4,3 – Zu Fuß zur Sommerresidenz des Papstes

Freude! 

Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.
Fr. Schiller

 Montecucco, Sonntag, der 6. August 1950
Es ist Sonntagmorgen, domenica mattina, unser, auf Wunsch der lieben Gastgeber verlängerter, dritter Tag von Montecucco, den vier Brotdorfer versprochen haben, gemeinsam zu feiern!  Droben lacht schon wieder die Sonne wie immer hell am wolkenlosen Himmel. Mir aber stand noch nicht der Sinn danach, mich auf diesen unsern letzten Feiertag unentwegt zu freuen.
War es schon wieder spät geworden, und war es schon schwer genug, in den Schlaf zu finden, so mußte ich mitten in der Nacht, von wilden Träumen geplagt und von lauter Magenkrämpfen gepeinigt, das Bett verlassen.

Ich brauche frische Luft in der Schwüle dieser Nacht; vielleicht hilft´s, mich abkühlen am See.
Ich achte drauf, daß Willi nicht wach wird, passe beim Verlassen der Villa auf, niemand zu stören. Finde mich zuerst in den Gärten der Terrassen und zuletzt sogar unten am See.
Die Magenkrämpfe, die sich schon an gestern Abend ankündigten, hatten mich gelegentlich auch im Lebacher Internat arg geplagt. Dann war ich vor dem Schlafenlegen noch mal kurz draußen gewesen, um den Sportplatz herum gelaufen und bin dann eigentlich gleich darauf eingeschlafen.

Zunächst halte ich auf der obersten Terrasse neben dem Schwimmbecken etwas an, atme tief die Luft ein und schaue in die nächtlich fantastische Landschaft.
Von hier oben auf der Kante des Vulkankraters hat man einen guten Überblick über den Lago Albano. Der Oberflächenform nach erkennt man noch gut seinen vulkanischen Ursprung; er ist zwar nicht so kreisrund wie manches der  Eifelmaare, eher  doch nur leicht oval im Umkreis, bei einem geschätzten Durchmesser von guten zwei Kilometern.

Von meinen Schmerzen abgesehen, das Hinabsteigen so mitten in der Nacht bietet im Schein des schummrigen Mondlichts eine eigenartige Impression. In den dadurch entstandenen tiefen Schlagschatten präsentiert sich der See noch viel majestätischer als im hellen Sonnenschein. Umso deutlicher heben sich die Umrisse des Uferrandes von den umgebenden Kraterhängen ab. Und noch eine Entdeckung: Im Schein unseres solitären Satelliten leuchten die hellen, weißen Wände der untersten Häuser des Ortes Albano und fallen jetzt wesentlich stärker auf, als am Tage.

Hier unten habe ich die Füße im Wasser und den Rücken an unsern Felsen gelehnt. Der Atem wird ruhiger, der Schmerz schwächer, sogar etwas wohliger ums Herz. Wünschte mir sogar die schöne Giulia herbei, denn mitten in dieser paradiesischen Einsamkeit befällt mich ein derart seliges Gefühl, wie es Schiller wohl empfunden haben mag, als ihm „seid umschlungen Millionen“ von den Lippen kam…

Wieder oben in der Villa wollte ich erst garnicht auf Willis Nachfrage reagieren, wo ich denn gewesen sei. Und als ich ihm schließlich die Ursache meines Wegschleichens nannte, meinte er nur prosaisch.
– Westfälisch Gurkesaload un sizilianische Ruudwein, dej hun hald zesummen äan ´nem soarlännischen Möen soù ärrisch Verständigungsschwierigkeiten, dej nur schwer verdaulich säan.

In der Frühmesse fällt mir während dem pater noster mein Traum von der Nacht wieder ein. Mir träumte von der Heimat, von den Eltern und von der Schule. Zwischen die Szenen des Traumes mischen sich die bunten Bilder der hiesigen Gegend und der freundschaftlichen Atmosphäre, des himmlischen Friedens auf Montecucco. Dazu gesellt sich wieder die gestern mit Willi erörterte Wunschvorstellung, für immer hier bleiben zu können. Doch als am Ende der Messe der Geistliche sich uns zuwendete und das Ite missa est spricht, also: Geht hin; es ist eure Sendung!, da stand doch endgültig fest:
Morgen früh werden wir weg sein; doch wenn daheim es mal so weit kommen könnte, daß dort nichts mehr geht im Leben; hier hätten wir eine willkommene Zufluchtsstätte.

In den späten Vormittag hinein dringen vom See her bekannte Schlagermelodien herauf, mehrere gleichzeitig und überlagern einander. Wir bekommen gesagt, die Strandcafés, zu Castel Gandolfo zu gelegen, tun dies an den Sonntagen, um Ausflügler damit anzulocken. Diese akustische Intervention fällt sofort auf, denn über der Woche ist außer den Klängen der Natur hier oben nichts zu hören.
Auch bei uns kommt festliche Stimmung auf. Mit unsern  beiden Brotdorfer Patres, die uns diesen Sonntag ja  geschenkt haben, unternehmen wir einen ausgedehnten Spaziergang hinüber zur Sommerresidenz des Papstes und zum Städtchen Castello. Der Weg dorthin führt von Montecucco aus auf ziemlich gleicher Höhe in südliche Richtung.
Wie wir uns am Anfang des Ortes einem Kloster nähern, dringt aus dem offenstehenden Portal die einzigartige Stimme eines vielköpfigen, aber eben nur einstimmig singenden Männerchors entgegen. Wir treten ein und besuchen die Vesper, die gerade  zugange ist. Der Gregorianische Choral wird in einer solchen Reinheit vorgetragen, wie ich – selbst Mitglied unseres Lebacher, im Saarland wohlbekannten Seminarchores – ihn noch bisher nirgends vernommen habe.

Im Ganzen ist Gandolfo nicht größer als etwa unser Losheim, fällt aber, außer durch die Papstresidenz, besonders auf durch eine große Piazza im Zentrum mit stattlichen, meist alt ehrwürdigen Häusern, vielfach auch Palazzi genannt.
Wir gelangen zu den Vatikanischen Gärten, spazieren an den schönen Anlagen entlang, wo eine starke polizeiliche Bewachung auffällt. Ja klar, diese Gartenmauer ist zugleich auch die Staatsgrenze, die bewacht werden muß.

Die Sommerresidenz des Papstes besteht aus drei einzelnen Villen. Sie besitzt sogar eine eigene Sternwarte. Doch, gemessen an dem Vatikankomplex in Rom macht sich dieser hier deutlich kompakter und bescheidener aus, was auch für die Vorderfassade des Hauptbaues zutrifft.
Nach kurzer Zwischenstrecke gelangen wir, ebenfalls auf gleicher Kraterhöhe, hinüber zum Nachbarstädtchen Albano, etwa von der Größe Merzigs. An dem hier nicht so steilen Abhang dehnt es sich vom oberen Stadtkern aus in Terrassen angeordnet mit etlichen stattlichen Gebäuden bis zum See hinunter.
Von Albano Laziale, wie die Stadt mit ganzem Namen heißt, wäre ebenfalls viel Sehenswertes zu berichten. Es gibt eine alt-römische Porta, nicht ganz so mächtig wie die Porta Nigra in Trier, aber in ähnlicher Bauweise und bestimmt gleichen Alters. Die Stadtverwaltung hat ihren Sitz in einem stolzen Palazzo und die stattliche Kirche San Pancrazio mit barocker Fassade wird hier Kathedrale genannt und ist sogar Bischofssitz.
Wir aber wenden uns einer  Überraschung zu, die von unsern Padres bis jetzt zurückgehalten wurde. Schon aus der Ferne werden wir sogleich an den Abend in Marseille erinnert, denn wir erleben ein typisch italienisches Volksfest, hier zu Ehren der Jungfrau Maria.

Die Kirche ist überaus festlich geschmückt und geziert mit unzählichen Lichtern. In allen Straßen sind riesige Emporen errichtet für Gesangschöre, Musikgruppen und Zuschauer. Auf den größeren Plätzen herrscht turbulent kirmesartiger Rummel, auf dem sich nicht nur die Kinder vergnügen. Raketen sausen am hellichten Tag in die Luft – alles zu Ehren von „la Santa Maria di Albano„.

Es mag nicht zufällig passiert sein, daß wir uns auf der Rückwanderung nur noch ganz kurz über das erlebte Tagesgeschehen, aber danach fast ausschließlich über Brotdorf und die Brotdorfer unterhalten, über das hoffnungsvolle Aufraffen nach dem Kriege, über ihr Zusammenleben in den Familien, in der Pfarrei, in den Vereinen, bei den Festen und Feiern.
Nach dem Abendessen gehen wir gleich zu Bett, um morgen früh für die Heimreise ausgeruht zu sein.

versus europa ? Skulptur R. Engel

Während ihr beide Gipfelstürmer euch in der Villa Montecucco sorgenfrei als Feriengäste vergnügt und wie Gutbürger frühzeitig zur Ruhe begebt, hat sich die Welt draußen weiter gedreht. Und während ihr gestern noch ernsthaft überlegt habt, euch so jung noch in dieser Idylle hier zur Ruhe zu setzen, geht das Weltgeschehen unentwegt weiter. Zwischen Nord- und Südkorea hat es an diesem Tage wieder zahlreiche Tote gegeben, auch unter Zivilisten, auch unter den Kindern.
Wohl kaum ist damals von Radio Vaticano,  der Sender, der unten in der cucina von Montecucco ständig eingeschaltet lief, folgende Tagesnachricht des  6. August 1950 gebracht worden, die euch mit Sicherheit auch interessiert hätte.
„Im Tagesverlauf des 6. August demonstrieren 300 Studenten aus neun verschiedenen Staaten Europas am deutsch-französischen Grenzübergang bei St. Germanshof in der Südwestpfalz für ein friedliches und geeintes Europa.“ – Punktum!
Aber diese Studentendemonstration verlief keineswegs so knapp und so friedlich ab, wie es die Kurznotiz in den Sendern und Zeitungen den Anschein hatte.
Einer der dort demonstrierenden deutschen Studenten, Mathias Heister hat die Ereignisse in einem Buch unter folgendem Titel festgehalten:
„Der Studentensturm auf die Grenzen 1950 – Für ein föderales Europa: Fakten – Probleme – Hintergründe – Konsequenzen“ (Kindle Edition 2015)
Demnach sind es zwei Eisenbahnzüge, die hier zusammentreffen. Dabei gelingt es den darin befindlichen Studenten durch das Vortäuschen einer Kreislaufschwäche bei drei studentischen Zuginsassen, die Zöllner abzulenken, während die andern Studenten die Grenzstation erstürmen, die Schranken demolieren, zersägen und in Brand stecken.

Von diesem 6. August 1950 an werden noch einige Jahrzehnte zähen Verhandelns vergehen, bis die  übereiligen Ambitionen der stürmischen Studenten  für ein grenzenloses Europa über die Schengener Abkommen ansatzweise erreicht werden.
Indes, durch die gegenwärtigen Entwicklungen scheinen die Errungenschaften der Römischen Verträge, des Vertrags von Maastricht und die Abkommen von Schengen und mit ihnen der weitere Weg Europas wieder grundsätzlich in Frage gestellt.

Duldet mutig, Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.
Fr. Schiller

Zu Kapitel 4,4: Wir nehmen Abschied und starten die Rückfahrt

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