2,6 – Nach Marseille, die französische Riviera entlang.

Schenke, O Gott,
den um ihres Glaubens willen verfolgten
den Geist der Stärke,
der sie unlöslich verbinde
mit Christus und seiner Kirche.
Pius XII, 06

Ja, ja, diesen„Geist der Stärke!“, den der Heilige Vater in diesem Heiligen Jahr allen Gläubigen wünscht und uns besonders auf  unserer Fahrt auch; was benötigen wir mehr!
Ohne das Tagesziel schon ins Auge zu fassen, sind wir, wie schon gesagt, heute früh, von unserm kurzfristigen Nachtlager auf der Höhe über Marseille aufgebrochen, noch etwas träge und müde, weil zu wenig geschlafen nach solch einer turbulenten Nacht und dazu noch nach solch einem ungeahnt langen und steilen Aufstieg.
Wie ist es dazu gekommen?

24.07. Kirmesmontag – Erste Halbetappe: Über den `Ginsterpaß´ zur Côte d´Azur
Noch  in der Nacht mußten wir erst mal hinaus, aus dem Gewimmel, aus der nachtlebendigen Innenstadt; ein ruhiges Plätzchen finden! Ein Blick auf die Karte zeigte, der nächste Küstenort Cassis ist gerade mal 20 km entfernt: Also nix wie hin! Und am stillen Strand in den langen Morgen hinein pennen.
Vom Alten Hafen geht´s erst durch das gewaltige Häusermeer im Osten der Stadt. Eine lange ebene Gerade, die dann langsam ansteigt. Allmählich ändert sich auch der großstädtische Charakter, eine Vorstadtgegend, mit offener Bebauung, dann nur noch Landhäuser und Kleingärten. Gleich hinterm Ortsschild wird der Anstieg stärker, und nach der ersten Kurve geht´s recht zünftig steil hoch. Von wegen schnelle 20 km zum Meer, es ist ein regelrechtes Massiv, das sich uns entgegenstellt!

Ein Col de Gineste wird angekündigt. Wir fahren also auf einer regelrechten Passhöhe mitten in einem Felsmassiv.
So steil inzwischen, dass wir absteigen und schieben müssen. Die Rampe gibt uns den Rest, keine Kraft mehr. Also direkt in die Büsche, vom tosenden Stadtfest in die einsame Stille.
Hier schlafen, nur noch schlafen!

Heute Morgen dann; es war nicht allein die Sonne, die uns viel zu früh wieder geweckt hatte, drüben, ein Steinwurf von unserm Lager weg rauschen die ersten Fahrzeuge vorbei, hinunter Richtung Marseille, hauptsächlich Busse, wahrscheinlich mit Arbeitern und Angestellten auf dem Weg zur Arbeit. Wir aber erheben uns erst ganz langsam und stehn ganz still! Mit der jungen Sonne im Rücken, ihren fallenden Strahlen folgend, blicken wir auf die lichtüberströmte, majestätisch vor uns in der Tiefe liegende ausladende Bucht und das schlagschattig erleuchtete Häusermeer von Marseille.
Aber schon geht ´s weiter!

Der Paß, dieser Col de Gineste, der auf deutsch wie nach Ginster klingt, ist jetzt nur noch ein kurzer  Buckel, den wir in der Nacht aber nicht mehr geschafft hatten. Dann, freie Fahrt hinunter, nicht gleich wieder ans Meer –  sehen den Küstenort Cassis und seine kleine Bucht nur von oberhalb. Über einen weiteren Felsvorsprung geht´s allmählich absteigend an La Ciotat vorbei in Richtung Toulon.

Adieu Marseille!

Während der Fahrt auf einem flachen Stück der Küstenstraße, unterhalten sich die beiden Gipfelstürmer, noch einmal über diese Marseillaiser Nacht nachdenkend, über diese Stadt, die den beiden so viel gegeben hat, und zu der sie nicht Adieu sagen wollen, sondern Au revoir!
Dazu wäre anzumerken: Soweit ich mich erinnere, wird Willi später den Weg zurück nach Marseille nicht mehr eingeschlagen haben; in deinem Leben aber soll diese Hafenweltstadt noch mehrfach eine bedeutende Rolle spielen.

Nur drei Jahre wirst du als Betreuer mit einer Gruppe Jugendlicher nach dreiwöchiger Wanderfahrt quer durch Korsika hier im Hafen festsitzen, weil die französischen Eisenbahnen streiken. Nach drei Tagen aber kannst du beim Präfekten von Marseille durchsetzen, daß deine saarländische Jugendgruppe über den Umweg Paris ihre Heimreise in einem Sondertriebwagen für Diplomaten und Hohe Beamte antreten kann.
Nochmal von der Küste weg, mit wunderbaren Ausblicken  aufs Meer und zu den angrenzenden Bergen. Und schon bald wieder hinunter in eine wunderschöne kleine Meeresbucht, die uns zu dem ebenfalls wunderschönen Küstenort Sanary-sur-Mer führt.     Eine frische Brise von der Seeseite her. Unsere Körper spüren dieses `Begleitklima´ des ständigen Wechsels, von wirklich heißer Luft auf der windstillen Höhe zum leichten, etwas kühlenden Lüftchen auf Meeresniveau. Dennoch ist unsere Moral gut: Wir haben das was wir von der Riviera erwarteten, hier, zwischen dem provencalisch maritimen Gebirge mit seinen Passhöhen und den prächtig weiten Meeresblicken, jedesmal wieder die eiligen Abfahrten hinunter ans rauschende oder leise flüsternde Meer, an salzgeschwängerten Seewind und leicht abgekühlte Sommerluft.

Jetzt also dieses Sanary:
Am Fischerhafen steigen wir ab, bummeln, die Räder schiebend, ein Stück zu Fuß, die Strandpromenade entlang. Rechts die  niedrige Kaimauer mit einer stolzen Palmenreihe, links die Altstadt und dahinter die nah herangerückten Berge. Im Vorübergehen werfen wir einen Blick in die vom Hafen sanft ansteigenden Häusergassen.
Es sind schmucke und sehr alte Häuser, doch mit bunten Fassaden, hell und  leuchtend, anders wie bei uns daheim, wo immer noch die Farbe fehlt.
Wahrscheinlich wegen der Enge des Bebauungsraumes zwischen den Berghängen und den Stränden sind sie eng aneinander gerückt, etwas schmal und in die Höhe gebaut mit  oft nur einem Flur und  einem Raum auf einer Etage.

Leuchtend hell dagegen die flimmernde Luft zwischen Sonne, blauem Himmel und blauem Meer. Heute nur ab und zu ein paar blass dünne Zirren, ganz hochstehend.
Was hier in diesem charmanten Hafen besonders auffällt, das ist eine ganze Flottille prächtig ausgestalteter Fischerboote. Bunt bemalt, in blauen und roten Streifen auf weißem Grund. Und eigenartig; bisher in den andern Küstenorten nicht gesehen:
An jedem der Boote hängt quer an jedem Mast, gut eingerollt und fest eingebunden, noch das Segel, oben quer, quasi als Motto wie bei den Pfadfindern:
Allzeit bereit zum Auslaufen!

fischerboote-sanary

Fischerboote in Sanary-sur-Mer

Und am Kai, unmittelbar vor den Booten aufgestellt, diese kleinen Stände; deren leeren, etwas blutverschmierte Tische andeuten, daß wohl  heute Morgen in der Früh der frisch gefangene Fisch direkt hier verkauft wurde. Es gab hier zur eurer Zeit direkt am Meer einen kleinen Campingplatz, vor ein paar Jahren aufgegeben. Wenn ihr es damals nicht so eilig gehabt hättet, wäre dort für euch noch eine Sanarynacht mit drin gewesen.
Übrigens Sanary ist  der provencalische Name für Nazaire, eine Art französischen Nationalheiligen, dem auch die Pfarrkirche geweiht ist.
Vielleicht wäret ihr bei einem weiteren Spaziergang am andern Morgen auch auf  Spuren gestoßen, nach denen, das kleine, selbst damals noch so nichtssagende Städtchen, das Bertold Brecht als „scheußliche Ansichtspostkartenlandschaft“ empfand, zum „Zentrum der Deutschen Exilliteratur“ genannt wird.
Die Einheimischen sollen sogar ihrem damals noch verschlafenen Fischernest den Spitznamen „Sanary-les-Allemands“ gegeben haben; brachten aber nach dem Krieg eine Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Schriftsteller an.
Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 verließen viele antifaschistisch gesinnte Deutsche das Reich. Etliche, vor allem Künstler, fanden hier in Sanary unfreiwillg ihre „adoptierte Heimat“.
Als nach Hitlers Einfall in Polen Frankreich am 3. September 1939 Deutschtand den Krieg erklärte, wurden alle deutschsprachigen, in Frankreich lebenden Männer zu „Feindlichen Ausländern“ erklärt. Obgleich alle erklärte Antiifaschisten, wurden alle deutschsprachigen Exilanten. darunter neben Max Ernst, der bereits 18 Jahre in einem selbst gebauten Haus in der Südardeche lebte, auch alle deutschen Literaten aus Sanay-sur-Mer in einem sogenannten Centre de Concentration ohne Geld und Habe, in einer alten Ziegelei nahe Aix-en-Provence interniert. Insgesamt 2000 Insassen mußten in dieser ziegelstaubigen Fabrik monatelang unter schier unerträglichen Bedingungen leben.
Während Max Ernst, „um Wut und Hunger zu besänftigen“ auf Papierresten der Verpflegungsschachteln unentwegt malte, hielt der Autor Lion Feuchtwanger die Verhältnisse dieser „seltsamen Hölle“ ausführlich in seinen Tagebuch fest, In seiner später publizierten Biographie „Der Teufel in Frankreich“, heißt es über die geliebte Provence: „Die Landschaft verlor mir ihre Farbe, mein ganzes Leben ihren Geschmack.“

Inzwischen ist es Mittag geworden und heiß dazu.

Uns gegenüber auf der andern Seite appelliert ein nettes Strandbistro an meinen Appetit, auf ein Stück saftiges Fleisch und ein kühles Bier dazu.
– Wat määnschde Willi, solle ma net riwwer gejhn?

Willi ist von meiner Einladung nicht beeindruckt. Er meint, wir hätten doch noch frische Sachen vom nächtlichen Kirmesmarkt, die müßten zuerst gegessen werden.
– Ma, hun doch dat Steck Weißbroùd, iwwer e Kilo Tomaten, dej Servolatwoarschd und dat Uabst!

Also verlassen wir den schönen Ort, suchen außerhalb ein Plätzchen zum Picknik  und schlagen uns unter  Pinien in den  erholsamen Schatten.

Die große, weniger berauschende Stadt Toulon wird am frühen Nachmittag  lyongleich einfach durchfahren. Es bleibt nur eine kurze Rast am Hafen; halb staunend halb fragend schauen wir an den Ozeanriesen, an den mächtigen Aufbauten der Kriegsschiffe hoch.
Endlich mal wieder ein längeres Flachstück teils direkt, teils nahe der Küste. Linkerhand erscheint Hyères, eine Stadt, die sich, vom Meer etwas abgesetzt, in mehreren Staffeln einen steilen Berghang hinauf schmiegt. Auf gleicher Höhe zweigt eine schmale Landfurche weit aufs Meer hinaus und endet am Horizont an einer scheinbar bewohnten Insel.
Ein paar Kilometer weiter fahren wir inmitten einer lang gezogenen Bucht ein gutes Stück an riesigen Salzgärten vorbei. Nein, hier dürfen wir nicht einfach vorbeifahren!
In der weiten Lagune zwischen den beiden Landengen, von niedrigen und langgezogenen Fels- und Sumpfrippen eingepfercht, erheben sich in einem rötlich schimmernden Wasser, überall aufgestapelt, herausragende kleine Salzpyramiden.

In den freien Wasserflächen der weiß bis rötlich leuchtenden Salinenanlagen entdecken wir eine große Schar von Flamingos, einer, von uns noch nie gesehenen Tierart, die sich mit ihren hohen Stelzbeinen, dem schaufelförmigen Schöpfschnabel und dem weiß und rötlich schimmernden Gefieder ideal ihrer Ernährungsgrundlage angepaßt haben.
Wir müßten noch näher an das Naturschauspiel heran, uns bei ihnen aufhalten, etwas mehr verweilen; aber schon zeigen unsere Vorderräder in Richtung Osten, von der Salzbucht weg etwas tiefer ins Innere des hügeligen Küstenstreifens.
Noch innerhalb der Salinenbucht biegt die Straße wieder in ein welliges Gelände mit fruchtbaren Ebenen dazwischen, riesigen Weingärten, eingebettet in eine buschige mediterrane Vegetation. Wir durchfahren den Ort La Londe.

An diesem  späten Nachmittag sind viele Menschen draußen; ein paar schlendernde Touristen, die sich in der  bunten Kleidung deutlich von den Bauersleuten abheben, die von den Feldern kommen. Vor ihren Häusern oder unter den Sonnendächern der Cafés sitzen alte Männer mit einem Gläschen Roten.
Und am Ortsrand entlang erstreckt sich ein Bahndamm, den wir bislang die ganze Küste entlang noch nicht gesehen hatten. Zwischen dem Damm und einem freien Platz entdecken wir dann auch die dazu gehörige Bahnstation, ein netter kleiner Bahnhof, so ähnlich und nicht größer als der von der MBE-Kleinbahn bei uns daheim. Der Schienenbreite nach scheint es sich um eine Schmalspurbahn zu handeln.
Wir fragen uns: Wo kommt die Linie her, wo führt sie hin? Sollten wir  morgen die Räder im Zug aufgeben und uns eine Bahnfahrt leisten, vielleicht bis Nizza oder gar bis zur Grenze?

Fahren aber weiter und passieren nach kurzer Stecke  von der Bergseite her den Fischerort Le Lavendou.

Zu Kapitel 2,7:  Zwischen Toulon und Nizza

 

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