4, 01 – Glückliche Zeit im Paradies auf Castel Gandolfo

zu kurz die nacht
zu früh erwacht
aus sanftem traum
in weichem flaum

Freitag, 4. August, Festlicher Empfang in der Villa Montecucco

Nach viel zu kurzem Schlaf und noch ohne recht wahrzunehmen, wo wir uns befinden, werden wir höflich zur Heiligen Messe geweckt.
Das Aufstehn in solch weichen Federn fällt doppelt schwer; weil die unerwartete Gastfreundschaft in der Nacht zwar recht angenehm, aber, so mitten in der Nacht, doch sehr lange ausfallen sollte.
Unerwartet, und eines steht jetzt schon fest:
Auch wenn wir bei der gestrigen Ankunft die zwei wichtigen Briefe der Brotdorfer Verwandtschaft nicht in den Händen gehalten hätten;  der  unerwartet freundschaftliche Empfang, den uns die beiden Palottiner Patres, Peter und Johann, mit offenen Armen entgegen brachten, er wäre auch ohne diesen passe-partout so überschwenglich ausgefallen. Obwohl wir einander im Leben noch nie gesehen haben, werden wir von zwei überaus guten Menschen empfangen, wie sie -vielleicht übertreibe ich – nur aus Brotdorf kommen können und jahrelang die Sehnsucht nach der Heimat und der Muttersprache in ihrem Herzen verwahrt haben.

Wo also befinden wir uns? Und wie hatten wir gestern Nacht nach dem Aufstieg von Rom nach Castel Gandolfo gefunden?
Wir sind also gestern Abend ziemlich spät von der Zeltstadt San Giorgio aus losgefahren, haben uns vom Westrand bis zum Ostrand quer durch Rom und seinen immer noch regen und lauten Verkehr durchgeschlagen,  konnten noch einmal in der freien Ebene jenseits der Vorstädte freie Luft schnappen, bevor es bei der bekannten Weinstadt Frascati erst sanft und dann immer steiler die Hügelkette der Albaner Berge hinaufging.
War es Müdigkeit von den ergreifenden Tagesereignissen, das mangelnde Training in den Romtagen oder doch nur die Steilheit der nächsten Rampe? Wie auf ein inneres Kommando steigen wir gleichzeitig ab und schieben weiter. Und wie wir beide dann in der hereinsinkenden Nacht auf verkehrsfreier Straße so eng nebeneinander wandeln, die Räder den Hang hinauf schieben, erschöpft nach solch einem Tag und in banger Erwartung, was bald auf uns zukommen wird, werden wir still. Schauen ab und zu nach den Sternen hinauf und jeder von uns spürt, warum…

An einer Bergkurve, nach der es zum Weiterfahren  wieder seichter ansteigt, halten wir an und drehen uns noch einmal um. Kann man von irgend einer anderen Stelle als von hier oben einen prächtigeren Ausblick erleben? Auf dieses, inzwischen wie zu einem riesigen Feuerwerk nachthell erleuchtete Rom!

Und wie wir dann, die erleuchtete Weltstadt im Rücken, jeder so vor sich hin denkt, so wird alles, was den Sinn durchschwirrt, mit eingeschlossen: die Mühen des zu Ende gehenden Tages, die Weite des Wegs, der hinter uns liegt, von daheim bis hierher und auch das Ziel vor uns im Dunkeln.
Es ist bereits Nacht, wie wir inmitten einer paradiesischen Landschaft auf Castel Gandolfo vor dem Portal der Villa Montecucco die Glocke ziehen.
Mit einigem Bangen, in ohnehin gedämpfter Stimmung, seit wir Rom verlassen stehen wir jetzt hier im Dunkeln inmitten einer fremden, totenstillen, unheimlich anmutenden Gegend.
Und es dauert, dauert eine Weile, bis sich was bewegt.
Aus dem Pförtnerhaus tritt ein greiser Pater, der uns nicht mürrisch zurückweist, sondern höflich begrüßt. Wie er hört, daß wir mit dem Fahrrad aus der Heimat zweier seiner Mitbrüder gekommen sind, eilt er den langen, nunmehr hell erleuchteten Parkweg hinauf zu dem Haupthaus, freudig den unerwarteten Besuch aus Germania anzumelden….

Ergo: Wie also gestern Nacht der alte Pförtnerpater mit den beiden Brotdorfer Fratres zurückkehrt und alle drei uns entgegen eilen und die erste dringliche Neugier erstmal gestillt ist – nadrierlich off Brotttroffer Platt -, schreiten wir gemeinsam vom Pförtnerhaus auf einem langen Weg durch einen großen Park, dessen Pracht sich jetzt im Dunkeln aus den unterschiedlichen Schatten- und Lichtflächen der Weglaternen nur erahnen läßt. So sind wir also, ständig anhaltend und plaudernd, an dem breiten Treppenaufgang und Kolonadenvestibül einer großen römischen Villa endlich angekommen.

Unsere beiden Gastgeber, die sich mit Pater Piedro und Pater Giovanni vorstellen, stehen jetzt im Lampenlicht ganz deutlich vor uns.
Beide auch äußerlich wie Brüder,  von hagerer, recht schlanker Gestalt, in den schwarzen Talaren größer wirkend, tragen beide leicht angegrautes braunes Haar.
Offen, ermutigend, ein klarer, sehr entschiedener, aber beruhigender Blick, der abgemildert erscheint durch ein ebenfalls schmales, aber in der Mimik durchaus freundlich wirkendes Gesicht.
Unsere Gastgeber führen uns gleich in eine Küche, eine Küche, die der eines großen Hotels gleicht, die jetzt aber geschlossen hat. Und schon kommt, wohl extra aus dem Bett geholt, der liebenswerte Koch, ein Westfale, und serviert uns ein italienisches Menue mit kaltem Fleisch, gemischten Salat, leckerem Brot, einem Klumpen Landbutter und dunklem Wein, sogar deutsches Bier zum Apéritif, ein Essen, so reichlich und gut wie wir es in einem Kloster nicht vermutet hätten.
Überhaupt kommt uns die gegenwärtige Situation seltsam vor; hatten wir hier doch eine Hütte klösterlichen Armut und Bescheidenheit erwartet, so befinden wir uns in einem Traum von strotzendem Wohlstand und  paradiesischer Schönheit, einem Reichtum, wie man ihn sich nur in den Sommerresidenzen der römischen Kaiser vorstellen könnte.
Unsere beiden Gäste, Giovanni und Pedro, haben sich am Tisch dicht neben uns gesetzt und lauschen unsern Antworten auf ihre dringlichen Fragen, die nicht warten können, bis unser ausgiebiger Hunger und Durst aufs köstlichste gestillt sind.
Aber auch noch lange nach dem Essen und dem nachfolgenden Weitertrinken wird weiter erzählt und geplaudert bei reichlich etwas herbem Chianti und  ziemlich süßlichen Frascati. Sie wollen nahezu alles wissen, was dahaam passiert ist, und  sie fragen nach jedem Älteren  und Gleichaltrirgen, der in Brotdorf noch am Leben ist. Dann kommen wir auf unsere Fahrt zu sprechen, und ernten ihre vollste Anerkennung für eine derartige Leistung als ausdauersportliche Pilger.
War es schon reichlich spät, als wir ankamen, so ist es in dieser Nacht noch viel später geworden. Unsere Köpfe beginnen zu brummen und die Zungen werden schwer. Man muß uns zum Schluß, als nichts mehr geht, förmlich in die Betten tragen.

Im monasterischen Paradies glücklich sein
Heute nun, in aller Früh sind wir erwartungsgemäß „zur heiligen Messe“ geweckt worden. So also, wie der liebe Gott es will, wird uns bei allem Wohlstand und bei aller Gastfreundschaft bewußt, daß wir zwar in einem prächtigen „Sommersitz“ aufgenommen sind, in dem aber dennoch die klösterlichen Tagesregeln eingehalten werden.
So gibt es also eine eigene Hauskapelle, in der wir der Messe beiwohnen und spätestens durch den Genuß der wunderbaren Gesangsstimmen der Patres bei ihren gregorianischen Chorälen wach gemacht und himmlich gestimmt werden.
Ansonsten erscheint diese Prachtvilla, soweit es unser erster Blick bisher verrät, wohl kaum mit dem Armutsgelübde eines Mönchordens vereinbar, denn, wie beim Gang zum Speisesaal ein kurzer Blick nach draußen in den anschließenden Garten verrät, gehört zum Sommersitz und zur Entspannung der Patres sogar ein eigenes Schwimmbecken.

Nach einem überaus guten und reichlichen Frühstück führt man uns durch die weiten Räume der Villa, dann hinüber zu den Gärten und Parks. Jetzt erst, in der farbig strahlenden Morgensonne, können wir das ganze Ausmaß erkennen, in welch unvergleichliches Paradies wir geraten sind. Zur Westseite hin gibt es im Obergeschoß einen großen Balkon, von dem man weit hinaus in die Landschaft blicken kann. Zu unsern Füßen im Hügelland der berühmte Weinort Frascati, eingebettet in die Gärten, Felder und Weinberge. Tief darunter, drüben am westlichen Horizont im Dunstkreis der sich erwärmenden Sommerluft das ewige Rom.

Welch ein  Ausblick!

Von einer noch größeren Terrasse auf der Ostseite der Villa blickt man hinauf auf die Albaner Berge und hinunter auf den Albaner See, im Trichter eines riesigen Vulkans, auf dessen Kraterrand sich wie ein heller Kranz zwischen Bäumen und Büschen lauter Villen anreihen, zu denen auch unser Montecucco gehört.
Drüben, rechterhand, in etwa 1 km Entfernung, aber auf gleicher Höhe, befindet sich die Sommerresidenz des Papstes.
Und direkt vor uns, im Vordergrund liegen zu unsern Füßen die terrassierten Gärten und Obsthaine, die die Mönche hier angelegt haben und aufs sorgfältigste pflegen. Wie schon erwähnt, was uns erst recht in Staunen bringt, mitten in den lieblichen Plantagen ein richtig großes, mit Mosaiksteinchen gänzlich ausgeschlagenes, mit blauklarem Wasser gefülltes Schwimmbecken.

Unsere beiden Landsleute merken, wie wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen wollen. Sie lesen darin auch die von uns unausgesprochene Frage, wie sich solch eine Pracht, solch ein Reichtum mit dem Armutsgelübde eines katholischen Ordens vereinbaren ließe. Und sie erklären uns, daß sie in ihrem Mutterhaus in der Via Pettinari ganz bescheiden und wohltätig leben; hier aber ihre Ferien verbringen, in einem Landgut, das ein steinreicher Römer bei seinem Ableben dem Orden vermacht hatte.


Ich muß an zu Hause denken, an den bescheidenen Lebenskreis, aus dem wir und aus dem auch unsere beiden Gastgeber kommen. Die daheim werden staunen, wenn wir über dies alles berichten.Von den Tagen in Rom haben wir  diese Postkarte mit dem segnenden Papst nicht nur an die Eltern, sondern auch an die Verwandten geschickt.
Wir berichteten, wie wir zusammen mit 50 000 Menschen aus allen Nationen die einmalige Audienz beim Heiligen Vater erlebten, daß wir unter den jungen Saarländern in der Zeltstadt lebten und dann, wie wir den gestrigen Tag verbrachten, dabei waren, die beiden letzten der 4 großen Basiliken aufzusuchen, um dadurch den „Jubiläumsablaß“ zu gewinnen, daß wir Rom leider jetzt verlassen müssen und auf dem Weg nach Castel Gandolfo sind, der Sommerresidenz des Papstes, wo auch Bruder Backes in Ferien ist. Habe nicht versäumt, zu erwähnen, daß wir „zum Troste der Mutter“ bald wieder zu Hause sein werden.

Uns drängt es hinunter zum See, und man entläßt uns bis zum Mittagessen. Es führt ein steiler steiniger Pfad hinab, von Bäumen, Hecken und Büschen umsäumt. Es dauert eine ganze Weile, bis wir durch Olivenhaine und Weinbergterrassen hindurch zum Ufer gelangen. Doch von weitem sehen wir schon, wie sich unten die warmen Sonnenstrahlen auf dem Wasser spiegeln.
Schaut man von hier unten auf den hohen Rand des Kraters hinauf und über deren Höhenrund hinweg, so liegt ganz im hohen Hintergrund, oder besser gesagt, klebt etwa 1000m hoch, wie ein Felsennest des Adlers, das Bergdorf Rocca di Papa, die hellen Häuser übereinander den Steilhang hinaufgestapelt.
Als wir am Vorabend ankamen und wir beim Gang durch den Park zur Villa einen ersten Blick auf die Umgebung werfen konnten, da ließ uns das Lichtermeer dort oben eine viel größere Stadt vermuten. Doch nun bemerken wir, daß der Ort viel kleiner ist als angenommen. Die Täuschung kommt daher, daß man das Licht eines jeden Hauses einzeln sehen kann, denn die Häuser stehn nicht auf einer Höhe, sondern reihen sich quasi auf jeweils eigener Terrasse hintereinander hoch. Man hat uns gestern Abend auch erzählt, daß gerade in diesen Tagen der Leichnam der vielgefeierten, vor kurzem vom Papst heilig gesprochenen Maria Goretti in der Kirche  von Rocca di Papa aufgestellt ist.

Das Ufer des Sees endlich erreicht, zögern wir nicht lange, entkleiden uns, legen die Kleider auf einem ins Wasser ragenden Felsblock ab und springen ins glasklare Kraterwasser.

Damals konntet ihr beide noch nicht wissen, daß es dieselben Wasser sind, auf denen fast auf den Tag genau zehn Jahre später der von Karl Adam trainierte Deutschland-Achter bei den Olympischen Spielen von Rom mit meinem späteren Berufskollege Hans Lenk als Bugmann erstmals die Goldmedaille für Deutschland errang.
Wer hätte auch je geglaubt, daß damals in Roms Stadio Olimpico ein junger Saarländer aus Quierschied mit einem Weltrekord von 10,0 sek  ebenfalls Olympiasieger wurde. – Bereits als Jugendlicher machte Armin Hary auf sich aufmerksam:
„29. Oktober 1954: Der letzte Wettkampf der Saison ist wie alle Jahre wieder der „Tag der Deutschen Meister“ in Bad Kreuznach, zu dem auch wir Saarländer, weil ja keine offizielle Meisterschaft, melden durften.
Von der Jugendgruppe, die ich bei Saar 05 seit gut einem Jahr betreue, hat nur Armin Hary sichere Chancen auf einen Sieg.
Er startet über die kurzen Hürden und fährt  hier in Kreuznach einen souveränen Sieg ein.
Aber ich hatte ihn auch über die 100m flach gemeldet. Schon auf der Hinfahrt im Bus redete ich ihm zu, die einmalige Chance wahrzunehmen und den amtierenden deutschen Jugendmeister zu schlagen. Und Armin schlägt Martin Lauer in 10, 8!“
(Rudolf Engel: Aus meinen Tagebuch von 1954)

 War es bis jetzt hier, rund um den See, so still wie in einer leeren Kirche, so werden bald drei junge, dunkle Albanerinnen im Alter von etwa 16 bis 19 Jahren erscheinen, die eine schöner als die andere. Sie machen uns etwas umständlich verständlich, doch bitte unsere Kleider etwas seitlich zu legen, da sie auf dem Felsen ihre Wäsche waschen wollen. Es ist schade, daß wir des Italienisch nicht mächtig sind und daß Willi schon bald auf Rückkehr drängt, die Mädchen aber sich einer längeren Unterhaltung nicht abgeneigt zeigen.
Und dann schlägt es von einem Kirchturm herüber auch schon zwölf, und wir reißen uns aus der verführerischen Situation mit einem Lächeln und Winken freundlich los. Wollen ja auch einigermaßen rechtzeitig oben bei den Mönchen zum Essen sein…
Beim Aufstieg  spürt man erst, wie schroff der Kraterrand ist; ähnlich steil wie beim Anstieg an der Saarschleife hinauf zur Cloef.

Auf Montecucco stand schon das Essen für uns bereit, als wir vom See heraufkamen. Als Vorspeise: Spaghetti mit Tomatensauce und geriebenem Käse; dazu ein trockener weißer Frascati, und viel kühles Wasser, das fehlte natürlich nicht.
Dann das Hauptgericht mit Kartoffeln – endlich mal wieder Kartoffeln – Blumenkohl und Fleisch, dazu einen Rotwein und zum Nachtisch allerlei Früchte des klostereigenen Gartens.

Große Siesta!

Hier, wie überall im südlichen Italien ist in der Hitze des Nachmittags die Siesta ein fester Bestandteil des Tagesablaufs. Endlich so viel Zeit zur Entspannung, zum Nachdenken und schreiben, auch an die daheim.
Erst gegen 17 Uhr begeben wir uns wieder in die Gärten der Villa, auch um einige Fotos zu machen. Die gesamte Anlage umfaßt etwa 6 bis 8 Morgen; ein großer Teil dient dem Weinbau. Zwischen den Reben stehen wie fast in allen italienischen Weingärten reichlich Pfirsich-, Aprikosen-, Feigen- und Mandelbäume.
Das bereits erwähnte Schwimmbecken, ebenfalls vom Status des einstigen Besitzers der Villa zeugend, befindet sich auf der dritten, künstlich angelegten Terrasse. Die Anlage verfügt über mehrere Umkleidekabinen, Kalt- und Warmduschen und hat sogar ein Sprungbrett. Das Becken, wie gesagt an Wänden und Boden vollständig mit Mosaik ausgelegt, wird wöchentlich mit hochgepumptem frischen Seewasser gefüllt; das alte Wasser dient der Berieselung des Gartens.
Es bedarf für uns beide erst einer kurzen inneren Überwindung, aber am frühen Abend, als wir einige der Mönche wie normale Menschen beim Baden entdeckten, da gesellten wir uns auch dazu.

Es sind hier auf Montecucco zwei Gruppen von Patres erkennbar. Die einen sind hier zur Erholung, quasi als Feriengäste wie wir; die andern leben und arbeiten ständig hier, um das Anwesen in Schuß zu halten. Jeder der hier wohnenden Brüder hat einen speziellen Beruf. Ich lerne neben den beiden hauptamtlichen Gärtnern auch den Pater Willibald kennen, der gerade in einer Laube dabei ist, eine Madonna aus einem Olivenstamm zu schnitzen.

Zu Kapitel 4,2:  Ungetrübtes Ferienglück, für wie lange?

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