes unergründbarer Wille – auch unsere letzte sein.

Wie wir gestern gegen Abend von unserem Stadtbesuch durchs Forum Romanum zum Colosseum ins Lager zurückkommen, fällt uns eine merkwürdig gedrückte Stimmung auf; überall wo sonst helles, quirliges Leben herrschte, vielfältiges Schwatzen, frohes Johlen und Singen, da lag nunmehr überall und auf allem ein Schleier großer Traurigkeit.
Was ist geschehen?
Wir beide kamen noch in bester Stimmung vom unserer aufschlußreichen Fußwanderung durch roma antiqua zurück; hatten beim Aussteigen an der Bushaltestelle mit Sympathie beobachtet, wie viele  Menschen an diesem heißen Donnerstag vom Baden zurück nach Hause strebten und konnten nicht ahnen, was sich zudem am Strand von Ostia zugetragen hatte.

Römerinnen, vom Strand zurück, Foto r.e.

Während wir also den Nachmittag dazu nutzten, durch die Pfade und über die Plätze des antiken Roms zu wandeln, waren viele Insassen des Pfadfinderlager ebenso wie die Gruppe von Bertold mit draußen in Ostia zum Baden und zur Entspannung vom bisherigen Besichtigungsstreß.
Und dabei ist ein junger Saarländer in den Wogen der Brandung ertrunken.  Der Schrecken über sein Schicksal läßt auf einmal alle, alle sonst so heiter gestimmten jungen Menschen verstummen.
Nur ein kleines, aber durchdringendes Glöckchen in unsagbarer Stille ruft uns alle zusammen.
Tausende Mädchen und  Jungen versammeln sich stillschweigend  vor dem Gotteszelt, wo wir mit der großen Jugendgemeinde unter den hohen Pappeln die Totenmesse feiern und das Requiem singen.
Beim letzten Segen des Priesters zu den Worten ite missa est, ergreift mich so etwas wie ein wütender Gedanke:

Tod, du hier!
Du hier bei uns, den Jugendlichen?
Du hier in Rom bei Gebet und Frohsein?
Tod, du warst auf unser aller Pilgerreise nicht eingeplant,
Tod, auch Willi und ich; wir hatten dich nicht im Gepäck.
Nicht, daß ich dir noch nie begegnet sei! Allein in diesem elenden Krieg in der so dicht gedrängten Zeit von ´44 und ´45 als Meßdienender, schanzender, flüchtender Knabe:
bei den fast täglichen Totenmessen für die Gefallenen unseres Dorfes
bei den 19 Opfern im Jaboangriff auf die Kleinbahn und beim Tod des alten Volkssturmmannes, der sich gerade in dem von uns frisch aufgeschanzten Schützengraben eine Zigarette drehen wollte,
bei dem tödlichen Schuß des deutschen Wachsoldaten auf den marokkanischen Gefangenen, der sich nur ein paar Kartoffeln aus Tant´ Annas Grombernsteck buddeln wollte,
beim Verscheiden meiner krebskranken Oma in der Evakuierung, mit ihr in einem einzigen Zimmer 9 Monate zusammenwohnend…

Tod also, als ob ich dir nicht direkt ins Auge geschaut hätte; aber warum vergreifst du dich an einem solch jungen Menschen, just im Augenblick höchster Fröhlichkeit!
Ich frage mich, wo bleibt da die gerechte Hand Gottes, der seine Sonne aufgehen läßt über Gerechten und Ungerechten, der seine Hand darüber hält über Alte und Junge?…

Und plötzlich stehen da zwei Brotdorfer vor uns
Wie alle andern treten auch wir beide sehr betroffen aus den Schatten der Pappeln hinaus in die helle Sonne. Die strahlt mal wieder trotz alledem einen neuen Tag an, der wieder mit Leben gefüllt werden will.
Und  während wir auf unser Zelt zugehen wollen, hören wir plötzlich hinter uns ein lautes Rufen, eine bekannte Stimme auf unser Seffersbacher Platt.
Und dann stehen auf einmal zwei waschechte  Brotdorfer vor uns: die heitere, stets überfreundliche Kemersch Lissi aus der Grejnstadt und der tüchtige, aus unserer Meßdienerzeit so gut bekannte Leuk Martin aus der Klenker Strauß.
Lissi ist die erste, die vor Erstaunen ausruft:
– Jessesmrjajusebetta; woù  kommen dann dej zwejn Brottroffer loo dann her?

Und Martin dazu:
– Eich kann dat loo net glääwen; häschdau döö noch Wiarder, de Willi aus em Enneschden Ecken un de Rudi aus em Zollhaus, wej kemmd ihr zwejn dann wei hei hin?

Auch wir beide wollen unsern Augen nicht trauen, und im selben Augenblick fallen vier junge Menschen unverhofft einander in die Arme.

v.r.nl.: Willi, Kremersch Lissi, Leuk Martin, Rudi

Willi und ich und auch die beiden, ed Kremersch Lissi aus der Grejnstadt, de Leuk Martin aus der Klenker Stroaß, wir können alle vier nicht verstehen, wieso wir daheim bei unseren Vorbereitungen auf das Heilige Jahr nichts von den Plänen der andern wissen konnten, wo wir uns doch das Jahr über im Dorf und vor allem in der Kirsche so oft getroffen hatten.
Der Leuk Martin, der ja in Kirchensachen so etwas wie die rechte Hand unseres Paschdurs ist, er wundert sich besonders darüber, warum Pfarrer Greif nichts darüber erwähnt hatte, daß Willi und ich uns bei ihm verabschiedet und von ihm den Reisesegen und einen Sendbrief bekommen hatten.
Und Willi meint, zu Martin gewandt:
Awer Martin, mir zwejn, mir missen oas doch selwer un de Stier tuppen, woù mir oas doch bei jeder Versammlung vun der KJ jedesmoal getroaf hun!

Mitten in der Begrüßung müssen wir die Unterhaltung unterbrechen und können garnicht länger miteinander reden, denn die beiden gehören ebenfalls zu einer saarländischen Pilgergruppe und sind gerade dabei, für eine Stadtbesichtigung in einen Bus einzusteigen.
Nach einer kurzen nochmaligen Umarmung, sind wir schon wieder getrennt. Martin ruft uns beim Verlassen noch zu, daß wir uns am Abend zusammen setzen und miteinander plaudern sollten.
– Ihr seid doch haut Oowend noch hei! Dann kenne mir oas joo moa zesumme setzen und iwwer alles quatschen!

Ohne etwas zu uns zu nehmen, verlassen Willi und ich das Lager zu unserem Stadtbesuch unsererseits.
Länger verweilen wir in den Basiliken  San Giovanni im Lateran und in Sankt Paul. Wir machen noch ein paar Einkäufe, und zum Schluß ersteht Willi sich auf einem Trödlermarkt für billiges Geld eine wunderschöne alte Guitarre und meint dazu, die alte daheim tät´s nicht mehr, wenn er in der Jugendgruppe drauf spielte.

Arrivederci Roma  

Wie wir am Nachmittag ins Lager zurückkommen, ist dort alles beim Packen. Man will nicht mehr länger verweilen an dieser Stätte, die nicht nur Segen und Freude, sondern auch das Unglück und die Trauer gebracht hat. Für uns ist dadurch hier auch keine Bleibe mehr.
Als unser lieber Freund Bertold am Tag der Ankunft uns so freundlich empfangen und nach hier eingeladen hatte, da eröffnete er dazu, daß sie bis zum Sonntag im Camp San Giorgio bleiben werden; und das wären dann auch für uns noch drei weitere freie Romtage gewesen.
Nun aber heißt es auch für uns beide, in Dankbarkeit und Stille von unsern gastfreundlichen Landsleuten, von Bertold und Hans, von Max und Geraldy, von Lissi und Martin, von allen hier Abschied nehmen, noch heute diese gastfreundliche Zeltstadtgemeinschaft aufgeben und mit trauriger Stimmung und dem Gefühl der Ungewißheit wieder unsere Räder satteln.
Was also tun?
Ebenfalls wie unsere saarländischen Freunde sofort nach Hause aufbrechen und direkt die Rückfahrt antreten, das will uns nicht in den Sinn kommen. Schließlich haben wir ja noch einen Auftrag zu erfüllen, denn es bleiben ja noch die beiden Sendbriefe aus der Heimat.
Werden uns die beiden Brotdorfer Fratres in ihrer Sommerresidenz auf Castel Gandolfo aufnehmen, oder werden sie lediglich den Sendbrief dankend in Empfang nehmen und uns wieder ziehen lassen?
Wir werden sehen – also auf in die Albaner Berge, auf nach Castel Gandolfo!
Arrivederci Roma, ancor´una volta!  –  Zu früh und nur ungern werden wir dich verlassen, du schöne, verführerisch, verwirrende Stadt; nicht freiwillig und auch nicht mit heller Begeisterung.
Wir blicken kurz zurück:

Salute il Papa!, so hieß es zuerst, als wir hinter Mentone die Grenze passierten und schließlich mit etlichen Freuden und Sorgen dich, unser ersehntes Ziel, endlich erreichten.
Zur großen Freude bei der Ankunft kam auch die Überraschung, den Mitschüler Bertold unter der Menge entdeckt und sogleich Anschluß und Hilfe gefunden zu haben. So viele Pilger aus der katholischen Saarjugend, aus Deutschland, aus der ganzen Welt, sogar zwei gute Menschen von daheim!
Sie alle  sind, wie auch wir, nicht allein gekommen, um Papa zu grüßen, haben dein einmaliges weltliches Leben mit genossen, deine Straßen, deine Cafés, deine Kirchen und Paläste.
Und jetzt müssen wir wieder hindurch, erst gute 20 km quer durch, von West nach Ost. Noch innerhalb der Mauern sind´s  inzwischen bekannte Wege, dann aus der Ebene hinauf zu den Albaner Bergen ins Unbekannte.
Gott sei Dank hat sich am späten Abend der quirlige Tagesverkehr etwas beruhigt.

Roma Eterna!  – Wir werden wieder kommen!
Spätestens nach dem Ausflug auf Castello Gandolfo; vielleicht schon morgen, wenn man uns dort oben auf dem hohen Kraterrand des Albaner Sees nicht haben will.

Rom
gute zeit
reich beschert
doch
betrübt verlassen
über zu verfrühten
Tod

 

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