3, 4 – Auf Irrwegen: Via Campo San Giorgio nach Santa Maria Maggiore

Quo vadete domini
Wo wollt ihr hin,
meine Herrn!

Mittwoch, 2. August 1950  
Erwachen im Weggraben der Via Appia Antiqua 

Es ist die Sonne, die uns an diesem verlassenen Morgen früh genug weckt, um in aller Ruhe den lecken Schlauch an Willis Hinterrad zu dichten und erneut die Fahrt aufzunehmen. Dabei eilig zwei Bissen runtergedrückt, uns gegenseitig den Kopf geschüttelt über diese total verirrte Nacht
Wie konnte uns das nur passieren?
-Wej hot dat loo oas geschdern Oowend nur passiere kennen?
-Mir hun nur nöö de Schildern geguckd un net off de Koard
-Awer ma heeden doch spiere missen, dat ma äan der falsch Richdung säan.
-Wej wellsch dau äan demm Dörrichenanner vun Verkiehr noch wessen, woù dej richdisch Richdung äas!

Wir waren also gestern Abend, eiligst zum Hotel gelaufen, unsere Sachen und die Räder zu holen, hatten uns bei der Rezeption des Hauses bedankt, hatten auch Giuseppe getroffen, der uns heimlich noch etwas in die Tasche steckte mit der Bitte, doch unbedingt die Rückfahrt über Südtirol einzuschlagen; ein schöneres Land wie das seine gäbe es ja nicht auf der Welt.

Zu der Zeit als ihr das Hotel verlassen hattet, stand für euch ja noch nicht fest, welche Route ihr für den Rückweg nach Hause wählen werdet, ob über den Gotthard oder über den Brenner, ob durch das Land von Wilhelm Tell oder das von Giuseppe, dem Kellner.
Offen ist überhaupt noch, ob doch nicht wieder über Südfrankreich zurück?
Der kürzere Rückweg wäre jedenfalls der durch die Schweiz. Aber schon drei Jahre später wirst du erstmals den Brenner passieren und im Schnee die Dolomiten erleben.  Es werden manche Sommer und viele Winter folgen, in denen dir das Ursprungsland der stolzen Tiroler und ihrer Dolomiten zu einem weiteren Herzstück deiner geistigen Heimat geworden sind.

Unsere Hoteltage zu Ende und die ´Option Pettinari´  geplatzt; mußten wir also auf Bertolds Einladung zurückgreifen und zur Aufenthaltsverlängerung die Zeltstadt „Campo San Georgio“  Richtung Ostia aufsuchen.
Bertold hatte uns ja den Hinweg gut erklärt, und so sind wir dann munter drauf losgefahren, haben uns in das Wirrwar des abendlichen Stadtverkehrs gestürzt, ohne mal zwischen durch anzuhalten und auf den Stadtplan zu schauen oder jemanden nach dem Weg zu fragen.
Doch bald stürzt unsere innere Orientierung zusammen; nach etlichen unübersichtlichen Wegkreuzungen müssen wir feststellen, längst aus dem Stadtkern von Rom heraus zu sein; aber von einer Zeltstadt weit und breit nichts zu sehen.
Zu sehr auf Bertolds Worte und unsern eigenen Orientierungssinn vertraut, stehn wir nun da, ratlos, wortlos und hilflos, während es um uns schon längst begonnen hat, dunkel zu werden. Der spätabendliche Großstadtverkehr, die einen, die hinaus nach Hause streben, die andern, die hinein ins Nachtleben wollen, der Einbruch der Dämmerung und die Schlagschatten der Abendlichter auf den Straßen und  Plätzen, das alles hat uns irritiert und verloren gemacht. Und dann taucht auf einmal ein Schild auf mit der Aufschrift `Campino´. Guter Zuversicht folgen wir dem Hinweis.
Der Verkehr wird erträglicher, aber die Zeltstadt am Rande der Weltstadt erreichen wir immer noch nicht. Und wie wir uns endlich am Ziel glauben, müssen wir feststellen, daß wir nicht auf dem „Campo“ gelandet sind, sondern auf dem „Campino“, dem Flughafen von Rom. Unter dem Schein einer Laterne studieren wir dann endlich den Stadtplan und finden unsern Fehler.

Über die Via Appia Nuova geht´s wieder zurück, nunmehr in nordwestlicher Richtung, bis wir im Mondlicht über uns die Ruinen der altrömischen Wasserleitung erkennen. Dem Plan nach müssen wir jetzt auf die Via Appia Antiqua einbiegen.
Wir sind uns der Geschichtsträchtigkeit dieser schirmpinienbesetzten grobgepflasterten Straße wohl bewußt; aber es wird uns doch auf einmal unheimlich; kein einziges Auto mehr, kein Straßenlicht, sondern tiefste Dunkelheit.
Nur ganz in der Ferne können wir aus dem Dunkel der Nacht das helle Band einer erleuchteten und noch etwas belebten Straße erkennen. So steigen wir denn ab, und halb ziehen, halb tragen wir unsere bepackten Räder durch die alten Ruinenfelder des Roma antiqua, Schritt für Schritt auf die Fahrstraße zu. Doch dann: das Geschick dieser unseligen Stunden wird uns in dieser Nacht noch ein weiteres Mal unhold sein. Kaum, daß wir die Straße erreichen und endlich wieder aufsitzen wollen, hat Willis Rad einen Platten. In unserer überwältigenden Müdigkeit und Verlassenheit hätte ich dieses unendliche Rom verfluchen wollen; aber Willi, mit seinem unentwegten Wohlgemut, stimmt einfach das Lied an: „Das Wandern ist des Müllers Lust!“

Doch dann schieben also unsere Räder wieder wortlos weiter.
Und müssen wir bald einsehn, daß Bertolds Lager heute nicht mehr zu erreichen ist, denn in unbekannter Entfernung schlägt auf einmal eine Kirchturmuhr Mitternacht an. Wir geben also die weitere Suche auf und legen uns im Straßengraben zum Schlafen hin.

Endlich gefunden, Campo San Giorgio, eine Stadt aus weißen Zelten
Nur wenige Nachtstunden später, kaum, daß der Morgen graut, sind wir wieder auf. Eine Schüssel Wasser, die Panne gesucht, das Rad geflickt, und schon sind wir wieder im Sattel, wenn gleich mit leerem Magen. Endlich liegen Roms altertümliche Vororte wieder vor uns; doch die Zeltstadt finden wir erst nach vielem Hin- und Herfragen. Der Eindruck ist schon überwältigend. Das riesige Lager, Zelt an Zelt, trägt den Namen von Sankt Georg, den Baden-Powel bei der Gründung der Pfadfinderschaft als Schutzpatron, als Vorbild für ritterliches Verhalten ausgewählt hatte.
Das Jugendlager ist wirklich eine eigene Stadt!

Foto: Hans Herkes: Die Zeltstadt San Giorgio

Das Foto über dieses riesige Zeltlager verdanken wir, Hans Herkes, meinem Lebacher Schulkameraden aus der Parallelklasse.
Hans Herkes hat sich in  seinen späten Jahren an diese Romfahrt erinnert und war ebenfalls von dieser Stadt in Zelten beeindruckt:
„Mit kleinen Bussen fuhren wir in unser Quartier: eine Zeltstadt in der Nähe von St. Paul vor den Mauern. Die kleinen, wendigen Busse brachten uns an den folgenden Tagen morgens zu unserem Ziel und holten uns am Abend wieder ab. Wir staunten über die Geschicklichkeit der jungen Italiener, die auf ihren Vespas ihren Weg durch das Verkehrsgewimmel suchten, oft mit einem jungen Mädchen im Damensitz als Mitfahrerin.
Ich kann nicht abschätzen, wie viele weiße Zelte auf dem mehrere Hektar weiten Platz aufgebaut waren. Sie beherbergten Jugendgruppen aus vielen Ländern, und so hörte man über die Lautsprecher Ansagen in vielen Sprachen. Natürlich hatte ich bis dahin schon Ausländer gesehen und sprechen gehört: Franzosen, Serben, Russen, Italiener als Kriegsgefangene, dann Amerikaner und wieder Franzosen als Besatzungssoldaten, aber keine Afrikaner in weißen, Inderinnen in bunten Gewändern wie jetzt in Rom.“               Hans Herkes, Romreise im Heiligen Jahr 1950  in: www.saarland-lese.de

Und für Willi und mich, für uns beide wartet hier gleich wieder die nächste Enttäuschung.
Wie konnte es anders sein, Bertold und seine Jugendgruppe sind längst schon ausgeflogen.
Wir werden trotzdem sehr herzlich aufgenommen, können uns gründlich duschen und waschen und bekommen ein kräftiges Frühstück.
Die Räder bleiben im Lager, und per Trolibus eilen wir den Saarländern nach.
Vor Santa Maria Maggiore treffen wir sie. Wir finden Bertold Oster und Hans Herkes inmitten der Gruppe, gesellen uns zu ihnen und folgen dem vorbereiteten Programm des Reisleiters, den wir ja auch schon kennengelernt hatten.
Die große Marienbasilika ist ihrem Ursprung nach sehr alt, geht auf das 5. Jahrhundert zurück, die prächtige, monumental wirkende Vorderfassade ist jedoch etliche Jahrhunderte später entstanden.
Als flach gedeckte, dreischiffige Säulenbasilika gewinnt man im Inneren den Eindruck, in einem riesigen Saal zu sein, der hoch hinauf ragt bis zur der in sich reich gegliederten und gezierten Holzdecke. Ich muß sogleich an den sehr ähnlichen Aufbau unserer Brotdorfer Kirche denken. Wieder ein Gedanke, der unsere Maria Magdalena mit der Santa Maria von Rom verbindet. Nach der Beichte, der wir beide uns eben auch anschließen, werden die Gebete zur Ablaßgewinnung gebetet.

Es ist schon verwunderlich, wie ziemlich knapp und mit welch lapidarem Satz du in deinem Tagebuch  den Akt der „Gewinnung des Ablasses“ erwähnst! Erstaunlich zu dem, daß der von Anfang an als bedeutendes Endziel eingeplante Vollkommene Ablaß beim Gang durch die Heiligen Pforten bis hierher in deinen ganzen Aufzeichnungen noch garnicht aufgetaucht ist.
War dies doch einer der wesentlichen Gründe, weshalb du dem eindringlichen Aufruf von `Dr. Junge´ zu dieser Pilgerfahrt Anfang des Jahres in Lebach gefolgt bist und dich mit Willi zusammen unter viel Mühe und Durchsetzungskraft ein gutes halbes Jahr lang darauf vorbereitet hast!
War nunmehr, so unmittelbar vor der 3. Heiligen Pforte stehend, der `vollkommene Ablaß´ in eurem vatikanischen Streben auf einmal nicht mehr gefragt?
Und hattet ihr also in Santa Maria Maggiore nur noch aus purer Solidarität und Dankbarkeit gegenüber Bertolds Gruppe, die euch so hilfsbereit aufgenommen hat, auch diesen „Programmteil“ des Tages einfach mitgemacht?

Drei heilisch Puarten

loo stejhn se fier oas himmelweit
ma seihd se kaum vor lauter leut
wat grejhdt,
wenn dörrich dej puart loo gäähd
 e vollkommnen ablaß, dat äas net deier
wat grejhn mir zwejn,
mir säan ze zwäät
eech geffd verkürzt ed fegefeuer
un wat dejn mir grejn
wemma dörrich dej dräat loo gejhn
eech deed dann d´n himmel offe stejhn

Nach den Ablaßgebeten führt uns ein Student des Germanicums durch die Basilika, alle Einzelheiten erläuternd.
Hans Herkes war auch bei dem Besuch der Basilika zugegen und erwähnt eingehender diesen Studenten, der ihrer Gruppe auch für die weiteren Stadtbesuche zugeordnet war:
„Jeder Gruppe war für die Dauer des Aufenthaltes ein Führer zugeordnet, meistens ein junger Mann, der in Rom Theologie studierte. Unserer war ein junger Schweizer aus Graubünden, Student am Collegium Germanicum et Hungaricum, wie diese theologische Hochschule ausführlich heißt, also ein „Germaniker“, die trugen damals knallrote Kutten, man brauchte keine Sorge zu haben, dass man im Gedränge der Großstadt den Führer aus den Augen verlor.
Er begleitete uns zu den religiösen Stätten: den sieben Hauptkirchen und anderen Gotteshäusern, den Katakomben; er führte uns durch das antike Rom: an das Colosseum, das Pantheon, vom Triumphbogen des Titus über die via sacra bis zum Bogen des Septimius Severus und hinauf zum Capitol, draußen vor der Stadt ein Stück über die via appia; er stieg mit uns die Spanische Treppe hinauf zum Pincio, von wo wir das Panorama der Stadt mit der fernen Peterskuppel bewunderten; er zeigte uns die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle. Höhepunkte waren eine nächtliche Messe im Colosseum und die Papstaudienz im Petersdom.“
Hans Herkes, Romreise im Heiligen Jahr 1950  in: www.saarland-lese.de

Die nächste Station ist die große, stadtberühmte Piazza del Populo, ein riesieger, ebenfalls wie der Petersplatz kreisrund weit offener Platz, von  zwei, wie Zwillinge gleich aussehenden barocken Kirchen, großen Gebäuden und auf einer Seite dahinter von hohen grünen Bäumen umsäumt.
Genau im Zentrum ragt ein riesiger alt-ägyptischer Obelisk himmelweisend in die Höhe, der in seiner Größe dem auf der Place de la Concorde in Paris nicht nachsteht.
In einem nahen Park werden die Lunchpakete zum Picknick ausgepackt. Berthold war davon ausgegangen, daß wir noch im Laufe des Morgens zu ihnen stoßen werden und hat also auch vorsorglich zwei Pakete für uns mitgebracht.

Während der Rast im Schatten riesiger Laubbäume und etlicher, dazwischen wuchernder exotischer Gewächse hat sich der ältere Reiseleiter, den wir schon bei der ersten Stadtrundfahrt persönlich kennen lernten, eine gute Weile zu uns beiden gesellt, fand nette Worte über uns, „die mutigen Radpilger, die jedermann bewundern müßte“. Die Gruppe wird unruhig, als ihr Leiter doch noch so viel von unserm Unternehmen wissen wollte.

Nach der Siesta im schattigen Grase und inmitten einer angenehmen Gruppenatmosphäre trennen sich unsere Wege wieder: Die `Pälzer´ mit Bertold wollen den Nachmittag in Ostia beim Baden und Schwimmen verbringen. Uns dagegen, die wir auf unserer Fahrt das Meer schon reichlich genossen haben, drängt es, weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt, etwa das Forum Romanum und das Kollosseum zu besuchen.

Zu Kapitel 3,5: Arrivederci Roma: Unser letzter Tag in San Pietros Stadt

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