4,2 – Ungetrübtes Ferienglück, für wie lange?

Et introibo ad altare Dei:
ad Deum, qui laetificat juventutem meam.

Castel Gandolfo, Samstag, der 5. August 1950

Unser zweiter Tag hier im Garten Eden soll noch einmal voll genossen werden; denn morgen in der Früh wird dieses unerwartete Idyll schon zu Ende sein? Obwohl wir das sichere Gefühl haben, hier noch weiter herzlich willkommen zu sein, wollen wir diese großzügige Gastfreundschaft nicht zu sehr in Anspruch nehmen.
Der Tag beginnt wieder mit der Messe und dem anschließenden fröhlichen Frühstück.
Als wir gestern im Gespräch andeuteten, eifrige Meßdiener gewesen zu sein, hatte man uns sogleich bedrängt, doch heute Morgen die Messe zu dienen. Wie gerade erst auswendig gelernt, kommen uns beim Stufengebet die lateinischen Worte fließend von den Lippen:

Et introibo ad altare Dei:
Ich trete zum Altare Gottes:
ad Deum, qui laetificat juventutem meam.
zu Gott, der meine Jugend erfreut!

Alle Fratres, in der Messe noch so andächtig und konzentriert, hier beim Frühstück zeigen sie sich mit innerer Gelöstheit und begegnen einander mit humorvoller Heiterkeit. Einige kennen wir schon besonders gut; auch dabei: Pater Willibald, der Bildhauer ist. Der meint, mit unserem so überzeugend sicheren Auftreten beim  Messedienen hätten wir nun eine doppelte Mahlzeit verdient.
Eine momentan besondere Ursache für die allgemein fröhliche Stimmung geht von dem kleinen Giovanni aus, der mit einem Gläschen Rotwein in der Hand von Tisch zu Tisch geht und mit jedem auf den neuen Tag anstößt.
Giovanni kommt aus Sizilien, normalerweise ein schüchternes, weil einst in einem fortwährenden Elterndrama geschundenes Kind.
Wir wundern uns, daß in einem Haus Gottes Kindern Alkohol kredenzt wird, und das zum Frühstück. Unser Bekannter aus Westfalen erwähnt, der „kleine Stötz“ sei damit aufgewachsen, also von daheim daran gewohnt.
Der kleine Sizilianer scheint sich auch an andere Gewohnheiten dieses Hauses angepaßt zu haben. So trägt er genau wie die Padres ständig einen Strick um den Bauch. Und wenn er gerade nichts anderes zu tun hat, dann nimmt er einen Bruder gefangen und spielt an ihm den Entfesslungskünstler.  – Mir scheint dies ein Spiel des einst so bedrängten Kindes mit symbolischer Bedeutung.
Nur auf uns beide will heute morgen diese heitere Grundstimmung des Mönchskollegiums nicht überspringen, wohlwissend, daß heute hier mit dieser ausgelassenen Frühstücksszene unser letzter Tag beginnt und unser sorgenfreier Aufenthalt in Montecucco, die prächtige Gastfreundschaft in der Villa und wunderbare Freizeit am See, kaum voll genossen, schon morgen in der Früh wieder zu Ende gehen wird.

Unsere beiden Brotdorfer Patres bemerken unsere bedrückte Stimmung und bedrängen uns, doch noch den morgigen Sonntag mit ihnen hier auf ihrem „Lieblingsberg“  (monte heißt `Berg´ und cucco heißt Liebling´) gemeinsam zu verbringen.
Willi ziert sich noch, doch wie ich zustimmend mit dem Kopf nicke, ist alles entschieden. Wir bleiben!

Dies freut um so mehr unsere beiden Gastgeber; zumal sie heute gleich mit einigen Kollegen zu einer Besorgung nach Rom ins Mutterhaus fahren müssen.
Daher entlassen sie uns jetzt für den Rest des Tages zu unserer freien Verfügung und schlagen uns vor, nach der Siesta ein Bad im Schwimmbecken zu nehmen. Wir aber werden nach dem Mittagessen und der Siesta mit größerer Vorliebe wieder zum See hinunter streben.
Für den weiteren Vormittag können wir uns etwas mehr Zeit lassen, denn das Mittagessen ist heute erst gegen 13 Uhr angesagt, bis die Delegation aus Rom wieder zurück ist. Erst nehmen wir uns endlich die Zeit, mal gründlich nach unsern Rädern zu sehn; sie brauchen unbedingt eine ausgiebige Pflege. Zeit auch, um an die daheim zu denken; vieles, was alle erstaunen wird, ist zu berichten. Ein ganzer Stoß Ansichtskarten wird verschickt.

High noon, üppiges Mahl und südliche Siesta
Die Glocke klingt; uns erwartet wieder ein üppiges Mittagsmahl.
Wir haben zu Tisch in dieser fröhlichen Runde der frei und offen sich gebenden Mönche längst aufgehört, uns für den kräftigen Hunger zu genieren. Wie wir sehen; es macht im Gegenteil unseren neuen Kumpanen sichtlich Spaß, uns so tüchtig zulangen zu sehen. Zu unserm jugendlichen Appetit hat sich auch der passende Durst gesellt. Und der wird unaufgefordert reichlich bedient. Auch in dieser Hinsicht brauchen wir hier nicht zurück zu halten; viel mehr fühlen wir uns emsig aufgefordert, uns an das hier übliche Quantum an Rotwein anzupassen. Um so deutlicher stellt sich hinterher die Verdauungsmüdigkeit ein, ein durchaus wohliges, zur Schläfrigkeit neigendes Gefühl.

wenn loo roùhd
U käänen soll soan,
wenn loo roùhd, der wär schlecht.
Denn all dej soù ausroùhn,
lejfd d´n Herrgott ejschd recht.

Un denn äänen leihd äan de Federn,
dej d´n Herrgott him bescheerd.
Un denn anneren blank off´m Böddem,
äan der Scheed off der Erd.

Ein Schläfchen ist angesagt; auch in klösterlichen Kreisen herrscht nach dem Mittagsmahl gänzliche Muße. Wir beide liegen also ungeniert und regungslos im dunklen Schatten. Gott sei Dank ist auch dies hier neben ora et labora gut gewohnte Akzeptanz!
Wer unter uns Deutschen die recht verbreitete Meinung vertritt, die Italiener wie auch die Südfranzosen wären von Geburt an Faulenzer, der ist noch nie hier gewesen, der hat die hier notwendige Ruhe und Stille des heißen Mittags eben so wenig erfahren wie auf der anderen Seite diese Emsigkeit, Buntheit und Quirligkeit jenes neuen Lebens, das in diesen Gegenden erst nach Sonnenuntergang wieder so richtig beginnt.

Im Schatten der großen Schirmpinie hinter der Villa packt mich der Schlaf und gleich dazu ein seltsamer Siestatraum:
Ich sehe Willi und mich in schwarzer Kutte und schwarzen Sandalen und erlebe in bunten Bildern, wie wir beide so gekleidet mit den andern Fratres hochbeschäftigt Gottes Tageslauf vom Messedienen bis zum gemeinsamen Abendgebet bestreiten…

Jetzt aber auf, auf! Den Kopf unter den Wasserstrahl am Brunnen gesteckt, und die Wirklichkeit hat mich wieder: Ein freier Nachmittag wartet auf uns.

Willi, ein „Pater Willibald“ und Rudi als „Pater Rodolfo“?
Willi hat schon die Badesachen zur Hand; wir wollen hinunter. Den See und sein kühl erfrischendes Kraterwasser haben wir schon lieb gewonnen.
Beim Abstieg verlangsamen wir den Schritt und bleiben ab und zu stehen: Noch einmal wird ein Gedanke überdacht und offen ausgesprochen, der uns gestern schon einmal in den Sinn gekommen war:
Und wenn wir für immer hier blieben?
Schau hin!
Wie verlockend hat sich sich doch das Leben hier erwiesen,  diese Idylle von Montecucco, vom „Berg der Lieblinge“!
Sieh doch!
Diese seligen Mönche vom Garten Eden, wie glücklich sie alle sind! Das Gelübde der Keuschheit, Armut und des Gehorsams scheint sie in ihrer frommen Zuversicht und ihrer irdischen Zufriedenheit keineswegs zu beeinträchtigen.

Wie wär ´s: Willi, ein „Pater Willibald“ und Rudi als „Pater Rodolfo“?
Bist du je glücklicheren Menschen begegnet! Zudem, hast du ein schöner Land je gesehen, so schön, sich hinein zu verlieben!

Für immer hier bleiben, unter Gottes Segen inmitten glücklichen, selbstzufriedenen Menschen. Da sind unsere beiden Landsleute, Bruder Giovanni und Bruder Piedro, die uns bereitwillig aufnehmen und in unserm Streben unterstützen würden; da ist der tüchtige Koch aus Westfalen, der fleißige Hände und junge Kräfte gebrauchen könnte. Da ist drunten Pater Willibald, der dich im kunstvollen Schnitzen unterweisen würde; da ist der elternlose, kleine Junge aus Sizilien, um dessen Wohl und Bildung man sich kümmern könnte; man könnte sogar auf Montecucco eine Schule für verwaiste und gefährdete Kinder ins Leben rufen, ganz im Geiste des Heiligen Vinzenz Pallotti. Der hatte schließlich seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit aufgegeben, um sich vornehmlich den Armen, den Kindern und Jugendlichen zu widmen.
Alles schöne Träume, denen viele offene Fragen gegenüberstehen.

  • Fühlen wir uns überhaupt innerlich zu einem Ordensleben berufen?
  • Was werden wir damit an Lebenserwartungen aufgeben müssen?
  • Und wenn wir  die Heimat für immer verlassen; was wird aus unsern Leuten daheim?

 Heimat hier oder dort? 

Wääschd dau,
woù dein Heimat äas
kennschdau se  gewäaß

Dej äänen, dej soan,
Heimat äas nur hei
un annere soan
Heimat äas och döö

Sei soan,
Heimat äas ganz klään
eich soan
mein Heimat äas och gruuß

Sei  soan
Heimat äas nur dahaam
eich awer wääß
Heimat äas och iwwerall

Heimat,
fier dej äänen
äas ed de Motterböddem
fier dej annern
äas ed bluuß e Gefejhl
dat soan eich mir
e goad Gefejhl,
dat äas och äan dir 

Über das Hier und nicht Dort könnten wir auch bei unseren beiden Brotdorfer Patres nachfragen.
– Wie lange werden sie nicht mehr  bei uns im Dorf gewesen sein?
– Aber sie fühlen sich hier geborgen, sehr wohl und sind glücklich.
– Täuscht sich da nicht der flüchtige Eindruck unserer Postkartensicht?
– Alles ist hier stimmig: der Standort, die Leute, ihre  ganze Gemeinschaft!
– Reicht das aus, dafür ein gerade erst frei gewordenes Leben zu opfern?

Die erneute Begegnung am Albaner See
Inzwischen sind wir unten am Seeufer angekommen. Wir sehen, die Albaner Mädchen sind wieder da! Sie winken; ihr freundliches Lächeln bringt uns erst recht wieder ins reale Leben zurück.
Sie sind heute nur zu zweit, aber die eine, die besonders schöne, sie  heißt Giulietta, ist wieder dabei. Heute wird keine Wäsche mehr gewaschen; beide sind im Badeanzug und zeigen ihre schönen, braun gedunkelten Körper. Ihre Tageskleider sind auf dem Felsen von gestern ausgebreitet; wir legen unsere dazu.

Nach kurzer Weile, in der nur Ein-Wort-Sätze gewechselt werden, begibt sich Giulietta, das schlanke, dunkelhäutige Mädchen, das mir gestern schon so gut gefallen hat, auffällig ins Wasser. Ich habe das Zeichen verstanden und folge ihr nach.
Die schöne Guielitta erweist sich schon nach den ersten Armzügen als ausgezeichnete Schwimmerin. Mit meinem immer noch recht holprigen Crowlstil komme ich kaum nach. Willi ruft schnippich hinterher: Reiß da kää Bään aus! Soù en Waaserratt wej dat Meedschi loo geffschdau joo doch nie!

Fröhliche, glückliche Stunden, nur zu schön, zu kurz und zu schnell vorüber…

Villa Montecooco, Aufgang an der Vorderfassade

Oben ist alles wieder in emsiger Geschäftigkeit; die Tageshitze ist gebrochen, die Sonne steht hinter den Bäumen schon tief, und die grellen Mittagsfarben sind wieder leuchtender und kräftig geworden.
Für uns bleibt noch ein wenig Zeit bis zum Abendessen.
Wir genehmigen uns einen ausgedehnten Spaziergang um die Villa herum, gehen erstmals beim Hellen auch durch den Park bis hin zum Portal, wo alles Glück begann.
Während das terrassierte Gelände der Villa zur Seeseite hin hauptsächlich agrarisch genutzt wird, präsentiert sich hier oben dieser auf ebener Erde gelegene Park allein floral und kunstvoll angelegt, so dicht und vielartig bewachsen wie ein mediterraner botanischer Garten.
Am großen Tor mit dem Pförtnerhaus daneben drehen wir wieder um. Wie wir uns wieder der Villa nähern, nehmen wir nunmehr auch die prächtige Vorderfassade von Montecucco mit dem herrschaftlichen Aufgang erstmals bewußt in Augenschein. Dieser Anblick, jetzt, in der Abendsonne so prächtig erleuchtet, muß jeden, der hier anhält und achtsam hinschaut, in Staunen versetzen.
Allein der lang gestreckte parkähnliche Anweg, der zum mäßigen Hinschreiten einlädt, bereitet schon auf den erhabenen Eindruck vor, den diese schloßartig feudale Fassade darbietet..
Rechts und links neben dem stufenreichen Aufgang wird der Gast von zwei prächtigen Palmen wie von zwei würdevoll postierten Türsteher begrüßt.
Wieder auf der Seeterrasse zurück. Aus einem Fenster des Untergeschosses dringt Schlagermusik aus einem Radio zu uns herüber. In den dazwischen geschalteten Redepassagen, die sich wie Reklame oder auch wie Nachrichten anhören, ist zwischendurch auch das Wort Korea zu hören.
Ein einziges Wort, und die Gedanken sind ganz woanders!
Während wir hier in paradiesischem Frieden schlummern, tobt am andern Ende der Welt der Krieg unentwegt weiter. Er fordert weitere Opfer, ist längst kein lokal beschränkter Krieg mehr; er spaltet die Menschheit zwischen Ost und West!

Und drinnen läutet die Glocke des Küchenchefs. 

Zu Kapitel 4,3:  Zu Fuß zur Sommerresidenz des Papstes

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