2,8 – Le long de la Côte – la Vie en Rose

Allmächtiger, ewiger Gott,
Gib, dass alle, Priester wie Laien,
in enger Denk- und Gesinnungsgemeinschaft
einen festen Fels bilden, an dem der Andrang Deiner Feinde zerschellt.
Pius XII, 8

Mit dem Andrang der Feinde Gottes, der am festen Fels der Kirche zerschellen möge, hat der Papst, nachdem nun der Nationalsozialismus an seiner eigenen Größe untergegangen ist,  bei seinem Gebet für das Heilige Jahr in erster Linie den im Ostblock herrschenden Kommunismus und dessen klares Bekenntnis zum materialisitischen Atheismus ins Auge gefaßt.

Dienstag, 25.7.  –   an der Bar von Bouillabaisse vor dem Start

Eine frühmorgendliche Stille noch ringsum, hier und jetzt, am jungen Tag!
Selbst in dem niedlichen Dörfchen mit dem schmackhaften Namen Bouillabaisse, etwas oberhalb, gleich hinter dem Strand, auch da rührt sich noch nichts.
Wir beide befinden uns als einzige Gäste in einer sonnigen und luftigen Strandbar; wollen uns hier ein petit déjeuner genehmigen. Sind selbst noch ein wenig müde nach diesem turbulenten und wieder spät endenden Abend; sind auch zu faul, an unserm Nachtlager am Strand oder in den oberen Büschen nach Schwemmholz zu suchen, Feuer zu machen und selbst einen Kaffee zu kochen.
Von den Freunden des gestrigen Abends rührt sich noch niemand außer Pierrot, dem diensthabenden Kellner.

Als wir gestern nach dem kurzen Aufenthalt an der Kapelle  Saint Clair verließen, kam gleich wieder ein kurzer Anstieg, und es folgte ein ständiges Auf und Ab, mal länger, mal kürzer, ein dauerndes von der Küste weg und wieder zu ihr hinab. Die Sonne, immer noch unbarmherzig; aber diese Landschaft, diese bezaubernden Anblicke, auf höchstem Punkt, sie rechtfertigen jegliche Mühe. So hatten wir noch Mut und Frische für ein paar weitere Kilometer; doch als wir Cavalaire hinter uns gelassen und das Ende der lang gezogenen Bucht erreicht hatten, da klang uns flotte Musik entgegen, und so sah es danach aus, als hätten wir schon wieder einen besonderen Abend vor uns.
Und so war´s: Dieses prächtige Plätzchen und diese heitern Schlagerklänge, die hatten es uns angetan.  Sind also hier hängen geblieben; und da wir trotz der heißen Sonne tagsüber noch nicht sehr müde waren, fühlten wir uns ganz danach, hier mit zu feiern, schließlich war ja gestern immer noch Kermesmendisch, und es war ja die Abendzeit, in der daheim alle Jungs, außer uns, zum Kirmesball strömten.

Oberhalb des Strandes, vor einer hübschen mit Palmzweigen bedeckten Strandbar spielte eine Jazzkapelle zum Swingtanz auf. Die meisten Paare waren beim flotten Tanz sogar barfuß. Überall nette, freundliche und ausgelassene Sonntagsmenschen! Da können wir nicht vorbei; hier lassen wir uns nieder, wenigsten auf eine Weile für ein kühles Bier und einer casse-croûte dazu. Und wie wir unsere Räder zaghaft zu diesem Gewirr hinschieben, werden wir davon empfangen wie Wesen von einem andern Stern!

Mädchen kommen, fordern zum Tanz auf, ihre Partner spendieren uns beim Zurückkommen ein zweites und ein drittes Bier, übrigens Becker Bier aus Sankt Ingbert.Hinter dem Tresen der Bar ein Original, den alle Pierrot rufen. Trotz Hochbetrieb wendet er sich gleich uns zu, fragt neugierig und freundlich nach unserm Wohin und Woher…
Es waren noch heitere angenehme Stunden vergangen, als wir gleich in der Nähe, zwischen Bar und Meer auf dem Strand unser Nachtlager aufschlugen und sanft einschlummerten, noch  bevor die leiser gewordene Musik vom Strandfest drüben ganz verstummte.

Und wie gesagt, nach zu kurzem Schlaf, sind wir beide nun schon wieder in dieser lichten Freiluftstrandbar, sitzen noch ganz allein auf den Barhockern und schlürfen mit Genuß einen heißen café au lait, in der Linken ein leckeres Butterhörnchen, genannt  croissant.
Vor uns liegt eine Tageszeitung. Sie trägt den Titel Nice Matin, also „Nizza am Morgen“. Auf der Titelseite fallen zwei Schlagzeilen auf, beide den neuen Krieg betreffend:
-Die amerikanischen Truppen verlieren in Korea immer mehr an Boden.
-Robert Schuman, sagt den US-Amerikanern die volle Unterstützung von Frankreich im Koreakrieg zu.
Willi, der beim Blick auf das Konterfei von Robert Schuman bemerkt, daß der französische Außenminister einem Brotdorfer Original gleiche:
– De Minischder guckd genau soù dräan wej oase Metger Hänns.
– Männschdau weil dä Fransuus och soù en Zenken hätt?

Willi meint auch zur aktuellen Situation, daß wir Saarländer über den politischen Anschluß an Frankreich womöglich auch noch zu den Soldaten müßten.
Aber wir wollen auf unserer Friedensfahrt nicht grübeln, wollen hier von unserem erhöhten Standpunkt die Aussicht genießen. Während die Sonne durch das Palmdach durchschimmert, schauen wir hinaus aufs Meer. Ein zarter Wind vom Berg herunter schafft kleine, blinkende Wellen und zieht auch erfrischend durch unsere blanken Beine in dieser luftigen Strandbar ohne Mauern, Türen und Fenster.
Am Horizont wieder die beiden Inseln, die wir gestern schon entdeckten. Von hier aus sieht man sie noch viel direkter. Pierrot, der Barkeeper, der uns gestern Abend so tüchtig eingeschenkt hatte, bringt uns eine weitere Tassse cafè au lait und leiht uns sein Fernrohr. Während wir beide abwechselnd aufs Paradies hinausschauen, gleich vorne auf die zurückkehrenden Fischerboote und weiter hinaus auf die Inseln, beginnt  Pierrot mit hellen Augen zu erzählen:
Direkt auf unserer Höhe, das ist die Ile du Levant, die größere der drei Iles d´Hyères, gleich daneben die Ile de Port Cros, und noch weiter westlich liegt Poquerolles, die man von hier aus nicht sehen kann.
Auf der Ile du Levant, der Insel des Sonnenaufgangs, da haben sich, so Pierrot weiter, nach dem Krieg zwei Gegensätzlichkeiten nieder gelassen, auf der einen Hälfte das französische Militär und auf der anderen die  Nudisten der Freien Körperkultur, Kinder von Adam und Eva, weswegen sie auch Ile des Nus (Nacktinsel) genannt wird.
Die Nackten sind durch das Glas nicht zu sehen; aber just in dem Moment zieht ein mächtiges Schiff langsam vorbei; ist ein Kriegsschiff mit langen Geschützrohren in seinen Aufbauten.
Pierrot winkt lässig ab:
– C´est toujours pareil, le paradis et la guerre, tous les deux!

Und Willi meint dazu:
– Dej Uniformierten und dej Nackischen, dat paßt joo zesummen wej de Fauschd off ´d Aa!

Pierrot, so dunkelhäutig wie der junge Mann aussieht, ist sicher von hier, ein echter Provencale; nicht sehr groß, hager von Gestalt, und wenn sich jetzt die Bar allmählich mit den ersten, noch verschlafenen, hungrigen Gästen füllt, behält er die Ruhe, begrüßt seine Leute nur mit kurzem Handzeichen und redet munter mit uns weiter. Ich höre ihm gerne zu; er hat just den südfranzösischen Akzent, von dem unser Lebacher Französischlehrer erzählte:
– Die Mediterranen, sie rollen das „r“ so stark, und sie sprechen ein ganz offenes „a“, so ganz ohne den üblichen Nasalton.

Für uns aber wird´s Zeit, wenden uns unserer Tagesaufgabe zu. Wollen zum Schluß noch bezahlen, aber Pierrot winkt ab, geht aufs Haus!
Beim Verabschieden nimmt er uns kräftig in die Arme und schickt auf jede Wange ein petit bisou. Doch als ich schon im Weggehen mehr beiläufig frage, wann denn der nächste Zug Richtung Nizza führe, da holt der Redselige erneut aus und erklärt in aller Breite:
-Ah non, les gars! Da kommt ihr leider ein wenig zu spät; denn diese alte Bimmelbahn, mit dem Spitznamen « le Macaron » wurde letztes Frühjahr nach so vielen Jahren  als unrentabel eingestellt. Eine Lokomotive zum Andenken ist in St. Maxime aufgestellt, die Trasse und der Bahndamm liegen als Ruine da. Die Bahnhöfe stehen alle leer; keine weiß, was draus wird!…

-Eh bien, ich sehe, ihr müßt also wieder auf eure Drahtesel steigen,
au revoir , mes amis, et bonne route!

Fünf Jahrzehnte später
Jeden Morgen, noch vor dem Frühstück, wirst du in den Sommerferien aus sportlicher Motivation und nostalgischer Erinnerung die Strecke von Le Lavendou bis Cavalaire auch wieder mit dem Fahrrad zurücklegen. Dann wird die alte Bahnlinie endlich ein verändertes Bild abgeben. Die alten Schienenstränge werden weg sein; die Trasse wird einen mit festen Belag erhalten, asphaltiert und für Fahrradtouristen ausgebaut sein. Und die alten Bahnhöfe aus der Jugendstilzeit sie erscheinen total renoviert und zu einladenden Restaurants oder attraktiven Ferienwohnungen umgestaltet.

Vor unserm Aufbruch, endlich weiter in Richtung Nizza und Italien, schreiben wir unsern Leuten daheim noch eine Ansichtskarte mit Sonnenstrahlen in den Palmen und  dem tiefblauen Meer. Auf der Rückseite ein kurzer Bericht über unsere Kirmesfeier in Marseille, wo uns die hübschen Pfarrkinder von Sainte Marie-Madeleine ebenfalls zum Tanz gefordert hatten.

Beim Verlassen der Bucht von Cavalaire geht´s gleich wieder steil nach oben. Noch einmal wandert unser Blick zurück auf den Strand, den Tanzplatz und die Trinkhütte, noch einmal hinüber zu den Inseln der Morgenröte. Von hier oben läßt sich auch die dritte Insel die Ile de Porquerolles erblicken.

Hätten wir Zeit und etwas mehr im Portemonnaie, wir würden zu ihnen hinüberschiffen! Mir steckt vor allem die Ile du Levant in der Nase:
-Eich deed jo allzoù lejw moa dej nackisch Meedcher loo iwwer  bei Sonnenoffgang  besejchen!

Willi meint:
-Wat häschdau döbei och nur vum Gucken; döö laafen secher och e par Figuren eremm dej net zum Ugucke säan!

Die Ile du Levant – Evas Paradeis
war bereits in den Tagen, als die beiden Rompilger  in Sichtweite an ihr vorbeiradeltet, als sogenannte `Nacktinsel´ im Saarland bereits ein feststehender Begriff. Man kann sogar sagen,  sie verdankt diesen Namen eigentlich dem Pioniergeist eines Saarländers.
In den frühen 50er Jahren veräußerte ein gewisser M. aus Saarbrücken, apostolischer Anhänger der FKK-Kultur, seine gut gehende Großschreinerei am Kieselhumes, zog mit Kind und Kegel hinunter an die Côte und erwarb auf Levant, zur damaligen Zeit fast geschenkt, eine riesige Freifläche in bester Seelage. Darauf errichtete er jenen Campingplatz, mit dem sich die Insel binnen kurzer Zeit zur ersten saarländischen Sonnenkolonie entwickelte und von nun an in ganz Europa als Mekka des Nudismus bekannt, berühmt und berüchtigt wurde.
Die strikte Einhaltung des Adam-und-Eva-Tenus rund um die Tagesuhr gingen in ihrer Konsequenz so weit, daß zum Beispiel inmitten des Camps eine Art Freiluftkirchplatz errichtet wurde, auf dem selbst der amtierende katholische Priester bei der Meßfeier sich an die `Kleidervorschrift´ zu halten hatte.
Ich kann mich noch im Detail an das Aufsehen erregende Bild in der ARD-TV-Sendung erinnern, in der dieser Priester bei der Feier der Heiligen Messe sich vom freistehenden Altar zu den gläubigen Kindern Evas umdrehte, um ihnen mit ausgestreckten Armen, und hocherhobenen Händen den Leib Christi zur Kommunion darbot mit den Worten: „Hoc est corpus meus!“

Die Ile du Levant – Raketen der Sonne entgegen
Bereits seit 1948 hält der französische Staat gut die Hälfte der `Insel  des Sonnenaufgangs´ als Militärstutzpunkt  für jeden Besucher strikte gesperrt. Von hier wurden seitdem eine Reihe von Mittelstreckenraketen gestartet; wie es heißt: „zur näheren Erforschung der Hochatmosphäre“.

Ile du Levant –  Goldinsle als Schadfleck der Unmenschlichkeit
Ein anderer, recht unrühmlicher Nimbus der Gegensätzlichkeit war der Insel bereits im 19. Jahrhundert eigen. Es handelt sich um einen verwerflichen Makel der Unmenschlichkeit, von dem weder die Staatsdiener in Uniform noch die Touristen im Adamskostüm je eine Ahnung hatten.
Wenn die Ile du Levant als Kleinod des Mediterrannée auch `Goldene Insel´ genannt wird, dann nicht allein wegen der wild umspülten Klippen ringsherum, aus denen der silberne Glimmerschiefer des graniten  Grundgesteins im transparenten Glanz der Morgensonne golden glitzert, kontrastierend zu den Meereswogen im intensivsten Blau.
Belebt durch ein angenehmes Klima gilt auch die Flora der Insel als einmalig, eben als Garten Eden auf Grund einer üppig, luxuriösen Vegetation. Als eine endemische Kostbarkeit findet sich darunter die Baumheide, ein Erikagewächs mit dem edlen Holz ihrer  dunkelrot bis braun gemaserten Wurzelknolle.

P´tite Negresse, Erikawurzel h = 12 cm

Dieser güldene Glanz kann indes nicht über das Elend und über das Unmenschliche hinwegtäuschen, das im 19. Jahrhundert über das Leben auf dieser Goldinsel einen dunklen, historisch belegten Schatten geworfen hat. Hier herrschte über mehrere Jahrzehnte hinweg ein grausames Unrecht, das man aus purer Gewinnsucht einer großen Schar unschuldiger Kinder angetan hat.
Was recht beschönigend eine pädagogisch begründete Agrarkolonie genannt wurde, war in Wirklichkeit die regelrechte Hölle, ein Sklavengefängnis für Unschuldige.
Während man um diese Zeit auf der Insel die eisenharte Wurzelknolle der einheimischen Baumheide, als Grundstoff zur Herstellung von Pfeifenköpfen entdeckte, war der Polizeiprefekt von Paris dabei, die Straßen der Weltstadt von dem für die Noblesse so abstoßenden Bild herumsträunender  „Delinquenten“, verirrter Knaben, bettelnden Obdachloser und mittelloser Waisenkinder zu säubern.
Und weil man eben auf Levant billige Arbeitskräfte zur Gewinnung der Erikawurzeln und zur Produktion der Pfeifenköpfe benötigte, wurden die aufgegriffenen Störenfriede des Pariser Straßenbildes, zu allermeist unglückliche kleine Knaben, von lieblosen Eltern aufgegebene Opfer des Elends, in dicht gedrängten Scharen, durch ein dickes Seil eingepfercht, zu fuß in einem tagelangen Gewaltmarsch an die Côte getrieben und auf die Insel verfrachtet.
Wie vom Regen in die Traufe; so  gelangen die Kinder hier auf der Insel nicht in ein sonniges Paradies. Hier sollte ihr Geschick und Elend  erst recht beginnen.

Ihre Geschichte hier auf der Insel gründlich zu recherchieren und zu schildern, hat sich der in Le Lavendou lebende Claude GRITTI zur Aufgabe gemacht.
Nicht weniger als 99 dieser unterernährten, an Leib und Seele gemarterten Kinder sind auf Levant jenseits von jeglicher Menschlichkeit und Würde gestorben.
Ihr Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren, damit ihr Los exemplarisch sei, ihm hat GRITTI eine doppelte Hommage geschaffen, einmal durch seine Dokumentation `Les Enfants De L´Ile Du Levant´ und schließlich durch die Errichtung einer Gedenkstele auf dem alten Friedhof von Levant.

 

Zu Kapitel: 2,9 – Vom Massif des Maures zum Esterel

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