2,7 – Zwischen Toulon und Nizza

Beschütze. O Gott, den Stellvertreter deines Sohnes auf Erden,
die Bischöfe und die Priester, die Ordensleute und alle Gläubigen.
Pius XII, 07

24.07. Kirmesmontag: Zweite Halbetappe: Ein kurzer, aber bedeutungsvoller Halt
Zwischen hochragenden Zypressen und über die typisch provencalischen Ziegeldächer des alten Städtchens mit dem blumigen Namen Le Lavendou hinweg weist unser Blick auf eine stolze Palmenreihe an einem lang  ausgebogenen Strand. Man sieht auf schwankende Boote im kleinen Hafen und darüber hinaus auf eine weit geöffnete Meeresbucht mit einem herausragenden Kap im Westen und zwei größeren Inseln am Horizont.
Ausgangs des Ortes rücken die Berghänge gleich wieder so dicht an den  schmalen Küstenstreifen  heran, daß wir für ein kurzes Stück wieder steigen müssen, während die Trasse der Kleinbahn, die uns auch hier weiter begleitet, durch einen Tunnel führt. Aber es ist nur ein kurzer Sprung wieder ans Meer bei dem Örtchen Saint Clair.

Klein und einsam, mitten auf einem großen freien Platz zwischen Dorf, Landstraße und Strand zieht eine charmante Kapelle unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wie wir absteigen und nahe treten, empfängt uns eine eigenartige Atmosphäre von flimmernder Mittagshitze, von einsamer Stille und merkwürdiger Andacht.
Wir halten inne.
Keine einzige Menschenseele hier um diese Zeit! Außer einer Wasserpumpe nur eine mächtige Dattelpalme, die senkrecht ihren schwarzen Schattenfleck auf den hellen Kalkboden wirft.
Am Stamm des Baumes heftet ein vergilbtes, schon halb zerfetztes Plakat mit der Kapelle drauf, das auf ein großes Fest verweist, welches irgendwann hier gewesen sein mag.
Aber aus den Wortfetzen läßt sich nicht herausfinden, um welches Fest es sich gehandelt haben mag. Und wir verlassen auch schon wieder den stillen Ort.

Die Feldflaschen gut gefüllt, für jeden ein frischer Schluck, ein kurzes Dankgebet zum Himmel und schon sind wir weg.

Die „Romèrage de Saint Clair“ – ein zeitgeschichtlicher Entr´acte
Wenn diese High-noon-Atmosphäre im Schatten und Charme jener Kapelle von Saint Clair die beide Romfahrer dazu veranlaßte, auf ihrer schnellen Durchfahrt für einen Augenblick inne zu halten und nachdenklich zu machen; so spielte dabei auch jene eigenartige  Geschichte hinein, wie sie das vergilbte Plakat andeutete und in folgender Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahre 1986 festgehalten ist.

Sonntag, den 16. Juli 1986
Wir stehen wartend in der grellen Sommersonne auf dem großen freien Platz vor der Kapelle von Saint Clair.
Wir, das sind die Flamen Helene und Albert  aus Gent, die Wallonen Fleurque und Jerôme aus Brüssel, die Holländer Elisa und Paul, die Luxemburger Joelle und Edmont,  wir beide Saarländer und schließlich Mamette, das Herz  und Jean, die gute Seele des Camps du Domaine.
Wie wir soeben hier angekommen sind und ich diesen großen freien Platz mit der Kapelle und der Palme erblicke, kommt auch wieder die Erinnerung herauf, vor Jahren einmal schon hier gestanden zu haben, kurz zum Wasser schöpfen und vor der Weiterfahrt einen Gruß zum Himmel zu schicken.
Mit vielen weiteren neugierigen Menschen erwarten wir mit viel versprechender Spannung die von Le Lavendou herüber kommende lange Reihe festlich geschmückter Menschen, die in feierlicher Prozession die Büste des Heiligen Clair von der Pfarrkirche der Stadt hinüber  zur Kapelle von St Clair bringen und hier das Jahresfest der Romerage gemeinsam feiern.

Die Prozession und das anschließende Fest der Romérage stammen aus der Zeit, als Le Lavendou noch ein kleiner Weiler mit ein paar  niedrigen Fischerhütten war, ebenso wie Saint Clair, das auf eine merkwürdige Weise – wie im Folgenden beschrieben – seinen Namen vom Heiligen und Märtyrer Clair de Beauvaisis erhielt.
Vor etwa 250 Jahren brachten einige Rompilger, arme Fischer aus Saint Clair, im Heiligen Jahr eine menschengroße Statue des Heiligen Clair mit heim und errichteten auf einem großen freien Platz vor dem Strand für ihn eine Kapelle. Die gläubigen Fischer brachten von ihrer Pilgerfahrt nicht nur die Gnade eines vollkommenen Ablasses mit, sondern verbanden damit auch im festen Glauben an diese göttliche Gunst die Aussicht auf einen größeren Fischreichtum in ihrer Meeresbucht.
Und siehe da, vom Tag, an dem der Heilige mit der Bischofsmütze in der Kapelle prangerte, kamen jeden Morgen die Fischer vom frühen Fang –  wie einst die Jünger am See Genezareth –  jedes mal mit vollen Netzen zurück.
Aus tiefer Verehrung und Dankbarkeit sagten sie sich von Le Lavandou los und nannten ihre neue Gemeinde nach dem Namen ihres Segen spendenden Fürsprechers ebenfalls Saint Clair. Darauf neidisch, raubten die Fischer von Lavendou über Nacht die Statue und stellten sie in ihrer Pfarrkirche Saint Louis auf, den Segen des Heiligen und einen ebenso reichen Fischfang erwartend.
Erst am Ende eines jahrelangen Prozesses der Zwietracht einigten sich die beiden Pfarrgemeinden darauf, den segenspendenden Heiligen wechselweise in Lavendou und dann wieder in Saint Clair wirken zu lassen.
So geschieht es, daß jedes Jahr in symbolischer Erinnerung an die einstmals segenbringende Rompilgerfahrt der frommen Fischer in einer höchst feierlichen Prozession  die Statue des Heiligen wieder von Lavendou  nach Saint Clair in seine ihm geweihte Kapelle zurück gebracht wird.

Sonntag, den 16. Juli 1986
Auf das Kommando >Fai patard!< dröhnen etliche Salven aus den langrohrigen Büchsen der als Musketiere verkleideten Schützen, um die  Ankunft der Prozession und des von Männern auf einer Bahre getragenen Schutzheiligen anzukündigen. An der Kapelle angekommen, wird die Statue vom Priester gesegnet und, unter weiteren Musketenschüssen, von den Trägern auf ihren angestammten Platz in der Kapelle gebracht. Und mit erneuten Fai-patard-Salven wird dann der Beginn der Meßfeier unter freiem Himmel eingeleitet.
So anstrengend es auch ist, in der Hitze der hochstehenden Sonne, still zu stehen; um so mehr wird es sich als reichlich lohnend erweisen, bis zum Ite missa est auszuharren, denn es erwartet uns ein  großartiges Volksfest mit Musik, Gesang und Tanz, mit reichlich Speis und Trank, mit Rosé Varrois und Rouge Côtes du Rhône. Und dazu wird uns wie für weitere tausend lebensfreudige Menschen ein gemeinsames Gastmahl bereitet, wie es sich gewaschen hat und wie es in unseren gleichwohl festfreudigen Breiten nur annährend seines gleichen sucht.
In sorgfältiger Vorbereitung war dafür die Tage davor am Ende des Platzes ein tiefer, über hundertmeterlanger Graben  ausgehoben worden, in dem jetzt drei Dutzend junge Männer, von oben bis unten völlig in Asbestschutz gekleidet, an drei Dutzend riesigen Bratenspieße drehen, um drei Dutzend ausgewachsene Wildschweine über dem flimmernden Meer von Holzkohlenglut in knusprige Bratenkruste zu verwandeln…

 

 

 

 

 

 

 

Und wie diese beiden Plakate zeigen, ist die Geschichte vom großen Fischfang immer noch lebendig, und das hohe Fest der Romérage wird nach wie vor zünftig und groß gefeiert.
Als wir am Abend dieses prächtigen Tages vom Essen, Trinken und Tanzen müde, in feucht fröhlicher Gesellschaft  selig trunken zu unsern Zelten torkelten, da war mir drum, sofort einzuschlafen.

Aber mir wollte das Bild nicht mehr aus dem Sinn, wie ihr beiden jungen Rompilger damals hier auf diesem Platz in aller Stille eines heißen Mittags verweilt und andächtig innegehalten hattet.
Mit dem heutigen Wissen um diese Geschichte der Romerage von Saint Clair ist es zwar unmöglich, den beiden nachträglich etwas Beherzigendes mit auf den Weg zu geben. Als sie damals vor dieser Kapelle standen, andächtig schauten und wieder auf ihre Räder stiegen, konnten sie nicht wissen, nicht einmal ahnen, daß jener geweihte Platz seine Existenz und Würde schließlich der Gnade einer einstigen Pilgerfahrt ins Heilige Jahr verdankt. Vielleicht ging aber von diesem Ort eine glückliche Fügung auf sie aus; vielleicht wirkte ganz unbewußt die symbolische Bedeutung dieses feierlichen Rituals als ein gutes Omen auf ihre weitere Zukunft ein?

Denn, Romerage, – ursprünglich im Provencalischen „RUOMO VIAGGI“-  heißt dem Wortsinne nach nichts Geringeres als „auf Pilgerfahrt nach Rom“. Für Willi und Rudi also, wenn auch unausgesprochen, ein bekräftigendes Anzeichen, das ihnen das Gefühl vermittelte, glücklich bis hier her gekommen und weiterhin auf einem guten Wege  zu sein…

Zu Kapitel 2,8: Le long de la Côte – la Vie en Rose

 

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