3, 1 – Wir grüßen ROMA

Roma AETERNA im ANNO  SANTO

Gott aller Tröstungen,
Schenke den Müttern Segen in der Erziehung ihrer Kinder,
den Waisen liebevolle Betreuung,
den Vertriebenen und Gefangenen die Heimat,
uns allen insgesamt aber Deine Gnade
als Vorbereitung und Unterpfand der ewigen Seligkeit im Himmel.
Amen

Pius XII, für das Heilige Jahr 1950

Oh lieber Gott aller Tröstungen,
sag denen daheim:
Nur noch ein Katzensprung,
und Rom empfängt uns mit offenen Armen.

w+r

Montag, 31. Juli 1950  – 
Mir heeden soù gäa noch weider gepennd….

Wenn auch die Sonne bereits hoch steht und die Luft schon zum Vibrieren bringt, so hätten wir noch gerne weiter gepennt, so fertig, so kaputt wie wir gestern Abend waren, als wir hier oben auf dieser flachen, braun gegerbten Bergkuppe keine Umdrehung mehr weiter gekommen und einfach umgefallen sind!
Gerade weht ein leichtes Lüftchen, und wir hätten bestimmt noch weiter gepennt, wenn da in dieser Einöde nicht plötzlich etwas Schrilles in unsere Ohren dringt und uns ganz jäh aufsitzen läßt. Eigenartige Töne sind da, weit in die Morgenstille hinaus dröhnend, seltsame Laute, richtige Rufe, die das schaffen, was die schon heiß gewordene Sonne bis jetzt nicht vermocht hatte.
Aus tiefem Schlaf und wie aus einer fernen Welt, von weit her, höre ich auf einmal diese italienisch singende Stimme:
-Kauft Melonen, frische Melonen!

Dann ist es wieder eine Weile still, und dann wieder:
-Kauft Melonen, frische Melonen!

Ganz oben, auf diesem einsamen Hügel, mitten in freier, unbewohnter Landschaft, wo weit und breit kein Haus und Hof, wo niemand ist außer uns beiden, da dröhnt hinter uns auf einmal diese seltsame Männerstimme, heftig wie die eines Marktschreiers und bietet seine frische Ware an.
– Wat äas dann dat loo? Hieren eich rischdisch? Un wat well dä Kerl loo vun oas?
– Eich hot zedrejschd och gemäänd, eich deed dräämen;
– Awer guck doch selwer, ed äas kään Fata morgana!

Erst glaubten wir beide zu träumen; doch es stellt sich dann heraus: Der gute Mann ist ein Bauer, in aller Frühe hier auf die Hochebene heraufgekommen, einen Handkarren voll Melonen zu ernten und auf den Markt zu bringen. Wie er uns sieht, wittert er bereits sein erstes Geschäft und ruft also munter drauf los, bis wir endlich wach geworden sind.

Kurzum, erstmals in unserm Leben besteht unser Frühstück an diesem gesegneten Montagmorgen  hauptsächlich aus frisch gepflückten goldgelben Melonen. Ein göttlich süßes Geschenk vom Himmel, freilich auch aus der Hand dieses freundlich und eifrigen Bauersmann; denn wie dieser erfährt, daß wir von so weit hier her gepilgert sind, bittet er mit einem „Salutate il Papa!“, unsere paar Lire doch stecken zu lassen.
Unser Melonenmann hat es nun eilig; die Konkurrenz wartet. Noch ein Händedruck, dann zieht er seinen Karren hinter sich den Hügel hinab. Auf der Bergkante bleibt er noch einmal stehn, dreht sich um und weist mit ausgestrecktem Arm in seine Richtung.

Lange hält es uns jetzt auch nicht mehr, wollen vorher aber wissen, wohin der Mann uns gezeigt hat. Laufen neugierig hin, einen Blick zu riskieren. Und dann die Überraschung:
Wie auf dem Traumbild eines Märchenbuches: vor uns den lang gestreckten Hang hinab, hinunter in ein weites Tal, sich ganz hindurch schlängelnd ein glitzernder Fluß, inmitten eines glänzenden Häusermeeres.
Diejenige, die wir am Ende unserer bisher längsten Etappe gestern noch mit aller Gewalt erreichen wollten, aber mit letzter Kraft vergeblich schafften: da liegt sie nun in vollem morgendlichen Sonnenlicht, ausgebreitet wie eine Diwa, so glanzvoll  ruhend vor uns: Roma Eterna!

Die Ewige Stadt in all ihrer ausgedehnten Mächtigkeit und glänzenden Pracht, voll in den frühen Strahlen einer goldenen Sonne, hinweg über die vielen rötlich  leuchtenden Dächer und Zinnen, Mauern, Wälle und Straßenläufe. Und aus dem rotsilbrigen Morgendunst der Millionenstadt ragt fast unmittelbar vor uns in vollem Glanz heraus die mächtige Kuppel des Petersdoms. Es deutet zu uns hinauf, so prächtig, als sei es das einzige, das selig machende Tor zum Himmel.

Ihr hattet es also geschafft!
Damals muß es euch beiden wie dem Volk Israel vorgekommen sein, als es nach langjährigem Umherirren in der Wüste plötzlich von Mannah und Wachteln gespeist, von der Höhe aus endlich das Gelobte Land vor sich liegen sah.
Es war ein unvergeßlicher Augenblich, ein unbeschreiblich glückliches Gefühl. In meiner Erinnerung seit ihr stumm nebeneinander gestanden und stauntet nur, und auf einmal legten sich eurer beide Arme gegenseitig auf die Schulter. Es war wie ein Gebet, daß ihr euch damit sagen wolltet:  „Ma hun ed geschaffd!“

Trotz allen Staunens, lange hält es uns hier nicht mehr.
>Allez en route<!
Wieder zurück auf die Aurelia; diese alte, oleanderumrankte, diese, meines Erachtens, älteste aller Kontinentalstraßen, sie führt bis zuletzt geraden Wegs in die Stadt hinein und endet erst vor den Mauern des Vatikans.
Um diese Zeit hat in den ersten Straßen der Stadt der geschäftige Werktagsverkehr schon längst begonnen.
Noch ein zwei Hügelkuppen, und dann steht sie zum Greifen nahe vor uns: die mächtige Kuppel des Petersdoms, immer noch im rotgrauen Morgendunst.

Wir halten inne: Es ist noch nicht eine Stunde unseres ersten Romtages vergangen, und wir stehen mitten im Zentrum der Vatikanstadt, unmittelbar vor Sankt Peter   –   Überwältigend!

Der Blick, gerade vor uns auf diesen riesig runden Platz und über ihn hinweg auf die prächtige Hauptfassade des Domes. Sind längst abgestiegen und schreiten nur mit gemächlichem Schritt vorwärts in das geöffnete Rund des Petersplatzes, in dessen Zentrum ein mächtig hoher Oblisk zum Himmel zeigt, dem auf der Place de la Concorde in Paris gleich. Unsere Räder sind an einer der mächtigen Säulen der Kolonnaden abgestellt, und wir beide, Willi und Rudi aus Brotdorf, stehn erstmals vor der Heiligen Pforte.
Wir wandeln über den riesigen, sonnenhellen Platz, die vielen breiten Stufen hinauf. Schon auf halber Höhe dringt uns aus dem Innnern von Sankt Peter der Klang einer übermächtigen Orgel und die Stimme eines tausendköpfigen Chores entgegen. Und kaum, daß wir die Schwelle des Doms erreichen, können wir es  deutlich vernehmen – uns läuft eine Gänsehaut über den Rücken – das Te Deum in unserer Muttersprache: „Großer Gott, wir loben dich!“

Mit getragenen, fast zögernden Schritten treten wir näher. Dieser übermächtige Sakralraum, so riesig er in seiner Höhe und Tiefe auch sein mag, er hat sich fast bis zu uns an der Pforte voll mit Menschen derart gefüllt, daß wir kaum bis zum Hochaltar durchblicken können, an dem von mehreren bischöflichen Geistlichen in purpurnen Gewändern eine feierliche Messe zelebriert wird. Zu dieser außergewöhnlichen Meßfeier hat sich also eine riesige Schar meist  junger Menschen versammelt, in deren hintere Reihe wir uns jetzt unwillkürlich einreihen und, von Staunen und Dankbarkeit gerührt, spontan in den Chor miteinstimmen:
„Herr, wir preisen Deine Stärke!“

Erst als wir von der Erhabenheit des Raumes so ergriffen, schon eine gute Weile da stehen, auch von dieser überwältigenden Klangsinfonie aus über tausend Kehlen, erst dann haben wir ein Auge für unsere nähere Umgebung. Das Auge gleitet vom Altar herunter über die tausend Köpfe hinweg  und bleibt, wie  göttlich geführt, unmittelbar auf der Gestalt meines Vordermannes haften.

Und wieder ist mir wie in einem guten Traum:
Vor mir steht niemand anderes als mein Klassenkamerad aus Lebach, Berthold Oster. Er ist also nicht mit Geraldys Bus hier her gekommen, sondern mit der saarländischen Katholischen Jugend im großen Pilgerzug gereist. Auch sie alle sind in dem großen Pfadfinder-Zeltlager draußen vor der Stadt in Richtung Ostia untergebracht.
Einzug der saarländischen Gruppe in St. Peter
Foto: Hans Herkes

Unter den Collonaden und auf der Straße der Versöhnung

Nach der Messe werden wir ungewollt von den hinausströmenden Massen erfaßt, die sich nun eifrig die breiten Stufen herab wie eine Lawine über den großen Petersplatz ausbreitet.

Wir beide halten beim Rausgehen oben auf der Plattform noch einmal inne, wundern uns ein wenig darüber, durch diese unerwartete Feier und Dynamik kaum etwas von der Größe Sankt Peters mitbekommen zu haben.

Und so genießen wir nunmehr, als die Erschütterung der Seele, das erste Erstaunen über diese Erhabenheit dieses göttlichen Bauwerkes und die durch übertausend Stimmen erzeugte  Gänsehaut über den Rücken abgeklungen ist, genießen wir also den grandiosen Blick, jetzt vom Dom aus gesehen, über die sich ausströmend verbreitende Menge und die Spitze des Obelisk hinweg auf das portalartig breit geöffnete Oval des Platzes, an dessen offenem Ende diese lange Straße hinausführt, von der wir erst vor Kurzem hier her gekommen sind.

Bertold ist mit uns. Erst hier können wir uns richtig begrüßen; dabei stelle ich ihm meinen Radgefährten Willi Wagner vor. Der „Oster“ (so rufen wir Bertold in Lebach) reicht uns aus seinem Brotbeutel eine ganze Trockenwurst und für jeden noch ein belegtes Brötchen. Sie bekämen im Lager überreichlich zu essen und auch noch für den Tag ein sogenanntes extra Lunchpaket mit. Und während wir in unsere geschenkten panini hineinbeißen, steht plötzlich noch ein Lebacher vor mir. Denn, du lieber Gott, auch Hans Herkes aus der Parallelklasse ist mit von der Partie.

Foto: r.e.

Willi wartet vor dem zentralen Pilgerbüro

Nur ganz flüchtig kann ich, wenn nur ganz kurz, auch wieder Dozentin Geraldy begrüßen,  sie lädt uns ein, doch zur Zeltstadt zu kommen, wo wir in aller Ruhe miteinander reden könnten.
Inzwischen haben sich auch weitere Freunde aus dem Lager zu uns gesellt. Sie laden uns ein, uns ihnen für den Nachmittag zu einer Stadtbesichtigung anzuschließen.
Gesagt getan.
Bertold nennt uns Ort und Zeit für den Treffpunkt am Nachmittag, und wir gehen zu unsern Rädern und wenden uns dem Zentralen Pilgerbüro zu.
Bis dorthin sind nur ein paar Schritte, gerade vorne rechts in der Straße, auf der wir gekommen waren und von dort aus den Dom erstmals von vorne erblickten.
Willi hat gut getan, draußen zu warten, denn darinnen erfordert es Geduld und noch mal Geduld! Ähnlich wie in der Herberge von Pisa herrschen auch hier Hektik, Gewimmel, überfordertes Personal, wiederholte Fragen. Letztlich aber haben unsere beiden Sendbriefe doch wie erwartet eingeschlagen!
Man verschafft uns dank der Vorsorge von Pfarrer Johannes Greif, Brotdorf und unserem lieben Abbé vom Hohen Berge, Monsignore Giovanni Pizoccolo, schriftlich auf einem Wisch mit vatikanischem Wasserzeichen für die ersten beiden Nächte eine Hotelunterkunft, ganz unentgeltlich und, wie die Dame auf südländischem Deutsch versicherte, „mit allerbester Verpflegung“.

Beim Verlassen des Pilgerzentrums, noch ein Blick auf das Straßenschild an der Ecke.
Wir sind hier in der die Via de la conciliazione, also auf der Straße der Versöhnung.
Treffender kann diese Achse zwischen Vatikan-Staat und Rom-Stadt, aber symbolisch auch zwischen dem Herrgott und uns garnicht genannt sein. Wir sind überglücklich und zufrieden, können nichts anderes denken, als daß der Herr die ganze Zeit der Fahrt mit uns gewesen ist und nun auch hier, in der Stadt  seiner Kirche.

Selig sind, die es da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
– Selig, die ihr da ohne Unterkunft seid, denn es wird euch ein Dach über dem Kopf bescheret!

Mich drängt es, diese Fülle unerwarteter Eindrücke, all die Schönheiten dieser Stadt, das überwältigende Bauwerk des Petersdomes hier, alles auch für die daheim festzuhalten; aber dafür fehlen mir die Worte.
Mögen auch so viele Dichter und Sänger diesen Erdenfleck noch so treffend und ergreifend besungen haben, ich kann mit Willi zusammen nur sehen, hören, riechen, fühlen und staunen.

Wir sind dann später am Tag noch mal zum Dom gegangen, eben allein, in aller Stille. Vorher war´s nur der überwältigende Anblick, das tausenstimmige Te Deum, die freudige Begegnung mit dem Freund und  dessen Freunden; da blieb keine Weile, keine Andacht, die Schönheit des Bauwerkes zum Ruhme Gottes in der Stille zu bewundern.

Im Hotel beim Abendessen, übrigens sehr gut, sehr gewürzt, doch wir haben nach der guten Verpflegung aus Bertolds Proviantsäcken mehr Durst als Hunger. Es stehen für jeden eine kleine Karaffe mit etwas ein Viertel Rotwein, zwar Gläser, aber kein Wasser auf dem Tisch.
Wir fragen nach einem Glas Wasser, und man bringt uns eine ganze Flasche Mineralwasser, die wir extra bezahlen müßten. Denn der Kellner, ein junger Mann, nicht viel älter als wir, wortkarg, legt einen kleinen Rechnungszettel daneben. Willi schaut drauf und meint dazu, noch nie habe er für Wasser Geld bezahlt:
-Eich hun mei Lewen noch nie Geld fier e Waaser ausgäan!
-Dau woarschd joo och noch nie äan ´nem Hotel.
-Un dööbei hot ed doch äam Pilgebüro gehääschd, alles wär emsonschd!

Ein weiterer Kellner vom Nebentisch hat unser Gespräch mitbekommen und fragt auf deutsch, was das Problem sei. Es stellt sich heraus, daß es zwei Sorten von Gästen im Hause gebe, die Pilger, die alles frei hätten, und die Sommergäste, die zusätzliches zahlen müßten.
Unser Mann schickt den jungen Kollegen, für uns eine große Karaffe Wasser und zwei zusätzliche Gläser holen, entschuldigt sich, der andere sei ein Student, ein Aushilfskellner, weil zu anno santo das Haus bis unters Dach voll sei. Er selber ist ein Südtiroler, nennt sich hier Giuseppe und ist aus einem Dorf in der Gegend von Brixen. Wir merken, daß der Südtiroler sich gefreut hat, ein paar Worte mit deutschen Gästen sprechen zu können.

Wir erinnern uns, Südtirol gehört ja neuerdings zu Italien, und hier bei uns ist alles wieder gut!

Zu Kapitel 3,2 – Mit Petrus wandeln wir zu Fuß durch seine Stadt

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