4,4 -Wir nehmen Abschied und starten die Rückfahrt

Ic dir nach sihe Ic dir nach sendi
mit min funf fingirin
funfui undi funfzic engili
Got dich gisundi heim dich gisendi
offin si dir diz sigi-doR
sami si dir diz selgi-doR
(Weingartner Reisesegen, 12. Jh.)

 Montag am 7. August:  Albano – Roma – Montalto 

Addio Montecucco!
Es ist, als wollten sie uns nicht mehr los, nicht mehr ziehen lassen. Schon gleich nach der Messe, in der wir ein letztes Mal dienten, wollten wir starten. Indes, ein solch schneller Abschied, der geht nicht in Italien, erst recht nicht bei den Mönchen von Montecucco. Mit leisem Schulterdruck werden wir in den Speisesaal geleitet, und, siehe da, hier waren sie allesamt versammelt, noch mit uns ein letztes Frühstück zu teilen.
Unser westfälischer Koch heißt uns die Satteltaschen von den Rädern holen. Er verschwindet damit zwischendurch in die Vorratskammern und wird sie dort mit bestem Proviant bis oben füllen, von dem wir noch tagelang zehren werden.

Erst jetzt verspüren wir, wie wir in diesen kurzen Tagen nicht nur von unsern Landleuten, sondern von jedem unterm Dach so lieb gewonnen wurden.
So kommen wir erst gegen Mittag von unsern guten Gastgebern und ihrem Ferienparadies los.
Auf der Treppe stehen die meisten der Hausbewohner und winken mit weißen Tüchern; auf der untersten Stufe mit beiden Armen Giovanni, unser kleiner Sizilianer.

Ic dir nach sihe Ic dir nach sendi

Pater Johannes und Pater Peter  stecken uns zwei Briefe zu für die Lieben daheim und erteilen uns den Reisesegen.
Dann gehen sie neben uns her, begleiten uns wieder den ganzen Weg entlang bis zum Pförtnerhaus. Und am Tor da stellen sie immer noch neue Fragen, wollen immer noch etwas wissen. Dabei hatten wir während dieser glücklichen Tage mit ihnen doch wohl so viele Stunden miteinander verbracht, so viel über uns, über Brotdorf, die Welt und den Himmel mit ihnen geredet.
Ein letztes Foto, ein letztes Winken und ein Salve amici hinterher, bis wir um eine scharfe Kurve biegen und sie uns hinter der Bergkante nicht mehr sehn.

Welch eine Gnade, diese Tage von Castello Gandolfo!

Was im Original des Tagebuchs von 1950 an dieser Stelle noch nicht vermerkt ist, auch nicht vermerkt werden konnte; es waren auch von Willi während der ganzen Zeit von Castel Gandolfo etliche Fotos gemacht worden, auch mit den beiden Brotdorfer Patres Piedro und Giovanni zusammen. Doch diese Fotos sind, ebenso wie noch weitere Fotos der Pilgerfahrt, während der Rückfahrt bei einem später noch zu schildernden Ereignis verloren gegangen.

Willi und Rudi treten die Rückfahrt an

Einfahrt in Rom, ein zweites, ein letztes Mal
Bei der Abfahrt die Westhänge der Albaner Berge hinunter laufen unsere gut ausgeruhten Räder noch von allein. Zum bekannten Weinort Frascati ist´s nicht viel weiter wie von Brotdorf nach Merzig Die Tore Roms sind rasend schnell erreicht.
Hier unten in der Ebene, ohne den schnellen Fahrtwind, zwischen den Häuserfronten der Vorstädte und gerade jetzt beim Sonnenhöchststand wird es schon wieder brennend heiß, vor allem hier im strahlendden Häusermeer der Stadt; aber wir müssen quer durch, von Südost nach Nordwest, kommen am Gelände der Kinostadt Cinecittà vorbei und stoßen im Zentrum direkt auf Roma Antiqua.
Noch ein letztes Mal halten wir am Colosseum. Und aller Hitze zum Trotz besuchen wir ein letztes Mal das Forum Romanum, machen einige Aufnahmen, was bei unserm ersten Besuch zu kurz gekommen ist.

In gewisser Weise bezeichnend für eure ganze Reise erscheint dieses letzte Foto:
Hier haltet ihr noch einmal an, auf wahrlich historischem Boden, zwischen Konstantinbogen und Kolosseum; beides mächtig in Stein gehauene Zeugnisse grandioser und grausamer Triumpfe frührömisher Welt- und Kirchenmacht. Im Hintergrund die gigantische Schauspielstätte, in der Nero zum Vergnügen des Pöbels bei Brot und Spielen die Leiber der frühen Christen ausbluten und brennen ließ; davor der Triumpfbogen Kaiser Konstantins, jenes Machtbesessenen, den die einen als „Heiligen“ verehren, als den Schöpfer der Katholischen Staatskirche, und den die andern als den brutalen „Totengräber des freien Christentums“ bezeichnen.

Weiter geht´s, quer durch; unterhalb der Engelsburg überfahren wir den Tiber, noch ein letzter, flüchtiger Blick durch die Kollonaden auf  San Piedro, wo sich für uns ein bedeutender Kreis schließt, der noch einmal zum Anhalten zwingt.

Arrivederci Roma, ancora una volta,  una prossima volta.
Noch ein letztes Mal  Aufwiedersehn du ewiges Rom! Du hast uns freundlich und mit offenen Armen aufgenommen; wirst uns wohl kaum in deiner großen Geschichte vermerken. Aber auch wir waren da; waren es, nicht nur als Pilger, nicht nur als Touristen und Abenteurer; wir sind da gewesen mit vielen Menschen zusammen, alle auch als Botschafter einer neuen, grenzüberschreitenden Freundschaft.
Mehr als wir zu ahnen glaubten, haben wir in der kurzen Zeit viel gesehen, auch viel erfahren, viel bewundert und hatten, was letztlich zählt, überraschend gute Begegnungen gehabt, viele freundliche Kontakte mit Italienern, Franzosen, Engländern, Südtirolern, Saarländern und sogar Brotdorfern.
Dann aber steigen wir endlich auf und gleich hinter der Vatikanstadt empfängt uns wieder die altvertraute Via Aurelia.

Noch bevor der große Nachmittags- und Feierabendverkehr einsetzt, sind wir wieder auf freiem Gelände. Die ersten Kilometer laufen ziemlich stumm ab; noch in den letzten Straßen von Rom fragen wir uns lediglich, ob wir auf dem rechten Weg in der richtigen Richtung sind, ob wir schon nach Hause müssen!
Doch, doch, Roma eterna, wir waren da, wir sind tatsächlich da gewesen!
Haben viel gesehen; viel erlebt, wenn auch, rückblickend, alles viel zu kurz!
Wir hatten zwar ständig an die daheim gedacht, auch für sie gebetet, uns um sie gesorgt; aber die überwiegenden Gedanken kreisten viel mehr um das Hier und das Jetzt.
Nun, da wir Rom verlassen, setzt ungewollt ein neues Gefühl ein. Wird wohl doch kein Heimweh  sein, ist aber eine gelassene, schwer erklärbare Stimmung.
Da war ja nicht nur Rom; da war ja auch Castel Gandolfo!

Doch, was unsere lang geplante Absicht, unsere Fahrt insgesamt betrifft, so war Gandolfo ein nicht geplanter, aber umso grandioser Ausflug, eine Art entr´acte, eine Zwischenzeit der Erholung von der Hinfahrt und den heißen Tagen in Rom, eine Zwischenzeit der Ruhe und Besinnung, auch vor den zu erwartenden Strapazen der Rückfahrt. Und daher hat erst beim Verlassen der Westtore von Rom die eigentliche Rückreise begonnen.

Addio Campagna Romana, die Heimat ruft!
Wieder auf Meereshöhe, ein kleiner Wind von West; die Luft wirkt frischer, sogar etwas kühler.
Guter Dinge, wenngleich ohne Worte, durchfahren wir diese bereits bekannte Teilstrecke der Campagna Romana. Die Gegend, vor Tagen in umgekehrter Richtung durchfahren, erst flach, dann wellig, zwischen Meeresebene und hügeligem Rauf und Runter, fast wie auf dem Lothringischen Stufenland.
Wie es dann einen größeren Hang hinunter geht auf den Ort Castel di Guido zu, da erinnern wir uns an diese Rampe, die wir auf unserer letzten Hin-Etappe gerade noch mit letzter Kraft geschafft hatten, oben liegen blieben, Rom leider erst am andern Tag erreichbar; aber in hoher Zufriedenheit, das einzige Ziel erreicht und vor Augen zu haben.

War es wirklich das einzige Ziel?  Ein fernöstlicher Spruch besagt, der Weg sei das Ziel!
Das Ziel, auch als Weg, in unserm Fall war  beides zusammen und beides erreicht. Und nun; fahren wir denn jetzt ohne Ziel, da auch der Weg schon geschafft?
An Willis eifrigem Pedaletreten spüre ich, was nun unser letztes Ziel sein wird, gesund und unversehrt wieder nach Hause zu kommen!

Die Saarbrücker würden sagen: „Nix wie hemm!“. Aber auch der Weg dort hin, sollte uns weiter in Spannung halten!
Am Ende eines kleinen Weilers halten wir an, ein schattiges Plätzchen mit einem dieser wunderschönen Ziehbrunnen, denen wir des öfteren schon begegnet sind…
Unsere Räder sind am Stamm der Pinie angelehnt; wir gehen zur Notdurft etwas abseits und wieder zum Brunnen zurück, halten den Kopf unter das frische Wasser; aus Montecuccos Proviant wird ein Stück vom Albaner Brot und der Westfälischen Wurst gegessen, die Räder kurz noch mal überprüft, und gleich geht´s wieder weiter. An Willis Fahrweise merke ich wiederum; er will auch zügig Strecke machen durch diese etwas weniger interessante Gegend. Es wäre schön, es noch bis Montalto zu schaffen, zu unserm lieben Gastgeber, der sicherlich ein gutes Nachtessen für uns bereit hätte.
Und wir schaffen es; doch es wird später Abend, als wir den letzten Stich hinauf zu unserm geliebten Monsignore erreichen. Und was uns dort erwartet, ist ein völlig verändertes Bild! Die gute Seele von Abbé hat für heute nicht weniger als 18 Hungernde zu sich aufgenommen und ihnen alles gegeben, was ihm im Hause geblieben war. Aber wir sind wieder herzlich willkommen und gliedern uns gerne ein in jenes rege Treiben, das im ganzen Hause herrscht, fast wie in der Herberge von Pisa.
Dennoch, bei all seiner emsigen Geschäftigkeit, uns beide erkennt Monsignore sofort wieder und widmet sich uns mit derselben Herzlichkeit, so väterlich und fürstlich wie auf der Hinfahrt. Seine Vorräte in der Küche sind zwar erschöpft; aber einen Platz zum Übernachten findet er allemal für uns.

 

 

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