6.1 – „Kommt all gucken, de Romfoahrer säan nommoa döö!“

Brotdorf,  am Donnerstag, dem 17. August 1950
Die erste Nacht in meinem eigenen Bett! Drunten höre ich Gekläbber mit Tellerchen und Tassen; Mutter macht schon das Frühstück. Ich aber genieße eine Weile noch die Stille in den weichen Federn und überdenke den gestrigen Abend.

Gestern Abend bei Ankunft an der Germania:

…Heini Mertes hat uns als erster erkannt und begrüßt. Es kommen mehrere; viele, die uns umarmen oder die Hand drücken. Germanias Katchen kommt auch raus , geht auf uns zu und drückt jedem einen Handkrug Saarfürst in die Hand.
Wie oft haben wir unterwegs nach diesem heimatlichen Gesöff gelechzt!
Dann aber steigen wir wieder auf, sind sehr stolz, aber auch recht müde; wollen das Bad in der Menge nicht mehr länger aushalten, drängen nach Hause. Doch dann hebt ein Sprechchor an, der uns drängt, eine Ehrenrunde durchs Dorf zu drehen.

Ein Empfang, wie wir ihn  nicht erwartet hatten!

Mir also newenenanner iwwer de Brecker Baach, um Kaiserhof hejsch, un der Linn vorbei de ganz Weiß Märk roff, döörch de Bloomestroaß, hännen un der Nau Schoùl un em Kärrfisch vorbei, ronner bes zoù der Grejnstatt, un dann nommoa zereck.
Bei Stäämätz hott ma oas Ukonfd schu mäatgrejd. De ganz Kunschafd vum Hirschen äas raus komm un wenkd vun der Trapp aus. Ennen beim Kaiserhof och nommoa Kunschafd; mir missen vun de Reedern ronner, jeden e Bejer  – ex!

In diesem Augenblick des herzlichen Empfangs durch ein ganzes Dorf kommt uns erst in den Sinn, was wir geleistet haben:
Brotdorf – Rom – zurück, und das mit dem Fahrrad.!

Hatte doch noch vor 100 Jahren ein Brotdorfer zuvor sein Testament machen müssen, wenn er zu Fuß oder mit der Kutsche nach Trier wollte.
Jetzt also sind wir wieder zurück; gesund zurück!
Da stehn wir nun, umarmen uns beide ein letztes Mal.

Willi dreht in dem Enneschen Ecken ab und ich eile, nicht mehr an der Germania vorbei, sondern über den Maschinneschopp und die Siedlung nach Haus.

Provinzialstraße, die letzten 300 Meter.

Iwwer off der Stroaß, auch hier sind alle Fenster der Häuser geöffnet und von Neugierigen besetzt, Kinder laufen mir hinterher. Willi wird es bis zum Enneschden Ecken ebenso gegangen sein.

Schon von weitem erkennbar, vor dem Zollhaus, da steht eine, der ich mit unserer Rückkehr die allergrößte Freude bereite, da steht Mutter! Und da ist noch einer, der es nicht erwarten kann, bis ich ganz nah bin, kommt mir mit wackelndem Schwanz entgegen gelaufen: Tasso.

Die glücklichste Mutter der Erde will mich nicht mehr los lassen, läßt ihrer Freude freien Lauf.
Vater steht etwas zurück, auf der Stufe vor der Haustür, auch mit feuchten Augen.
Und dann bricht es bei ihr erneut aus, als ich ihr die Kette wieder um den Hals legte.
Vorbei ist für sie alles Bangen und Hoffen:
De Jong äas gesond nommoa dahaam!

Es ist dann im Zollhaus mit meinen Lieben doch noch spät geworden, viel später als die meisten Tage davor.
Noch im Schlafanzug, lehne am Dachlukenfenster meiner Mansarde, schaue hinunter: gleich vorne der Acker von den Gaspers, dahinter der Bahndamm, dann  die Seffersbachwiesen, der Eisbach und drüben die Häuser der Hausbacherstraße. Alles noch so wie vorher; nur das Gaspernstück ist jetzt ein Stoppelfeld.

„Alles noch wie vorher?“ – Erst jetzt, in diesem Augenblick, kommt mir in den Sinn, was geschehen ist, was wir hinter uns gelassen, was wir geleistet haben: „Einmal Brotdorf – Rom und zurück –  und das mit dem Fahrrad!“

Mutters bekannter Kaffee duftet mir entgegen:
Also nunmehr, wieder daheim; gemeinsam am Frühstückstisch.
Vater ist auch da, hat sich extra bei V&B frei genommen.

Zu Kapitel: 6,2 – Nachklang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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