2,9 – Vom Massif des Maures zum Esterel

Allmächtiger, ewiger Gott.
Deine Gnade entzünde in allen Menschenkindern
Liebe zu den Unglücklichen, deren Armut und Elend
menschenunwürdige Lebensverhältnisse aufzwingen.
Pius XII, 9

25.7.  – Kirmesdienstag, zwischen den roten Felsen des Esterel, unser erstes Camping
Wir sind also wieder auf unsere alten Rösser gestiegen; hätten ihnen so gerne gegönnt, sich im Gepäckwagen der Kleinbahn, genannt Le Maracon, ausruhen zu können; aber dafür sind wir ja ein Jahr zu spät.
Inzwischen hatte sich die Bar von Pierrot mit den meisten unserer gestrigen Freunde gefüllt. Wie wir aufsteigen, sind sie alle heraus getreten, uns ihre besten Wünsche nachzuwinken.
Frisch gestärkt mit dem französischen Frühstück und auch mit den Segensgrüßen von Pierrot, unserm freundlichen Barkeeper, sind wir wieder en route und nehmen uns für heute wieder einen größeren Lappen an Strecke vor.

-Mir säan ewei schun acht Deech ennerwees; hun geschdern kaum en Streck gemaach; haut awer moß nommoa e goade Lappen drun.
-Tatsächlich, schun en ganz Woch eremm! Moa sejhn, wej ed lääfd; wenn ed goad schotzd, kennten ma haut Oowend sugoar de Grenz passieren.

Erst überbrücken wir die Halbinsel vor der nächsten Bucht, an deren Südflanke auf einem kleinen Vorsprung  in Sichtweite von uns der Ort  Saint Tropez liegt. Ein kurzer Blick, und wir fahren weiter, auf flacher Küstenstraße direkt auf Saint Maxime zu.

Wenn ihr beide bei dem Entschluß, Saint Tropez auszusparen, hättet ahnen können, was in den nächst folgenden Jahren eine Blondine namens Brigitte Bardot, der deutsche Schauspieler Curd Jürgens und der Hyperkinetiker Louis de Funes aus diesem abgelegenen, verlassenen armseligen Nest gemacht hatten, wäre eine Stipvisite honoris causae für euch durchaus angebracht gewesen.

Bis Saint Raphael läuft die Route über die ganze Strecke unmittelbar am Strand entlang, so dicht ist wieder das Massif des Maures herangekommen. Weiterhin der bekannte Wechsel felsiger Buchten und kleiner geschlossener Strände in nordöstlicher Richtung.
Noch am Morgen haben wir über 60 Kilometer herausgefahren. Auch hier ist die Küstenlandschaft paradiesisch schön.
Gleich hinter der Stadt beginnt sich der Charakter der Landschaft ganz auffällig zu wandeln. Nach wie vor wunderschön; aber mit anderen, recht bizarr leuchtenden Felsformen. Die Vegetation ist nicht  mehr so flächendeckend dicht, und die frei stehenden Felswände, an denen nun die Küstenstraße in kühnen Windungen entlang führt, gehen vom Granitgrau des Maurengebirges in eine mehr rötliche Farbtönung über. Dieses auffällige Rot des recht kantigen Gesteins, das die ganze Landschaft prägt, zeigt sich viel kräftiger als der ebenfalls rote, aber etwas blasser wirkende Bundsandstein in den Aufschlüssen unseres Seffersbachtales. Dieses Rot hier ist  sogar noch kräftiger als der Porphyr des Vulkanismus im nördlichen Saarland.
Und dazu brennt die  Sonne wieder unbarmherzig auf uns herab; läßt den Schweiß rinnen und macht sogar die Lenkstange heiß.
Höchste Zeit für eine kleine Pause.
Willi ist dabei auch mal kurz hinter das Gestrüpp zwischen den roten Felsen gegangen. Und er ist mal wieder auf dem Entdeckungspfad gewesen.
Und siehe da, er hat der provencalischen Erde nicht nur etwas gegeben; in vollen Händen bringt er von ihr auch etwas mit.
Die eine Hand ist voll fettiger, tieffarbig braunroter Erde.
Es ist nach Geraldy geologischen Vorlesungen diese lehmige Masse terra rossa, in den südeuropäischen Gefilden das typische Verwitterungsmaterial des Jurakalks, das  hier offenbar in kleineren Einschüben dem älteren Porphyrgestein auflagert.
In der andern Hand hält Willi einen dunkelgrünen Zweig von einem auch mir unbekannten Strauchgewächs. Es ist ringsum mit Nadeln bewachsen, ähnlich denen unserer Fichte, aber weit weniger stachelig und hart; dafür aber mit einem unverwechselbar eigenartigen Duft – ein äußerst intensiv würziger Geruch.

Jenes Gewächs mit dem wunderschönen Namen Rosmarin und diesem unwiderstehlichen Duft, es wird künftig in deinem Haus und Garten einen unentbehrlichen Platz einnehmen.
Denn einige Jahre nach der Romfahrt wird sich Folgendes ereignen:
Nach einem heiteren Abend in der Altstadt von Avignon; du wirst soeben mit Inge zu eurem Zeltplatz in das gegenüberliegende Ville Neuve zurückgekehrt sein…
Nach dem Wolkenbruch vom Nachmittag triefen die Bäume über euch noch etwas nach; und dabei verbreitet sich überall ein tagsüber längst nicht so kräftig empfundener Duft aus. Es ist jenes Naturparfüm, das zweifellos von der dichten Hecke  herrührt, die das Zelt rings herum umrankt.
Es ist ce parfum provencal de romarin, deinen Sinnen unvergeßlich, seit dem Willi dir ihn soeben hier im Esterel unter die Nase gerieben hat.
Und seitdem ist dieses in der Provence überall sprießende Unkraut zu einem unentbehrlichen Wunderzweig in Inges Gewürzküche geworden.

…… und am Ende eine keineswegs freudige Überraschung
Wir aber sind schon wieder weiter; die Sonne steht immer noch hoch über dem Meer. Aber kaum wieder aufgestiegen, und als hätte das Schicksal unsere Gedanken gelesen, die gerne hier verweilen, wenigstens im Schatten ein wenig ausruhen wollen; da greift es auch schon unerwartet in unser Leben ein: Wie auf Kommando bekommen beide Räder einen Platten. Ich benötige einen neuen Mantel und Willi einen neuen Schlauch, Investitionen, die ins Geld gehen.
Hatten wir uns  auch zu Hause einen derartig umfangreichen Plan zurecht gelegt; so war an das aller Notwendigste doch nicht gedacht! Spätestens hier, in dieser sengenden Hitze hätten wir nach etlichen Etappen und so viel Kilometern, nach ständigem Auf und Ab, Bremsen und Gasgeben damit rechnen müssen; dennoch stehn wir ziemlich perplex mitten auf der Straße.
Nolens volens kommen wir so nicht weiter.
Erst ein Radfahrer, der uns sagt, daß unweit vor uns ein Campingplatz ist.
Wir schauen auf die Karte; sind erst kurz hinter Raphael und der nächst größere Ort Cannes liegt gute 20 km vor uns. Und über der Landschaft ist quer zu lesen: ESTEREL
Zuerst mal zu diesem Camping; es ist ein öffentlicher Zeltplatz, in einem schattigen Wäldchen gleich rechts der Straße und direkt am Meer.
An dem Häuschen, eine Art Rezeption,  schaut zwar einer  aus der Luke raus, reagiert aber nicht wie wir unsere Räder vorbeischieben. Ich halte an, blicke zurück und frage, ob und wo wir zelten dürfen und erhalte kurz die Antwort:
– Comme vous voulez, Monsieur.

Wie ich höflich nach dem Bezahlen frage, bekomme ich wieder eine knappe Antwort:
Après, après, quand vous partez.

Langsam schieben wir weiter; obwohl alles hier recht natürlich, einfach und schön ist, fühlen  wir uns fremd und etwas geniert.
Nolens volens sind wir zum ersten Mal auf einem öffentlichen Zeltplatz. Und zum ersten Mal auf unserer Fahrt heißt es, das Zelt aufschlagen. Ich zögere erst, unser Militärzelt von der deutschen Wehrmacht wird vielleicht unangenehm auffallen, vielleicht  gibt es Ärger.
Willi rät, mit dem Zelten zu warten, bis es dunkel ist und sagt:
-Loß dat meich maachen speeder; kemmer dau deich ewei lejwer dremm, wej mir oas Reeder nommoa äan de Reih grejn!

Ich muß also  per pedes zurück; bis zum Stadtrand von Saint Raphael sind´s gerade mal 3 Km. Mantel und Schlauch und neues Flickzeug  werde ich schon gleich im  Vorort bekommen. Schließlich sind wir im Veloland Frankreich.
Am Eingang des Platzes steigt ein Mann in einen offenen Geländewagen, einen Jeep und hält auf meiner Höhe an. Er sieht mir an, daß ich mitgenommen werden will, hatte uns offensichtlich mit unsern platten Rädern kommen gesehen und weiß, wohin ich jetzt muß. Erst wie ich neben ihm sitze und ihn sprechen höre, erkenne ich in ihm die Stimme von der Rezeption.
Er fragt über uns: woher-wohin und meint dann:
„Ach wenn man noch so reisen könnte!

Noch vor einem Jahr sei er als Heizer in der Kleinbahn täglich von Nizza bis Toulon unterwegs gewesen; habe mit der Schließung seinen Job verloren und säße jetzt hier am Dramont fest.
Eine  Stunde später, ich habe inzwischen alles bekommen, Jean Le Comte, so heißt mein Chauffeur, ist aus dem Zentrum der Stadt zurück und nimmt mich wieder mit ins Camp.

Wo sind wir eigentlich gelandet?
Man hat den Eindruck, in einer Art Urwald; denn das Camp  liegt in einer herrlichen Meeresbucht, einsam versteckt inmitten eines schattigen Wäldchens; der Platz, nicht allzu groß, versteckt unter prächtigen Palmen, Pinien und Olivenbäumen und grenzt direkt an den Strand. Dieser besteht hier nicht wie bisher an der Côte aus hellem, feinkörnigem Sand, sondern ist mit rötlich schimmernden Kieselsteinen besetzt,, offensichtlich das Verwitterungsmaterial des porphyrroten Felsgesteins des Esterel.
Und dazu blickt man direkt auf eine ganz nah gelegene schöne kleine Insel, nur etwa 300 m im Querschnitt. Sie wird hier Goldinsel genannt. Wenn wir alles erledigt haben, werden wir mal rüber schwimmen.
Wir schnubbern, auch dies zum ersten Mal, eine nie gekannte Atmosphäre. Gedanken an die Nacktinsel steigen auf. Alles läuft ziemlich knapp bekleidet herum, auch die Mädchen und sogar die älteren Frauen. Auffällig, die zweiteiligen Badeanzüge, wenn man von „Anzügen“ überhaupt sprechen kann. Bei manchen ist er so minimal an Stoff, dass es aussieht, als hätten sie sich nur ein schmales Hosenband unten herum gebunden. – Aber alle geben sich heiter, einige geradezu ausgelassen, mit sich und ihren Gruppen beschäftigt. Wir müßten eigentlich als Exoten auffallen, scheint aber garnicht der Fall zu sein.
Chacun pour soi et Dieu pour nous tous!

Wir kommen an einem Spielplatz vorbei, keine Kinder da; aber nebenan auf zwei kleinen Feldern herrscht reges Leben beim Boulespielen, ein provencalischer Männersport; aber hier sind auch einige Frauen beteiligt, nicht nur als Zuschauer…
Der Versuch, noch vor dem Abendbrot hinüber zur Insel zu schwimmen, muß nach gut zweihundert Metern aufgegeben werden: zu wenig Kondition im Wasser, zu harte Muskeln von den Pedalen, die Entfernung unterschätzt, zu viel Raumleere im Bauch, und morgen ist auch noch ein Tag!
Willi hat also ausgenutzt, daß es eine Küche gibt und richtig warm gekocht, hat gut gekocht. Ich gehe hinterher spülen, werde von einem Franzosen angesprochen, zwei drei Jahre älter, fragt, ob ich solo wäre, ob ich Lust hätte auf einen Digestif, ich würde ihm damit einen hübschen Gefallen tun. Stimme etwas zögernd zu, gebe bei Willi die Spüle ab und gehe gleich zurück.
Er führt mich zu einem Zelt, vor dem zwei äußerst hübsche Mädchen hocken, die er mir mit Gisèle und Yannine vorstellt. Er küsst Gisèle.
Wir trinken einen Pastice, ein milchig weißes Getränk und ein Geschmack, der mir gar nicht zusagt.
Die Mädchen freundlich, stellen neugierig Fragen bringen etwas Gebäck aus dem Zelt.
Nach einer kurzer Zeit stehe ich auf bedanke mich und will gehen. Er springt auf und sagt, er komme noch ein  Stück mit.
Unterwegs hält er an, legt mir eine Hand auf die Schulter und erwähnt noch einmal, ich hätte doch zugestimmt, ihm einen Gefallen zu tun. Ich schaue ihn ungläubig an, dann erklärt er mir folgendes:
Er habe es auf Gisèle abgesehn und werde mit ihr gegen zehn im Zelt ein Rendez-vous haben; nun bittet er mich, mich in der Zeit für ein zwei Stunden mit Yannine abzugeben, mit ihr spazieren zu gehen oder dergleichen!
So hüsch Mädchen Yannine auch sein mag; ich eröffne diesem Jo, daß ich dankend ablehne und daß er sich einen andern Babysitter suchen müsse.

Willi ist schon dabei, die Räder zu reparieren; er fragt nicht, wo ich geblieben war, und ich sage auch nichts.
Mit dem Zeltaufbau haben wir tatsächlich bis zur Dämmerung gewartet; wäre bei der hier herrschenden Toleranz gar nicht nötig gewesen.

Ein erfüllter Tag geht still zu Ende! Wir liegen noch nicht im Zelt, nur auf der Matte davor, erschöpft gesättigt, vom Durst gestillt und vom Bade erfrischt.
Über uns ein Himmel so voll von kräftig leuchtenden Sternen, voller und heller, so scheint mir, als bei uns. Auch im Lager ist es stille, erstaunlich, so rege und geschäftig hier alles noch am Abend war; jetzt ist doch tiefste Nacht!
Die Zikaden, deren eintönig schnarrender „Gesang“ und schon seit Südfrankreich von morgens bis abends begleitet, haben jetzt auch hier in dem Gestrüpp ringsherum ihre seltsam tonlos tönende Viola da Gamba längst zur Ruhe gebracht; ebenso der Verkehr drüben auf der Straße.

De Zikade un de Säächomes

En Zikad, de hot de Summer lang de ganz Saisong
gesong, sonschd neischd gemaach wej nur gesong.
Doch äam Wäander leßt seich den Honger blecken,
ed geft goar kään Meck un kää Wärmschin ze pecken.
Zum Greischen hongrisch, mäat leerem Bauch un neischd ze beißen,
läßt seich dat Dejerchin bei der Nooberin, der Säächomes, weisen.
Wollt bei ihr fier e poar Körner betteln gejhn,
fier bes zum Frejhjoahr goat dörrich ze stejhn.
„Eich  bezahlen ed dir zereck neegscht Joahr
mäat goadem Zens un Zenseszens sugoar!“
Dej fleißisch Omes awer se äas kneckisch bliff,
freet nur,:“Wat häsch dau äam Summer gemaach,
woù eich meich geblöhd hun nööts un äam Daach?“
„Neischd wej gesong un vill  Frääd gemaach.“
„Wenn dau äam Summer kannschd sengen soù schejn,
dann kannchdau äam Wäanter doch danze gejhn!“
r.e., nach Jean de la Fontaine

Wenn wir dann auch so still geworden sind, dann weiß jeder warum; es ist die Zeit, so wie wir von klein auf dazu angehalten sind, die Zeit des Nachtgebetes. Hier in Gottes bestem Paradies Grund genug, ihm für die Gnade zu danken. Alles, was den Sinn durchwirrt, ist mit eingeschlossen, die Panne und die Mühen des Tages, die Weite des Wegs, der hinter uns liegt und auch noch vor uns, und die weite  Entfernung, weg von unsern Leuten daheim.
Mir fällt dabei ein, dass heute ja Kirmesdienstag ist; da werden jetzt zur späten Zeit daheim auch alle erschöpft sein, vor allem Mutter, die das Haus wieder voller Gäste und schon Tage vorher für sie so viele Kuchen zu backen hatte.
Dienstags ist der letzte Kirmestag. Am Morgen werden die Kinder zwar wieder zur Schule müssen, aber keine Hausaufgaben bekommen. Denn am Nachmittag sind alle ein letztes Mal am Maschinneschopp und lösen auf dem Kirmesplatz ihre letzten Freifahrzettel für Kettenkarussel, Selbstfahrerautos und Schiffschaukel ein. Und die jungen Leute, die werden jetzt, um diese Zeit wieder in der Germania oder im Kaiserhof das Tanzbein schwingen. Alle werden froh und vergnügt sein!

Und dann kommen die Gedanken wieder hierher zurück. Ich habe mich unwillkürlich zu Willi hingedreht und spüre, er schläft auch noch nicht. Er wird wohl auch an seine Leute daheim denken, wird sich durch die Sterne  über uns mit dieser prächtigen Familie verbunden spüren, die ihren Ältesten, wie alle im Enneschden Ecken „Bubi“ nennen, und bei denen ich mich auch immer so wohl fühle.

Zu Kapitel 2, 10: Durch die Traumstädte der Côte zur Grenze

 

 

 

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